In den USA marschieren am Wochenende mehr als 100.000 Wissenschaftler, und auch in Deutschland findet am Samstag in mehr als 20 Städten der „March for Science“ statt. Wir haben mit der Mitinitiatorin in Deutschland, der Bildungsforscherin Tanja Gabriele Baudson, über die Beweggründe gesprochen und warum sich Wissenschaftler plötzlich in der Defensive fühlen.

CORRECTIV: Wie ist die Bewegung für einen „March for Science“ in Deutschland entstanden?

BAUDSON: Wir haben die sozialen Medien in den USA beobachtet. Nach dem Amtsantritt von Donald Trump gab es dort etwa den „Women’s March“ für Frauenrechte. Danach kam aus der wissenschaftlichen Community die Idee für eine ähnliche Bewegung, um gegen die antiwssenschaftliche Haltung Trumps zu protestieren.

Sie meinen, dass Trump das Budget der Umweltschutzbehörde beschnitten hat, den Klimawandel anzweifelt oder durch falsche, impfskeptische Aussagen auffällt? 

Genau. Die Idee für einen „March for Science“ war geboren. Und dann gab es einen Tweet von einem der amerikanischen Organisatoren, der fragte, ob Wissenschaftler in Europa auch mitmachen wollen. Als ich das gelesen habe, saß ich mit meinem Partner, dem Mitinitiator Claus Martin, am Küchentisch. Wir haben kurz überlegt und uns gesagt: Lass uns das machen.

Wie sind Sie vorgegangen?

Wir haben einen Twitter-Account angemeldet: ScienceMarchGER. Und dann kamen wahnsinnig viele Zuschriften von Menschen, die mitmachen wollten. Wir haben ihnen geholfen, sich lokal zu vernetzen. Jetzt gibt es 22 lokale Veranstaltungen. Die größten wohl in München, Berlin und Frankfurt. Und die kleinste auf Helgoland.

Demonstriert man nun auch in Deutschland gegen Trump?

Nein, das ist nicht unser primärer Fokus. Für uns ist es eine Veranstaltung für die Freiheit der Wissenschaft, gegen Populismus und gegen alternative Fakten. Wenn Politiker Entscheidungen treffen, ist es besser, wenn sie auf gesicherte wissenschaftliche Befunde zurückgreifen als auf gefühlte Wahrheiten. Trump ist da nur ein Symptom.

Wie stark ist die antiwissenschaftliche Strömung in Deutschland?

Uns geht es sicher vergleichsweise gut im Vergleich zu anderen europäischen Ländern. Aber es ist wichtig, Solidarität zu zeigen. Und auch, aufmerksam zu bleiben. In Deutschland hat das Wissenschaftsbarometer 2016 gezeigt, dass erschreckend viele Menschen der Aussage zustimmen, dass wir zu sehr der Wissenschaft vertrauen und zu wenig den Gefühlen oder dem Glauben. Und im wissenschaftlichen Betrieb gibt es auch Probleme: etwa die prekären Arbeitsverhältnisse von Nachwuchswissenschaftlern.

Das sind sehr vielfältige Ziele.

Sie eint das Anliegen: Wir brauchen eine starke Wissenschaft, um uns Populismus und alternativen Fakten entgegen stellen zu können.

Sind auf den Märschen nur Wissenschaftler willkommen?

Auf gar keinen Fall! Wir wollen alle erreichen, denen die Werte der Wissenschaft wichtig sind. Wir haben von allen möglichen Menschen Zuschriften erhalten, von Studenten, Kindergärtnern, Elektrikern. Es ist ein Marsch für die Wissenschaft, kein Marsch der Wissenschaftler.

Es gibt auch Kritiker, die behaupten: So eine Demonstration schadet der Wissenschaft, weil es sie parteiisch erscheinen lässt.

Das sehe ich nicht so. Wissenschaft ist nicht isoliert von der Gesellschaft. Es ist eine Illusion zu glauben, dass man sich in einen Elfenbeinturm zurückziehen kann. Wenn alternative Fakten an Bedeutung gewinnen, ist das eine existenzielle Bedrohung für die Wissenschaft.

Ist das Problem mit einer solchen Veranstaltung gelöst?

Nein, das soll kein Event werden, nach dem wir uns auf die Schulter klopfen und die Sache dann abhaken. Wir wollen langfristig weitermachen, dafür sammeln wir gerade auf unserer Webseite Ideen.

Wo werden Sie am Sonnabend sein?

In Dortmund, wo ich lebe, wird es keine Veranstaltung geben. Einen lokalen Marsch neben der übergreifenden Organisation zu stemmen wäre nicht möglich gewesen. Ich werde an dem Marsch in Bonn teilnehmen. Mit einem Plakat, auf dem Artikel 5 des Grundgesetztes aufgedruckt ist: Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.

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