Das Projekt Innovation City war als großes Versprechen gestartet. Bottrop sollte zur zukunftsfähigen Stadt werden, mit privaten Investoren und öffentlicher Förderung. Bis 2020 soll Bottrop 50% weniger CO2 ausstoßen. Das war das Ziel, als Innovation City 2010 startete. Zeit für eine kleine Zwischenbilanz unseres Publishers, der selbst aus Bottrop kommt.

Wenn man die Leute von Innovation City fragt, ist das Projekt ein Riesenerfolg. Von den versprochenen 2,7 Milliarden Euro sollten rund 80 Prozent von Privatfirmen investiert werden. Die restlichen rund 600 Millionen Euro sollten aus öffentlichen Fördermitteln kommen. Wulf Bernotat, damals Vorsitzender des Initiativkreises Ruhr, hatte das Programm 2010 gestartet. Chef ist heute der frühere Oberhausener Oberbürgermeister Burkhard Drescher (SPD). Drescher ist der Mann, der das Centro verantwortet hat – und den Niedergang der Oberhausener Innenstadt. Die Forschung rund um das Bottroper Innovationsprojekt koordiniert das Wuppertal Institut für Klimaforschung. Überall in der Stadt wird an Wärmedämmungen gewerkelt. Sogar aus dem Ausland kommen Besucher. 

Alles gut also aus Sicht von Innovation City. 

Doch bei einem Blick hinter die Kulissen offenbaren sich Risse. Das Büro der Innovation City hat kaum Publikumsverkehr. Es liegt weit außerhalb der Innenstadt, am Bottroper Bahnhof, nah der Stadtgrenze nach Essen. Ich stehe jede Woche einige Male davor, auf meinem Arbeitsweg nach Essen oder auf dem Rückweg. Ich habe eigentlich noch nie jemanden reingehen sehen. Aber das will nicht viel heißen – kann ja auch sein, dass die Leute in ihrer Mittagspause die Innovation City besuchen. 

25 Mitarbeiter, davon 2 Energieberater

In den hell und modern eingerichteten Büros sitzen insgesamt zwei Energieberater. Diese beiden Menschen sollen den 100.000 Bottroper Bürgern erklären, wie sie ihr Haus möglichst CO2-arm umbauen können. Dazu machen sie auch Hausbesuche.

Zum Vergleich: In der Pressestelle der Innovation City sitzen allein fünf Leute. Drei Vollzeitkräfte und zwei Teilzeitbeschäftigte. Dazu Geschäftsführer Drescher und einige andere Leute. Nach eigenen Angaben hat die Firma im „Kernteam“ 25 Mitarbeiter. 

Der Milliardenregen ist bislang auch nicht wirklich niedergegangen. Insgesamt wurden bislang nach Angaben der Innovation City etwa 290 Millionen Euro investiert. Davon sollen rund 95 Millionen aus der öffentlichen Hand gekommen sein, der Rest aus den Kassen privater Investoren. Direkte öffentliche Förderung waren dabei aber lediglich rund 660.000 Euro. Dazu kamen verbilligte Kredite und Fördermittel von der staatlichen KfW-Bank. Ein Freund aus der Bottroper Stadtverwaltung sagte mir, dass die Gemeinde bei vielen Vorhaben nicht die notwendige Kofinanzierung auftreiben konnte. Mit anderen Worten: Die Stadt hatte zu wenig Geld, um Fördermittel für Umbaumaßnahmen abzuholen, die eigentlich verfügbar gewesen wären. Offenbar ein sehr knappes Budget.

Geld für Steinplatten

Auch die energetischen Beratungen sind offenbar nicht so toll, wie es scheint. Ein Freund von mir hat vor ein paar Wochen sein Haus umgebaut. Dabei kam ein von Innovation City vermittelter Berater vorbei. Der sagte ihm: Der Weg über den Rasen, den könne er pflastern. Das würde gefördert. Mein Freund sagte, er brauche keine Steinplatten auf dem Rasen. Auch wenn das gefördert wird. Er hat Kinder und die sollen spielen. Dann sagte der Energieberater: Die Wand könne er Wärmedämmen lassen. Mein Freund sagte, das Haus sei dafür viel zu alt. Das lohne nicht. Dann sagte der Berater, er könne es ja wenigstens streichen lassen. Das werde auch gefördert. Mein Freund hatte nichts gegen frische Farbe. Und die Stadt hat es ihm bezahlt. 

Auf Nachfrage, was Steine auf der Wiese und Farbe an der Wand mit Energie-Umbauten zu tun haben, sagte Sebastian Bittrich, einer der drei Innovation City Sprecher: Die Stadt fördere die Gestaltung der Außenhülle von Wohn- und Gewerbegebäuden sowie die Gartengestaltung über das „Haus- und Hofflächenprogramm“. Mit Innovation City habe das nur in sofern zu tun, als die Förderung im Fördergebiet der Innovation City liege.

Dreschers großer Sprung

Nun setzt die Mannschaft um Drescher zum großen Sprung an. Im Industriebeirat der Innovation City hieß es, der Erfolg in Bottrop soll nun auf das gesamte Ruhrgebiet, vielleicht sogar auf ganz Deutschland ausgeweitet werden. Der Industriebeirat, das sind Unternehmen der Region, die der Drescher-Truppe zugetan sind.

Der Industriebeirat hörte sich an, dass es EU-Fördermittel gebe, deren Verteilung anstehe. Dafür habe man ein gutes Profil. Es müssten nur mehr Leute eingestellt und auch in anderen Städten Energieberater losgeschickt werden. Stichwort „Consulting“. Einige der anwesenden Industrievertreter hatten den Personalschlüssel der Innovation City vor Augen: zwei Berater bei 25 Mitarbeitern. Dreschers Mannschaft sagte, die Nachfrage nach den Erfahrungen der Innovation City sei in Deutschland sehr groß. Deswegen könne es auch nötig werden, eine Geschäftsstelle in Berlin zu eröffnen. 

Auf Nachfrage erklärte Sebastian Bittrich, einer der Innovation City Sprecher: Ein solches Büro könne „wünschenswert“ sein – „aber leider sind wir davon noch weit entfernt.“ Die Überlegungen zum „Rollout“ und zur Personaleinstellung seien zunächst auf die 20 Ruhrgebietsquartiere beschränkt, in denen nun die Beratung für den klimagerechten Umbau losgehe. Das Geld dafür komme aus Europamitteln, die vom Land verteilt werden. Den Eigenanteil der Kommunen würde die Innovation City tragen. Die Gemeinden selbst müssten nur Personal bereit stellen. 

Fazit

Ich habe bei dem Projekt ziemlich gemischte Gefühle. Zu Beginn fand ich Innovation City sehr gut. Ich habe mir auch gedacht, dass man so einem Vorhaben viel Zeit geben muss, damit es sich durchsetzen kann. Jetzt sind gut fünf Jahre rum. Ich lebe immer noch in Bottrop. Und ich bezweifele sehr, dass sich irgendetwas Entscheidendes getan hat. Hoffentlich wird es in der zweiten Hälfte besser.

Die über 2,7 Milliarden Euro für Innovation City jedenfalls sind Public-Relation-Unfug. Das kann man schon jetzt sagen.

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