Wer an Frankfurts Bahnhofsviertel denkt, der denkt an Prostitution, Kriminalität – und Drogen. Dabei konnte die Stadt in den vergangenen 20 Jahren die Zahl der Drogentoten halbieren. Der „Frankfurter Weg“ wird von vielen gelobt. Trotzdem wird er fast nirgendwo eingesetzt.

Gebrabbel, Gelächter und das Klappern von Geschirr erfüllen den hellen Raum in dem Backsteingebäude im Osten Frankfurts. Christian Räuber sitzt an einem Tisch des Kontaktcafés Eastside. Unter bunten Lampions plaudert Räuber mit seinen Kollegen, isst Königsberger Klopse mit Reis und Sauce. Der kleine, drahtige Mann mit den kurzen dunklen Stoppelhaaren hat heute morgen die Räume der Integrativen Drogenhilfe (IDH) in Frankfurt geputzt, zu der das Eastside gehört. Das Putzen schlaucht den 42-Jährigen. Seit 1997 ist der Frankfurter HIV-positiv und fast genauso lange ist er auch drogenabhängig. Die Arbeitsmaßnahme bei der Drogenhilfe IDH gibt ihm die Struktur, die er braucht, um seine Sucht zu kontrollieren. Mittlerweile nimmt er kaum noch harte Drogen.

In Deutschland gibt es etwa 1400 Einrichtungen wie die IDH. Die Frankfurter Einrichtungen gehören zu den großen Vorbildern. Sie gehen mit dem Konsum der Klienten realistisch um, statt völlige Abstinenz zu verlangen. Sogenannte akzeptierende Drogenarbeit.


Karen Grass ist Rudolf Augstein Datenfellow bei CORRECT!V. Ihre Arbeit wird möglich gemacht durch die Rudolf Augstein Stiftung. In einem Themenschwerpunkt veröffentlichen wir verschiedene Beiträge zur deutschen Drogenpolitik. Karen Grass hat dafür mehrere Monate lang in allen Bundesländern recherchiert und einen umfassenden Report zusammengestellt.


„Unser Ziel ist sicher nicht, dass die Leute hier rausgehen, irgendwann wieder zurück kommen und sagen: Mein Haus, mein Pferdepfleger und meine Yacht“, sagt Christoph Lange. Er leitet im Eastside das Kontaktcafé, in dem sich Abhängige mit Butterbroten, Salat, Obst oder einer warmen Mahlzeit versorgen können. Bei jungen Leuten sei Abstinenz und eine erfolgreiche Rückkehr ins Berufsleben durchaus realistisch. Das sind Leute, die noch nicht lange in der Szene sind und noch keine starken körperlichen Probleme haben. „Anderer Fall: Ein 48 Jahre alter Typ, zweites Aids-Stadium, Hepatitis C chronisch – da geht es meiner Ansicht nach nicht mehr darum, dass jemand drogenfrei ist“, sagt Lange. Stattdessen versucht die IDH, ein geregeltes Leben mit der Sucht zu ermöglichen. Etwa, indem ein Heroinabhängiger in eine Ersatzbehandlung mit Diamorphin begleitet wird.

Lange, der seit 1995 für die IDH arbeitet, ist Realist. Der Diplompädagoge hofft zwar für alle Klienten, dass sie ihren Alltag wieder geregelt bekommt. Doch er weiß, dass es viele nicht schaffen. Auch, weil die Gesellschaft wenig Strukturen bereit hält, um aus der Drogenszene in ein normales Leben zurückzukehren.

Zwischen Straße und Knast

Christian Räubers Leben bewegte sich jahrelang zwischen Straße und Knast. Vor 20 Jahren stritt sich Räuber mit seiner Partnerin, verließ die gemeinsame Wohnung – und rutschte ab. Um das raue Leben ohne festen Wohnsitz besser zu ertragen, begann Räuber, Kokain in Form von Cracksteinen zu rauchen. „Nach kurzer Zeit bestand mein Alltag halt darin, immer den Steinen hinterher zu jagen“, sagt Räuber. Die stimulierende Wirkung des Cracks machte ihn schnell abhängig. Es faszinierte ihn, mehrere Tage durchzumachen. Crack und Alkohol halfen ihm, zu verdrängen. Räuber hatte Angst vor einer Zukunft mit AIDS und ohne Partnerin.

Räuber hatte seine Lehre zum Gebäudereiniger abgebrochen, war arbeitslos, brauchte für seine Sucht nun aber ständig Geld. „Ich habe halt in Geschäften Sachen geklaut und die ins Pfandhaus gebracht. Oder ich habe Leuten die Brieftasche geklaut, wenn sie besoffen in einem Lokal auf dem Hocker saßen und all sowas.“ Zusätzlich nahmen ihn die Polizisten immer dann mit, wenn sie ihn mit Stoff auf der Straße aufgriffen. Räuber ging mal für acht Wochen in den Knast, dann mal für ein halbes Jahr oder acht Monate. „Das war eigentlich immer so ein rein und raus“, erinnert er sich. 2002 ging er wegen eines größeren Diebstahls für zwei Jahre ins Gefängnis. Räuber war weiterhin abhängig und hatte im Gefängnis viel Kontakt zu Abhängigen und Kriminellen.

Rauschgift und Kriminalität. In Deutschland sind diese Begriffe fast schon ein Wortpaar. Der Besitz und der Kauf von Cannabis, Crack, Crystal oder Heroin ist strafbar. Der Konsum ist theoretisch erlaubt, allerdings ohne vorherigen Besitz einer Droge schwer möglich und deshalb de facto von der Prohibition eingeschlossen. Das führt dazu, dass sich Abhängige in der Illegalität bewegen und häufig im Geheimen konsumieren.

Im aktuellen Drogenbericht der Bundesregierung von Ende Mai wird deutlich, wie problematisch das ist. Das Robert Koch-Institut fand etwa in der sogenannten Druck-Studie heraus, wie häufig Heroinabhängige an Hepatitis C erkranken. Dafür befragte das RKI mehr als 2000 Abhängige. Unter den Abhängigen in Großstädten wie Frankfurt, Köln, Hannover, München und Hamburg sind 60 bis 75 Prozent der Abhängigen von der Krankheit betroffen. „Das ist eine Folge der unhygienischen Umstände, in denen sich viele der Abhängigen wegen der Illegalität bewegen“, sagt Bernd Werse vom Centre for Drug Research an der Universität Frankfurt.

Illegale Todesfälle

In der Untergrund-Drogenszene ist es üblich, sich Utensilien wie Spritzen zu teilen. Die Druck-Studie des Robert Koch-Institutes ergab, dass fast die Hälfte der Abhängigen ihre Instrumente auf der Szene mit anderen teilen. Werse glaubt, dass durch eine Legalisierung geringer Drogenmengen viele Todesfälle vermieden würden. Momentan provoziert die Drogenpolitik einen verhängnisvollen Kreislauf: Mehr als 80 Prozent der befragten Heroinabhängigen waren der Studie zufolge bereits in Haft, im Durchschnitt mehr als fünf Jahre. Ein Drittel konsumierte in der Haft weiter. Elf Prozent begannen erst dort mit dem Drogenkonsum.

Christoph Lange vom Kontaktcafé im Frankfurter Eastside kritisiert den Kreislauf aus Haft und Leben auf der Straße. „Da entstehen Kosten in unbekannter Höhe für Maßnahmen, die offensichtlich keinen Erfolg bringen“, sagt auch der Wissenschaftler Bernd Werse. Eine nachhaltige Drogenpolitik müsse akzeptieren, dass es in einer Gesellschaft immer Süchtige gibt.

Die Stadt Frankfurt hat das schon vor langer Zeit erkannt. Deshalb traf sie vor 25 Jahren eine Entscheidung, die mittlerweile viel Anerkennung und Nachahmung gefunden hat. Der so genannte Frankfurter Weg postuliert seit 1990 eine Mischung aus individueller Drogenhilfe, Ersatzmittelbehandlung, Prävention und Polizeiarbeit als letztes Mittel. Ein wichtiger Bestandteil dieser Strategie ist der Versuch, den Drogenkonsum aus dem Untergrund zu holen. Die Integrative Drogenhilfe eröffnete 1994 mit Zustimmung der Stadt und des Landes Hessen im Eastside den ersten Konsumraum Deutschlands. In solchen Räumen können Drogenabhängige unter Beobachtung und in einem hygienischen Umfeld konsumieren – ohne polizeiliche Aufgriffe fürchten zu müssen. Seit es diesen Raum gibt, hat sich die Zahl der Drogentoten in der Mainmetropole halbiert. In Deutschland gibt es nur 24 solcher Räume in sechs Bundesländern.

Halsvenen im Spiegel

Der geflieste Raum, mit dem das Erfolgskonzept begann, strahlt wenig Glamour aus. Wie ein Krankenhauszimmer sieht er aus, steril und ungemütlich. Durch eine Art Schwesternzimmer mit Glasabtrennung blicken die betreuenden Sozialarbeiter auf acht Stühle vor acht Wandspiegeln. Die hängen dort, damit die Junkies im Zweifel ihre Halsvenen im Spiegel suchen können, wenn die Arme zu zerstochen sind. Am Eingang werden Utensilien wie Spritzen und Löffel in Blechwannen an die Klienten ausgegeben.

Wer hier rein will, muss zeigen, was er dabei hat. „Es geht nicht, dass jemand hier mit einem halben Kilogramm Heroin oder mit 50 Cracksteinen reingeht, denn hier ist nur Eigenbedarf erlaubt“, sagt Sozialarbeiter Christoph Lange. Niemand darf den Abhängigen beim Konsum unterstützen, auch andere Junkies dürfen nicht – wie auf der Szene üblich – beim Spritzen helfen und dafür am Schuss partizipieren. Denn käme es dann zu einer tödlichen Überdosis, wäre der Helfende für den Tod mitverantwortlich. Solches Handeln wäre in einem offiziellen Konsumraum nicht denkbar, die Räume sind keine rechtsfreien Räume, wie von einigen skeptischen Politikern etwa in Bayern behauptet. Stattdessen greifen ausgebildete Sozialarbeiter bei einer Überdosis helfend ein.

„Es ist interessant, dass es in Drogenkonsumräumen noch nie einen Todesfall gab“, sagt der Wissenschaftler Bernd Werse. Dagegen nahm die Zahl der Toten in Bayern – ohne Konsumraum – zwischen 2004 und 2014 laut der jüngsten Drogentodesstatistik des Bundeskriminalamtes von 224 auf 252 zu. Die meisten anderen Länder haben einen Rückgang erreicht. Mit Nürnberg liegt auch die Stadt mit den meisten Drogentoten pro Kopf in Bayern.

Das bayerische Landesgesundheitsministerium begründet die eigene Haltung auf Anfrage so: „Es stellt einen Widerspruch im staatlichen Handeln dar, wenn einerseits Besitz und Erwerb von Rauschgift strafrechtlich zu verfolgen sind, andererseits der Konsum von Rauschgift in Drogenkonsumräumen von staatlicher Seite erleichtert und geschützt wird. Nur eine umfassende Repression, die keine rechtsfreien Räume duldet, ist auf Dauer glaubwürdig und gewährleistet Rechtssicherheit für die Bürger“. Es gebe keinen belegbaren Zusammenhang zwischen Todeszahlen und der Existenz von Konsumräumen.

Beobachter wie Werse argumentieren allerdings damit, dass es etwa in Hessen im vergangenen Jahr nur noch 66 Tote gab, gegenüber 126 Toten vor zehn Jahren. Auch Nordrhein-Westfalen konnte die Zahl im selben Zeitraum fast halbieren. „An diesen Unterschieden lässt sich die Wirkung einer dogmatischen Drogenpolitik, die Konsum verbannen will, ablesen“, sagt Werse. Er plädiert dafür, anstelle der Strafverfolgung lieber mehr Ersatzmittelbehandlungen für Heroinabhängige mit Diamorphin oder Methadon anzubieten. „Es gibt viele Studien, die zeigen, dass Leute in Ersatzbehandlung wieder arbeiten können und nicht mehr nur Kosten erzeugen“, sagt der Frankfurter Wissenschaftler.

Geplanter Konsum

Auch Projekte wie das KISS-Programm der Integrativen Drogenhilfe Frankfurt hält Werse für sinnvoll. Dahinter steckt ein Projekt zur „Kontrolle im selbstbestimmten Substanzkonsum“. Die Sozialarbeiter im Eastside besprechen und planen mit den Abhängigen ihren Konsum. „So gehen die Leute bewusster mit ihrer Sucht um, merken, was der Konsum mit ihnen macht und können reflektieren, was an einzelnen Tagen der Grund für hohen Konsum war“, sagt Christoph Lange. Viele Leute konsumieren so zwar weiter. „Aber dieses Willenlose des gewöhnlichen Junkies ist weg“, sagt Lange. Das Ziel: Wenn die Menschen an geplanten konsumfreien Tagen spüren, dass sie besser arbeiten oder leistungsfähiger sind, kann das motivieren, den Konsum nicht mehr ihr Leben regieren zu lassen.

Christian Räuber suchte nach zwei Jahren im Gefängnis Rat bei Organisationen wie der Aidshilfe in Frankfurt. Über eine Maßnahme des Arbeitsamtes kam er zur IDH. Für Räuber sind die Arbeit und die sozialen Kontakte extrem wichtig, und sei es auch nur der Smalltalk bei den Königsberger Klopsen. „Zuhause geht man ja ein. Ich muss raus morgens, ich muss aufstehen, ich muss irgendwas machen, Kontakte halten“, sagt er. „Dann habe ich mein Leben im Griff.“

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