An mindestens 36 deutschen Hochschulen nimmt die Wirtschaft doppelt Einfluss: Unternehmen unterhalten dort Kooperationsverträge oder finanzieren Stiftungsprofessuren – und sind zugleich im Aufsichtsrat der Universitäten, dem so genannten Hochschulrat vertreten. Welche Interessenkonflikte entstehen dadurch?

In fast allen Bundesländern kontrollieren und lenken heute Hochschulräte die Arbeit der Universitäten. Das ist seit langem umstritten. Kritiker werfen den Hochschulräten eine zu große Nähe zur Wirtschaft vor.

Jetzt fanden CORRECT!V und hochschulwatch.de heraus: An mindestens 36 deutschen Hochschulen nimmt die Wirtschaft doppelt Einfluss. Unternehmen unterhalten Kooperationsverträge oder finanzieren Stiftungsprofessuren – und sind im Hochschulrat vertreten.

Der Interessenkonflikt liegt auf der Hand: Sprechen die Unternehmensvertreter im Namen ihres Arbeitgebers? Oder im Namen der Hochschule? Welchem Herrn dienen sie?

Nur einige Beispiele:

An der TU Braunschweig sitzen Entsandte von Volkswagen und von der Salzgitter AG im Hochschulrat; beide Firmen finanzierten dort über viele Jahre Stiftungsprofessuren.

Der künftige Aufsichtsratsvorsitzende der Bayer Material Science AG leitet den Hochschulrat der Universität Köln. Pikant: Seit 2008 unterhält die Uni Köln eine Forschungskooperation mit Bayer, deren Einzelheiten sie sich beharrlich weigert offenzulegen.

Die HUK Coburg hat eine Stiftungsprofessur für Versicherungsbetriebslehre an der Hochschule Coburg und regiert über den Hochschulrat mit.

An der Hochschule Kempten sind alle acht Hochschulratsmitglieder, die aus der Wirtschaft stammen, gleichzeitig Förderer der Hochschule. Nach etlichen Unternehmen wurden Hörsäle benannt.

Und nicht zuletzt die TU München. Die finanzstarke Uni gilt als Paradebeispiel für gute Beziehungen zwischen Hochschulen und Wirtschaft. Das zeigt auch die Zusammensetzung des Hochschulrats: BMW-Hauptaktionärin Susanne Klatten sitzt darin, Stifterin der Susanne-Klatten-Professur für Bildungsforschung; 10 Millionen Euro zahlt sie über zehn Jahre an die Hochschule. Auch der Aufsichtsratsvorsitzende von BMW hat einen Platz im Hochschulrat.

Wie ein Interessenkonflikt aussieht, lässt sich derzeit an der Uni Leipzig beobachten. Dort steht der Hochschulrat in Verdacht, die amtierende Rektorin aus parteipolitischen Gründen abgewählt zu haben. Die Rektorin steht der SPD nahe, während viele Hochschulratsmitglieder zur CDU gehören.

Jonas-Luca König ist Koordinator der LandesAStenKonferenz in Rheinland-Pfalz, dem Zusammenschluss der Studentenvertretungen in jenem Bundesland. Er beklagt zudem die fehlende Transparenz der Hochschulräte. Nicht nur, dass es keine öffentlichen Sitzungsprotokolle gibt. „Bei Sitzungen der Hochschulräte merken wir oft, dass Beschlüsse schon im Vorhinein im kleinen Kreis abgesprochen wurden und dann nur noch abgenickt werden.“

Das Angebot klingt verlockend: Für ein paar Euro im Jahr verspricht der Anbieter im Internet potentiellen Interessenten in blumiger Sprache „die Gelegenheit, mit Gleichgesinnten in einen exklusiven Austausch zu treten.“ Gemeinsam erweitere man die Vitalität und Vielfalt der Einrichtung. Auf Förderer warte ein „einzigartiger Zugang“ und ein „exklusiver Klub“.

Der Werbeprospekt eines Lobbyistenverbandes? Nein – hier sucht die Hochschule Pforzheim nach Förderern. Wer die Hochschule über fünf Jahre unterstütze, werde  Mitglied im Rektors Club. Damit verbunden ist das Versprechen auf „informelle Gespräche“ und „fachlichen Austausch“.

Das Angebot scheint für Unternehmer attraktiv zu sein: Neben Daimler und Ernst & Young ist auch die Firma Witzenmann im Rektors Club vertreten. Der Pforzheimer Hersteller von Metallschläuchen hat noch einen weiteren exklusiven Zugang zur Hochschule: Sein Geschäftsführer ist Mitglied im Hochschulrat.

Der Vertreter von Witzenmann hat, wie alle baden-württembergischen Hochschulräte, weitgehende Einflussmöglichkeiten. Bei sieben Mitgliedern im Pforzheimer Hochschulrat kann seine Stimme beim Beschluss von Entwicklungsplänen entscheiden, beim Beschluss von Bauvorhaben und Wirtschaftsplänen, bei der Wahl des Rektorats und der Gründung von Unternehmen an der Hochschule.

Werden Deutschlands Universitäten umgestaltet nach dem Bild von Managern und Unternehmern? Eine Analyse von Hochschulwatch – ein Projekt von Transparency International Deutschland, der taz und dem freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften (fzs), es wird koordiniert vom Autor dieser Zeilen – ergab: Rund ein Viertel der Hochschulräte in Deutschland stammt aus der Wirtschaft. Bei den Vorsitzenden der Hochschulräte kommt gar die Hälfte aus einem Unternehmen oder einem Industrieverband.

Gewerkschaften tauchen in der Statistik hingegen kaum auf. 454 Vertretern aus Unternehmen stehen 19 Gewerkschafter gegenüber – und 79 Studierenden. Nichtregierungsorganisationen sind in den Hochschulräten quasi nicht vertreten.

Zum Hintergrund: Seit den 1980er Jahren werden Hochschulen und Behörden in Deutschland und Europa nach den Ideen des „New Public Management“ umgestaltet: Staatliche Verwaltung wird zurückgebaut und soll effizienter werden. Die Hochschulen akzeptierten in diesem Prozess ein leistungsorientiertes Finanzierungsmodell und dürfen nun selbstständig über die Verwendung ihres Etats entscheiden.

Die Hochschulräte sollen sie dabei unterstützen. Sie sollen, analog zu Aufsichtsräten in Unternehmen, die Struktur der Gruppenuniversität aufbrechen und den Kontakt zur Gesellschaft herstellen.

Insbesondere große Unternehmen haben darüber eine gewichtige Stimme in der Hochschulpolitik bekommen. Daimler sitzt in Süddeutschland in zehn Hochschulräten. Vertreter von Siemens sind in 14 Hochschulräten vertreten. Auch Volkswagen regiert mit: Der Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn war bis vor kurzem mit der TU Braunschweig und der TU Dresden gleich an zwei Universitäten im Hochschulrat.

Der Einfluss der Unternehmen betrifft die Hochschulpolitik aber noch auf andere Weise: er schwächt die demokratisch gewählten Hochschulgremien, wie den Senat, in dem Studentenvertreter und Beschäftigte die Belange ihrer Hochschule mitbestimmen dürfen. Da die Sitzungen von Hochschulräten in der Regel nicht öffentlich und Protokolle kaum einsehbar sind, erfahren sie oft erst im Nachhinein von den Beschlüssen der Räte.

Daran ändere auch nichts, dass mal ein Student im Hochschulrat sitzt, sagt Jonas-Luca König, Koordinator der LandesAStenKonferenz in Rheinland-Pfalz: „In den allermeisten Hochschulräten fehlt der wissenschaftliche Mittelbau.“ Wer welchen Einfluss auf Entscheidungen nehme, sei nicht nachvollziehbar. „Dass sich in den Hochschulräten einige Mitglieder wiederfinden, die auch ihre Partikularinteressen vertreten, ist eine Katastrophe.“

Es gibt auch Befürworter. Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz etwa, Horst Hippler, hält Interessenkonflikte für unwahrscheinlich. „Die Mitglieder von Hochschulräten sind ausschließlich dem Interesse der Hochschule verpflichtet. Die Geschäftsordnungen stellen sicher, dass sich Interessenskonflikte nicht auf die Arbeit des Gremiums auswirken."

Wobei Hippler übersieht, dass an den meisten Universitäten mögliche Interessenkonflikte gar nicht in den Geschäftsordnungen thematisiert werden. Ob Uni Hannover, Uni Bonn oder Uni Frankfurt – die Geschäftsordnungen schweigen zu dem Thema.

Auch das Forum Hochschulräte, unter anderem vom wirtschaftsnahen Stifterverband der deutschen Wissenschaft und dem von der Bertelsmann-Stiftung gegründetem Centrum für Hochschulentwicklung CHE gefördert, ist ein Fürsprecher der Hochschulräte. Und warnt vor öffentlichen Hochschulratssitzungen. Dadurch könne eine „offene Meinungsaussprache“ beeinträchtigt werden.

Dem Gebot der Transparenz in der Wissenschaft genügen die Hochschulräte so nicht. Es bleibt dabei: Forschung und Lehre an den Hochschulen muss unabhängig sein. Wenn wichtige Entscheidungen über Hochschulpolitik in Hinterzimmern getroffen werden, lässt sich ihre Unabhängigkeit mehr überprüfen.

Im Gegenteil: Über intransparente Hochschulräte kann die Wirtschaft auf Hochschulen einwirken. Und sie nach ihrem Bilde umgestalten.


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Disclaimer

Autor Arne Semsrott arbeitet neben seiner Tätigkeit als freiberuflicher Journalist für die Open Knowledge Foundation und betreut für Transparency Deutschland (TI) die AG Wissenschaft. Für TI betreut er die Plattform „Hochschulwatch”, die Drittmittelförderungen an Hochschulen untersucht.

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