Faktencheck

Unorthodoxe Methoden

Die deutsche Supermarktkette hat ein Kreuz wegretuschiert - aus Marketinggründen. Nun machen rechte Netzwerke mobil.

von Carla Reveland

Die Discounterkette Lidl erntet derzeit europaweit einen Shitstorm. Auslöser ist das Verpackungsdesign griechischer Produkte, auf denen das Kreuz einer christlich-orthodoxen Kirche auf der Ferieninsel Santorin wegretuschiert wurde.

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Screenshot von RTL-Info Artike

Innerhalb kürzester Zeit verbreitet sich das Marketing-Fauxpas des Discounters, ausgehend von Belgien, und sorgt in konservativen sowie rechten Kreisen in mehreren europäischen Ländern für Empörung. Das Unternehmen Lidl rechtfertigt sich damit, dass sie grundsätzlich den Gebrauch religiöser Symbole vermeiden, um die Neutralität zu wahren.

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So rechtfertigte sich Lidl

Doch der Shitstorm war nicht mehr abzuwenden. Häme, Anfeindungen und Boykottaufrufe mischen sich mit dem generellen Vorwurf der fortschreitenden Islamisierung Deutschlands und der Verdrängung des christlichen Erbes. Facebook-Seiten aus dem rechten Spektrum teilen die Geschichte so häufig, dass der Hashtag #lidl tagelang trendet.

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Facebook Post aus Österreich

Laut einer Untersuchung des auf digitale Themen spezialisierten DFR-Labs haben rechtspopulistische Seiten, darunter die der AfD, zwar weniger Follower, erzeugen jedoch höhere Reichweiten. Die AfD (Bund) setzte binnen zwei Wochen doppelt so viele Tweets ab wie die Linke. So schaffen es rechte Seiten häufiger, ihre Themen in die Debatte einzubringen.

Beispiel Lidl und Spezialitäten aus Griechenland: In der Debatte melden sich längst auch Politiker und Geistliche zu Wort. Der Prager Kardinal Dominik Duka kritisiert in einem Brief an den griechischen Botschafter den „beispiellosen Akt“. Er schließe sich denjenigen an, die „Griechenland ihre Sympathie erklärt haben“. Auch deutsche Politiker wie Jens Spahn (CDU), Erika Steinbach (parteilos, aber AfD-nahe) oder CSU-Spitzenkandidat Joachim Herrmann äußerten sich in den sozialen Netzwerken.

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Twitter Post von Jens Spahn

Lidl entschuldigt sich mittlerweile dafür, dass „das aktuelle Design für Unmut sorgt“, und beteuert, dass dahinter „keine böse Absicht“ stecke. Laut dem Fachblatt „Horizont“ waren die Facebook-Posts sowie die Kommentare am Montagnachmittag von der Lidl-Facebook-Seite verschwunden. Immerhin ein Beitrag tauchte aber wenig später wieder auf. Als Begründung für die Löschung gibt Lidl seine Netiquette an, die dem Konzern das Recht einräumt, beleidigende und diskriminierende Inhalte zu löschen.

Doch nicht nur Lidl, auch andere Konzerne wie Nestlé, Müller oder Carrefour haben bereits Fotos für ihr Verpackungsdesign verwendet, auf dem die Kreuze christlich-orthodoxer Kirchen entfernt wurden. Das Entfernen von religiösen Symbolen scheint also ein übliches Verhalten großer Konzerne zu sein, um eine möglichst große Zielgruppe zu erreichen.

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Twitter Post aus Frankreich

Es ist nicht das erste Mal in diesem Jahr, dass Lidl im Netz großem Ärger ausgesetzt ist. Der Discounter hatte im Rahmen einer orientalischen Woche türkische Teigspezialitäten mit Schweinefett verkauft – während des Ramadans.

Update vom 7. September

Am Mittwoch berichtete die „Welt“, dass es bereits erste Reaktionen aus Griechenland auf die Werbung gab. Eine Behördensprecherin äußerte Unverständnis. „Unsere Kulturgeschichte und unser kulturelles Erbe werden täglich durch unsere Monumente, unsere Religion und unsere Landschaft repräsentiert und sie sollten in jedem Fall und von jedem respektiert werden.“ Fall nötig erwäge man juristische Schritte einzuleiten. Ähnlich positionierte sich auch die katholische Kirche von Santorin.