Der sechste Prozesstag in einem der größten Medizinskandale der Nachkriegszeit. Die Kriminalkommissarin Kathrin Gesing sagt vor Gericht aus. Im Gegensatz zu ihren Kollegen beantwortet sie alle Fragen zu den Ermittlungen und der Razzia in der Alten Apotheke souverän. CORRECTIV berichtet aus dem Gerichtssaal.

Knapp 20 Zuschauer sind diesmal zur Verhandlung im Landgericht Essen gekommen. Das Medieninteresse hat dagegen nachgelassen. Nur vier Presseplätze sind besetzt. Peter Stadtmann schweigt weiter zu den Vorwürfen. Der Vorsitzende Richter Johannes Hidding möchte wissen, ob im Laufe der Verhandlung noch mit einer Aussage Stadtmanns wenigsten zu seinem Lebenslauf zu rechnen sei. Seine Anwälte wollen das mit ihrem Mandanten besprechen. Sollte er nicht aussagen, will der Richter Zeugen zu den Lebensumständen von Peter Stadtmann befragen.

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Peter Stadtmann und seine Anwälte wirken sehr defensiv. Den souveränen Schilderungen der Kriminalkommissarin Kathrin Gesing haben sie wenig entgegenzusetzen. In den ersten Verhandlungstagen vermied Stadtmann den Blickkontakt mit den Nebenklägerinnen und -klägern. Sie sitzen ihm im Gerichtssaal direkt gegenüber. Heute schweift sein Blick oft durch den Saal.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Die Betroffenen verfolgen, wie schon an den vorherigen Tagen, konzentriert alle Aussagen. Den sicheren Auftritt der Zeugin nehmen sie erleichtert auf, denn die unsicheren Aussagen der vorherigen Ermittlungsbeamte haben sie verunsichert.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Die Analysen des LZG: Zu Beginn der Verhandlung geht es noch einmal um den Sachverständigen Christoph Luchte und die Analysen des Landeszentrum Gesundheit NRW. Die Nebenklage und und die Verteidigung wollen die detaillierten Dokumentationen und Rohdaten zur Untersuchung jeder Probe anfordern. Luchte hatte ausgesagt, dass diese Dokumentationen in circa 20 Aktenordner im LZG lagern. Er hatte außerdem von sich aus Fehler im Gutachten berichtigt wie zum Beispiel kleinere Tipp- und Übertragungsfehler. Daraus folgern die Verteidiger, dass Luchte und seine Mitarbeiter noch weitere Fehler gemacht hätten. Die Verteidiger werfen Luchte vor, dass er die Untersuchungen nur beaufsichtigt habe, sie aber nicht selbst ausführte. Er sei wie ein Chefarzt, der nicht selbst operiert habe, aber versichert, dass der Eingriff nach allen Regeln der Kunst abgelaufen sei.

  • Souveräne Zeugin: Kathrin Gesing von der Kriminalpolizei Bottrop sagt vor Gericht als Zeugin aus. Sie führte zusammen mit Ulrich Herold die Ermittlungenen gegen Peter Stadtmann. Auf Nachfrage des Staatsanwaltes berichtet die Kommissarin von der Übergabe des ersten Infusionsbeutels durch die Angestellte der Alten Apotheke Marie Klein. „Frau Klein schüttelte den Beutel vor meinen Augen. Ich konnte keinen Schaum sehen.“ Auch ein Einstichloch konnte sie demnach nicht erkennen. Beides hätte laut den Erklärungen von Marie Klein aber deutlich zu sehen sein müssen: der Schaum, weil die deklarierten Wirkstoffe chemisch miteinander reagieren; und das Einstichloch, weil der Wirkstoff per Spritze injiziert wird.

  • Argument der Verteidigung widerlegt: Der Vorsitzende Richter Johannes Hidding befragt die Kommissarin Gesing auch zu den sogenannten Verwürfen. Stadtmanns Anwälte hatten behauptet, dass der Apotheker mit den Resten angebrochener Wirkstoffpackungen die fehlende Einkaufsquote ausgeglichen hätte. Gesing widerlegt diese Theorie mit wenigen Sätzen. Der Verwurf sei bereits Teil der Einkaufsmenge. Das heißt, die Differenz zwischen verkauften und gekauften Wirkstoffen würde in diesem Fall noch größer. Der Vorsitzende Richter grinst.

  • Der Notfallplan am Tag der Razzia: Wieder taucht die Frage auf, wer sich am Tag der Razzia in der Alten Apotheke um Ersatzmedikamente für die Patienten kümmerte. Die Verteidigung versucht dadurch Stadtmann in ein gutes Licht zu rücken. Er habe sich darum bemüht, schnell Ersatz für die Therapien bereitzustellen. Dabei gibt es für jede Zyto-Apotheke einen Notfallplan. In diesem Fall war der Apotheker Hubertus Ahaus aus Soest vorgesehen.  Ahaus sagt, dass er von der Amtsapothekerin Hanneline Lochte angefragt wurde, die Versorgung der Patienten zu übernehmen. Von Stadtmann schreibt Ahaus in der Antwort auf eine CORRECTIV-Anfrage nichts.

Die Antwort im Wortlaut:

„Unser Unternehmen wurde am Morgen des 29.11.2016 darüber informiert, dass das Labor der Alten Apotheke geschlossen worden sei. Wir wurden sodann von der für Bottrop zuständigen Amtsapothekerin gebeten, kurzfristig die Versorgung der Patienten in Lohnherstellung für die Alte Apotheke zu übernehmen. Diese Lohnherstellung erfolgte über einen Zeitraum von wenigen Tagen und im Rahmen eines Vertrages, der bereits früher auf eine entsprechende Forderung der zuständigen Behörde geschlossen worden war, um im Fall eines unvorhersehbaren Ausfalls der Produktionsstätten die Versorgung der Patienten sicherzustellen. Solche Verträge sind branchenüblich (...).“

Video:

Berichterstattung:

Hintergrund: Kampf um Gutachten (CORRECTIV.RUHR)

Hintergrund: Der Apotheker – Stadtmanns Geschichte (CORRECTIV.RUHR)

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag:

Am nächsten Verhandlungstag am Mittwoch, den 29.11.2017, wird der Zeuge Thomas Tix aussagen. Er ist Mitarbeiter der ALG GmbH. Über diese Firma lief die Rezeptabrechnung der Alten Apotheke. Die Rezepte sind ein zentraler Teil der Anklage, weil auf den ausgestellten Verordnungen der Ärzte die Berechnung des benötigten Wirkstoffes basiert.

Steal our Stories

Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. Wie das geht, steht hier.

10 Euro für unabhängigen Journalismus