Ein Streit auf dem Fußballplatz wird zur Massenschlägerei. Anschließend flüchten 40 Jesiden aus einem Wohnblock in Herne. Die beteiligten Libanesen halten das für richtig. In der Siedlung scheint das Recht des Stärkeren zu gelten. Die Polizei kann jedoch keine Auffälligkeiten erkennen. Der Stadt sieht das ähnlich.

„Die können irgendwo hingehen, nicht mehr wiederkommen, und fertig“, sagt Issam El-Lahib. Der libanesische Familienvater wohnt in der Hochhaussiedlung an der Emscherstraße in Herne-Wanne, aus der nach Auseinandersetzungen im vergangenen Jahr rund 40 Jesiden geflohen sind. „Normalerweise läuft das so ab, dass ich dich schlagen muss, wenn du mich schlägst. Darum haben wir denen gesagt, geht besser weg.“

El-Lahib kommt ursprünglich aus Beirut, der Hauptstadt des Libanons. Im libanesischen Bürgerkrieg ist er als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Auch viele seiner Nachbarn sind Libanesen. „Wir sind alle miteinander verwandt. Wir sind eine große Familie“, sagt El-Lahib. „Insgesamt wohnen wir hier in 20 Wohnungen.“ Der Problemwohnblock an der Emscherstraße erstreckt sich über die Hausnummern 82 bis 96 – jeweils mit etwa zwei Dutzend Mietparteien. Die sechs jesidischen Familien lebten in den Häusern 84, 86 und 88.

Fußball-Konflikte und ein gebrochener Arm

El-Lahib selbst sei nicht dabei gewesen, als es am Ostersonntag im vergangenen Jahr zur Massenschlägerei auf dem Fußballplatz kam, er war arbeiten. Mehrere Verwandte von ihm seien aber beteiligt gewesen. Anfangs, so erzählt er, hätten libanesische Kinder Fußball gespielt, genauso wie einige Jesiden. Und irgendwann habe es Streitereien um den Ball gegeben. Jemand habe zu fest geschossen, jemand anders habe sich beschwert. Fußball-Konflikte.

„Und dann sind mehrere Jesiden auf die libanesischen Kinder losgegangen“, sagt Issam El-Lahib. Wie genau sich die Stimmung hochgeschaukelt hat, ist schwer zu beurteilen. Jede Partei äußert ihre eigene Version der Vorkommnisse. Am Ende, sagt El-Lahib, habe ein libanesischer Junge einen gebrochenen Arm gehabt. Die Polizei berichtete am Tag nach der Schlägerei, dass einige Personen zur Behandlung in umliegende Krankenhäuser gebracht werden mussten.

Das sagen die geflüchteten Jesiden

Die beteiligten Jesiden stellen die Vorfälle grundlegend anders dar. „Die Libanesen haben uns angegriffen“, sagt ein junger Jeside. Er wohnt längst nicht mehr im Ruhrgebiet. Er ist geflüchtet, weil er Angst hatte. Darum will er auch heute noch anonym bleiben. Er berichtet, dass die libanesischen Angreifer schnell „Verstärkung“ gehabt hätten. Auf der nahen Hammerschmidtstraße hätten zwei Autos gehalten. „Die haben uns angegriffen, die kamen von allen Seiten“, sagt der junge Mann. Für ihn ist klar: Die libanesischen Nachbarn haben angefangen, sie waren die Aggressoren. Er glaubt, der Angriff sei geplant gewesen.

Schon kurz nach der Schlägerei sind die jesidischen Bewohner aus dem Wohnblock geflüchtet. Mit Autos ging es erst zu Verwandten in der Region. In einem Vereinsheim in Gelsenkirchen haben sie sich dann am Tag darauf mit Vertretern des Zentralrats der Jesiden getroffen und beraten. Sie alle sind dauerhaft aus Herne weggezogen. 40 Personen aus sechs Familien. Mehr als die Hälfte davon sind Kinder und Jugendliche. Sie sagen, sie wurden massiv bedroht und als „Ungläubige“ und „Teufelsanbeter“ beleidigt. In das Wohnungsfenster einer Familie wurde nach der Schlägerei ein Stein geworfen.

Auch in der Zeit davor seien sie immer wieder aufgrund ihrer Religion beleidigt und auch von Balkonen mit Eiern beworfen worden, sagt der junge Jeside. Issam El-Lahib gesteht zumindest ein: „Kinder sind Kinder.“ Da mag es also schon mal zu Vorfällen gekommen sein. Zumindest, sagt er, seien aber nie libanesische Erwachsene auf jesidische Kinder losgegangen.

Jede Partei hat ihre Version der Geschehnisse

Für Issam El-Lahib gingen die Aggressionen von den Jesiden aus. Auch vor der Schlägerei im März habe es immer wieder Probleme gegeben. Ein oder zwei Mal hätten Jesiden libanesische Kinder geschlagen.

„Einmal ist ein jesidischer Vater zu mir gekommen, um sich über meinen 12-jährigen Sohn zu beschweren“, erzählt El-Lahib. „Mein Sohn hat böse Wörter über deren Religion gesagt. Der hat nicht verstanden, warum die eine andere Religion haben als wir.“ Er habe dann mit seinem Sohn gesprochen, erklärt der Familienvater. „Ich habe ihm gesagt, rede nicht mit denen, spiel nicht mit denen, hab gar keinen Kontakt mit denen!“

„Die können von mir aus an den Satan glauben.“

El-Lahib habe aber kein Problem mit den Jesiden und ihrer Religion. „Die können meinetwegen an einen Satan oder irgendwas anderes glauben. Ich bin Muslim, das reicht mir“, erklärt er.

„Nach der Schlägerei haben wir denen gesagt, dass sie hier nicht bleiben können“, sagt er weiter. Bedroht worden seien die Jesiden nicht, behauptet er. Wären sie aber in der Siedlung wohnen geblieben, hätte es immer wieder neue Schlägereien gegeben, da ist er sich sicher. Tatsächlich haben die jesidischen Familien die Siedlung noch am Tag der Massenschlägerei fluchtartig verlassen. „So ist das auch locker für die“, sagt Issam El-Lahib. „Wir haben länger hier gewohnt als die. Darum mussten die gehen.“ Wären die Jesiden in die Siedlung zurück gekommen, hätten junge Libanesen sie geschlagen, glaubt er.

Polizei sieht keinen Problemwohnblock

Aus polizeilicher Sicht sei der Wohnblock nicht besonders auffällig, sagt Frank Lemanis, Pressesprecher der zuständigen Polizei Bochum. „Zumindest nicht mehr oder weniger auffällig, als andere Wohnblöcke, in denen sozial schwache Menschen und Menschen aus verschiedenen Kulturen leben.“ Vor mehreren Wochen habe die Behörde die Fallzahlen in der Siedlung ausgewertet. Das Ergebnis, so Polizeisprecher Lemanis: „Es gibt in der Siedlung zwar Polizeieinsätze, aber nicht in einer Häufigkeit, die für uns besonders wäre.“

Dass es dort ein Dunkelfeld gibt, und Anwohner „Dinge selber regeln“, kann Lemanis allerdings nicht ausschließen. Darauf angesprochen, dass im Streit libanesischer und jesidischer Nachbarn offenbar das Recht des Stärkeren gesiegt habe, sagt er: „Wenn das so ist, wäre das fatal. In diesem Tenor ist mir das aber nicht bekannt.“ Nach der Massenschlägerei sei die Polizei rund um den Wohnblock vermehrt Streife gefahren. Und auch heute hätten die Beamten durchaus ein Augenmerk auf die Siedlung.

„Wir wissen da nichts drüber.“

Die Hausnummern 84, 86 und 88, in denen die sechs jesidischen Familien gewohnt haben, bilden gemeinsam eine Seite des Wohnblocks. Von hier schaut man direkt auf den Fußballplatz nebenan. Hinter der Eingangstür der Hausnummer 88 liegt ein Treppenhaus, von dem auf jeder Etage verwinkelte Hausflure abgehen. Die meisten wirken in die Tage gekommen, ungepflegt, ausladend.

Im zweiten Stock öffnet eine Frau die Wohnungstür, sie spricht kaum deutsch, ihr Sohn dolmetscht für sie ins Türkische, worum es geht. „Wir wissen da nichts drüber“, übersetzt er zurück ins Deutsche.

„Da oben wurde ein Stein ins Fenster geworfen.“

Ein Stockwerk höher wird die Tür zuerst von einem kleinen Jungen geöffnet. Kurz später stehen seine Mutter und sein älterer Bruder neben ihm. „Ja das habe ich mitbekommen, mein Mann war an der Schlägerei beteiligt“, sagt die Frau. Ob ihr Mann zu sprechen wäre? Sie geht kurz in die Wohnung, kommt dann zurück. „Mein Mann will dazu nichts sagen“, erklärt sie nur, und schließt die Tür wieder.

Noch eine Etage darüber wohnt die Familie Yalcin. Mohamed Yalcin und seine Mutter Ipek haben die Schlägerei im vergangenen März aus dem Fenster beobachtet. „Die haben sich geprügelt und dann kam ganz viel Polizei“, sagt Mohamed, der für seine Mutter dolmetscht. „Die einen sind danach umgezogen“, erinnert er sich.

Mohameds Schwester Helin kommt kurz später nach Hause. „Da oben wurde ein Stein ins Fenster geworfen“, sagt sie und zeigt auf eine Wohnung im ersten Stock, direkt über dem Hauseingang. „Ich habe auch gehört, dass die Jesiden wegen ihres Glaubens beleidigt wurden“, erzählt sie.

„Weißt du, das ist halt so.“

Nicht alle im Wohnblock wollen über die Vorfälle sprechen. Auf der Einfahrtsstraße zur Siedlung stehen zwei junge Männer und unterhalten sich. Auf die Schlägerei im letzten Jahr angesprochen, reagiert einer der beiden direkt aggressiv. „Geh weg“, brüllt er nur, als er das Wort “Jesiden” hört. Auf die Nachfrage, warum er nicht darüber sprechen möchte, wiederholt er seine Worte nur noch lauter und unterstreicht sie mit einer drohenden Handgeste, die aus der Siedlung hinaus weist.

Sein Begleiter lässt später doch noch mit sich reden. „Der ist selber Libanese und war an der Schlägerei damals beteiligt“, erklärt er. „Von denen wirst du hier nichts erfahren.“ Er selber will sich zu den Vorfällen auch nicht äußern. „Das ist schon so lange her. Weißt du, das ist halt so“, sagt er nur.

Großes Schweigen

Die Herner CDU-Ratsfraktion stellte die Situation im Wohnblock in einer Pressemitteilung im November 2016 anders als die Polizei dar. Es regiere dort das Faustrecht, Gewalt und Aggressionen stünden auf der Tagesordnung, heißt es in dem Schreiben. Momentan will sich von der Fraktion jedoch niemand mehr zu den Vorgängen an der Emscherstraße äußern. „Wir haben alles dazu gesagt“, heißt es nur.

Die Fraktion verweist auf eine Sitzung des Haupt- und Personalausschusses der Stadt Herne am 21. Februar. Dort habe man das Thema auf die Tagesordnung gesetzt. Die CDU-Fraktion fordert einen detaillierten Sachstandsbericht von der Stadt und will die Vorgänge in der Sitzung diskutieren.

Es wurde gesagt, was es zu sagen gab

Auch die Stadt Herne äußert sich noch immer nicht ausführlicher zu den Vorgängen. Der Wohnblock sei ordnungsbehördlich nicht besonders auffällig und schon gar kein „rechtsfreier Raum“, teilt Stadtsprecher Christoph Hüsken CORRECTIV.RUHR mit. Die einzige geplante Aktivität der Stadtverwaltung im Wohnblock ist ein Runder Tisch am 23. März. Dort wolle man mit den Bürgern ins Gespräch kommen.

Zur Vertreibung der Jesiden sagt er lediglich: „Wir haben dazu bereits kommuniziert, was wir zu kommunizieren haben. Gegenwärtig habe ich da keine weiteren Aussagen zu.“ Es bleibt also dabei: Die Stadt Herne weiß offiziell von nichts.

Das Problem wird totgeschwiegen

Auch sonst ist es schwierig an Informationen und Einschätzungen zur Lage an der Emscherstraße zu kommen. Mehrere Personen, die mit den Vorgängen vertraut sind, wollen sich nicht öffentlich äußern. Das bestätigt auch der Landtagsabgeordnete Thomas Nückel (FDP), der in der vorletzten Woche mit einer Pressemitteilung auf die Vorfälle hingewiesen hat. „Ich habe das Gefühl, dass das an vielen Stellen totgeschwiegen wird. Es wirkt auf mich, wie eine Mischung aus Angst und Maulkorb von oben“, sagt er gegenüber CORRECTIV.RUHR.

Ob die Bedrohungen und die religiösen Beschimpfungen, die dem Auszug der Jesiden aus dem Wohnblock vorangegangen sind, tatsächlich eine einseitige Attacke waren, oder ob es sich um gegenseitige Auseinandersetzungen gehandelt hat, das ist von außen schwer zu klären. Fest steht aber: Die stärkere Gruppe hat gesiegt, die unterlegene ist fluchtartig umgezogen. Trotzdem ist die Emscherstraße weder für die Polizei noch die Stadt ein Problemwohnblock.

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Hintergrund: Stadt war über Auszug der Jesiden informiert (CORRECTIV.RUHR)

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