Ihr Thema ist eines der großen im Wahlkampf geworden, bringt Regierung wie Herausforderer ins Schlingern – und Menschen auf die Straße. Hinter der Elterninitiative „G9 jetzt NRW“ und ihrem Verein stehen Hausfrauen, ehemalige Rennfahrer und Stadtangestellte, langjährige Umweltschützer, Konservative und überzeugte Marxisten. Zusammen haben sie das erste nordrhein-westfälische Volksbegehren seit 39 Jahren auf den Weg gebracht: Für eine Rückkehr zu neun Jahren Gymnasium nach den alten Spielregeln. Die fünfte Folge unserer Serie „G8 oder G9“.

Und wieder hat Gregor Schmitz bis nach Mitternacht am Rechner gesessen und „gepfefferte Briefe“ geschickt, diesmal an SPD-Ortsverbände. „Die Penetranz und Aggressivität, mit der unsere Initiative angegangen wird, hat mich überrascht“, sagt der pensionierte Gymnasiallehrer aus Menden im Sauerland. „Im ganzen Land kursieren Unterstellungen, offenbar gezielt gestreut.“ Der 65-Jährige hat den Verein „Mehr Zeit für Kindheit und Jugend“ als einer von Neun mitgegründet. Im Ruhestand hat er Zeit für politische Arbeit  – für ein Thema, das er als Lehrer von innen kennt: die verkürzte Schulzeit für Gymnasiasten, G8 genannt.

Den Verein gibt es erst seit 2016. Die viel bekanntere Elterninitiative dahinter, „G9 jetzt NRW“, ist schon drei Jahre älter. Bereits 2015 hatte sie eine Volksinitiative gegen die verkürzte Schulzeit am Gymnasium mit rund 100.000 gesammelten Unterschriften in den Landtag gebracht. Ihr Thema, für das der Sauerländer Pensionär mehrmals in der Woche Leserbriefe tippt: Kinder am Gymnasium brauchen mehr Zeit zum Lernen, kein Zwang zum Ganztag. 

Kritik und Gegenwind bleiben nicht aus. Im Wahljahr arbeitet die Initiative an NRWs erstem Volksbegehren seit 39 Jahren – einem großen politischen Druckmittel mit entsprechend hohen Hürden: 1,1 Millionen Unterschriften von wahlberechtigen NRW-Bürgern müssen auf Papier gesammelt werden. Selbstorganisiert und selbstfinanziert. Deshalb auch die Vereinsgründung.

Auf der Straße stehen und Unterschriften sammeln, Menschen ansprechen und überzeugen, neue Helfer rekrutieren und betreuen, Pressearbeit, Spendenakquise, Austausch mit Parteipolitikern, Gegenwind aushalten – wer macht das heutzutage in seiner Freizeit und warum? Wer sind die Menschen hinter dem Volksbegehren, das überall im Land für Wirbel sorgt, das Thema in alle Parteiprogramme gehievt hat?

Menschen, über die manche auch in diesem Ton diskutieren: „Bei einer Veranstaltung (...) kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Propagandisten des Volksbegehrens ‘G9 jetzt’ und einem Vertreter der integrierten Schulen.“ Gegen die die NRW-Grünen schon kurz nach dem Start ihren Ortsverbänden Argumentationshilfe anbot.

CORRECTIV.RUHR hat sich auf Spurensuche unter den Aufständischen der Gymnasien-Eltern gemacht – und ein politisch bunt gemischtes Sammelbecken gefunden: Fast alle haben Kinder am Gymnasium, haben sie und ihre Freunde gestresst erlebt. Einige sind Hausfrauen, andere selber Lehrer, Selbstständige, pensionierte Opelaner, Verwaltungsangestellte. Einer war schon mal CDU-Mitglied, ein anderer findet die Piraten gut, dann gibt es überzeugte Umweltschützer, Bundeswehroffiziere und einen Marxisten, während wieder andere hier zum ersten Mal Politik machen.

In einer gemeinsamen politischen Partei fänden sie sich diese Vereinsmitglieder nicht unbedingt wieder. Es eint: Die Kritik an der gymnasialen Bildungspolitik der Landesregierung, die sie als Eltern oder Lehrer selbst erlebt haben. Und die Entschlossenheit, als Bürger gegen sie vorzugehen. Genug, um die etablierte Politik durcheinanderzuwirbeln.

„Erstaunlich viel Wut“

Für manche der Vereinsgründer ist es das erste Mal, dass sie sich politisch engagieren. Zum Beispiel für Sabine Wiederhöft aus Dortmund. Inzwischen hat sie sowas wie ein „eigenes Politbüro“ im Haus, sagt die 54-Jährige. Die Inneneinrichtungsberaterin ist selbstständig, verheiratet mit einem ebenfalls selbstständigen Handwerker. Die vier Kinder waren oder sind alle Gymnasiasten: „zweimal G9, zweimal G8“. Ihr Politbüro passt in die Handtasche, kommt mit in den Supermarkt, wenn sie einkaufen geht: ein Klemmbrett mit Unterschriftenliste. Sie dreht sich in Warteschlangen um, spricht Menschen an, sie zückt es im Gespräch mit Bekannten.

Samstags stellt sie sich auf den Wochenmarkt in die Dortmunder City und hört sich „erstaunlich viel Wut an“. Die Wut kann sie verstehen. Auch sie macht „dieses Thema unglaublich wütend, von Anfang an“. Dass die wütenden Eltern nicht schon vor Jahren vorm Landtag standen, versteht sie nicht. „Die Menschen sind so zornig, erzählen von schlimmen Erfahrungen.“

Sie selbst konnte es schon vor vier Jahren nicht mehr aushalten, nichts gegen G8 zu tun. Warum? Aus Prinzip. Und aus Wut. Mit vier Kindern könnte sie „eine Liste von hier bis Düsseldorf mit diversen Missständen im Schulsystem machen“. Auch, wenn die eigenen „G8er“ keine großen Probleme hatten. Es geht ihr um das große Ganze: „Alle Schüler zahlen einen zu hohen Preis.“

Und der regt sie auf: „Es gab nie einen pädagogischen Grund für G8, keinen!“ Dass sie das inzwischen jeden Tag mehrfach sagt, nimmt nicht die Leidenschaft aus ihrer Stimme. Die Argumente sprudeln im mobilen Politbüro: Etwas auszuprobieren, ohne bewertet zu werden – ginge nicht mehr.

„Alle werden auf Effizienz getrimmt.“ Dass man so schlechter lernt, sei Allgemeinwissen – „aber um gutes Lernen geht G8 ja nicht“. Jugendliche haben auch ein Recht auf Langeweile, findet sie – ohne freie Zeit stiehlt man ihr Entwicklungspotenzial. Sie hat Bekannte mit Burnout, erzählt sie: „Wollen wir das wirklich auch für unsere Kinder? Genau dafür schaffen wir mit G8 die besten Voraussetzungen.“

Zu „G9 jetzt“ kam sie durch einen Radiobeitrag über die Online-Petition einer Dortmunder Schülerin. Und wieder durch Wut: Eltern sollten mitmachen, fand sie, rief bei der Landeselternschaft der Gymnasien an und erfuhr vom damaligen Vorstand, „dass man uneingeschränkt G8 befürwortet“. Ohne die Eltern befragt zu haben, „obwohl die doch deren Meinung vertreten sollen“. Die Wut nach diesem Telefonat spürt sie heute noch. Sie trieb sie an, andere Elternvertreter zu suchen. Sie fand „G9 jetzt“, frisch gegründet vom Siegener Lehrer Marcus Hohenstein. Die Wut blieb, weil auch G8 blieb – trotz Kritik.

Keine Pfadfinder, keine Musikschule

Auch Sabine Specker aus Heinsberg-Karken hatte nie vorher Politik gemacht: 48 Jahre alt, Hausfrau, alleinerziehend – und derzeit mehrere Stunden am Tag für „G9 jetzt“ aktiv. Mit Mails an Elternvertreter, Vereine, Freiwillige aus anderen Städte und mit Klemmbrett und Kuli im Landkreis. Ihr Schlüsselerlebnis vor zwei Jahren, ein Satz ihrer – wütenden – Tochter: „Die Schule ist ein Gefängnis.“ Gerade zwei Wochen war sie da am Gymnasium. Dem gleichen, in das Sabine Specker selbst bis zum Abitur ging – „allerdings bis mittags, danach haben wir Kinder uns verabredet“.

Ihre Tochter lebt anders, hat es schlechter, sagt ihre Mutter: Das Kreisgymnasium Heinsberg hat heute einen gebundenen Ganztag, verpflichtend für alle Schüler, entstanden nach der G8-Reform. „Wir wohnen auf dem Dorf, die Kinder sollten Zuhause essen und dann draußen spielen, statt im Zwangsganztag drinnen zu sitzen“, findet sie.

Ihre Tochter geht nicht mehr zu den Pfadfindern – die Treffen sind zu früh. Auch zur Musikschule schafft sie es nicht mehr. Freunde treffen, „vielleicht mal nach 17 Uhr“, das isoliere die Gymnasiasten auch von den Realschülern vor Ort. „Die Vereine hier gehen kaputt, weil es vielen so geht“, sagt die Hausfrau.

Von „G9 jetzt NRW“ las sie im Netz, bot sofort Hilfe an, „weil man sich nur landesweit wehren kann“. Schon für die Volksinitiative 2015 sammelte sie Unterschriften. Was sie antreibt? Die Erfahrungen mit ihrer Tochter und das Gefühl, für die Mehrheit zu stehen und trotzdem in der Politik nicht berücksichtigt zu werden. „Beim Sammeln haben erst zwei Mal Leute gesagt, dass sie G8 gut finden.“ 40 Stimmen pro Stunde mit Klemmbrett, ist ihr Schnitt. „Die Leute wollen G9 zurück“, ist sie sicher. „Es gehen auch viele selbst mit Listen los.“

4.800 Unterschriftensammler in NRW

4.800 – das ist der aktuelle Stand der registrierten Helfer, berichten die Vereinsmitglieder. Ihre Post trudelt bei Markus Scholmann in Gummersbach ein, dem Schatzmeister des Vereins: 46 Jahre alt, Angestellter in der Stadtverwaltung Gummersbach, Abteilung Wirtschaftsförderung, zwei Kinder am Gymnasium, verheiratet mit einer Realschullehrerin und Fan der Piraten-Partei, weil „die als einzige uneingeschränkt unseren G9-Weg fordern“.

Sein zentrales Politikthema – auch für ihn ist der Kampf gegen G8 die erste aktive Politikerfahrung. Für die hat er im Januar seinen Keller umgebaut: Der enthält jetzt ein Regal mit 396 Postfächern. Für jede Kommune eins. Jeden Tag kommt Post aus ganz NRW ins Einfamilienhaus: die Listen der Helfer aus den verschiedenen Städten. Im Schnitt sind es tausend Unterschriften pro Woche. „Gerade kommen täglich hunderte aus Bocholt, warum auch immer“, sagt Scholmann. Viele kommen aus Kinderarztpraxen und von Psychologen, hat er festgestellt und kommentiert: „Überrascht mich nicht, sie behandeln ja die gestressten Kinder.“

Auch er hat einen vollen Alltag durch den Abitur-Kampf: Zum 75-Prozent-Job – wegen der Kinder – kommt jetzt die Vereinsarbeit, auch wegen der Kinder: „So engagiert habe ich mich noch nie für ein Thema.“ Wobei er einer ist, der sich bei Elternabenden meldet, wenn jemand für Förderverein und Klassenpflegschaft gesucht wird. „Das habe ich schon in der Kita gemacht.“ Und er fährt seine Kinder in den Nachbarort zum Gymnasium.

Das Ganztagsgymnasium in Gummersbach probierte Scholmanns älteste Tochter nur bis zu den Herbstferien aus: „Es fehlte die Zeit für alles, sie war auch nur noch müde und erschöpft – und konnte sich nichtmals mehr im Fußballverein abreagieren“, sagt der Vater. Auch ohne gebundenen Ganztag fühlt er zuhause die Folgen von G8. „Die Kinder merken sich den Stoff nicht langfristig, weil er zu gedrängt ist. Immer wieder müssen wir Grundlagen wiederholen, weil das in der Schule eben nicht gemacht werden kann.“

Vielen geht das so, das hört Scholmann von den Kindern, die zu Besuch kommen, an den Fußballplätzen – und nun auch beim Unterschriften sammeln. Seine Initialzündung: Er besuchte eine „G9 jetzt“-Veranstaltung in Gummersbach – und blieb. Scholmann machte schon die Volksinitiative mit. Davon hat er noch ein Banner, das wickelt er jetzt wieder um sein Auto, wenn er einen Stand auf dem Marktplatz aufbaut.

Meist begegnet ihm „breite Zustimmung“, sagt Scholmann. „Dass wir elitär sind und Ganztagsschulen kaputt machen, habe ich da noch nicht gehört.“ Stimmt auch so nicht, findet er. „40 Prozent der Kinder gehen zum Gymnasium: Wo ist da das Elitäre? Das Gymnasium ist eine Schule für alle mit gesellschaftlichen Herausforderungen wie Inklusion und mehr.“

Und über den Ganztag solle jede Familie selbst entscheiden können.

„Grüne Schulpolitik komplett widersinnig”

So sieht das auch Petra Rieker aus Rheda-Wiedenbrück. Nur, dass sie eben doch Feindlichkeit gegen das Volksbegehren erlebt hat. Petra Rieker ist nicht ihr echter Name. Mit dem will sie nicht im Artikel auftauchen – dafür sei die Stimmung unter Gesamtschuleltern in der ostwestfälischen Kleinstadt zu aufgeheizt.

Auf der Straße Unterschriften sammeln und mit Menschen diskutieren, tut sie trotzdem. „Aber aktiv in den Medien auftreten, das könnte als Schlechtreden der Gesamtschule aufgefasst werden“, sagt Rieker. „Das könnte dann gegen meine Tochter gehen, die sich dazu erklären muss oder mit der sich dann vielleicht keiner verabreden will.“

Rieker, 49 Jahre, Hausfrau, eine Tochter am Gymnasium, eine an der Gesamtschule. Gerade erst neu, wegen G8. Im Mailverteiler der neuen Schule las Rieker „aggressive Hetze“ gegen die „Initiative G9 jetzt“, wie sie beschreibt. Dazu eine weitergeleitete Pressemitteilung der Landeselternschaft der integrierten Schulen, „angereichert mit dem Hinweis, das seien die Eltern, die sich und ihre Kinder für etwas Besseres als Gesamtschüler halten würden“.

Ihre Älteste ist gerade erst vom Gymnasium an die Gesamtschule der Stadt gewechselt. An diesem Kind habe sie „die ganze Problematik G8 sehen können“: Ihre Tochter sei ein Lerntyp, der das System sprengt, sehr intelligent. Das hat Rieker im Laufe der anstrengenden Karriere am Gymnasium sogar testen lassen – aber „der visuelle Lerntyp“. Soll heißen: „Sie vertieft sich in Themen, fragt nach, fügt eigene Erfahrungen dazu.“ Nicht möglich am Gymnasium: „Dafür war keine Zeit, Themen werden angerissen, abgehakt, dann kommt das Nächste.“

Durch die eigenen hohen Ansprüche, habe ihre Tochter schlechte Noten geschrieben – „für mich unfassbar“. Und ein Grund, für das Thema Politik zu machen. Rieker ist seit der Geburt der Kinder nicht berufstätig. „Unsere Familie braucht keinen Ganztag.“ Sie hat immer Ehrenämter an den Schulen ihrer Kinder übernommen, war durchgehend Pflegschaftsvorsitzende, weil sie es wichtig findet, dass Bürger Missstände nicht einfach hinnehmen, sondern sie nach außen tragen können. „Ich weiß, dass das für Doppelverdiener mit Kindern zeitlich schwierig ist, aber für uns geht es.“ Durch die Elternarbeit weiß sie seit Jahren, „wie viele Eltern G8 Sorgen haben“.

Auch zu Umweltthemen hat sie in Rheda-Wiedenbrück ehrenamtlich gearbeitet – das ist ihr Herzensthema, seit Jahren. „Die grüne Schulpolitik ist für mich komplett widersinnig: Wer die Umwelt schützt, kann nicht den nachwachsenden Generationen die Zeit nehmen, sich in dieser Umwelt aufzuhalten.“

Klassenkämpfer, Rallyefahrer

Auch andere Vereinsmitglieder haben langjährige Erfahrung mit politischer Arbeit. Zum Beispiel: Michael Hillebrandt aus Recklinghausen, 75 Jahre, bis 2006 Biologielehrer am Städtischen Gymnasium Herten, alleinstehend, keine Kinder, überzeugter Marxist. Weil er Arbeiter „als entscheidende Säule der Gesellschaft“ sieht, engagiert er sich seit Jahren in einer Gruppe Ex-Opelaner aus Bochum und bei Dortmunder Envio-Arbeitern – Envio ist die Firma, die am Dortmunder Hafen PCB-haltige Stoffe entsorgte und dabei Angestellte und Gelände verseuchte.

Außerdem versucht er, die Antirassismus-Arbeit in Recklinghausen zu vernetzten, hat einen runden Tisch für die Flüchtlingshilfe aufgebaut. „Seit 1967 bin ich politisch aktiv, da habe ich gemerkt, dass sich die Perspektiven ändern, wenn man Dinge hinterfragt.“ Nach der sehr linken Studentenzeit, bekam er zunächst Berufsverbot, „weil auf ein paar kommunistischen Veranstaltungen meine Personalien aufgenommen wurden“. Er klagte sich fünf Jahre durch die Instanzen. G8 fand er von Anfang an falsch.

Ein elitäres Thema für einen Klassenkämpfer? Ein bisschen schon, sagt er selbst. „Mit dem Widerspruch gehe ich auf der Straße ganz offen um.“ Denn auch ihm geht es ums Prinzip: „Unterricht entwickelt sich, überspitzt ausgedrückt, in Richtung Stadt-Land-Fluss auf höherem Niveau und G8 verschärft das, weil oberflächliches Wissen schneller geht.“ Es habe aber gesellschaftlich negative Folgen, wenn gerade das Problemlösungswissen fehlt, sagt der ehemalige Biologielehrer.

Gerade bei den Naturwissenschaften werde gekürzt: „Ressourcenknappheit und Umweltverschmutzung sind die Zukunftsprobleme und sehr komplexe ungelöste Themen.“ Aber gerade für Zusammenhänge fehle die Zeit am Gymnasium. „In Zeiten globaler Kriege und allgemeinem Rechtsruck ist diese Oberflächlichkeit eine gesellschaftliche Gefahr.“ Ein Vollzeit-Aktivist, aber „ein Mann der Straße”. Das Parkett der etablierten Politiker überlasse er anderen aus der Initiative – da fühle er sich nicht wohl.

Das ist bei Andreas Graf Praschma aus Haltern am See anders: 71 Jahre, freier Journalist und Media-Berater, ehemaliger Opel-Pressesprecher, langjähriger Renn- und Rallyefahrer, eine Tochter in der Oberstufe des Haltener Gymnasiums. Über sie ist er in die Initiative gekommen – wie fast alle Vereinsmitglieder.

Auch er ging in die Elternpflegschaft, ließ sich gleich auch in die Landeselternschaft der Gymnasien wählen. Von Anfang an ging es ihm dabei um G8. „Ich hatte ja die ganzen Eltern am Telefon, die von Stress berichten, psychosomatischen Beschwerden, fehlender Freizeit und dass sich alles nur um Schule dreht.“ Das muss man landesweit angehen, fand er sofort.

Neue Konzepte „nur Augenwischerei“?

„Man sieht doch jetzt an Bayern, dass die Landespolitik G9 einfach beschließen kann, dazu müssen wir sie hier auch bringen.“ Und sie hat sich schon bewegt, sagt er – auch wenn viele Konzepte “nur Augenwischerei” seien. “An dem Thema kann durch das Volksbegehren niemand mehr vorbei. Im Schulausschuss nach der Volksinitiative sind wir noch regelrecht beschimpft worden.“ Aufgeben lässt ihn das nicht: „Meine zentrale Politik-Erfahrung war ja Opel und da habe ich einiges erlebt.“

Politikverdrossen machte ihn das nicht, „es bestärkte mich nur darin, selber den Mund aufzumachen, wenn ich etwas falsch finde“. Er kennt viele Politiker und Verbandsvertreter – aus der Opel-Zeit, aus der Zeit als Stadtredakteur der WAZ in Essen. „Das bringe ich in die Initiative ein und spreche jeden auf das Thema an, der mir über den Weg läuft.“ Seien es die alten Rennfahrer-Kollegen, die Redaktion der Jägerzeitschrift oder Landtagsabgeordnete aus dem Wahlkreis. Er war selbst schon mal CDU-Mitglied.

Auf anderes politisches Engagement angesprochen, fällt ihm aber sofort die Bundeswehr ein: Als Reserve-Offizier ließ er sich bis zum 60. Lebensjahr immer wieder zu Einsätzen im Kosovo oder Dschibuti einziehen. Die Abiturzeitverkürzung ist für ihn ein Thema, für das er brennt: „Wir versündigen uns an unseren Kindern“, hörte er die Landtagspräsidentin NRW, Carina Gödecke (SPD), vor Jahren zum Thema G8 sagen. „Genau so sehe ich es auch“, sagt Praschma. „Und das werde ich nicht auf sich beruhen lassen.“

So wie der Mendener Deutsch- und Philosophielehrer Gregor Schmitz vom Anfang der Geschichte. Die Kritik an den Zielen der Initiative will er nicht auf sich beruhen lassen, auch, wenn seine Frau kürzlich sagte: „Da hast Du wieder eine Vollzeitstelle.“ Er hat in der 68er Zeit in Münster Publizistik studiert, hat damals „für alles Mögliche demonstriert, die ganz großen Welt-Themen“. Jetzt hat er wieder eins.

Die Amtseintragung für die Unterschriften gegen G8 in den Rathäusern und Bürgerbüros läuft noch bis 7. Juni, die freie Unterschriftensammlung bis 4. Januar. Die Macher der Volksinitiative haben nach eigenen Angaben 4.800 registrierte Helfer, die im ganzen Land Unterschriften sammeln. Erreichen müssen sie rund 1,1 Millionen Unterschriften von Wahlberechtigen mit Wohnsitz in NRW.

 

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