Nein, das RKI hat nicht bestätigt, dass Covid-19 „gleich gefährlich“ wie die Grippe sei

Auf einer Webseite wird behauptet, das Robert-Koch-Institut (RKI) habe bestätigt, dass die Grippe und das Coronavirus gleich gefährlich seien. Das stimmt nicht – eine solche Aussage vom RKI gibt es nicht.

von Steffen Kutzner

Anastasia Gepp Pixabay
Das Robert-Koch-Institut hat nicht bestätigt, dass das Coronavirus genauso gefährlich wäre wie die Grippe. (Symbolbild: Anastasia Gepp / Pixabay)
Behauptung
Das Robert-Koch-Institut habe zugegeben, dass das Coronavirus genauso gefährlich sei wie die saisonale Grippe.
Bewertung
Falsch. Das RKI hat nicht bestätigt, dass die saisonale Grippe und das Coronavirus gleich gefährlich seien.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) habe erklärt, dass das Coronavirus „deutlich weniger gefährlich ist, als von Politikern und Mainstream-Medien bis heute postuliert“, heißt es in einem Beitrag auf der österreichischen Webseite Unzensuriert. Er wurde am 21. Oktober veröffentlicht und bisher laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 37.000 Mal auf Facebook geteilt. Die Aussage stimmt so jedoch nicht.

Der Artikel stellt eine Rechnung an, die die Statistik verzerrt: Würde man die „Altersgruppe der Rentner“ herausrechnen und die Zahlen mit Ende Juli vergleichen, ergäbe sich ein ganz anderer Wert der Infektionssterblichkeit (IFR), heißt es darin. 

Auszug aus dem Artikel von Unzensuriert. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

In dem Beitrag wird also nur ein Teil der Daten mit einem Zeitpunkt in der Vergangenheit verglichen, an dem die 7-Tages-Inzidenz pro 100.000 Einwohnern laut dem RKI-Lagebericht vom 31. Juli bei lediglich 5,0 lag. Damit verglichen werden die Daten aus dem  Situationsbericht vom 20. Oktober 2020. Zu diesem Zeitpunkt lag die Inzidenz laut RKI bei 48,6. 

Weshalb man die aktuellen Infektionszahlen gerade mit denen von Ende Juli vergleichen sollte, wird von Unzensuriert offen gelassen. 

Robert-Koch-Institut zieht keine Grenze bei 65 Jahren

Auch die Berechnung einer Infektionssterblichkeitsrate (IFR) lässt sich aus dem im Artikel als Quelle verlinkten Situationsbericht des RKI vom 20. Oktober 2020 nicht ableiten, denn die IFR gibt an, welcher Prozentsatz von Infizierten an einer Krankheit stirbt. Dafür müssten alle Infizierten diagnostiziert und bekannt sein. Das ist jedoch nicht der Fall. 

Bisher gibt es lediglich wissenschaftliche Schätzungen bezüglich der Infektionssterblichkeit von SARS-CoV-2. Eine im Oktober im Bulletin der WHO veröffentlichte Meta-Studie wertete 61 Studien aus 51 Ländern aus und kam zu dem Ergebnis, dass die IFR zwischen 0 und 1,54 Prozent lag und im Median bei 0,23 Prozent, abhängig von Faktoren wie Alter, Wohnort und Gesundheitszustand. 

Unzensuriert bezieht sich offenbar nicht auf die Infektionssterblichkeitsrate, sondern auf den Fall-Verstorbenen-Anteil. Das ist der Anteil der positiv auf SARS-CoV-2 getesteten Menschen, die gestorben sind. Der Fall-Verstorbenen-Anteil in Deutschland lag laut den RKI-Lageberichten am 31. Juli bei 4,4 Prozent und am 20. Oktober bei 2,6 Prozent

Covid-19 versus Grippe: Unzensuriert betrachtet unterschiedliche Datensätze 

Unzensuriert betrachtet – ohne Gründe dafür zu nennen – nur die Menschen unter 65 Jahren und schreibt, hier würden angeblich nur 0,05 Prozent sterben. 

Mit welchen Daten Unzensuriert gerechnet hat, um auf 0,05 Prozent Sterblichkeit bei Unter-65-Jährigen zu kommen, wird nicht erwähnt. CORRECTIV konnte die Rechnung nicht nachvollziehen. Das RKI weist diese Daten im Lagebericht nicht aus. Es fasst auch keine Bevölkerungsgruppen über oder unter 65 Jahren zusammen. Stattdessen werden – je nach Tabelle – die Gruppen von 60 bis 69 und von 60 bis 79 Jahren zusammengefasst (Seite 6 und 9 im Situationsbericht). 

Auszug aus dem Situationsbericht des RKI. (Quelle: Robert-Koch-Institut / Screenshot: CORRECTIV)

Das RKI schrieb im Bericht vom 20. Oktober, die Über-70-Jährigen würden 13 Prozent aller Infizierten ausmachen, aber 85 Prozent der Verstorbenen (Seite 9). Die Information, dass die Patienten, die an Covid-19 sterben, überwiegend im höheren Alter sind, findet sich auch im vom RKI veröffentlichten Steckbrief zu SARS-CoV-2. Gerade die Personengruppe bei der Berechnung der Sterblichkeit durch Covid-19 auszuschließen, die am stärksten gefährdet ist, verfälscht diese Berechnung. 

Der Wert, den Unzensuriert für jüngere Covid-19-Patienten errechnet hat, wird mit der IFR der saisonalen Grippe verglichen, die in den USA bei 0,05 Prozent liege. Welche Altersgruppen hier wiederum gemeint sind, erwähnt Unzensuriert nicht. Die Webseite vergleicht also womöglich alle Altersgruppen der saisonalen Grippe mit der Altersgruppe der Unter-65-Jährigen bei Covid-19. 

Als Beleg verlinkt Unzensuriert einen Artikel der Webseite Vorarlberg Online vom 30. September, dessen Titel jedoch der Behauptung widerspricht: „Drosten: Corona 16x gefährlicher als Grippe“. 

In dem Medienbericht wird von der Podcast-Folge von Christian Drosten berichtet, der am 29. September 2020 (ab Minute 22:30) von einer damals neu erschienenen Studie erzählte. In dieser Meta-Studie wird die IFR der Grippewelle 2018/19 für die USA mit 0,05 Prozent angegeben und die von Covid-19 für die USA mit 0,8 Prozent (Seite 17). „Diese Analyse bestätigt auch, dass Covid-19 weitaus tödlicher ist als die saisonale Grippe“, heißt es in der Studie.

Fazit: Das RKI hat nicht bestätigt, dass das Coronavirus und die Grippe gleich gefährlich seien. Unzensuriert hat für die Behauptung die Infektionssterblichkeitsrate (IFR) der Grippe in den USA vor zwei Jahren genommen und mit einem offenbar selbst berechneten Wert für SARS-CoV-2 in Deutschland verglichen, für den die von Covid-19 am stärksten betroffene Altersgruppe herausgerechnet wurde. Zudem wurde hierfür als Grundlage der Fall-Verstorbenen-Anteil genommen, der etwas anderes ist als die IFR.

Diese Zahlen haben nichts miteinander zu tun. Sie bilden verschiedene Datenerhebungen ab, von unterschiedlich alten Menschen, in unterschiedlichen Ländern, in unterschiedlichen Jahren. 

Dass das Coronavirus nicht gefährlicher sei als die saisonale Grippe, wurde in der Vergangenheit mehrfach behauptet. Anfang Oktober wurde beispielsweise behauptet, dass  die WHO bestätigt habe, die Grippe sei gefährlicher als Covid-19. Das stimmt jedoch nicht, wie wir in einem Faktencheck dargelegt haben. Vergleiche zwischen den aktuellen Todesfall-Statistiken von Covid-19 und denen der Grippe der vergangenen Jahre sind allgemein nicht zielführend, wie wir hier erklärt haben.

Redigaturen: Alice Echtermann, Sarah Thust

Update, 30. November 2020: Wir haben einen Fehler im Artikel korrigiert. Wir hatten die WHO (aus diesem Dokument) zitiert, dass die IFR teilweise auf 25 Prozent geschätzt werde. Dieser Wert bezog sich jedoch auf die CFR. Eine IFR von über 25 Prozent geht lediglich für die Altersgruppe der Über-90-Jährigen aus dieser Meta-Studie hervor.

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck: 

  • Täglicher Situationsbericht des Robert-Koch-Instituts vom 20. Oktober 2020 (Link)
  • Täglicher Situationsbericht des Robert-Koch-Instituts vom 31. Juli 2020 (Link)
  • WHO: „Estimating mortality from Covid-19“, 4. August 2020 (Link)
  • Meta-Studie: „Infection fatality rate of COVID-19 inferred from seroprevalence data“, John P. A. Ioannidis im WHO Bulletin / Oktober (Link)
  • Meta-Studie (Preprint): „Assessing the Age Specificity of Infection Fatality Rates for COVID-19: Systematic Review, Meta-Analysis, and Public Policy Implications“, 27. August 2020 (Link)