„Es gibt kein einziges Zitat von Frauke Petry oder mir, in dem wir fordern, den Begriff ‚völkisch‘ zu rehabilitieren“, sagt AfD-Landesvorsitzender Marcus Pretzell in einem am Donnerstag erschienenen Interview mit DIE WELT. Stimmt das?

Am 22. und 23. April findet in Köln der Bundesparteitag der Alternative für Deutschland statt. Im Antragsbuch zum Bundesparteitag steht gleich an erster Stelle ein Antrag auf „Ergänzung des Grundsatzprogramms“: In der AfD sei „für rassistische, antisemitische, völkische und nationalistische Ideologien kein Platz“, dies wolle man klar stellen. Unterstützt wird der Antrag unter anderem von der Parteivorsitzenden Frauke Petry.

In der Tat hat die AfD eine besondere Beziehung zu dem Adjektiv „völkisch“. Frauke Petry wird vorgeworfen, den Begriff rehabilitieren zu wollen. Ihr Ehemann und AfD NRW-Spitzenkandidat Marcus Pretzell wollte dies nun ausräumen.

Dazu sagte er in einem Interview mit der WELT, das am Donnerstag, 20. April, erschien: „Es gibt kein einziges Zitat von Frauke Petry oder mir, in dem wir fordern, den Begriff ‚völkisch‘ zu rehabilitieren. Diese Vokabel ist absolut verbrannt durch die Nazizeit. Nichts liegt uns ferner, als sie salonfähig zu machen. Die Bezugnahme auf das Volk ist wichtig, das Völkische kann im Orkus landen.“

Die WELT fragte nicht weiter nach.

Pretzell behauptet also, es gebe kein solches Zitat. Aber stimmt das auch? Wir haben die Aussage überprüft und sind fündig geworden.

In einem von Petry autorisierten Interview mit der WELT AM SONNTAG, erschienen am 11. September 2016, war folgende Passage zu lesen:

WELT AM SONNTAG: Es gab zum Beispiel die Nazi-Zeitung „Völkischer Beobachter“.

Petry: Mein Problem ist, dass es bei der Ächtung des Begriffes „völkisch“ nicht bleibt, sondern der negative Beigeschmack auf das Wort „Volk“ ausgedehnt wird. „Volk“ und „Nation“ in den Mund zu nehmen war bis vor einigen Jahren selbst in AfD-Kreisen ein Problem. Und letztlich ist „völkisch“ ein zugehöriges Attribut.

WELT AM SONNTAG: Der Begriff „völkisch“ ist historisch besetzt. Es geht ja nicht darum, dass man einfach mal so Wörter sagt. Die sind nicht per se unschuldig. Was haben Sie gegen so eine Sicht?

Petry: Wenn es eine Partei gibt, die sich mit Geschichte auseinandersetzt, dann ist es die AfD. Ich sperre mich dagegen, Wörter zu Unwörtern zu erklären. Mir ist völlig bewusst, dass Wörter Konnotationen haben. Konnotationen können sich ändern, und Konnotationen von vornherein politisch zu belegen, halte ich für falsch, so zum Beispiel wie man in der DDR das Wort „Deutschland“ nicht aussprechen konnte. Wir sollten endlich einen entspannten, nicht unkritischen, also normalen Umgang mit dem Begriff „Volk“ und daraus abgeleiteten Begriffen wiedererlangen.

WELT AM SONNTAG: Auch mit dem Begriff „völkisch“?

Petry: Ich benutze diesen Begriff zwar selbst nicht, aber mir missfällt, dass er ständig nur in einem negativen Kontext benutzt wird.

WELT AM SONNTAG: Der Kontext des Begriffs ist nun mal negativ.

Petry: Dann frage ich Sie: Was ist denn speziell an dem Begriff „völkisch“, wenn er damit zu tun hat, dass es um das Volk geht, was ist daran per se negativ?

WELT AM SONNTAG: „Völkisch“ ist rassistisch besetzt als aggressiver…

Petry: ...also „völkisch“ ist rassistisch. Das ist eine unzulässige Verkürzung.

WELT AM SONNTAG: Der Begriff ist zutiefst rassistisch geprägt.

Petry: Dann sollten wir daran arbeiten, dass dieser Begriff wieder positiv besetzt ist. Volk mit Rassismus zu konnotieren, halte ich für falsch.

Fazit: Pretzells Aussage ist also falsch. Es gibt eindeutige Zitate von Frauke Petry.


Unsere Wertung: Fünf von fünf Pinocchios für den AfD-Spitzenkandidaten aus NRW, Marcus Pretzell.


Mit Pinocchios bewerten wir den Wahrheitsgehalt einer offiziellen Aussage. Fünf Pinocchios stehen für das Maximum einer bewussten Falschmeldung. Ein Pinocchio bezeichnet eine leichtgewichtige Falschmeldung, die Menschen versehentlich in die Irre leitet. Drei Pinocchios stehen für eine grobe unwahre Aussage, die mehr oder weniger fahrlässig über offizielle Kanäle oder in Interviews wiederholt verbreitet wurde.

Unsere Bewertung: Die Aussage ist falsch.

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