Wochenlang starrten wir auf die Wetter-App. Es half: es gab Sonne satt bei unserem zweiten Campfire-Festival in Düsseldorf. Gut 11.000 Besucher kamen, um über Journalismus und unsere digitalisierte Gesellschaft zu diskutieren. Wir sind beigeistert: Der direkte Austausch funktioniert.

Wir sitzen im Kreis in einem der 18 Zelte am Düsseldorfer Landtag und wollen eigentlich über uns selbst reden: Über die Konkurrenz im Mediengeschäft. Zwei Journalistinnen vom Collectext, ein junges Kollektiv von freien Reporterinnen, suchen den richtigen Umgang mit dem harten Wettbewerb in der Branche. Menschen bleiben stehen, die beruflich nichts mit Journalismus zu tun haben.

Sie beschäftigen sich mit ganz anderen Fragen. „Wie kann man denn noch der Berichterstattung trauen, wenn Journalisten doch auch durch ihren eigenen politischen Präferenzen geprägt sind?“ fragt ein Herr. Die Frage regt zur Debatte an. Hier im kleinen Kreis in einem Festivalzelt unter dem Rheinturm können wir auf Augenhöhe reden.

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Das Campfire-Zeltdorf auf der Rheinwiese vor dem Düsseldorfer Landtag

Ivo Mayr / Correctiv

„Natürlich gibt es eine persönliche Haltung oder sogar einen eigenen Bezug zu vielen Themen, die wir bearbeiten – wie in jedem anderen Beruf auch,“ sind wir uns einig. „Doch im guten Journalismus stellen eindeutige handwerkliche Regeln sicher, dass nicht die persönliche Präferenzen der Reporter die Berichterstattung prägt,“ sagen die Journalisten im Kreis.

Es ist eine Gesprächssituation, wie wir sie sonst in den Kommentaren unter unsere Artikel oder in sozialen Medien führen – doch hier können wir direkt mit den Menschen sprechen. Die Gräben werden zugeschüttet. Vertrauen aufgebaut.

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In achtzehn Zelten gab es drei Tage lang Diskussionen, Workshops und Lesungen für alle, die Interesse am Journalismus, digitale Themen oder einfach am Austausch haben

Ivo Mayr / Correctiv

„Den Besuchern gefällt die Mischung und der Blick hinter die Kulissen“, berichtet der Deutschlandfunk später über das Festival und findet, dass mit dem Campfire Festival einen ersten Schritt zur Wiederannäherung von Medien und Gesellschaft erfolgt ist. Es ist das Wochenende, an dem am anderen Ende der Republik, in Chemnitz, Journalisten von rechten Demonstranten angegriffen werden.

In den achtzehn Zelten am Platz des Landtags an den drei Spätsommertagen passiert genau das, was wir Medienmacher unter uns an Podiumsdiskussionen und in Feuilletons seit Jahren für den Weg aus der Vertrauenskrise halten: Das Gespräch zu unserem Publikum zu suchen und mit ihnen einen ehrlichen Austausch führen.

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Der Künstler El Marto aus Burkina Faso zeichnete mit Schülern

Ivo Mayr / Correctiv

Der Einladung gefolgt sind auch Medienmacher, wie der Ex-BILD-Chef Kai Dieckmann oder der ehemalige Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart. Steingart erinnert im Gespräch gleich zum Auftakt des Festivals daran, dass die Menschen viel mehr Transparenz von den Medien verlangen – und das bedeutet auch zu wissen, wer hinter den einzelnen Veröffentlichungen als Autor steht. „Das sind wir den Lesern schuldig“, sagt er.

Wie viel Verantwortung tragen die Medien für den Aufstieg der AfD? Auch diese Frage wurde diskutiert. „Journalisten müssen näher an die Leute rangehen und sich der inhaltlichen Auseinandersetzungen stellen,“ sagte dazu CORRECTIV-Geschäftsführer David Schraven.

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Daniel Moßbrucker von Reporter ohne Grenzen gibt Tipps zur sicheren digitalen Kommunikation – nicht nur für Journalisten

Ivo Mayr / Correctiv

Viele Reporter kamen zum Festival, um genau über solche Erlebnisse zu berichten: Wie etwa über die Gangsta-Rap-Szene, die im Kulturjournalismus kaum Beachtung bekommt, während die Jugendliche in diesem Land die oft umstrittenen Zeilen der Rapper millionenfach streamen. Oder wie Hüdaverdi Güngör, Volontär bei CORRECTIV, der für eine Video-Serie „Auf eine Shisha mit...“ Menschen trifft, die über ihre eigene Erfahrungen mit Integration berichten.

Auf dem Festival traten nicht nur im Medienzirkus bekannte Gesichter auf, sondern auch Ali Can, Gründer der „Hotline für besorgte Bürger“ oder Volker Huß, von der Gewerkschaft der Polizei NRW. Er diskutierte mit Tania Röttger, Leiterin der Faktencheckredaktion Echtjetzt von CORRECTIV und mit dem Spiegel-Reporter Jörg Diehl über Panikmache, Fake News in den sozialen Medien und über die gefühlte und tatsächliche Sicherheit in Deutschland – Themen, die in den vergangenen Jahren die Öffentlichkeit stark polarisiert haben. Die Gespräche blieben laut unserem Medienpartner Rheinischen Post „ruhig, sachlich, konstruktiv und stets mit einem zuversichtlichen Blick nach vorne.“

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Eine gute Mischung aus Festival-Stimmung und Zukunftsthemen

Ivo Mayr / Correctiv

Dass der digitale Wandel nicht nur für den Journalismus, sondern für alle eine alltägliche Herausforderung darstellt, zeigte auch das große Interesse am Gespräch mit Guido Bülow, der Europa-Chef für Medien bei Facebook über die Verantwortung eines des größten und einflussreichsten Internetkonzerns.

Vor einem Jahr hatten wir Pech: die erste Ausgabe des Journalismus-Festival war nach tagelangem Regen im Schlamm versunken. Vielleicht hatte dieses Jahr El Marto die Sonne mitgebracht. Der Künstler reiste aus Ouagadougou in Burkina Faso an, um seine Graphic Novel „Made in Germany: Ein Massaker im Kongo“ vorzustellen und Workshops im Zeichnen anzubieten. Eine nicht ganz so weite Anreise hatte Zubeyde Sarı, die Co-Chefredakteurin unserer türkischsprachigen Redaktion #ÖZGÜRÜZ. Sie erzählte, wie sie erst Tage zuvor im Tränengas über eine Demonstration in Istanbul berichtet hatte.

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„Tut was!“ – Can Dündar von #ÖZGÜRÜZ fordert von Europa mehr Engagement für die Demokratie.

Ivo Mayr / Correctiv

Das Campfire-Festival. Das waren drei Tage vor dem Landtag am Rhein. Friedlich, ruhig und freundlich. Wir hatten über 250 Speaker, Workshops, Diskussionen und Gesprächsrunden.

Es war ein Aufbruch. Für uns bei CORRECTIV ist ein Traum in Erfüllung gegangen.

Genauso hatten wir uns das Leben in unserem kleinen Zeltdorf vorgestellt: offen und transparent; zugänglich und freundlich.

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Ivo Mayr / Correctiv

Wir sind sehr froh, dass wir für diesen Traum Partner gefunden haben. Allen voran ist sipgate zu nennen. Direkt bei dem ersten Gespräch hat es gefunkt. Wir haben die gleiche Vision: Wir wollen eine offene, transparente und selbstbestimmte Welt. Als Hauptsponsor hat sipgate das Festival möglich gemacht. Als Partner etliche Panel bespielt. Wir sagen: DANKE!

Dann müssen wir auch der Rheinischen Post danken. Als wir aus Dortmund weggegangen sind, hat Michael Bröker spontan zugesagt, in Düsseldorf mitzumachen. Und es ist toll geworden. Die Rheinische Post hat sich reingehängt. Ein Zirkuszelt auf den Platz gestellt, eine Liveredaktion aufgebaut und etliche spannende Talks organisiert. DANKE!

Und dann möchten wir der Stadt Düsseldorf danken! Unkompliziert und entgegenkommend hat sie dem Campfire-Festival den Ort gegeben: Oberbürgermeister Thomas Geisel hat den Weg zum Bürgerpark spontan frei gemacht. DANKE!!

Dann noch ein großes DANKE! an all die anderen Partner und Freunde, wie den Ankerherz-Verlag, mit dem wir den Namen ausgeknobelt haben.

Das Campfire-Festival gehört uns, es gehört Euch allen. Wir freuen uns auf das nächste Jahr!

DANKE AN EUCH ALLE!!

 

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