Ausgelöst von den Ereignissen in der Türkei und in den kurdischen Gebieten in Syrien wächst der Hass innerhalb der türkischsprachigen Community in Deutschland. Es kommt zu Übergriffen.

Der Hass in der türkischsprachigen Community quillt über. Nach Recherchen von correctiv.ruhr kommt es im Vorfeld einer großen Kurden-Demo in Köln am Wochenende zu heftigem Streit zwischen PKK-nahen Kurden und Anhängern der türkischen Regierungspartei AKP, die in Deutschland leben. Zusätzlich eskaliert auch noch der Konflikt innerhalb der türkischen Community zwischen Anhängern des türkischen Präsidenten Erdogan und des Predigers Fetullah Gülen. Immer wieder kommt es zu Schlägereien und Angriffen auf Einrichtungen in Deutschland. Menschen werden verletzt.

Auftritt aus Kurdistan

Besonders rund um den Aufmarsch der Kurden in Köln am Samstag bereitet sich die Polizei auf Ausschreitungen vor. Ein Kulturfest in der „Lanxess-Arena“ war zuvor auf Drängen der Kölner Polizei abgesagt worden. Die erwarteten 40.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden sich stattdessen ab 11:30 Uhr an der Deutzer Werft versammeln. Am gleichen Ort, an dem sich die Anhänger von Präsident Erdogan und Gegner des gescheiterten Militärputsches vor vier Wochen zu einer Großdemo versammelt hatten. Doch während damals eine Live-Schalte zum türkischen Staatspräsidenten von staatlicher Seite untersagt wurde, spricht auf der Kurden-Kundgebung diesmal ein Gast aus der Türkei als Hauptredner: der Parteivorsitzende der HDP Selahattin Demirtas. Die HDP ist eine legale Partei in der Türkei, die sich vor allem für die Verbesserung der Lebensverhältnisse der türkischen Kurden einsetzt.

Erst am vergangen Mittwoch wurde ein von kurdischen Studenten organisierter dreitägiger Protestmarsch von Duisburg über Düsseldorf nach Leverkusen mit Steinen und Flaschen beworfen. Nach Angaben der Polizei wurde niemand verletzt. Nach drei Tagen wurde der Marsch schließlich von der Polizei nach einer Straßenblockade aufgelöst. 

Zuvor demonstrierten etwa 300 Erdogan-Anhänger in Köln am Rande einer prokurdischen Versammlung. Auch hier kam es zu Übergriffen. Bei einer kurdischen Demonstration in Düsseldorf schlug ein Versammlungsteilnehmer einem Passanten, der „Erdogan, Erdogan“ skandierte, mit der Faust ins Gesicht.

Hassblogger

Vor allem im Internet wird der Hass geschürt. Die Angriffe auf den Straßen sind offenbar häufig das Ergebnis von Hetze in den sozialen Netzwerken. Auf der Facebook-Seite der „Kurdischen Gemeinde Deutschland e.V.” findet man beispielsweise Karikaturen, die Erdogan und die Türkei als Verbündete des IS darstellen. Auch der FDP-Politiker Tobias Huch aus Mainz beteiligt sich auf Seiten der kurdischen Community am Kesseltreiben im Netz. So schreibt Huch: „Weil die türkische Regierung den ISIS-Terroristen helfen will, fallen die USA den einzigen echten Kämpfern gegen ISIS – den Kurden – in den Rücken.“ Die USA hatten kurdische Kämpfer aufgefordert, sich zurückzuziehen.

 

Blogger Bilgili Üretmen verbrennt ein Bild von ÖcalanDer Blogger Bilgili Üretmen verbrennt ein Öcalan-Bild


Auch die der AKP nahe stehende Community hetzt. AKP-Anhänger schließen sich mit Kemalisten zusammen. So verbreitete die Facebookseite „ataTürken Offical“ ein Bild, das zwei männliche kurdische Kämpfer bei homosexuellen Handlungen zeigen soll. Der AKP-nahe Blogger Bilgili Üretmen aus Soest verbreitet Videos, in denen er wahlweise gegen Deutschland, die deutschen Medien oder die deutsche Regierung wettert: „Die deutsche Hetzpresse berichtet einseitig über Erdogan. Ihr seid die größten Terroristenunterstützer.” In einem anderen Video verbrennt er ein Bild von PKK-Chef Abdullah Öcalan. „Ihr seid feige und versteckt Bomben am Straßenrand und sorgt dafür, das unschuldige Soldaten sterben.” Im gleichen Video zeigt Üretmen kurdische Fanatiker, die auf das Bild einer türkischen Fahne spucken und diese anzünden.

 

Kurdische Fanatiker verbrennen ein Bild der TürkeifahneKurdische Fanatiker verbrennen ein Bild der Türkeifahne


Seit der Offensive der türkischen Armee im syrischen Kurdengebiet gewinnt die Entwicklung an Dynamik. Die türkischen Truppen kämpfen gegen den IS, aber auch gegen Einheiten der kurdischen Partei Partiya Yekitîya Demokrat, PYD, die der Terrororganisation PKK nahe stehen soll. Die PKK ist in der Türkei verantwortlich für viele Bombenanschläge. Bei der Demo in Köln wird der Vorsitzende der PYD, Salih Muslim, als Gast erwartet.

Im Kern dreht sich der Konflikt um die Forderung der Kurden nach einem autonomen Gebiet in Syrien. Die Türkei begreift diese Forderung als einen Angriff auf die Integrität ihres eigenen Staates. In Deutschland fordern die Türken eine Distanzierung der Kurden von der Terrororganisation PKK und ihrer Schwesterorganisationen, während die Kurden die Türkei wegen ihres Kampfes gegen die kurdische Autonomie kritisieren.

Angriffe auf Gülen-Anhänger

Gleichzeitig zu den Spannungen zwischen Türken und Kurden in Deutschland wachsen auch die Spannungen zwischen AKP-Anhängern und Vertretern der Gülen-Bewegung. Die Türkei sowie die AKP-Anhänger machen Gülen für den gescheiterten Putschversuch in der Türkei verantwortlich.

Vor allem im Internet werden aggressive Botschaften verbreitet. Auf Twitter veröffentlichte ein User ein Bild vom zweiten Vorsitzenden des „Ruhrdialog e.V“ und schrieb dazu: „Er ist der 2. Kopf der Gülen Mörder-Bande in Deutschland und versteht sich gut mit der Polizei.“ Die Bedrohungen haben Konsequenzen. Ein Gülen-Anhäger wurde in seinem Geschäft bedroht. Uns liegt ein Tonbandmitschnitt vor. „Ich fick dich du Hurensohn, sobald du einen Fuß in die Türkei setzt, erschieße ich dich.“

Die Botschaften aus dem Internet finden auch auf den Straßen Gehör. Immer öfter kommt es zu Ausschreitungen: In Duisburg warfen unbekannte Täter Steine gegen das Gebäude des „Lernzentrum Hamborn“, am gleichen Tag wurden die Scheiben des „Rheinischen Dialog und Kulturvereins” eingeschlagen. In Iserlohn wurde der „Rheinische Dialog und Bildungsverein“ angegriffen. In Gelsenkirchen wurde der Jugendtreff Harmonie attackiert und ein Jugendlicher verprügelt.

„Konflikte gehören nicht nach Deutschland“

Die Konflikte in Deutschland sorgen für Unruhe. Die CDU-Landtagsabgeordnete Serap Güler sagte zu correctiv.ruhr: „Es scheint, als sei jeder gegen jeden.” In ihrem Wahlkreis in Köln befindet sich ein Gymnasium der Gülenbewegung. Die Abgeordnete Güler berichtet, dass hunderte Kinder von ihren Eltern abgemeldet worden seien. Güler: „Diese Konflikte gehören meines Erachtens nicht nach Deutschland. Egal ob es um die türkische oder kurdische Community geht. Alle sollten meines Erachtens hier ganz andere Sorgen haben, als sich gegenseitig zu zerfleischen.”

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