Wenige Wochen nachdem der Skandal um die Alte Apotheke in Bottrop aufflog, ließ die Mutter* von Peter Stadtmann den Betrieb der Alte Apotheke auf sich übertragen. Zweifel der Gesundheitsbehörden an ihrer Zuverlässigkeit zerstreute ihr Anwalt, der auch ihren Sohn vertrat: Es dürfe keine Sippenhaft geben. Seine Mandantin habe von dem Tun ihres Sohnes nichts gewusst, teilte der Anwalt mit. Doch ist die Mutter von Peter Stadtmann tatsächlich so ahnungslos? Informationen, die CORRECTIV vorliegen, erwecken Zweifel. Peter Stadtmann ist angeklagt, tausende Krebspatienten mit gepanschten Arzneien versorgt zu haben. Wie groß die Zahl seiner Opfer ist, bleibt unklar. Peter Stadtmann schweigt weiter im Prozess vor dem Landgericht Essen. Seine Anwälte widersprechen der Anklage.

Die Neugier des Richters Johannes Hidding in dem Prozess um die gestreckten Krebsmedikamente fällt auf. Er fragt immer dann besonders nach, wenn es um die Mutter* des Angeklagten geht. Warum ist das so? Spürt er, dass sie mehr mit den Vorgängen zu tun haben könnte? Welchen Einfluss hatte sie vor der Verhaftung des Sohnes in der Alten Apotheke und welchen hat sie heute?

Die Spur ist spannend. Sie führt in die Vergangenheit der Familie Stadtmann, zum Verhältnis zwischen Eigentümern, Stadtspitze  und Mitarbeitern, aber auch direkt in die Keller an der Bottroper Fußgängerzone, dorthin, wo die Medikamente lagerten.

Peter Stadtmanns Mutter stand der Alten Apotheke in Bottrop seit 1985 vor. Seither verbrachte sie den größten Teil des Tages in dem Gemäuer an der Cyriakus-Kirche. Ihre Familie galt als High Society der alten Bergbau-Kommune. Sie stand oft im Laden, sprach mit Kunden, pflegte die Beziehungen. Und kontrollierte die Kassen. Sie hatte alles im Blick. Immer war ihr klar, dass eines Tages ihr Sohn die Apotheke übernehmen werde.

Keine Schutzkleidung

Nach den Unterlagen, die auch der Staatsanwaltschaft vorliegen, wurde die erste Chemotherapie spätestens am 5. Juli 2001 in der Alten Apotheke hergestellt und an einen Arzt gesandt. In dieser Zeit gehörte der Mutter die Apotheke, sie war bis zur Verpachtung im Jahr 2009 verantwortlich für die Zubereitung aller Medikamente und damit auch für die Arbeit ihres Sohnes. Schon damals hätte ihr auffallen können, dass die hohen Standards für die Zyto-Herherstellung nicht beachtet wurden. Wie eine Zeugin vor Gericht aussagte, habe Peter Stadtmann ohne die vorgeschriebene Schutzkleidung im Labor der Alten Apotheke gearbeitet. Die Zeugin Teresa K. war über 40 Jahre in der Apotheke angestellt. Sie habe die fehlende Schutzkleidung sowohl gegenüber dem Sohn als auch den Eltern immer wieder angemahnt, sagt Teresa K. vor Gericht, allerdings habe sie als Antwort nur ein „Ja, Ja” erhalten. Auch andere Mitarbeiter sagen vor Gericht aus, dass Peter Stadtmann ohne Schutzkleidung in den Zyto-Labors tätig gewesen wäre.

Teresa K. ist auch die Schwester des Whistleblowers und ehemaligen Buchhalters der Alten Apotheke Martin Porwoll, der mit seiner Anzeige den Skandal um die gestreckten Krebsmittel ins Rollen gebracht hatte.

Doppelherrschaft

Im Herbst 2009 war es dann soweit. Peter Stadtmann übernahm die Pacht, im Jahr 2012 auch das Haus der Alten Apotheke. Dafür garantiere er seiner Mutter eine lebenslange Zahlung von mehreren tausend Euro im Monat. Und er versprach ihr ein unentgeltliches Wohnrecht in dem Haus.

Krebsmittel im Privatkeller

Abgelaufene Krebsmittel von Hexal im Privatkeller der Alten Apotheke

CORRECTIV

 

Aber die Mutter nahm weiterhin eine führende Rolle in der Alten Apotheke ein. Das Haus hatte nach Eindruck der Mitarbeiter seither zwei Chefs. Peter Stadtmann und seine Mutter. Es sei wegen der Spannung zwischen Sohn und Mutter häufig „stressig” gewesen, sagt Teresa K. Die Doppelherrschaft in der Alten Apotheke bestätigt auch die ehemalige Mitarbeiterin Stefanie M., die ebenfalls vor Gericht als Zeugin vernommen wurde. Die Mutter sei immer anwesend gewesen, sagt Stefanie M., auch als Peter Stadtmann „offiziell” die Apotheke übernommen hätte. Mutter und Sohn hätten den Angestellten teils widersprechende Anweisungen gegeben. Die Mutter sei auch „handgreiflich” geworden, hätte sie „in den Rücken geboxt“ und sich überall „eingemischt“, sagt Stefanie M. als Zeugin vor Gericht,  Peter Stadtmann sei oft gebeten worden, seine Mutter „zurückzupfeifen”. Vor allem auf die „Abrechnungen” hätte die Mutter ein Auge geworfen, sagt die Zeugin vor Gericht, und sie hätte die „Zuzahlungen der Patienten für die Zytostatika“ kontrolliert und „nicht bezahlte Rechnungen angemahnt“.  Selbst nachdem der Skandal aufgeflogen war, habe die Mutter nicht aufgehört. Sie telefonierte Krebskranke ab, die ihre mutmaßlich gepanschten Arzneien nicht bezahlt hatten, berichten Betroffene.

Der Keller

Der Vorsitzende Richter Johannes Hidding interessiert sich im Prozess vor dem Landgericht auffallend für die Rolle der Mutter. Immer wieder fragt er die Mitarbeiter der Alten Apotheke danach.

Das kann einen Grund haben. Auch wenn Peter Stadtmann offiziell die Alte Apotheke gehörte, besaß seine Mutter laut Übernahmevertrag, der CORRECTIV vorliegt, immer noch einen Keller in der Apotheke. Einen Erdraum, den die Mutter besonders markierte: als “Privat”. Diesen Raum durften Kontrolleure bei einer Visite nicht betreten. Weil dieser Raum offiziell nicht zu Alten Apotheke gehörte. Dabei spielte der Keller der Mutter durchaus eine Rolle.

Zwei ehemalige Mitarbeiterinnen berichten vor Gericht:

Teresa K. sagt, dass in dem Privatkeller „Übervorräte“ von Krebsmitteln gehortet worden seien. Sie könne sich besonders an eine große Sendung aus dem Jahr 2014 erinnern, die im Haushaltskeller untergebracht wurde. Auch Stefanie M. sagt vor Gericht aus, dass sich im Privatkeller der Mutter Zytostatika befunden hätten. So seien dort neben Hundefutter und Getränken für die Mitarbeiter auch abgelaufene Krebsmittel eingelagert worden. Zum Beispiel das Zytostatikum Carboplatin, sagt Stefanie M.. In der Apotheke sei das Gerücht umgegangen, die Kisten mit den abgelaufenen Krebsmitteln würden immer leerer, sagt Stefanie M. vor Gericht.

Die Verteidigung versucht mit Lagerhaltungen und angeblichen Schwarzeinkäufen von Krebsmitteln das gravierende Missverhältnis zwischen Einkäufen und Verbrauch in der Buchhaltung zu erklären, denn dieses Missverhältnis ist für die Anklage gegen den Apotheker Peter Stadtmann ein zentrales Beweismittel. Die Verteidigung hatte in einem Brief an das Gericht behauptet, dass ein Vertreter des Pharmaunternehmens Hexal Peter Stadtmann im Jahr 2014 schwarz Zytostatika aus einem Kofferraum verkauft habe. Also im selben Jahr, in dem nach Aussagen der Zeugin Teresa K. im Privatkeller der Alten Apotheke eine große Lieferung von Wirkstoffen untergebracht worden sei. Das Pharmaunternehmen aus Bayern dementierte für sich und seinen Pharmavertreter die Behauptungen der Anwälte von Stadtmann. Schwarzverkäufe seien unmöglich, „Mitarbeiter im Außendienst kommen mit Ware nicht in Kontakt und können demnach Ware auch nicht selbst verkaufen.“, sagt ein Sprecher gegenüber CORRECTIV.

Abgelaufene Krebsmedikamente

CORRECTIV liegen Fotos aus dem Privatkeller der Mutter in der Alten Apotheke vor. Die Bilder wurden am 9. Februar 2015 aufgenommen und zeigen ein Regal mit Arzneipackungen. Neben Carboplatin, finden sich auch Packungen von den Zytostatika 5- Fluorouracil und Irinotecan. Alle diese Krebsmittel stammen von Hexal. Sie gehören in die untere Preisklasse. Nach der Aussage der Zeugin Stefanie M, sei das Carboplatin im Privatkeller abgelaufen gewesen und das hätten die Mitarbeiter der Apotheke auch gewusst. Auf den Fotos sieht man zudem, dass auch die Wirkstoffe Irinotecan und 5- Fluorouracil, Packungsname 5-Fu, über dem Haltbarkeitsdatum sind. Die Packungen mit dem Wirkstoff Irinotecan weisen als Ablaufdatum den Dezember 2014 aus, die Packungen mit 5- Fluorouracil den Januar 2015.

Abgelaufenes Krebsmittel Irinotecan von Hexal im Privatkeller der Alten Apotheke.

Abgelaufenes Krebsmittel Irinotecan von Hexal im Privatkeller der Alten Apotheke. Aufnahme: 09.02.2015. Abgelaufen: Dezember 2014

Nach Informationen von CORRECTIV haben zwischen 2012 und 2016 über 1500 Patienten  Krebsmittel aus der Alten Apotheke erhalten, von deren Art abgelaufene Packungen im Privatkeller der Alten Apotheke gelagert wurden.

Doch für den Prozess gegen Peter Stadtmann werden die abgelaufenen Zytostatika im Keller der Mutter kaum eine Rolle spielen.

Der Grund dafür ist einfach: Die Einkaufsquote für das Zytostatikum Irinotecan lag nach Erkenntnissen von CORRECTIV bei 94,87 Prozent. Das bedeutet: Peter Stadtmann hat in diesem Fall in etwa soviel Arznei gekauft, wie er verkauft hat. Genauso sieht es bei 5-Fu aus. Hier liegt die Einkaufsquote bei 108,18 Prozent und Carboplatin bei 89,61 Prozent.

In der Anklage hat die Staatsanwaltschaft diese Wirkstoffe also nicht aufgenommen. Sondern nur Arzneien, die einen Einkaufswert von unter 70 Prozent aufweisen. Wirkstoffe also, von denen Peter Stadtmann viel weniger eingekauft als angeblich ausgegeben hat.

Die Kellerfunde waren nicht darunter. Sie können Peter Stadtmann also weder belasten noch entlasten.

Trotzdem ist das Lager mit abgelaufenen Medikamenten im Privatkeller der Mutter wichtig. Warum? Weil sie in Frage stellen, ob die Mutter zuverlässig genug ist, eine Apotheke zu führen.

Wusste die Mutter, was in ihrem Privatkeller lagerte?

Die ehemalige Mitarbeiterin Stefanie M. sagt vor Gericht, dass die eingelagerten Altarzneien nicht zu übersehen waren. Diesen Eindruck legen auch die Fotos mit den vollgestopften Regalen und Körben nahe.

Wir haben die Mutter von Peter Stadtmann gefragt, ob sie von dem Altmedizin-Lager wusste. Sie selbst äußerte sich nicht dazu. Ihr Anwalt teilte mit, dass seine Mandantin keine Kenntnisse von irgendwelchen Missständen in ihrer Apotheke gehabt habe. Als „Dame in fortgeschrittenem Alter“ sei es ihr unmöglich gewesen, eventuelle Fehler ihres Sohnes zu erkennen. Zumal sogar eine Ermittlung der Staatsanwaltschaft 2014 im Sande verlaufen sei. Wenn die Ermittler keine „hinreichenden Anhaltspunkte für Missstände“ entdeckt hätten, wie hätte dann die „Dame“ etwas sehen können?

Die Mutter und ihr Keller

Gleichwohl lagen in ihrem Privatkeller abgelaufene Krebsmedikamente, die nach Auskunft mehrerer Zeugen später verabreicht wurden.

Hat die Alte Apothekerin also nichts gesehen? Hätte sie etwas sehen müssen? Oder wollte sie nichts sehen? Immerhin war es ihr Privatkeller, für den sie die Verantwortung hatte – in ihrem Haus, in dem sie ständig wohnte und beinahe täglich arbeitete.

Der Anwalt der Mutter sagt, es gebe etliche Mitarbeiter der Alten Apotheke, die beschwören wollten, dass die Mutter nichts von den Missständen in ihrem Privatkeller mitbekommen habe, in dem zwischen Hundefutter und Getränkeflaschen abgelaufene Arzneien gehortet wurden.

Dieser Punkt erscheint kritisch für den Weiterbetrieb der Alten Apotheke.

Nach den Regeln muss ein Apotheker zuverlässig sein. Nur dann darf er eine Apotheke betreiben, in der Medikamente zubereitet werden, die Leben retten sollen. Und die Mutter hat nach eigener Aussage regelmäßig in der Apotheke gearbeitet und Kunden betreut. Mitarbeiter berichten vor Gericht, dass sie sich in die Angelegenheiten der Mitarbeiter eingemischt und ständig mit ihrem Sohn beraten und gestritten hätte. Dennoch will sie von möglichen Unregelmäßigkeiten nichts mitbekommen haben – sagt ihr Anwalt.

Wer so lange, so intensiv in der Führung eines Unternehmens gearbeitet hat, will nicht erkannt haben, was da schief läuft? Das fällt schwer zu glauben.

Bezirksregierung Münster zweifelt

So zweifelte auch die Bezirksregierung Münster in einem internen Schreiben, das CORRECTIV vorliegt, deutlich an der Zuverlässigkeit der Mutter: „Es mag (...) verwundern, dass einer pharmazeutisch ausgebildeten Person, die sich regelmäßig mit den Belangen der Apotheke umfänglich auseinandergesetzt haben will, derart schwerwiegende und zwischenzeitlich nachgewiesene Mängel in der Herstellung über einen so langen Zeitraum verborgen geblieben sind. Hier wäre bei geringster Kenntnis ein Einwirken im Sinne der Patientensicherheit geboten gewesen. Ein Unterbleiben wiederum dürfte die Frage der Zuverlässigkeit fundamental berühren.“

Ein vernichtendes Urteil der Aufsichtsbehörde.

Abgelaufenes Krebsmittel 5-FU im Privatkeller der Alten Apotheke

Abgelaufenes Krebsmittel 5-FU im Privatkeller der Alten Apotheke. Aufnahme: 09.02.2015. Abgelaufen: Januar 2015

CORRECTIV

Um eine Antwort zu finden, muss man weit zurück gehen. Bis in die Tage kurz nach der Razzia. Damals gab die Stadtverwaltung intern die Parole aus, dass die Alte Apotheke als wichtiger Arbeitgeber der Stadt erhalten werden müsse. So sagte die Amtsapothekerin von Bottrop dem Anwalt der Mutter des Alten Apothekers im Dezember 2016, dass es möglich sei, dass die Mutter von Peter Stadtmann die Alte Apotheke wieder übernehmen könne.

Jedoch war diese Zusage immer unter dem Vorbehalt gestellt, dass dies rechtlich möglich sein müsse. Und hier gab es Probleme.

So versuchte die Stadt tatsächlich zunächst, diese Erlaubnis zu verweigern – ganz im Sinne der zitierten Bezirksregierung Münster.

Doch der Anwalt der Mutter verklagte die Stadt Bottrop vor dem Verwaltungsgericht Gelsenkirchen, um die Betriebserlaubnis für die Mutter zu erstreiten. Er trug vor, dass es keine Sippenhaft in Deutschland gebe – und solange der Mutter nicht nachgewiesen worden sei, dass sie etwas mit dem Tun ihres Sohnes zu tun habe, dürfe ihr die Arbeit und die Übernahme der Alten Apotheke nicht verboten werden.

Die Stadt gab nach.

Wieder Chefin

Es habe zwar kein Urteil durch das Verwaltungsgericht gegeben, sagt ein Vertreter der Verwaltung. Aber im Laufe des Verfahrens seien Dokumente vorgelegt worden, die zu einer Änderung der Einschätzung durch die Behörde geführt hätten. „Einen Deal hat es aber nicht gegeben.“

Am Ende wurde Peter Stadtmann im März 2017 die Betriebserlaubnis für die Alte Apotheke entzogen und am gleichen Tag der Mutter erteilt.

Die Mutter nutze ihre Macht als neue alte Apothekerin und Arbeitgeberin. In einer Zeugenaussage vor Gericht sagte die ehemalige Mitarbeiterin Stefanie M., die Mutter habe nach der Verhaftung ihres Sohnes verlangt, dass die Mitarbeiter auf Anfragen sagen sollten, nichts zu wissen. Dies hört sich an, wie ein Maulkorb und Stefanie M. hat es auch so beschrieben.  Auch die Zeugin Teresa K. bekam die Rache der Mutter zu spüren. Seit der Verhaftung des Sohnes hätte sie als Schwester des Whistleblowers nichts mehr richtig gemacht, sagt Teresa K. vor Gericht und habe dann um die Kündigung gebeten.

Die meisten anderen Mitarbeiter der Alten Apotheke haben vor Gericht die Aussage verweigert.

Hat die Mutter eine reine Weste?

Gegen sie läuft in jedem Fall derzeit kein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft.

Über ihren Anwalt hat sie durchsetzen lassen, dass sie in den meisten Medien nicht als neue und alte Besitzerin der Alten Apotheke genannt wird.

Sie wirkt nahezu unsichtbar dafür, dass der Betrieb weiter geht.  

*Aus juristischen Überlegungen nennen wir den Namen der Mutter nicht.



 

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