CORRECTIV.Ruhr

Ein Bild geht um die Welt

Ein Schnappschuss von mir wurde fast siebentausendmal geteilt – im Facebook-Aufmerksamkeitsranking kommt das gleich nach Regierungswechel, einem Erdbeben oder dem lustigen Post übers Oktoberfest von „der-postillon“

von Christoph Schurian

Eine Nonne und eine Kopftuchträgerin auf dem Bochumer Hauptbahnhof. Ideen in der Vergangenheit, Hände am Smartphone© Christoph Schurian

Septembersonne, lange Schatten, der Zug nach Essen über Wattenscheid. Zwei Frauen warten auch, eine Nonne, eine Muslima. Zufällig nebeneinander machen sie, was alle machen auf dem Bahnsteig, Bildschirm angucken, Smartphone bedienen. Ich auch, gehe näher, drücke den Auslöser. Der Zug fährt ein, die beiden verschwinden. Ich zeige das Foto im Büro herum, es kommt an. Am Abend poste ich den Ausschnitt auf Facebook. Was dann passiert, ist unfassbar — NICHT!

Going viral

Bei FB bin ich Mitleser, heiße etwas anders, mache wenig, nutze den Zugang für Recherchen und die eigene Neugier. Ich kommentiere so gut wie nie, teile kaum und habe wenige FB-Freunde. Karteileiche. Ist aber egal. Die ersten liken, kommentieren und teilen noch am Abend meine Aufnahme. Am nächsten Tag geht das durch die Decke. Schließlich fragt Spiegel Online an, posted, genauso Jung + Naiv, Ze.tt, Keine Mensch ist illegal (ohne Herkunftsnennung) und dazu tausende Leute, die meisten aus Deutschland, aber auch viele mit ausländischen Namen, Ägypten, Georgien, Armenien, Niederlande, Italien. In einer Woche wird der Schnappschuss fast 7.000-mal geteilt, ich bekomme hunderte Freundschaftsanfragen von Menschen, die ich gar nicht kenne. Und weil ich neugierig bin, lese ich natürlich, was den Leuten zu dem Bild einfällt.

„Don’t compare“

Mir nicht viel: „Ohne Worte“ hatte ich geschrieben, das macht die Sache zugleich internationaler und verrät zugleich nichts über meine Intention. Im chinesischen Weibo taucht die Bahnsteigszene auf, in Frankreich, Großbritannien, in den USA. Auf einer Website in Nigeria wird das Bild zum Photo der Woche. Die kurze Diskussion in Westafrika ähnelt dem Meinungsbild fast überall: einigen gefällt die Aufnahme, aber „amtalkin“ ist schwer dagegen: Die eine trage ihre Uniform, der Muslima aber sei es verboten, sich nicht zu bedecken. „Licht und Dunkelheit“ könne man nicht vergleichen. „Vergleiche nicht!“ Das wird genauso auch in Deutschland gesehen.

Argumente gegen die Wirklichkeit

Die Aufnahme sei nichts als „Gutmenschenfutter“, vor der Nonne müsse man schließlich keine Angst haben. Und auch hier: Ein Vergleich verbiete sich, das eine sei Berufskleidung, die Nonne ziehe das im Schwimmbad ja wieder aus (ist das so?). Die Muslima trage das hingegen als Zeichen der Unterdrückung der Frauen. Den Kritikern fällt es aber sichtlich schwer, gegen das Foto „ohne Worte“ zu argumentieren — und damit also gegen den Alltag auf den Bahngleisen, gegen zwei junge Frauen mit Smartphone, gegen Ähnlichkeiten. Es ist ein Foto einer Szene an einem Septembermorgen in Bochum, trotzdem lese ich andauernd „versteh ich nicht?!“, „was soll das?“, „und?“ Oder das Foto wird direkt angezweifelt, es sei ohnehin nicht echt, gestellt, gefälscht und schon einmal gar nicht in Bochum aufgenommen. Hilflos. Das Foto verbreitet sich in Windeseile, genauso die Likes, allein bei SpON sind es 12.000.

Rede zur Religionsfreiheit

Das Bild macht über correctiv.ruhr bei Twitter seine Runden, auch bei Google Plus, Nachrichtenseiten, Bilderdiensten. Nach einer Woche virales Wachstum versickert dann die Begeisterung, der „Teiler“-Zähler verändert sich kaum noch, Anfragen spärlich, auch die Kommentare. Ein kurzer Hype in der sozialen Medienwelt, der mir zeigt: Es kommt auf das Motiv an, nicht die Vernetzung. Aus dem Stand können Abertausende erreicht werden, wenn es in die Landschaft passt oder nur zu einer Rede der Bundeskanzlerin auf einer internationalen Parlamentarierkonferenz zur Religionsfreiheit; – so etwas gibt es und zwar genau am vergangenen Mittwoch, dem Tag, an dem das Bahnsteigbild viral abging.

Ein lustiges Bild

Was auch spannend ist, die moralische Frage, ob es rechtens ist, das Bild zu posten, ohne die Frauen um Erlaubnis zu fragen. Ist es nicht. Und tut mir auch leid. Aber ich habe mich trotzdem so entschieden: Das Gesicht der Nonne ist kaum zu sehen, auch die Frau mit Kopftuch wird auf der Aufnahme wohl nur von Freunden und Bekannten erkannt; auch dabei helfen ja die Bedeckungen. Und: Es ist eine ganz und gar unverfängliche Szene, das Bild ist vor allem lustig, weil es zeigt, wie wir durch das Smartphone miteinander verbunden sind, alle, immer und zur Zeit sechstausendachthundertachtzigmal geteilt.