Eine Studie könnte den Patienten der Alten Apotheke Gewissheit bringen. Auch die Ärzte sind dafür, den Skandal so aufzuarbeiten. Sogar das Düsseldorfer Gesundheitsamt findet die Idee gut. Aber das Gesundheitsministerium NRW blockiert.

Sechs Ärzte, die von dem Bottroper Pansch-Apotheker Peter S. Krebsmedikamente bekommen haben, sprechen sich offen für eine unabhängige Studie aus. Darunter Ärzte aus Bottrop und ein Arzt aus Rheinland-Pfalz. Laut Staatsanwaltschaft lieferte Peter S. an 37 Praxen.

Eine Studie könnte belegen, welche gesundheitlichen Folgen der Medikamenten-Skandal für die betroffenen Patienten hat. In seiner Bottroper Apotheke panschte Peter S. über Jahre hinweg Krebsinfusionen für tausende Patienten. Die Betroffenen fragen sich heute, was das für ihre Krankheit bedeutet hat.

Laumann stellt sich quer

Doch so eine Studie kostet Geld, wahrscheinlich mehrere hunderttausend Euro. Bezahlen und beauftragen müsste sie das Gesundheitsministerium NRW. Aber das Ministerium unter Karl-Josef Laumann (CDU) ist dagegen. „Anders als suggeriert ist die vorgeschlagene Fall-Kontroll-Studie offenbar nicht dazu geeignet, Patientinnen und Patienten im Einzelfall Gewissheit zu bringen, welcher individuelle Schaden entstanden ist”, sagt ein Sprecher.  Auf welche Grundlage das Ministerium zu diesem Ergebnis kommt, sagt er nicht.

Laumann hatte noch im August versprochen, dass er dafür sorgen würde, Patienten zu informieren. Das war neun Monate nach der Festnahme des Apothekers, nachdem NDR Panorama und Correctiv über den Skandal berichtet hatten. Bis heute sind aber nicht alle Patienten informiert, die meisten haben es aus den Medien erfahren.

Gesundheitsamt Düsseldorf widerspricht Laumann

Im Gesundheitsamt in Düsseldorf befürwortet man die Studie. Das Düsseldorfer Gesundheitsamt sei der Auffassung, dass „nur über Studien eine Aussage getroffen werden kann, ob Patienten ein schlechteres Ergebnis hatten”, sagte ein Sprecher der Stadt.

Aufgrund der Recherchen von Correctiv wurde am 13. September bekannt, dass auch in Düsseldorf zwei Praxen von Peter S. beliefert wurden. Darunter der renommierte Brustkrebs-Spezialist Mahdi Rezai. Deshalb sind in Düsseldorf knapp 1000 Patienten betroffen.

Ein einfacher Vergleich

Es gibt in der Wissenschaft verschiedene Möglichkeiten, eine Studie durchzuführen. Darauf weist das Gesundheitsamt Düsseldorf hin. Ein Sprecher der Stadt nennt die „Fall-Kontroll-Studie” und die „Kohorten-Studie”. Der Sprecher der Stadt sagt, „im Nachhinein kann man aber nicht feststellen, wer eine korrekte Therapie bekommen hat und wer nicht”, aber eine Studie dieser Art könnte belegen, „ob die Gesamtheit aller Patienten, die mit Zytostatikazubereitungen aus der Alten Apotheke behandelt worden sind, im Therapieverlauf schlechter abschneiden als Patienten, die von einer anderen Apotheke versorgt worden sind.”

Und die Beantwortung dieser Frage wäre ein zentraler Schritt für die Aufklärung des Pansch-Skandals.

Im Prinzip geht es immer darum: Man vergleicht zwei Gruppen von Personen. Eine Gruppe mit und eine ähnliche Gruppe ohne Risikofaktor. Der Risikofaktor wäre in diesem Fall Peter S. – man würde also ermitteln, ob es Patienten, die dem Risikofaktor ausgesetzt waren, signifikant schlechter ging als Patienten, die nicht von Peter S. Medikamente bekamen.

Man legt quasi zwei Stapel mit Behandlungsunterlagen nebeneinander. Auf dem einen Stapel liegen Unterlagen von Patienten, die mit Medikamenten von Peter S. behandelt wurden. Auf dem anderen Stapel Unterlagen von Patienten, die ordnungsgemäße Medikamente bekamen. Dann vergleicht man.

So lässt sich erkennen, ob Patienten, die von Peter S. Krebsmedikamente bekamen, geringere Heilungschancen hatten.

Patienten müssen zustimmen

Besonders wichtig ist die Unterstützung der Bottroper Onkologen Dirk Pott, Christian Tirier, Birgit Pott und Carla Henning. Sie behandelten nach unseren Recherchen von 2009 bis Juni 2016 über 2100 Patienten mit Krebsmedikamenten aus der Alten Apotheke. Die vier Ärzte haben Gemeinschaftspraxen in Bottrop und Dorsten.

„Die Durchführung einer unabhängigen Kontrollstudie würden wir selbstverständlich unterstützen”, sagen sie auf Anfrage von CORRECTIV.

Auch der Chefarzt des Marienhospitals in Bottrop, Hans-Christian Kolberg, befürwortet eine unabhängige Studie. Bei Kolberg bekamen in den letzten acht Jahren 22 Patienten Infusionen aus der Alten Apotheke. Er sagt, dass er die Krankheitsverläufe der Patienten geprüft habe, aber keine „Aufälligkeiten bezüglich zu erwartendem Ansprechen oder Toxizitäten” festgestellt habe.

Kolberg rät seinen Patienten dazu, ihre Behandlungsunterlagen für eine Studie freizugeben. Denn die betroffenen Patienten müssen zustimmen, damit ihre Krankheitsverläufe für eine Kontroll-Studie verwendet werden können.

Nur die Masse kann Aufschluss geben

Der Urologe Roman Verführt aus Rheinland-Pfalz hatte seit 2015 für nur fünf Patienten Infusionen aus der Alten Apotheke bezogen. Auch er unterstützt die Idee einer unabhängigen Studie. Als er von dem Pansch-Skandal erfuhr, informierte er seine Patienten oder ihre Angehörigen. Damit ist er bisher der einzige Arzt, der seine Patienten proaktiv informiert hat. „Ich habe zu dem damaligen Zeitpunkt keine Auffälligkeiten feststellen können", sagt er. Am jeweiligen Einzelfall ließe sich eben nichts festmachen.

Dem Apotheker Peter S. wird vorgeworfen, bis zu seiner Verhaftung im November 2016 über 60.000 Infusionen mit Krebsmedikamenten gepanscht zu haben. Über 5600 Patienten haben seit 2009 aus der Alten Apotheke Infusionen bekommen. Das geht aus Akten hervor, die auch der Staatsanwaltschaft vorliegen.

P.S. Ergänzung: Der Sprecher der Stadt Düsseldorf bat darum, vollständig zitiert zu werden. Das holen wir gerne nach und haben in den Text folgenden Absatz eingefügt.  

„Es gibt in der Wissenschaft verschiedene Möglichkeiten, eine Studie durchzuführen. Darauf weist das Gesundheitsamt Düsseldorf hin. Ein Sprecher der Stadt nennt die „Fall-Kontroll-Studie” und die „Kohorten-Studie”. Der Sprecher der Stadt sagt, „im Nachhinein kann man aber nicht feststellen, wer eine korrekte Therapie bekommen hat und wer nicht”, aber eine Studie dieser Art könnte belegen, „ob die Gesamtheit aller Patienten, die mit Zytostatikazubereitungen aus der Alten Apotheke behandelt worden sind, im Therapieverlauf schlechter abschneiden als Patienten, die von einer anderen Apotheke versorgt worden sind.”

Und die Beantwortung dieser Frage wäre ein zentraler Schritt für die Aufklärung des Pansch-Skandals. 

 

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