Thomas Feltes von der Ruhr-Universität forscht seit Jahrzehnten zur Entwicklung von Kriminalität. Seine Studien zeigen: Obwohl die Verbrechensrate tendenziell sinkt, steigt das subjektive Unsicherheitsgefühl. Was das Volk beunruhigt, ist für die Politik jedoch ein willkommenes Thema. Auch die Polizeigewerkschaften sind mit konstruktiven Vorschlägen schnell dabei. Der Forscher weiß, ihre Einsätze und Arbeitswirklichkeit ziehen an den Beamten nicht spurlos vorbei.

 

 

An großes Medieninteresse ist Thomas Feltes gewohnt, erst recht in den vergangenen Monaten. Nie zuvor habe der Bochumer Kriminologe so viele Anfragen bekommen, sagt er, ob zu übergriffigen Clowns, Terror-Fahndung, Pannen im Strafvollzug, Straftaten in der Kölner Silvesternacht, Einbruchswellen, No-Go-Areas im Ruhrgebiet oder Angriffe auf Polizisten.

Dabei passt Feltes als Experte nicht zum allgemeinen Sicherheits-Hype. Die Konjunktur von Sicherheitsfragen basiere kaum auf Fakten, sagt er, tendenziell sei Kriminalität rückläufig. Doch subjektiv werde das anders wahrgenommen.

Bochumer Paradoxie

Seit 1975 untersucht Feltes mit seinem Team dieses Paradoxon. Am Beispiel der Stadt Bochum wurde dazu in vier Untersuchungen die Kriminalstatistik ausgewertet und jeweils bis zu 3.500 Einwohner gefragt: Ob sie im vergangenen Jahr Opfer einer Straftat geworden seien, wie sie die Sicherheit in der Stadt und wie die Arbeit der Polizei beurteilen. Im Spätsommer legten die Wissenschaftler ihre neuste Untersuchung vor: „Bochum 4“. Das Ergebnis: Gegenüber der dritten Studie von 1996 haben 2016 weniger Menschen Kriminalität erlebt.

Doch die Gefühlslage ist anders. „Wir haben schon lange darauf hingewiesen, dass es diesen wichtigen Unterschied gibt zwischen subjektivem Eindruck und offiziellen Zahlen“, sagt der Rechtsprofessor – seinerzeit habe es für dieses Phänomen noch kaum Interesse gegeben; heute ist das anders.    

Bedrohliche Themen

Das Bochumer Paradox ist eigentlich eine Frage für Psychiater. Trotzdem versucht sich der Jurist und Sozialwissenschaftler Feltes an Erklärungen. Deutschland habe eine höhere Neigung zur Furcht: „Die Deutschen sind ängstlicher als Menschen etwa in Italien, Frankreich oder Spanien.“

Zur gefühlten Unsicherheit würden allgemeine Probleme beitragen, die mit Kriminalität erstmal nichts zu tun hätten: Die Zahl von Flüchtlingen, die sich beschleunigte Globalisierung, dazu die Krise der Europäischen Union. Außerdem klaffe die Schere zwischen arm und reich, vielen Menschen drohe die Altersarmut – alles Themen, die sich in einem Bedrohungsgefühl ausdrückten, in einer Furcht vor Zuwanderung, vor Kriminalität. Auch Politik und Medien drehten gemeinsam weiter an der Spirale. Für Politiker sei Sicherheitspolitik ein willkommenes Thema mit einem klarem Gegner und klaren Zielen: weniger Kriminalität, mehr Polizei, härtere Gesetze, mehr Kompetenzen für Ermittlungsbehörden.

Zweifelhafte Überwachungskameras

Ein aktuelles Beispiel hierfür ist das „Videoüberwachungsverbesserungsgesetz“ aus dem Bundesinnenministerium, das für mehr Videoaugen im öffentlichen Raum sorgen soll. Für Feltes eine wenig sinnvolle Idee: Alle empirischen Untersuchungen etwa aus England würden zeigen, dass mehr Kameras nicht weniger Kriminalität brächten. Gewalttäter ließen sich nicht von Kameraobjektiven abschrecken. Und für Strafermittlungen seien die Aufnahmen auch nicht hilfreich – bei den Untersuchungen der Kölner Sylvestervorfällen hätten Videoaufzeichnungen nichts gebracht. Kameras würden eigentlich nur auf Parkplätzen eine Wirkung haben, auf überwachtem Gelände würden weniger Autos gestohlen. 

„Rainer Wendt ist kein Polizist!“

„Law and Order“-Vorschlage kommen auch aus Reihen der Polizei. Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft DPolG, der Duisburger Rainer Wendt, tritt ständig in der Öffentlichkeit mit starken Sprüchen gegen die „Kuscheljustiz“ oder „parlamentarische Wichtigtuer“ auf. Mit seinem neusten Buch will der Polizeibeamte beweisen, „wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt“. Feltes hält davon nichts: „Herr Wendt ist kein Polizist, der ist Funktionär, sein letzter Einsatz wird Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurückliegen.“

Feltes setzt aber dennoch auf mehr Stimmen aus der Polizei. Sein Vorschlag: Warum äußerten sich die Polizeipräsidenten im Ruhrgebiet nicht zur Sicherheitslage in den Städten und den Problemen in Brennpunkten. Dann würde deutlich wie eng soziale Probleme, Kriminalitätsrate und auch die Gesundheitszustand zusammen hingen.

Fragwürdige Gesinnung bei Polizisten

„Die Polizei ist eine wichtige gesellschaftliche Kraft, die sich mehr einbringen muss“, meint der Forscher von der Ruhr-Universität. Es sei ihr aber von der Politik leider eine andere Rolle zugeschrieben worden, als „Büttel des Staates“. Polizisten hätten keine Meinung zu haben, keine Meinung zu äußern. Dabei seien Polizisten besonders mit den sozialen Problemen konfrontiert, die die Politik zu verantworten habe. Das mache sich im Weltbild der Polizisten bemerkbar; – zuletzt wurde bekannt, das zwei Beamte aus NRW den rechtsextremistischen  „Reichsbürgern“ angehörten. In Dresden wünschte ein Polizist Pegidisten „viel Erfolg“.

Zur politischen Einstellung der Polizisten gibt es zwar keine Umfragen. Doch für Feltes ist klar, wenn in der Gesamtgesellschaft 20 Prozent mit rechten Ideen sympathisierten, dann falle diese Zahl in einer eher konservativen, hierarchischen Organisation sicherlich nicht niedriger aus. Bei der Einstellung in den Polizeidienst würden Bewerber mit extremistischen Postionen aussortiert. Doch die Weltsicht verändere sich mit dem Dienst: Polizisten erlebten die Gesellschaft eben anders als die meisten anderen Menschen, vor allem die Schattenseiten.

 

Das ganze Interview mit Prof. Thomas Feltes:

 

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