Am vierzehnten Verhandlungstag im Fall der gepanschten Krebsmedikamente aus der Alten Apotheke in Bottrop berichtet eine ehemalige Angestellte von einem „Zyto-Keller”, in dem Zytostatika gelagert wurden. 2014 sei dort eine große Lieferung von Wirkstoffen aufgetaucht.

Die Eltern von Peter Stadtmann waren für heute als Zeugen geladen. Sie verweigern die Aussage und erschienen deshalb nicht vor Gericht. Diesmal sind knapp zwanzig Zuschauer in den Saal 101 des Essener Landgerichts gekommen. Mehrere Anwälte der Nebenklage lassen sich von Kolleginnen vertreten. CORRECTIV berichtet aus dem Gerichtssaal.

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Der Angeklagte wirkt gelöst. Ab und zu scheint er fast zu lächeln. Die Zeugin Teresa K. kennt Peter Stadtmann von klein auf. Gelegentlich hat die langjährige Mitarbeiterin der Alten Apotheke auf ihn aufgepasst und mit ihm gespielt. Sie berichtet, dass er als Kind einsam gewesen sei. Nachdem er die Alte Apotheke übernommen habe, sei es immer wieder zu Konflikten zwischen ihm und seiner Mutter gekommen.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Rund die Hälfte der 44 Nebenkläger sind heute vor Gericht erschienen. Als die Zeugin Teresa K. berichtet, dass Peter Stadtmann als Kind Bischof werden wollte, geht ein Lachen durch den Saal. Den kindlichen Berufswunsch empfinden viele Betroffene angesichts der vorgeworfenen Taten als zynisch.  

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Versuchter Mord? In einer Erklärung werfen mehrere Anwälte der Nebenklage Peter Stadtmann „versuchten Mord” vor. Er habe aus Habgier den Abrechnungsbetrug geplant und sich gleichzeitig eine Rolle als „Herrscher über Leben und Tod der Patienten” verschafft. Die Erklärung bezieht sich auf die Aussagen des Zeugen Kim F., der am vorherigen Prozesstag vor Gericht als Zeuge ausgesagt hatte. Kim F. arbeitet als Fahrer der Alten Apotheke und lieferte bis zur Razzia jeden Morgen Therapien an Ärzte aus. Er berichtete, dass die Therapien morgens immer erst nach einer Freigabe in die Autos geladen wurde. Daraufhin hatte die Verteidigung erklärt, man müsse den Vorwurf der Körperverletzung fallen lassen. Da am Morgen der Razzia keine Freigabe durch Peter Stadtmann erfolgt sei, hätten die beschlagnahmten und nachweislich zu gering dosierten Therapien keinen Beweiswert. Dem widerspricht die Nebenklage nun und fordert im Gegenzug eine Ausweitung der Anklage. Bereits mit der Manipulation der Therapien und der Bereitstellung in adressierten  Koffern seien die wesentlichen Voraussetzungen für eine Schädigung von Patienten gegeben. Es sei davon auszugehen, dass die Infusionen auch ohne das Zutun von Peter Stadtmann ausgeliefert worden wären. Schließlich sei der Mitarbeiter Marc F. vor Ort gewesen. Er war autorisiert, die Infusionen an die Fahrer zu geben. Hinzu kommt: Vor Gericht hatte Kim F. auf Nachfrage erklärt, dass Peter Stadtmann morgens kein einziges Mal Infusionen wieder aus den Koffern herausgenommen habe. Auch das Tragen von Straßenkleidung im Labor bekräftigt aus Sicht der Nebenklage den Vorwurf des versuchten Mordes. Stadtmann müsse gewusst haben, dass Verunreinigungen von Therapien tödliche Infektionen auslösen könnten. Die Zeugin Teresa K. bestätigte vor Gericht, dass Stadtmann ohne Schutzkleidung im Labor arbeitete. Darauf habe sie ihn und seine Eltern mehrfach hingewiesen. Die hätten nur „Ja, ja" geantwortet.

  • Richter macht einen Rückzieher  Wie weit die Vorwürfe gegen Stadtmann reichen, wird auch zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal debattiert. Ein Anwalt der Nebenklage fragt nach einer Kopfverletzung des Angeklagten, die die Zeugin Teresa K. erwähnt hatte. Eine mögliche Wesensveränderung des Angeklagten durch die Kopfverletzung sei im Prozess wichtig. Die Verteidigung will Fragen zu der Verletzung verhindern und sieht keinen Bezug zum Verfahren. Der Richter gibt der Verteidigung zunächst Recht und sagt, dass es in dem Verfahren um einen Verstoß gegen das  Arzneimittelgesetz und um Rechnungsbetrug gehe. Der Anwalt der Nebenklage ergänzt, dass auch der Vorwurf der Körperverletzung verhandelt werde und der Richter zudem bei der Eröffnung selbst daran erinnert habe, dass alle nach dem Strafgesetzbuch möglichen Straftaten verfolgt würden. Auch über eine mögliche Körperverletzung hinaus. Danach lässt der Richter die Frage zu.

  • Zyto-Keller und Privatkeller Vor Gericht berichtet Teresa K. von einem Lager, das intern nur „Zyto-Keller” genannt wurde. In diesem Keller im Gebäude der Alten Apotheke seien vor dem Bau des neuen Zyto-Labors Wirkstoffe gelagert worden. Drei Kühlschränke hätten dafür bereit gestanden. Sei dieses Lager zu voll gewesen, habe man Wirkstoffe im daneben liegenden privaten Haushaltskeller gelagert. 2014 habe in diesem Haushaltskeller eine große Lieferung mit vielen Kartons gestanden. Darunter seien auch Wirkstoffe für die Zyto-Herstellung gewesen. Welche Wirkstoffe in den Kartons waren und wer sie lieferte, weiß die Zeugin nicht.

  • Demütigungen in der Alten Apotheke 46 Jahre arbeitete Teresa K. in der Alten Apotheke. Nach der Übernahme der Apotheke sei Peter Stadtmann noch zugänglich gewesen, man habe mit ihm reden können. Dann habe die neue Mitarbeiterin Birgit K. angefangen, in der Apotheke zu arbeiten  Sie strukturierte Arbeitsabläufe um und auch Stadtmann habe sich in dieser Zeit verändert. Birgit K. wird am 24. Januar als Zeugin vor Gericht aussagen. „Man durfte nicht widersprechen und wurde gedemütigt”, sagt Teresa K. zum Arbeitsklima. Nach der Razzia wurde die Zeugin gemobbt. Sie ist die Schwester des Whistleblowers Martin Porwoll, wusste aber laut eigener Aussage nicht, dass ihr Bruder sich an die Polizei wandte. Alles was sie in der Zeit nach der Durchsuchung bei der Arbeit gemacht habe, sei von der Mutter des Angeklagten als falsch gerügt worden. Schließlich habe sie deshalb selbst um ihre Kündigung gebeten. Auch der Neffe der Zeugin und Sohn des Whistleblowers Martin Porwoll arbeitete nebenbei in der Apotheke. Er sei sofort nach der Razzia gekündigt worden.

  • Sicherung der IT in der Alten Apotheke Der Polizist Sebastian Mayer von der IT-Forensik in Bottrop sagt als zweiter Zeuge an diesem Prozesstag aus. Er war am Tag der Razzia zur Datensicherung im Labor der Alten Apotheke. Die Mitarbeiter verhielten sich nach seiner Aussage am Morgen der Razzia kooperativ. Zu den Auswertungen selbst konnte der Polizist nichts sagen.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag:

An 18.01. kommt es zum Show-down. Der Whistleblower Martin Porwoll sagt als einziger Zeuge aus, die Verteidigung von Stadtmann wird versuchen, den Zeugen der Anklage zu diskreditieren.

 

Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr): 18.01., 24.01., 29.01., 31.01., 01.02., 05.02., 08.02., 14.02., 16.02., 20.02., 22.02., 13.03.

 

Steal our Stories

Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. Wie das geht, steht hier.

10 Euro für unabhängigen Journalismus