Die saudische Regierung hat einer Tochterfirma der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) mehrere Verträge im Bildungsbereich gekündigt. Über die Hintergründe schweigt sich die staatliche Organisation aus. Auch im geschlossenen Intranet werden die GIZ-Mitarbeiter über die Vorgänge im Unklaren gelassen. Nur so viel sickert durch: Die GIZ will jetzt das Geschäft mit ausländischen Regierungen zurückfahren.

Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) organisiert die deutsche Entwicklungshilfe in vielen Ländern der Welt. Doch sie arbeitet nicht nur wohltätig, sondern hat auch einen geschäftstüchtigen Arm, den man weniger kennt: GIZ International Services.

Der Servicebetrieb arbeitet für ausländische Regierungen wie ein Unternehmensberater. GIZ International Services managed Projekte und berät Ministerien. Auch wenn die Gebühren dafür recht hoch sind, ist das Unternehmen nicht sehr erfolgreich. Im vergangenen Jahr machte der GIZ-Geschäftsbetrieb zwar 160 Millionen Euro Umsatz, allerdings blieben davon nur rund 700.000 Euro Gewinn hängen. 

Warum die kommerzielle Sparte der GIZ nicht auf die Beine kommt, zeigt sich derzeit in Saudi-Arabien. Die dortige Regierung hat GIZ International Services in diesem Jahr gleich mehrere Verträge gekündigt. In einer internen Nachricht sagen GIZ-Verantwortliche jetzt, dass sich auch Monate nach der Entscheidung die Gründe dafür nicht kennen. 

„Die Gründe sind nach wie vor nicht transparent. Die gesamte Berufsbildungsstrategie in Saudi-Arabien wird derzeit grundsätzlich diskutiert. Für uns kam die Kündigung dennoch überraschend und war im Vorfeld nicht abzusehen“, wird der Landesdirektor in Saudi-Arabien, Bastian Veigel, in der internen Mitteilung zitiert. Offiziell will sich die GIZ zu dem Misserfolg in Saudi-Arabien konkret nicht äußern. 

Eigentlich sollte der deutsche Dienstleister den Betrieb von zwei Hochschulen organisieren, weitere Verträge mit der saudischen Regierung waren geplant, wurden aber nicht unterzeichnet. GIZ International Services will sich künftig darum weitaus weniger in Saudi-Arabien engagieren, wie es in der internen Stellungnahme heißt. Seit der Ölpreis zusammen gebrochen ist, wird das Land von einer Haushaltskrise erschüttert.

Der Rückschlag in Saudi-Arabien hat Folgen. Die GIZ will ihre Strategie nun überdenken – und das Geschäft mit ausländischen Regierungen zurückfahren. Stattdessen will sich der Geschäftsbetrieb der GIZ auf internationale Auftraggeber wie die EU oder die Privatwirtschaft konzentrieren. Unter anderem sollen die Entwicklungshelfer Konzernen dabei helfen, Lieferketten effizienter zu gestalten.

Die Verträge in Saudi-Arabien wurden anscheinend aber nicht nur deshalb gekündigt, weil die Regierung Projekte einsparen wollte. Denn zumindest in einem Fall wurde ein Projekt offenbar an einen britischen Anbieter übergeben. Was läuft schief bei den Auslandsprojekten des GIZ-Geschäftsbetriebs? Die GIZ ließ konkrete Fragen zur Kündigung der Verträge unbeantwortet.

Im Intranet der GIZ findet sich zu dem Vorfall in Saudi-Arabien folgende Mitteilung:

Überschrift: Viel gelernt

14.09.2016

Das Portfolio der GIZ in Saudi-Arabien ist im Umbruch. Im August wurden die Aktivitäten der GIZ am Technical Trainers College (TTC) beendet, einer Ausbildungsstätte für Berufsschullehrer und Ingenieure. Weitere Aufträge der saudischen Regierung blieben aus oder wurden nicht verlängert. Martin Hansen, Bereichsleiter von International Services, und Bastian Veigel, Landesdirektor in Saudi-Arabien, erklären im Interview den aktuellen Stand.

Anfang des Jahres hat Saudi-Arabien den Vertrag zum Betrieb des TTC überraschend gekündigt. Was bedeutet das für die GIZ und vor allem für die Kolleginnen und Kollegen in dem Projekt?

Veigel: Im TTC-Projekt haben rund 130 Personen gearbeitet, davon knapp die Hälfte Auslandsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter. Bei den Entsandten, deren Verträge über das Projektende hinaus liefen, konnten wir in vielen Fällen betriebsbedingte Kündigungen vermeiden und sie im vergangenen halben Jahr als AMA, CIM-Fachkräfte oder EH innerhalb der GIZ vermitteln.

Hansen: Das war eine konzertierte Aktion von International Services, dem Personalbereich und sämtlichen operativen Bereichen. Auch der Betriebsrat Eschborn und der Personalvertretungsausschuss waren eng eingebunden. Hier gilt wirklich allen Beteiligten großer Dank. Und zwar ganz besonders den Kolleginnen und Kollegen vor Ort. Denn sie haben in dieser schwierigen Situation dafür gesorgt, dass die Studierenden normal weiterstudieren konnten. Das College besteht weiter, wir haben es zum 10. August an einen britischen Bildungsanbieter übergeben. Für das Nationale Personal haben der saudische Auftraggeber Colleges of Excellence (CoE) und der neue Betreiber schon frühzeitig zugesichert, dass sie weiterhin am TTC arbeiten können.

Wissen Sie denn mittlerweile mehr darüber, warum die saudische Seite die Zusammenarbeit bei dem College beendet hat?

Veigel: Der Auftraggeber CoE hat den Vertrag einseitig beendet. Die Kündigung war rechtmäßig, im Vertrag war die Möglichkeit dazu vereinbart. Aber die Gründe sind nach wie vor nicht transparent. Die gesamte Berufsbildungsstrategie in Saudi-Arabien wird derzeit grundsätzlich diskutiert. Für uns kam die Kündigung dennoch überraschend und war im Vorfeld nicht abzusehen. Die GIZ hat seit 2009 das TTC aufgebaut und zu einem Vorzeigemodell der saudisch-deutschen Kooperation im Berufsbildungssektor entwickelt. In Anerkennung dieser Leistung wurde noch 2014 eine Vertragsverlängerung für weitere fünf Jahre unterzeichnet.

Inzwischen wurde ja noch ein weiterer Vertrag gekündigt …

Hansen: Ja, Colleges of Excellence hatte in Folge des Strategiewechsels den Vertrag zum Betrieb des GIZ-Festo Ar Rass German College mit Frist zum 31. Juli 2016 gekündigt. Die saudische Seite hat sich entschieden, Colleges an abgelegenen Orten nicht weiterzuführen, Ar Rass wurde entsprechend geschlossen. Betrieben wurde das College von unserer Tochtergesellschaft GIZ-Festo Training Services LL.C, die wir zusammen mit der deutschen Festo Didactic SE, ein Bildungsdienstleister im Bereich der industriellen Automation, gegründet haben.

Wie geht es denn jetzt für die GIZ in Saudi-Arabien weiter?

Hansen: Durch den niedrigen Ölpreis ist es in Saudi-Arabien zu einer stark angespannten Haushaltslage gekommen. Für die GIZ bedeutet dies, dass weitere sicher eingeplante Aufträge Ende 2015 und 2016 ausgeblieben oder nicht verlängert worden sind. Dennoch bleiben wir weiter in Saudi-Arabien aktiv. Die GIZ und ihre Vorgängerorganisationen sind schon seit 1952 dort tätig. Es war eines unserer ersten Auslandsbüros überhaupt. Wir haben in den vielen Jahren unseres dortigen Arbeitens wichtige Erfahrungen gemacht und viel gelernt, von der Umsetzung von Großprojekten bis hin zur Gründung einer GIZ-Niederlassung und einer rechtlich unabhängigen Projektgesellschaft; beides im Übrigen Entscheidungen, die für unser Unternehmen richtig gewesen sind.

Veigel: Um die Belastung des Betriebsergebnisses von International Services klein zu halten, aber auch, um einen Komplettausstieg zu vermeiden, wird die Struktur in Saudi-Arabien ab Frühjahr 2017 deutlich reduziert. Das heißt, die GIZ wird mit mehreren Entsandten und etwa 20 Nationalen Mitarbeiterinnen und -mitarbeitern vor Ort sein. Wir führen im Moment mehrere Beratungsprojekte durch, unter anderem zur Bio-Landwirtschaft, und es gibt einige Personalentsendungen, also Experten, die ähnlich wie CIM-Fachkräfte direkt beim Partner arbeiten und ihn beraten. Das alles läuft ganz normal weiter, der Fokus des Teams liegt auf der professionellen Umsetzung. Akquisitionsansätze verfolgt die GIZ in Saudi-Arabien derzeit nicht.

Und was bedeutet die Entwicklung in Saudi-Arabien für International Services als Ganzes, nicht zuletzt für das Betriebsergebnis?

Hansen: Für das Betriebsergebnis von International Services halten sich die Konsequenzen der Entwicklungen in Saudi-Arabien in Grenzen. Das liegt daran, dass wir in den letzten Jahren die richtigen Entscheidungen mit Blick auf Kostenreduzierung, Effizienzsteigerungen und Stärkung der Ertragskraft unseres Portfolios getroffen und umgesetzt haben, und damit die Rückschläge in Saudi-Arabien abfedern können.

Konsequenzen haben die Entwicklungen in Saudi-Arabien jedoch für unsere weitere strategische Ausrichtung: International Services wird sich in Zukunft weniger auf das Regierungsgeschäft fokussieren; das war übrigens ein Trend, der sich seit geraumer Zeit abzeichnete. Wir setzen zukünftig vor allem auf das Geschäft im Auftrag internationaler öffentlicher Geber, allen voran der Europäischen Union, und privater Auftraggeber. Hier sehen wir sehr gute Zukunftschancen, etwa im Ausbau des EU-Geschäfts in Afrika oder in Aufträgen zu internationalen Lieferketten von Privatunternehmen, vor allem im Agrarsektor. Auf unserem Führungstag im Oktober werden wir uns zudem mit der Frage auseinandersetzen, wie der Geschäftsbereich International Services die Kooperation mit dem Gemeinnützigen Bereich strategisch weiterentwickeln kann. Hier eröffnen sich viele neue Möglichkeiten der Geschäftsentwicklung.

10 Euro für unabhängigen Journalismus