Schüler im Ruhrgebiet haben mit schlechteren sozialen Bedingungen zu kämpfen als der Rest von NRW. Viele zeigen in den Hauptfächern unterdurchschnittliche Leistungen. CORRECTIV.RUHR hat die aktuellen Lernstandserhebungen für die Städte der Region ausgewertet und verglichen. Das Ergebnis ist mehr als beunruhigend. Doch spezielle Schul- oder Förderprogramme für die Sonderregion Ruhrgebiet gibt es laut Schulministerium nicht. Folge 1 von 3: Wie gut sind die Schüler im Revier? (mit Überblick zu den Städten und Schulformen)

„Was ist die Hälfte von einer Million?“ Mit dieser einfachen Rechenaufgabe sind viele Schüler im Ruhrgebiet bereits überfordert. Bis zu 27 Prozent der Jugendlichen, die einen Hauptschulabschluss anstreben, können in der achten Klasse Aufgaben dieser Art nicht lösen. Ein Problem, das einen Großteil des Ruhrgebiets betrifft, wie die Ergebnisse der Lernstandserhebungen des Schulministeriums zeigen.

Eine CORRECTIV.RUHR-Auswertung für 13 Revierstädte und -kreise belegt: Die Ruhrmetropolen schneiden schlecht ab – besonders im Vergleich zu den ländlichen Regionen Nordrhein-Westfalens.

Bildungsstandort Ruhrgebiet

Folge 1: Wie gut sind die Schüler im Revier? 

Jeder dritte Achtklässler nicht auf Arbeitsmarkt vorbereitet

Folge 2: Wie gut sind die Schulen im Revier? 

Schulen in Herne und Gelsenkirchen kämpfen mit den größten Problemen

Folge 3: Was wird fürs Revier getan? 

Region ohne Sonderstatus

„In manchen Schulen in herausfordernden Lagen des Ruhrgebiets kann es als Erfolg gewertet werden, wenn es Schülern gelingt, bereits sogenannte Basiskompetenzen zu zeigen“, sagt Kevin Isaac, Projektleiter der Lernstandserhebungen. Jedes Jahr überprüft Isaac Kinder der dritten und achten Klassen und gibt die Ergebnisse an ihre Schulen weiter – damit Lehrer gezielt auf Defizite ihrer Schülern reagieren können.

Alarmierende Ergebnisse

Die Tests prüfen die Fähigkeiten in den Hauptfächern Deutsch, Mathe und Englisch und lassen Rückschlüsse auf die Leistungsniveaus der Schüler zu. Die Aufgaben unterscheiden sich dabei kaum zwischen den Schulformen. Entsprechend häufig erreichen Gymnasiasten die oberen Niveaustufen, Hauptschüler finden sich dagegen eher in den unteren wieder.

Die Ergebnisse sind zum Teil alarmierend: So erreicht fast jeder dritte Hauptschüler in Essen, der in einem Grundkurs unterrichtet wird, nicht einmal das erste Leistungsniveau der Mathe-Tests und ist in der achten Klasse damit überfordert, ein Quadrat zu zeichnen oder ein Geodreieck richtig zu benutzen.

Die Niveauskala der Lernstandserhebung umfasst insgesamt fünf Stufen.

Fragen der ersten Kategorie sind recht einfach. Da geht es in Deutsch zum Beispiel darum, den Autor eines Textes benennen zu können, oder eben in Mathe um Grundkenntnisse in Geometrie. Um eine Frage der Niveaustufe zwei zu beantworten, müssen die Schüler Zahlentabellen wie etwa einen Bußgeldkatalog oder eine Dezibelanzeige richtig lesen können. Kinder, die Aufgaben der dritten Niveaustufe lösen, liegen im guten Mittelfeld. Aufgaben der Niveaustufen vier und fünf werden meist nur von überdurchschnittlich begabten Schülern gelöst.

Ergebnisse der Lernstandserhebungen in ausgewählten Städten und Kreisen in NRW

Daten: Antworten auf kleine Anfragen, aggregiert als CSV-Datei, eigene Berechnungen, gerundet.

Wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Jeder siebte Ruhrgebietsschüler in Englisch, jeder sechste in Deutsch und jeder dritte in Mathe erreicht lediglich die erste Niveaustufe. Damit liegt das Ruhrgebiet bei allen Fächern unter dem Landesdurchschnitt. Und das ist ein Problem: Wenn Jugendliche gerade mal Aufgaben der Niveaustufe eins lösen können oder damit schon überfordert sind, dann spricht man von Risikoschülern.

„Von einem Großteil der Schüler sollte am Ende des Bildungsgangs mindestens das Kompetenzniveau zwei erreicht werden“, sagt Isaac. Ansonsten verfüge der Schüler nur über sehr grundlegende Fähigkeiten. Mit simplen Schlussfolgerungen oder dem Verbinden von Textteilen seien solche Schüler schon überfordert. „Diese Jugendlichen werden es später auf dem Arbeitsmarkt sehr schwer haben“, sagt Bildungsforscher Wilfried Bos von der Technischen Universität Dortmund.

Jeder vierte ein Risikoschüler

In Essen, Dortmund und Oberhausen fallen mehr als 15 Prozent der Achtklässler im Fach Deutsch in die Kategorie Risikoschüler. In Gelsenkirchen sind es sogar 25 Prozent, also jeder vierte Schüler. Mathe bereitet den Schülern im Ruhrgebiet noch mehr Probleme: In diesem Fach liegt ihr Anteil in Essen und Dortmund bei rund 30 Prozent, in Gelsenkirchen sogar bei 38 Prozent. Das heißt, sie versagen bei einfachen Bruchrechenaufgaben: „Passen ⅘ Liter Apfelsaft und ein halber Liter Wasser in eine 1,5 Liter Flasche?“

Im Vergleich zu den ländlichen Gegenden NRWs werden die Defizite des Ruhrgebiets nochmals deutlich. In den Kreisen Mettmann, Olpe und Minden-Lübbecke ist jeder zehnte Achtklässler im Fach Deutsch ein Risikoschüler. Im Märkischen Kreis und im städtischen Bielefeld muss, anders als im Ruhrgebiet, nichtmal ein Zehntel der Schüler um ihre berufliche Zukunft fürchten. Auch im Bereich Mathe schneiden die ländlichen Gegenden besser ab: Jeder fünfte Jugendliche zählt als Problemschüler, in vielen Ruhrgebietsstädte ist es jeder dritte. „Man muss in Bildung investieren“, sagt Bildungsforscher Wilfried Bos. „Besonders im Ruhrgebiet.“

Ergebnisse der Lernstandserhebungen pro Schulform für die Städte und Kreise des Ruhrgebiets*

Daten: Antworten auf kleine Anfragen, aggregiert als CSV-Datei, eigene Berechnungen, gerundet.

* ohne Kreis Wesel und Duisburg

Datenanalyse und -visualisierung: Simon Wörpel

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