An einem Dortmunder Gymnasium wurde im März jede vierte Schulstunde nicht planmäßig unterrichtet. An einem weiteren Gymnasium fielen doppelt so viele Stunden aus, wie in den Statistiken des Ministeriums erfasst. Das geht aus den Zahlen hervor, die die Schulen selbst erhoben haben. Zweifel an den Aussagen des Ministeriums scheinen berechtigt. Kooperativ zeigen sich die Schulbehörden nicht. Das ist ein Problem für den Bildungsstandort NRW.

„Wohl als Reaktion auf die laufende Erhebung von Ausfallstunden wird der Vertretungsplan bis auf weiteres nicht mehr veröffentlicht.”

Kommentar eines Helfers aus unserem CrowdNewsroom vom 9. März 2017

Unsere Groß-Recherche zum Unterrichtsausfall an Dortmunder Schulen hat viel Staub aufgewirbelt. Über einen Monat liegt sie nun zurück und uns liegen mittlerweile die Antworten zu drei Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz vor. Wir wollten von Bezirksregierung und Schulministerium wissen: Was wurde von den Behörden während unseres Checks intern kommuniziert? Und: Welche Daten haben die Schulen auf Bitten der Bezirksregierung selbst erhoben? Die offiziellen Antworten werfen mehr Fragen auf als sie letztendlich beantworten.

Die Ausgangslage

1,8 Prozent ersatzlos gestrichener Unterricht in NRW – diese Zahl stand am Anfang unserer mehrmonatigen Crowd-Recherche. Nicht einmal zwei von hundert Stunden sollen demnach im Schnitt an nordrhein-westfälischen Schulen ausfallen. Entgegen dieser offiziellen Zahl steht das Empfinden vieler Menschen vor Ort: von Schülern, Eltern, Lehrern. Die Lücke zwischen gelebter und statistischer Wirklichkeit lässt Raum für Spekulationen und Unzufriedenheit. Wir wollten Transparenz schaffen. Zumindest für eine Großstadt im Ruhrgebiet. Zusammen mit den Ruhr Nachrichten und möglichst vielen Helfern vor Ort haben wir versucht, im März den gesamten Unterrichtsausfall an 157 Schulen in Dortmund zu dokumentieren.

Über 520 Eltern, Schüler und Lehrer haben Stunden erfasst, die vom 1. bis zum 31. März in Dortmund nicht planmäßig stattgefunden haben. Insgesamt 4575. An 57 verschiedenen Schulen der Ruhrgebietsstadt. Das war leider zu wenig, um repräsentative Zahlen zu erlangen, genug aber, um Hinweise zu bekommen und innerhalb dieses Datensatzes auch valide Aussagen treffen zu können. Von allen uns gemeldeten Stunden, die im Erhebungszeitraum nicht nach Plan erteilt wurden, fielen vier von zehn ersatzlos aus. Das sind doppelt so viele, wie die Stichprobe des NRW-Schulministeriums zum vergangenen Schuljahr ergab.

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correctiv.ruhr

„Der offizielle Vertretungsplan weist diese Stunden als „Vertretung“ aus, da die Anzeige offiziell ZUR ZEIT nicht richtig funktioniert Die Schüler erhielten eine Rundmail, dass die Stunden ausfallen“

Eine Stimme aus der Crowd. Vom 17. März 2017

Miteinander statt gegeneinander

Neben den statistischen Erkenntnissen wurde deutlich, wie schnell sich im Laufe einer derartigen Erhebung die Fronten verhärten können: gegeneinander statt miteinander. Wir hatten Ende Januar Schulministerium und Bezirksregierung über unser Projekt informiert und um Mithilfe gebeten. Am 14. Februar verschickte die Bezirksregierung ein Schreiben an die Dortmunder Schulen mit der Bitte, selbst Daten für den Erhebungszeitraum zu erfassen, um auf unsere Veröffentlichung gegebenenfalls reagieren zu können. Wie aus den internen Mails hervorgeht, war der Staatssekretär des Schulministeriums über dieses Vorgehen informiert. Wichtig dabei: Es sollte von den Schulen ausschließlich der ersatzlos gestrichene Unterricht dokumentiert werden.

„Die im Folgenden aufgeführten auf den Fachunterricht bezogenen Unterrichtsformen sind eindeutig als Unterricht zu vermerken, da auch hier die Anbahnung von fachlichen, personalen und sozialen Kompetenzen im Zentrum der pädagogischen Arbeit stehen. Hierzu gehören u. a.: Vertretung im vorgegebenen Fach, Ersatzunterricht, Aufhebung von Lehrerteams, Zusammenlegung von Lerngruppen, EVA – Eigenverantwortliches Arbeiten, Schulfahrten, Schulwanderungen, Exkursionen, Unterricht an außerschulischen Lernorten, Projektunterricht, Projekttage, Informations- und Beratungsveranstaltungen, Schülerbetriebspraktikum, Betriebserkundungen, Wettbewerbe und Leistungsvergleiche, Schulfest, Schulsportveranstaltung.“

Aus dem Schreiben der Bezirksregierung Arnsberg vom 14. Februar 2017

Unterricht richtig definieren

Diese Definition von erteiltem und ausgefallenem Unterricht ist ein Problem. Gerade im Hinblick auf das Zentralabitur. „Man kriegt es bei EVA kaum hin, selber fürs Abi kompakt vorbereitet zu sein. Das geht nicht ohne Leitung in irgendeiner Form“, sagt Lukas Viert vom Dortmunder Käthe-Kollwitz-Gymnasium.

Die Bezirksschülervertretung der Stadt schreibt in einem am 12. Mai 2017 veröffentlichten Statement: „Dass nur 1,8% der Stunden ausfallen, kann nicht der Realität entsprechen. Kein Wunder, wenn in der offiziellen Statistik ‘Eigenverantwortliches Arbeiten’ (EVA) als Unterricht gewertet wird – dadurch fällt alleine der komplette Ausfall in der Oberstufe weg, obwohl alle Schüler*innen wissen, dass ‘EVA’ das Synonym für ‘Freistunde’ ist. Häufig sind die Lehrkräfte gar nicht in der Lage, sich noch Aufgaben für EVA auszudenken und wenn doch, entspricht es eher zusätzlichen Hausaufgaben als einer Unterrichtsstunde, in der Wissen vermittelt wird und Schüler*innen die Möglichkeit auf Austausch untereinander und mit einer Lehrkraft haben.“

Collin Hauke von der Landes-SV ergänzt: „Niemand kann sagen, ob fachfremder Vertretungsunterricht oder eigenverantwortliches Lernen eine wirkliche Schulstunde ersetzen kann – mit einer Lehrkraft, die eben den Unterricht vorbereitet.“ Jeder von uns war irgendwann einmal Schüler und kann sich nun selbst fragen: Ersetzte in der Schulzeit der Vertretungsunterricht wirklich die ausgefallene Stunde? Wie hätte man sich mit 16 verhalten, wenn einem Eigenverantwortliches Arbeiten angeboten worden wäre? Die Schulbehörden werten diese Stunden als vollwertigen Unterricht.

Die Daten der Schulen

Mit unserer letzten Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz wollten wir genau die Daten vorgelegt bekommen, die von den Schulen selbst erhoben wurden. Anstatt diese Möglichkeit zu nutzen, doch noch gemeinsam im Sinne von Transparenz und Verbesserung des Bildungsstandorts NRW an einem Strang zu ziehen, zieht sich unsere Anfrage über mehrere Briefwechsel und Telefonate hin, bis uns die Bezirksredigierung schließlich Schulerhebungen zusendet. Allerdings nur die Dokumentationen, die von den Schulen Anfang April freiwillig nach Arnsberg geschickt wurden. Eine Rundmail über den Schulverteiler zu versenden, um weitere Daten anzufragen, hält die Behörde für „nicht nötig“.

Zehn Auswertungen liegen uns vor. Hauptsächlich Grundschulen, aber auch für zwei Dortmunder Gymnasien. Eine Schule kommt dabei auf 3,5 Prozent ersatzlos gestrichenen Unterricht im Monat März. Etwa doppelt so viel wie die Quote des Ministeriums. Das andere Gymnasium führt lediglich lediglich einen Unterrichtsausfall von 0,9 Prozent auf. Dafür allerdings 25,9 Prozent Vertretungsunterricht. Das heißt, jede vierte Unterrichtsstunde fand nicht planmäßig statt. Das ist immens.

„Die Lehrer sind angewiesen worden, aufgrund der aktuellen Stundenzählungen keine Stunden mehr unbetreut zu lassen. Somit wird ein Bild verfälscht. Unter normalen Umständen war das durchaus nicht so. Hier entsteht eine Verwahrhaltung, die keinem Schüler nutzt.“

Eine weitere Stimme aus der Crowd. Vom 22. März 2017

Den strukturellen Problemen nachspüren

Wir haben von Anfang betont, dass es uns nicht darum geht, einzelne Schulen an den Pranger zu stellen. Deswegen ist es für uns auch jetzt nicht relevant, die Dortmunder Gymnasien konkret zu nennen. Uns ging es immer um die strukturellen Probleme unseres Schulsystems. Und die Verantwortung der Behörden. Anders stellt es aber die Bezirksregierung in einem Schreiben dar, das Mitte März an die Schulleitungen ging:

„Sehr geehrte Schulleiterinnen, sehr geehrte Schulleiter, von Tag zu Tag erhöht sich die persönliche und mediale Aufmerksamkeit rund um die Aktion des Recherche‐Netzwerkes Correctiv zu möglichem Unterrichtsausfall an Dortmunder Schulen. Bitte lassen Sie sich davon nicht beeindrucken. Wir wissen, welch ausgezeichnete Arbeit Sie leisten.“

Die Schulen in NRW – besonders im Ruhrgebiet – haben einen schweren Stand. Wie unsere Auswertung der Lernstandserhebungen für 13 Ruhrgebietsstädte ergab, liegen Schüler des Reviers in ihren Leistungen deutlich hinter Kindern aus anderen Regionen NRWs zurück. Die sozialen Faktoren im Schulumfeld sind schlecht – viele Sozialhilfeempfänger, hoher Migrationsanteil. Das wirkt sich negativ auf den Lernerfolg aus. Spezielle Förderprogramme, zusätzliche Gelder oder Stellen für die Ruhrregion hält das Schulministerium für nicht notwendig.

SERIE: Bildungsstandort Ruhrgebiet

Folge 1: Wie gut sind die Schüler im Revier?

Jeder dritte Achtklässler nicht auf Arbeitsmarkt vorbereitet

Folge 2: Wie gut sind die Schulen im Revier?

Schulen in Herne und Gelsenkirchen kämpfen mit den größten Problemen

Folge 3: Was wird fürs Revier getan?

Region ohne Sonderstatus

Wie geht es mit dem Schulen im Ruhrgebiet weiter?

Anke Staar von den Stadteltern Dortmund schreibt: „Wenn wir ganz ehrlich sind, was können Schulleiter tatsächlich verändern bzw. verbessern, wenn ihnen die Vertretungslehrer fehlen und sie erst frühestens nach 6 Wochen Dauererkrankung evtl. einen Vertreter bekommen und ansonsten ihre Schule gut verkaufen müssen und keine Unterstützung erhalten. Das Problem bleibt der Mangel an Lehrern. (…) Wir lassen uns wieder nur durch Zahlen und Versprechen blenden, aber keine Partei erklärt deutlich, was sie wirklich konkret kurzfristig ändern möchten und womit sie das finanziert. Stellschrauben haben nicht nur die betroffenen Eltern, sondern auch Lehrer wiederholt aufgezeigt. Das wird sich auch nach den Wahlen nicht ändern... egal ob CDU oder SPD der Kofferträger wird. Schulen werden alleine gelassen, mit der fadenscheinigen Illusion ‘eigenständig’ sein und entscheiden zu dürfen! Gewinner sind nur die Schulen, die gute außerschulische Partner (Förderer) finden – soviel zur Chancengleichheit.“

Chancengleichheit ist der zentrale Punkt. Unterrichtsausfall ist schlichtweg unsozial. Nicht jede Familie kann seine Kinder beim Lernen unterstützen und ausgefallenen Stoff gemeinsam nacharbeiten. Auch kann nicht jede Familie Nachhilfe finanzieren. Ob in Nordrhein-Westfalen oder speziell im Ruhrgebiet jedes Kind muss aber die selben Chancen für sein Leben bekommen – ganz egal, wo es lebt. Das liegt in der Verantwortung der amtierenden Landesregierung. Diesem Problem muss sie sich mit aller Transparenz und Konsequenz stellen.

Hintergrund zum Unterrichtsausfall – der Check:

Auswertung: In Dortmund fallen doppelt so viele Stunden aus wie das Land behauptet (CORRECTIV.RUHR)

Nach dem Check ist vor der Auswertung (CORRECTIV.RUHR)

Einwände und Entgegnungen (Ruhr Nachrichten)

52 Kleine Anfragen zum Unterrichtsausfall in NRW (CORRECTIV.RUHR)

Arnsberg legt Schreiben offen (CORRECTIV.RUHR)

Wir wollen das Schreiben der Bezirksregierung (CORRECTIV.RUHR)

Alarm in Arnsberg (Ruhr Nachrichten/CORRECTIV.RUHR)

Halbzeit! Zeit den Helfern zu helfen (CORRECTIV.RUHR)

Warum das Projekt Unterrichtsausfall so wichtig ist (CORRECTIV.RUHR)

Zwischenstand: Tag 3 – über 370 ausgefallene Stunden (CORRECTIV.RUHR)

Die wichtigsten Fragen und Antworten (CORRECTIV.RUHR)

Die ersten Stimmen  (CORRECTIV.RUHR)

Der Check: Dortmunds Schulen auf dem Prüfstand (CORRECTIV.RUHR)

Dossier: Unterrichtsausfall in Dortmund (Ruhr Nachrichten)

Dossier: Unterrichtsausfall – der Check (CORRECTIV.RUHR)

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