Der Bergbau hat über Jahrzehnte hinweg die Erde erbeben lassen. Auch heute noch werden die Menschen in manchen Regionen des Ruhrgebiets von Erdbeben erschüttert. Betroffene organisieren sich, die Ruhrkohle AG versucht die Schäden zu regulieren. Eine Übersicht – von Anfang der 1980er bis heute.

Am frühen Morgen gibt es plötzlich einen dumpfen Knall. Für einen Moment wackeln die Wände, der Dachstuhl bebt. Rollläden poltern gegen die Fenster, Gläser und Geschirr im Schrank klirren, Betten und Regale bewegen sich rappelnd von der Wand. Nach ein paar Sekunden ist alles vorbei. So berichten Augenzeugen von einem Erdbeben, das sich am 28. Mai 2016 in Bottrop-Kirchhellen ereignete.

Kleinere Erdbeben sind im Ruhrgebiet seit Jahrzehnten immer wieder zu spüren. Jedoch sind die meisten kaum messbar und nur die wenigsten richten tatsächlich Schaden an. Das Beben in Bottrop-Kirchhellen hatte eine Stärke von 3,3 und war noch bis nach Gelsenkirchen und Oberhausen spürbar. Damit war es eines der stärksten Erdbeben der vergangenen Jahre.

Betroffene organisieren sich

Doch auch, wenn die Beben kleiner ausfallen, keine physischen  oder Sachschäden entstehen, für die Bewohner sind die Beben trotzdem eine Belastung. „Das hat nichts damit zu tun, dass man friedlich irgendwo wohnt. Meine Frau wollte ausziehen“, erklärt Karlheinz Röcher. Er lebt in Bergkamen, in einer ehemaligen Zechensiedlung.

In den 1990er hatte Röcher dort eines der Häuser erworben und restauriert. Ein sicheres Geschäft, wie ihm schien. Schließlich war der nahe gelegene Schacht 3 der Zeche Werne bereits in den 1930er Jahren stillgelegt worden. Allerdings arbeiteten sich die Schächte der umliegenden Zechen ins Gebiet der Zeche Werne vor. Zwischen 2004 und 2010 kam es in Bergkamen etwa zehntausend Mal zu Erschütterungen. Das zerrt an den Nerven. Deswegen gründete Röcher 2005 zusammen mit anderen Betroffenen den Aktionskreis Wohnen und Leben Bergkamen e.V.

Den Beben auf der Spur

Das Seismologische Observatorium in Bochum misst die Erschütterungen seit den 1980er Jahren - zunächst nur von Bochum aus. Später kamen dann auch Messstationen an den aktiven Zechen dazu. Denn ein Großteil der Beben im Ruhrgebiet wird durch den Bergbau verursacht, erklärt Dr. Kasper Fischer, Leiter des Observatoriums.

Die Karte zeigt nur alle Beben ab einer Stärke von 0,8, die seit 1983 gemessen wurden. Schwächere Beben konnten die Wissenschaftler damals in Bochum nicht verlässlich erfassen. Die Messungen wurden später genauer, als nach und nach weitere Messstellen an den Zechen installiert wurden, sie aber mit in die Darstellung einfließen zu lassen, würde die Daten verfälschen.

Auf die Tiefe kommt es an

Die Mikrobeben finden in Tiefen von circa 1000 bis 1500 Metern statt – dort wo auch die Kohle abgebaut wird. Das Zentrum von natürlichen Beben liegt im Gegensatz dazu oft in Tiefen von 10 bis 15 Kilometern. Die geringere Tiefe sorgt dafür, dass auch kleinere Beben an der Oberfläche noch spürbar sind. Die Wissenschaftler unterscheiden deshalb zwischen Magnitude und Intensität.

Die Magnitude gibt an, wie stark das Erdbeben an dem Ort war, an dem es ausgelöst wurde. Die Intensität beschreibt, wie stark das Erdbeben an der Oberfläche zu spüren ist. Sie hängt unter anderem von der Entfernung zum Epizentrum, der Tiefe des Bebens und der Bodenbeschaffenheit ab.

Der Großteil der Erdbeben ist gerade eben spürbar, nur wenige Beben erreichen eine Stärke von 2 oder höher. Gebäudeschäden sind erst bei Magnituden über 4 zu erwarten.

Magnituden

Zeitraum: 1983-2016 | Daten (Github): des Seismologischen Observatorium der Ruhr-Universität Bochum | Gesamtzahl der Erdbeben: 13620

Mikrobeben, die so stark sind, dass sie tatsächlich physische Schäden anrichten, sind selten. Doch unter Umständen verschlimmern sie vorhandene Schäden, wie Risse in der Fassade. In diesen Fällen kommt die Ruhrkohle AG (RAG) für die Schäden auf.

Deswegen sind auch Schäden durch Beben, die auf den Bergbau zurückzuführen sind, schwer zu erfassen, erklärt Beike. Insgesamt 25.000 bis 30.000 Schadensmeldungen erreichen die RAG jährlich. Wenn es zu Unstimmigkeiten zwischen der RAG und den Geschädigten gehe, ginge es meist um die Höhe der Schadensregulierung, sagt ein Schlichter der Schlichtungsstelle Bergschaden NRW in Essen, die in solchen Fällen vermittelnd zum Einsatz kommt. Laut RAG beläuft sich die Schadenshöhe in der Regel auf 5000 bis 10.000 Euro.

Ein beklemmendes Gefühl

Doch auch, wenn nichts zu Bruch geht, sind die Beben für Anwohner alles andere als angenehm – besonders nachts. „Man ist erschreckt – und das immer wieder. Man hat das Gefühl, man wohnt da nicht ruhig zuhause”, sagt Röcher. “Das Zuhause ist erstmal weg, so habe ich es empfunden.“

„Wir versuchen die Angst zu nehmen“, sagt Christoph Beike, Pressesprecher der RAG. “Aber wir sind uns darüber bewusst, dass ein unangenehmes Gefühl bleibt.” Verhindern lassen sich die Erschütterungen nicht. Sie gehören zum Bergbau dazu. Und so misst auch die RAG die Erdbeben und versucht im Voraus zu informieren, wenn Bergarbeiten in einem besonders anfälligen Gebiet anstehen.

Ursache Bergbau

Der Bergbau setzt die Erde um die Schächte herum stark unter Spannung. Wenn diese Spannungen zu groß werden, kommt es zu Brüchen im Gestein. An den Bruchstellen verschieben sich Gesteinsschichten von einigen Metern Dicke um ein paar Millimeter gegeneinander. Diese Verschiebung ist der Ursprung der Erdbeben. Die Mikrobeben sind also eine direkte Folge des Bergbaus. Die zeitliche Verteilung der Erdbeben macht das besonders deutlich.

Erdbeben im Wochenverlauf

Zeitraum: 1983-2016 | Daten (Github): Seismologisches Observatorium der Ruhr-Universität Bochum | Gesamtzahl der Erdbeben: 26136

Am Wochenende - wenn weniger oder gar nicht gearbeitet wird - geht die Anzahl der Erdbeben stark zurück. Zur Wochenmitte hin nehmen die Beben wieder zu. Genauso ist die Zahl der Erdbeben in den frühen Morgenstunden gering. Mit einer Verzögerung von wenigen Stunden nimmt die Anzahl der Beben also ab, wenn nicht oder nur wenig gearbeitet wird.

Erdbeben im Tagesverlauf

Zeitraum: 1983-2016 | Daten (Github): des Seismologischen Observatorium der Ruhr-Universität Bochum | Gesamtzahl der Erdbeben: 26136

Kein Bergbau - keine Beben

Der starke Zusammenhang zwischen dem Bergbau und den Erdbeben zeigte sich auch, als das Bergwerk Ost bei Hamm am 30. September 2010 den Betrieb einstellte. Innerhalb einiger Monate gingen die Erdbeben fast vollständig zurück. Zuvor war die Region um Hamm ein regelrechter Erdbeben-Hotspot gewesen. Die Schließung der letzten Zeche im Ruhrgebiet, Prosper-Haniel, ist für 2018 geplant. Daraufhin werden wohl auch die Erdbeben langsam verschwinden. Die RAG geht davon aus, dass sich der Großteil der Spannungen innerhalb eines Jahres nach der Schließung abbaut.

Problem Grubenwasser

Zuvor könnte der geplante Grubenwasseranstieg jedoch noch einmal für mehr Erdbeben sorgen. Derzeit pumpt die Ruhrkohle AG an mehreren Stellen im Ruhrgebiet Grubenwasser aus den Schächten der bereits stillgelegten Zechen. Dabei muss das Grubenwasser teils aus 1.000 Metern Tiefe befördert werden.

Wenn Prosper-Haniel den Betrieb eingestellt hat, soll das Grubenwasser vieler ehemaliger Zechen im mittleren Ruhrgebiet zusammenfließen und nur noch an einer Stelle im Süden abgepumpt werden. Dadurch spart die RAG viel Geld. Denn die Schächte der südlichen Zechen reichen weniger tief als die der nördlichen. Entsprechend muss das Grubenwasser dort nur um 500 Meter angehoben werden. Wenn nun auch das Wasser der nördlichen Zechen dort abgepumpt werden soll, muss der Wasserspiegel des Grubenwassers auf das Niveau der südlichen Schächte angeglichen werden.

Sorge um die Trinkwasserqualität

Der Grubenwasseranstieg ist umstritten. Einige Bürgerverbände fürchten um die Qualität des Grundwassers. Das befindet sich in Erdschichten weit oberhalb der Schächte - und damit des Grubenwassers. Die Befürchtung ist, dass das Grundwasser durch den Anstieg mit dem Grubenwasser in Kontakt kommen könnte. Das würde die Wasserqualität beeinflussen, da das Grubenwasser mehr Salze und unter Umständen Schadstoffe enthält. Zu einer Vermischung des Grubenwassers mit dem Grundwasser könne es jedoch nicht kommen, erklärt Tassilo Terwelp. Bei der Bezirksverwaltung Arnsberg, der Aufsichtsbehörde für den Bergbau im Ruhrgebiet, ist er für das Thema Grubenwasseranstieg verantwortlich.

Der Anstieg könnte jedoch dazu führen, dass sich der Boden um wenige Zentimeter hebt. In den Abbaugebieten hat sich die Erde über die Jahre oft um mehrere Meter abgesenkt - auch eine Folge des Bergbaus. Sollte das ansteigende Wasser den Boden um die Schächte aufschwämmen, wären neue Spannungen in den Erdschichten rund um die Schächte die Folge. Diese könnten wiederum erneut zu Mikrobeben führen.

Stille fürs Ruhrgebiet

Eine ähnliche Entwicklung konnte im Saarland beobachtet werden. Jedoch geben sowohl Terwelp, als auch Fischer vom Seismologischen Observatorium zu bedenken, dass der Effekt im Ruhrgebiet kleiner sein dürfte. Grund dafür sei die Emscher Sohle: eine elastische Erdschicht zwischen der Oberfläche und der karbonhaltigen Erdschicht, in der die Kohle abgebaut wird. Eine solche Schicht gibt es im Saarland nicht.

In jedem Fall dauert es noch ein paar Jahre bis im Erdreich unter dem Ruhrgebiet endlich Stille einkehrt. Bis dahin werden die Bewohner des Ruhrgebiets wohl noch einige Male von klappernden Tassen und wackelnden Möbeln geweckt.

In Bergkamen hat Karlheinz Röcher seit 2010 seine Ruhe. Genießen wollen er und sein Aktionskreis sie dennoch nicht. Die Folgen des Bergbaus aufzufangen sei nur eine Seite, sagt er, man müsse auch den Blick in die Zukunft richten: "Kohle, fossile Energie - das war die Zeit damals, aber heute müssen wir uns um Dinge wie den Klimawandel Gedanken machen. Deshalb setzten wir uns auch für erneuerbare Energien ein."

Wie es zum Projekt „Der Pott bebt“ kam

Weitere Infos und Hilfe bei Schäden:

Bürgerinformationsdienst der RAG

Bergbaufolgen Regierungsbezirk Arnsberg

Jens Skapskis Erdbebennews

Schlichtungsstelle Bergschaden NRW

Landesverband Bergbaubetroffener in NRW


 

Steal our Story

Bedient Euch! CORRECTIV.RUHR ist gemeinnützig. Wir wollen, dass möglichst viele Menschen von unseren Recherchen erfahren. Deshalb freuen wir uns, wenn Ihr unsere Geschichten nutzt, mitnehmt, weiterverbreitet. Ihr könnt alles verwenden, was Ihr hier downloaden könnt, für Euren Blog, Euer Online-Medium, Zeitung oder Radio: kostenlos. Hier steht, wie das genau geht.