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„Ich gehe im Januar zurück auf die Philippinen. Diesmal wird die Hölle noch ein bisschen heißer sein.“

Auf den Philippinen lässt Präsident Duterte tausende Menschen töten. Jacque Manabat ist Journalistin für einen der größten philippinischen TV-Sender. Im Moment lebt sie in Berlin und arbeitet für correctiv.org. Hier schreibt sie, wie es sich anfühlt, als Journalistin wieder zurück auf die Philippinen zu müssen.

von Jacque Manabat

Eine typische Nacht in Manila hat mehr als ein Dutzend Opfer. Was macht das mit den Menschen?© Anjo Bagaoisan, ABS-CBN Reporter

“Through her acts of public service, Sienna came in contact with the members of a local humanitarian group. When they invited them on a month-long trip to Philippines, she jumped at once.“
“I’ve run through the gates of hell“
Dan Brown, Inferno

Dan Brown hat mein Land einst als den Vorhof zur Hölle bezeichnet. Damals hat mich das getroffen. Aber er hatte Recht. In wenigen Monaten werde ich auf die Philippinen zurückkehren. Diesmal wird die Hölle noch ein bisschen heißer sein.

Der Friedhofs-Dienst

Sieben Stunden beträgt die Zeitdifferenz zwischen Berlin und Manila. Das bedeutet, dass ich tagsüber mit vielen meiner Kollegen sprechen kann, die daheim grad in der Friedhofs-Schicht arbeiten. So nennen wir die Nachtschicht, in der wir über die vielen Toten berichten müssen. Aus meinen Telefonaten und den Online-Nachrichten weiß ich: der Anti-Drogen-Krieg eskaliert. Unser investigatives Team beim ABS-CBN Broadcasting Network hat 2695 Tote gezählt, nur dieses Jahr, nur vom 10. Mai bis zum 10. Dezember. Zu zählen begonnen haben wir nach der Wahl von Präsident Rodrigo Duterte. 

Auch ich habe in der Friedhofs-Schicht gearbeitet. Der Geruch von Blut – gemischt mit feuchter Luft – ist damals für mich zum Alltag geworden. Ein bis zwei Morde pro Nacht waren Durchschnitt für Manila. Die Polizei bezeichnete die Toten stets als Abfallopfer. Für mich waren sie kein Abfall, aber ganz sicher Opfer. Einige hatten ihre Hände hinter dem Rücken zusammengebunden, andere waren in Klebestreifen gewickelt und in Säcke gesteckt. Egal, wie laut die Familien dieser Opfer um Hilfe und Gerechtigkeit riefen – sie wussten genau, dass ihr Leid nur eine von vielen sich ähnelnden Geschichten ist.

Das war vor vier Jahren.

In diesem Jahr müssen meine Kollegen in der Friedhofsschicht sehr viel mehr Morde mit ansehen. Die Zahl stieg unglaublich an, nachdem Präsident Duterte in seiner letzten Wahlkampfrede öffentlich versprach, 100.000 Kriminelle zu töten.

„Vergesst die Menschenrechte. Wenn ich in den Präsidentenpalast einziehe, dann werde ich genau das tun, was ich als Bürgermeister gemacht habe. Ihr Drogendealer, ihr Räuber, ihr Nichtsnutze – haut lieber ab. Weil ich Euch töten werde. Ich werde Euch alle in den Hafen von Manila schmeißen und die Fische werden sich an Euch fett fressen.“

Im Juli erschossen anonyme Männer im Schnitt etwa 30 Menschen – jede Nacht. In letzter Zeit fielen die Zahlen etwas, jetzt sind es noch etwa 14 Opfer pro Nacht. Jedes Opfer hat seine eigene Geschichte.

Die Journalisten der Friedhofsschicht, die diese Geschichten recherchieren und verbreiten, werden intensiv psychologisch betreut. Einige geben zu, dass sie um ihre Leben fürchten. „Ich bin mir sicher, dass die Mörder stets noch ganz in der Nähe sind, wenn wir an den Tatorten ankommen. Ich fühle das einfach“, erzählt mir einer der Journalisten.

Jacque Manabat

Jacque Manabat.

Privat.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie schlimm das Trauma meiner Kollegen sein muss. Es ist vermutlich längst Alltag. Das ganze Blut, das Leid, die Verzweiflung – all das wird sich in ihre Seelen fressen.

„Unser Tag startet, wenn ihre Leben enden“

Dieser Spruch hängt an der Tür der Mordkommission von Manila.

Die Polizei und die Beamten der lokalen Behörden waren stets die wichtigsten Quellen für unsere nächtliche Berichterstattung. Jetzt erzählen mir meine Kollegen, dass die Polizei ihnen die kalte Schulter zeigt. In einem Fall filmte ein Nachbar auf seinem Handy, wie ein Mann in einer kleinen Hütte um sein Leben flehte. Die Polizei scherte sich nicht darum und tötete ihn stattdessen.

Die Polizei lehnt mittlerweile Interviews ab und weigert sich, Informationen über diese Vorfälle herauszugeben. Das macht den Job von uns Journalisten schwieriger. Und macht es auch der Öffentlichkeit schwerer, zu verstehen, was wirklich passiert.

Es ist erschreckend, wie manche Zuschauer auf die von uns veröffentlichen Beiträge reagieren. Einige sagen, die Opfer würden es verdienen, zu sterben. Und applaudieren der Regierung, dass sie die angeblichen Drogenabhängigen töten.

Jetzt schaut die ganze Welt auf unser Land und diese Morde.

Auch einige meiner Kollegen hier in Berlin bei CORRECTIV haben mich mehrfach danach gefragt, was da gerade auf den Philippinen passiert. Sie lasen über die immer häufigeren Morde und die steigende Skepsis gegenüber der Arbeit von uns Journalisten. Ich habe bemerkt, wie schwierig es ist, zu erklären, dass manche meiner philippinischen Mitmenschen sich derzeit sicher fühlen. Trotz – oder vielleicht sogar gerade wegen – all dieser Morde ann angeblichen Drogendealern und Drogenabhängigen. Diese Menschen glauben, dass die Hinrichtungen die Kriminalität senken werden.

Präsident Duterte ist von seinen Kritikern als philippinischer Adolf Hitler bezeichnet worden. Duterte selbst hat seinen Krieg gegen die Drogen mit dem Holocaust verglichen.

„Hitler hat drei Millionen Juden getötet. Jetzt haben wir drei Millionen Drogenabhängige. Ich wäre froh sie alle umzubringen. Deutschland hatte Hitler. Die Philippinen haben (zeigt mit dem Finger auf sich selbst).“

Sozialen Medien: Mit Fake News zum Kriegsschauplatz

Öffentliche Diskussion – vor allem in den sozialen Medien – werden auf den Philippinen immer hässlicher. Ganz deutlich wurde das während des Präsidenten-Wahlkampfs. Bevor ich die Philippinen verließ, bekam ich zahlreiche Privatnachrichten von anonymen Accounts. Die Menschen warfen mir vor, als Journalistin von der Vorgänger-Regierung oder der Opposition bezahlt worden zu sein, um unseren neuen Präsidenten Rodrigo Duterte mit Dreck zu bewerfen. 

Kommentare wie „Du bist hirnlos“ oder „Ich hoffe, dass Du vergewaltigt wirst“ schmerzen, aber ich habe gelernt, sie zu ignorieren und mache weiter meinen Job. Als ich eine Geschichte veröffentlicht, in der ich beschrieb, wie Behörden erfolgreich gegen Korruption kämpfen, wurde ich als „Schleimerin“ beschimpft.

Ich kann damit umgehen. Was ich dagegen wirklich hasse, ist die Verbreitung von „Fake News“. Es ist so frustrierend, deprimierend sogar, dass so viele Menschen glauben, diese Nachrichten seien wahr. Egal wie häufig Journalisten diese Fake News widerlegen, es gibt immer noch Menschen, die blind hinterherlaufen und diese Dinge so häufig verbreiten, dass sie bei Facebook manchmal mehr als 10.000 Mal geteilt werden.

Ein Regierungspolitiker veröffentlichte kürzlich ein gefälschtes Foto. Darauf war ein vergewewaltigtes Mädchen in einem Feld zu sehen. Der Politiker behauptete, Journalisten würden diesen schrecklichen Vorfall ignorieren. Mit Hilfe einer umgedrehten Bildersuche kam raus: Das Verbrechen war in Brasilien geschehen, nicht auf den Philippinen. 

Trotzdem glauben viele Leute immer noch lieber diesen Fake News – und misstrauen der Presse. Menschen finden diese Lügen glaubwürdiger als unsere hart recherchierten Stories. Das untergräbt unsere journalistische Autorität als vierte Gewalt untergraben.

Drogenhändler Karton Philippinen Jacque

Gefunden bei einer Leiche: „Ich bin Drogenhändler. Werde nicht wie ich.“

Anjo Bagaoisan, ABS-CBN Reporter

Seit diesem Jahr ist es besonders schlimm. Fanatiker und ihre falschen Nachrichten verbreiten sich wie ein Buschfeuer. Und Journalisten werden zur Zielscheibe.

Die erfahrene Journalistin Inday Espina-Varona wurde von fanatischen Zuschauern schon bedroht. Vor einigen Monaten erlebte sie den Tiefpunkt. Ein Zuschauer drohte, dass er Varona finden würde, um sie zu verspeisen. „Dann wollen wir mal sehen, wo Dich Dein aktivistischer Einsatz hinführen wird.“

Die Aljazeera-Journalistin Jamela Alindogan und die freie Journalistin Gretchen Maladad erhielten ebenfalls Morddrohungen von Bürgern, nachdem sie über den Drogenkrieg berichteten.

Die nationale Journalisten Gewerkschaft NUJP hat alle Kollegen gebeten, alle Bedrohungen direkt weiterzugeben, damit diese dokumentiert werden und wir Journalisten dagegen vorgehen können.

Diese Probleme mögen manche Journalisten einschüchtern. Aber die Drohungen und Fake News motivieren mich nur noch mehr, mein Land zu verändern, Geschichte für Geschichte.

Das zweitgefährlichste Land der Welt

Die Beschimpfungen in den sozialen Medien werden umso bedrohlicher, je mehr man sich mit der jüngeren Geschichte der Philippinen auseinandersetzt.

Die Philippinen waren in den vergangenen 25 Jahren mit 146 getöteten Kollegen das zweitgefährlichste Land der Welt für Journalisten, berichtet die International Federation of Journalists.

Vor mehr als 40 Jahren, zu Beginn der Marcos-Diktatur, brachte Marcos zuallererst uns Journalisten zum Schweigen. Aktivisten wurden verschleppt, gefoltert und getötet. Mein Arbeitgeber ABS-CBN wurde damals zwangsweise geschlossen.

Vor sieben Jahren wurden im Süden der Philippinen 58 Menschen grausam umgebracht. 32 von ihnen waren Journalisten. Die Journalisten fuhren in einem Konvoi zur regionalen Hauptstadt, um über den Start des lokalen Wahlkampfs zu berichten. Der Konvoi wurde attackiert. Als wenig später andere Menschen, darunter Journalisten, an der Stelle ankamen, trafen sie nur noch auf von Kugeln durchlöcherte Körper, die rund um die Autos verteilt lagen. Weitere Körper wurden in ein Massengrab geworfen. Die Behörden vergruben die Körper angeblich mit einem Bagger.

Foto Todeskarte Philippinen Jacque

Gefunden bei einem der Mörder: Ein kleines Papier und ein Foto. Vermutlich die Wegbeschreibung zu einem der Mordopfer.

Anjo Bagaoisan, ABS-CBN Reporter

Bis heute gibt es für diese Opfer keine Gerechtigkeit.

Jetzt regiert Rodrigo Duterte – und provoziert Hass gegen Journalisten. In einer seiner ersten Pressekonferenz sagte Duterte: „Nur weil Du ein Journalist bist, bist Du nicht davor geschützt, erschossen zu werden – wenn Du ein Hurensohn bist.“ Er fügte hinzu, dass viele der getöteten Journalisten bestechlich oder korrupt gewesen seien und „etwas falsch gemacht“ hätten. 

Manchmal sind die Reden des Präsidenten sehr schwer zu verstehen. Er sagt eine Sache, aber meint etwas anderes. Am nächsten Tag müssen seine Pressesprecher die Aussagen dann aufklären. Und wem wirft die Öffentlichkeit die Fehlinformationen vor? Der Presse.

Die Journalistenorganisation NUJP schrieb in einem Statement: „Als Journalisten ist es unsere Pflicht, Geschehnisse so wahrheitsgetreu wie möglich zu berichten. Wer uns für die Worte und Taten derjenigen verantwortlich macht, über die wir berichten, der fordert uns auf, unsere Pflichten zu verletzen und zu schweigen. Dies können und werden wir niemals tun.“

Muss ich neutral sein?

Als Teil der Massenmedien spüre ich sehr viel Druck. Die Zuschauer erwarten von Dir, dass Du neutral bist. Einige verachten Dich dafür, wenn Du in den sozialen Medien Deine Meinung offen äußerst. Ich aber glaube, dass Journalisten in solchen verzweifelten Zeiten aufstehen und offen einstehen müssen für ihre Meinung. Wir müssen fair sein, aber nicht blind. 

Ich glaube auch, dass Journalisten sich im Netz nicht mit jedem Troll streiten sollten. Es ergibt keinen Sinn, genauso kleinkariert und gemein zu sein. Wir sollten einfach blocken, falls das nötig wird.

Wenn ich wieder auf die Philippinen zurückkehre, möchte ich mich weiterhin offen und oft äußern. Und weiter meiner Leidenschaft nachgehen: Im Fernsehen Geschichten erzählen. Das, so glaube ich, ist meine einzige Möglichkeit, „to be of service to Filipinos“ – das Motto meines Arbeitgebers.

Noch immer frei und sicher

Mit dem Aufstieg der Trolle hat sich die Sicht auf den Journalismus verändert. Einige meiner Freunde, die nicht als Journalisten arbeiten, fragen mich: „Es muss hart sein, heutzutage als Journalist zu arbeiten – all diese Drohungen. Warum bist Du Journalistin geworden?“

Es ist verlockend, in Europa zu bleiben und all dem zu entfliehen, was zu Hause derzeit passiert. Die Bezeichnung „Erste Welt Land“ impliziert, dass Länder wie Deutschland zwei Schritte weiter sind als wir. In Wahrheit sind wir so viel weiter zurück. Ich gebe zu, dass ich die Pressefreiheit manchmal nicht mehr fühlen kann. Weil ich Angst davor habe, bedroht zu werden. Online und Offline.

Ich rede mit Journalisten, die die Diktatur von Ferdinand Marcos überlebt haben. Ihre Geschichten motivieren mich, wieder nach Hause zu gehen und die Journalistin zu sein, die ich sein möchte.

Ein Gespräch mit der bekannten Journalistin Inday Espina-Varona hat mich hart getroffen. 

„Immer wieder haben wir Journalisten auf den Philippinen große Risiken und handfeste Drohungen aushalten müssen. Als Marcos während seiner Diktatur das Kriegsrecht verhängte, war ich eine junge Journalistin. Ich weiß, wie es sich anfühlt, Angst zu haben – und wie man trotzdem weitermacht. Ich fühle mich frei, aber nur weil ich mir selbst befehle, frei zu sein. Ich weiß sehr gut, dass eine Zeit kommen wird, in der diese Freiheit von allen Seiten bedroht sein wird. Ich werde wieder kämpfen, wie wir es unter Marcos Diktatur taten. Auch wenn das bedeutet, in den Untergrund zu gehen. Das Wichtigste ist, niemals zu schweigen.“

Das ist die Realität, der ich mich stellen muss, wenn ich zurückkehre. Ich komme heim, liebe Philippinen.


Jacque Manabat arbeitet im Rahmen eines Fellowships der Konrad Adenauer Stiftung für correctiv.org. Dies ist ein persönlicher Beitrag von Jacque und gibt nicht die Sicht ihres Arbeitgebers ABS-CBN Corporation oder dessen Nachrichtenabteilung wieder. Ihr könnt ihr auf Twitter folgen. Die Fotos haben wir von Anjo Bagaoisan zur Verfügung gestellt bekommen, Reporter bei ABS-CBN. Hier findet Ihr mehr Beiträge.