Die 109 Millionen Euro teure neue DFB-Zentrale in Frankfurt gerät für den Deutschen Fußball Bund (DFB) zur nächsten Großbaustelle. Es sind offenbar mehrere Mitarbeiter eingestellt worden, ohne dass sie auf dem Stellenplan des Verbands auftauchten. Damit wäre das Präsidium hintergangen worden. Zudem zieht ein Galoppsport-Verein gegen die Stadt Frankfurt vor Gericht und hat parallel eine Beschwerde bei der Europäischen Union eingereicht. Die Stadt habe dem DFB das Grundstück für die neue Zentrale zu günstig überlassen.

In zwei Wochen erst soll der mit Spannung erwartete Freshfields-Bericht zur Vergabe der WM 2006 vorgestellt werden, doch schon jetzt tun sich beim DFB weitere Baustellen auf. Neben dem Sommermärchen ist es vor allem die neue Verbandszentrale, die den Nachfolgern von Wolfgang Niersbach Kopfzerbrechen bereitet. So wurden mehrere Mitarbeiter eingestellt, die im Stellenplan des DFB noch gar nicht beschlossen waren.

Übergangspräsident Rainer Koch spricht am Telefon von „tausend verschiedenen Baustellen“, die er aktuell beim DFB bearbeiten müsse, um den „Betrieb aufrecht zu erhalten“. Eine dieser Baustellen ist der teure Bau der DFB-Zentrale, zu dem auch die sogenannte DFB-Akademie gehört. Die nicht im Stellenplan vorgesehenen Mitarbeiter sollen den Bau der Zentrale auf der Galopprennbahn Frankfurt vorbereiten. Auf Anfrage bestätigt DFB-Sprecher Ralf Köttker vier Stellen, die „im Vorgriff“ eingestellt, aber „zwischenzeitlich genehmigt“ worden seien. Die Stellen sollen nun „in dem vom Präsidium noch zu beschließenden Stellenplan enthalten sein“.

Altlasten abräumen

Für den designierten Präsidenten Reinhard Grindel sollen jetzt alle Altlasten abgeräumt werden. Viel Arbeit für Übergangspräsident Koch. Gerade bei der neuen DFB-Zentrale „müssen wir zur Zeit eine Reihe von Dingen gerade ziehen“, sagt Koch. „Ich muss die Akademie jetzt so aufstellen, dass sie juristisch sauber ist.“ Laut Koch seien die Vorstellungen über das Projekt innerhalb des DFB schon seit längerem auseinander gegangen. Die Akademie ist ein Projekt von Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff. Die Vertreter der Amateure in den Landesverbänden waren lange skeptisch. Die Nationalelf sollte sich nicht noch weiter vom Rest des DFB entfernen. Deshalb war die ursprüngliche Idee einer Nationalelf-Akademie erweitert worden zur mehr als 100 Millionen Euro teuren DFB-Zentrale, in der auch der Breitensport einen Platz hat.

Die Episode ist ein weiteres Beispiel für das turbulente Eigenleben des DFB. Offenbar waren die nicht genehmigten Stellen bei den Aufräumarbeiten nach der Sommermärchen-Affäre aufgefallen. Schon diese hatte zu einigem Unmut in den Landesverbänden geführt. Sie fürchten, dass in der DFB-Zentrale in Frankfurt in kleinem Kreis Entscheidungen gefällt werden, die letztlich auch die Finanzen der Landesverbände betreffen. Denn der DFB gibt einen Teil seiner Einnahmen an die Landesverbände weiter. In diesem Zusammenhang blicken sie mit Argusaugen auf die DFB-Akademie. Auch in den vielfältigen Geschäftsfeldern des DFB wie Ticketing und Merchandising wünschen sie sich mehr Transparenz.

„In ungekündigter Stellung“

Der Bau der neuen DFB-Zentrale fällt in den Verantwortungsbereich von Generalsekretär Helmut Sandrock. Wie sieht nun dessen Zukunft beim DFB aus? Muss nach Präsident Wolfgang Niersbach und dem Direktor Finanzen und Personal Stefan Hans auch Generalsekretär Sandrock den DFB verlassen? „Helmut Sandrock ist Generalsekretär des DFB in ungekündigter Stellung“, antwortet der DFB auf Anfrage per E-Mail.

Über die Probleme beim Bau der neuen Zentrale möchte das Präsidium des DFB offenbar bei seiner Sitzung am 4. März sprechen, auf der auch der Bericht der Kanzlei Freshfields vorgestellt werden soll. Dann dürfte die Spitze des deutschen Fußballs ein weiteres Problem beschäftigen: Ein lokaler Galoppverein hat eine EU-Beschwerde eingelegt, die der Stadt Frankfurt unzulässige Beihilfen bei der Vergabe des Grundstücks an den DFB vorwirft.

War das Grundstück zu billig?

Der konkrete Vorwurf, mit dem sich jetzt die Europäischen Wettbewerbskommission auseinandersetzt: Die Stadt Frankfurt am Main soll den DFB mit einem nicht dem tatsächlichen Wert entsprechenden Erbpachtzins begünstigt haben. Zudem hat der Betreiber der Galopprennbahn eine Klage gegen die Stadt Frankfurt am Main vor dem Verwaltungsgericht eingereicht.

Das Gelände für die neue DFB-Zentrale ist rund 200.000 Quadratmeter groß. Für eine Nutzung über 99 Jahre zahlt der DFB 6,835 Millionen Euro. Laut Rennklub-Schatzmeister Carl-Philip Graf zu Solms-Wildenfels überschreiten allein die Kosten für Abrissarbeiten und Abfindungszahlungen die Erbpacht-Zahlungen des DFB. Die Stadt mache ein Minusgeschäft, diese Begünstigung verstoße gegen das Wettbewerbsrecht. Allein die Auszahlung der bisherigen Betreiber kostet die Stadt rund sechs Millionen Euro. So bekommt der aktuelle Betreiber der Galopprennbahn, die Hippodrom GmbH, von der Stadt insgesamt fast drei Millionen Euro. Und auch der ansässige Golfclub erhält bis zu drei Millionen Euro, um die Fläche für den DFB zu räumen. Dies geht aus Verträgen zwischen den Beteiligten hervor, die correctiv.org unter diesem Text im Original veröffentlicht.

Negativ äußert sich im Sommer 2014 auch das Revisionamt der Stadt Frankfurt. Das Amt weist in einer Stellungnahme darauf hin, dass „Vermögensgegenstände in der Regel nur zu ihrem vollen Wert veräußert werden dürfen. Hiervon weicht die Vorlage ohne Angabe von nachvollziehbaren Gründen ab.“ In einem vergleichbaren Fall hatte der Hessische Städtetag zu einem zu günstigen Verkauf von städtischen Gründstücken Stellung genommen und deutlich davor gewarnt. Im Zweifel sei eine Klärung mit der Kommunalaufsicht und der EU-Kommission nötig. Beide Schreiben veröffentlicht correctiv.org unter diesem Text im Original.

[Update 22. Februar 2016, 17:45 Uhr: Die Stadt Frankfurt weist per E-Mail darauf hin, dass nach der negativen Beurteilung des Revisionamtes die Unterlagen ergänzt worden seien und die Gründe für die Minderung des angesetzten Bodenrichtwertes erläutert worden seien. Die Dokumente haben wir unten verlinkt. Gegen die dann beschlossene Stellungnahme habe das Revisionamt keine Bedenken gehabt.]

Der Baubeginn der neuen Fußballzentrale könnte somit weiter auf sich warten lassen. Schon einmal musste der DFB den Termin verschieben, von Mitte 2016 auf den 1. Januar 2017. Am heutigen Freitag wollte sich der DFB auf Anfrage zum laufenden Verfahren nicht äußern. „Wir haben aber für solche Fälle in allen Bau- und Zeitplänen einen ausreichenden Puffer eingebaut.“

Der auf dem Gelände beheimatete Rennklub streitet sich schon länger mit dem DFB und der Stadt. Die Galopprennbahn soll vom Gelände verschwinden. Die Stadt hat vor mehreren Wochen eine Räumungsklage eingereicht. Im April soll ein Gericht entscheiden, ob der Verein das Gelände freimachen muss. Ein Bürgerentscheid gegen den Bau der neuen DFB-Zentrale war im vergangenen Sommer gescheitert.

Zeitdruck für die Stadt Frankfurt

Sollte die Stadt mit der Klage keinen Erfolg haben, steht sie vor einem weiteren Problem. Die Stadt hat sich bereits im November 2014 verpflichtet, dem DFB ab 2016 das Gelände zu überlassen. Bis April soll die Stadt die Tribüne der Galopprennbahn abreißen. Das geht aus dem Vertrag zwischen dem DFB und der Stadt hervor, den correctiv.org ebenfalls im Original veröffentlicht.

Die neue DFB-Zentrale kostet den DFB insgesamt 109 Millionen Euro. Der Bau soll weitestgehend aus DFB-Eigenmitteln finanziert werden. Von der UEFA und der FIFA erhält der Verband aber Zuschüsse von 7,6 Millionen Euro.

Korrektur vom 19. Februar 2016, 23:36 Uhr: In einer früheren Version dieses Artikels hatten wir Stefan Hans als Schatzmeister des DFB bezeichnet. Hans war nicht Schatzmeister, sondern Direktor Finanzen und Personal des DFB. Auch die Schreibweise des Vornamens haben wir korrigiert.


Um die Absprachen zwischen der Stadt Frankfurt am Main und dem DFB an dieser Stelle möglichst transparent darzustellen, veröffentlichen wir für Euch zahlreiche Dokumente rund um die neue DFB-Zentrale im Original. Wir beginnen mit dem 40-seitigen Vertrag zwischen der Stadt Frankfurt und dem DFB aus dem November 2014. Hier findet Ihr auch die Berechnung des Erbbauzinses und alle damit zusammenhängenden Vorschriften.

In diesem Auszug der Bodenrichtwertkarte findet Ihr eine Übersicht der betroffenen Grundstücke. Im Zentrum stehen die Galopp-Rennbahn und ein Golfplatz.

Die Hippodrom GmbH ist Vertragspartner der Stadt Frankfurt als Pächter für die Galopprennbahn Niederrad. Manfred Hellwig ist alleiniger Gesellschafter der Hippodrom GmbH und tritt in diesem Vertrag seine Anteile für zwei Millionen Euro an die Stadt Frankfurt ab.

Aus diesem Papier der Stadtverordnetenversammlung Frankfurt aus September 2014 geht hervor, dass zu den zwei Millionen Euro für die Manfred Hellwig noch fast eine Millionen Euro dazu kommt, für bereits erfolgte Investitionen. Die Stadt zahlt Hellwig also fast drei Millionen Euro, um das Grundstück für den DFB freizuräumen.

 

 

Auch mit dem ansässigen Golfclub muss sich die Stadt Frankfurt einigen. In einem gerichtlichen Vergleich garantiert die Stadt Frankfurt der „Golfanglagen Weiland Investment GmbH & Co KG“ 1,95 Millionen Euro für die Räumung der Fläche. Allerdings im Jahr 2018. Da der DFB mit der Stadt ausgehandelt hat, bereits zwei Jahre früher zu bauen, können hier laut Vertrag noch einmal 500.000 Euro extra anfallen. Auf die ganze Summe addieren sich 19 Prozent Mehrwertsteuer. Damit liegt auch hier der Betrag für die Räumung bei bis zu drei Millionen Euro.

Das Revisionsamt der Stadt Frankfurt schreibt bereits im August 2014, bevor die Stadt im November 2014 ihren Vertrag mit dem DFB schließt: „Wir weisen darauf hin, dass gemäß §109 Abs. 1 HGO Vermögensgegenstände in der Regel nur zu ihrem vollen Wert veräußert werden dürfen. Hiervon weicht die Vorlage ohne Angabe von nachvollziehbaren Gründen ab.“

 

Die beiden überarbeiteten Stellungnahmen der Stadt Frankfurt nach der negativen Rückmeldung des Revisionamtes mit ausführlicherer Begründung der Minderung des angesetzten Bodenrichtwertes. Zunächst vom 15. September 2014.

Und hier vom 8. Dezember 2014.

Und zum Abschluss noch der Brief des Hessischen Städtetages an die Stadt Karben in einem ähnlich gelagerten Fall. Der Brief stammt aus dem April 2014 und warnt deutlich vor einem zu günstigen Verkauf von städtischen Gründstücken. Im Zweifel sei eine Klärung mit der Kommunalaufsicht und der EU-Kommission nötig.

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