Starkregen überflutet immer öfter Städte und Gemeinden. Kommunen in NRW arbeiten deshalb an Warn-Karten, die flutgefährdete Straßen und Häuser zeigen. Es gibt bei einigen Kommunen Bedenken gegen eine Veröffentlichung: Die Grundstückspreise könnten sinken, die Versicherungsprämien steigen. Das Land empfiehlt dennoch einen offenen Zugang.

2008 gab es die Wolkenbrüche über dem Dortmunder Westen. Autos drifteten weg in der Flut. 2009 geriet der Flughafenbahnhof Düsseldorf „landunter“. Und den 28. Juli 2014 halten sie in Münster für „den Tag, als der Regen kam“. Sieben Stunden lang hörte es nicht auf. 40 Millionen Kubikmeter Wasser kamen vom Himmel – 26 mal so viel wie Kanalisation, Bäche und Flüsse in der Stadt zusammen aufnehmen können. Für zwei Menschen endete das tragisch: Nahe dem Igelsbach ertrank ein Rentner in seinem eigenen Keller. Ein Autofahrer schaffte es nicht mehr aus dem Straßengraben, in den er gerutscht war.

Das Bonner Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) kennt erschreckende Zahlen. Die hat die Münchner Rückversicherung geliefert. Von 790 Großereignissen in den letzten Jahren, die zusammen 80 Milliarden Euro Schaden angerichtet haben, sind über 550 durch Stürme und Unwetter ausgelöst worden. Immer öfter dabei: Der Starkregen. Er ist eine Folge des Klimawandels. Starkregen überzieht auch den Westen Deutschlands in kürzeren Abständen als früher.

Vorsorge-Maßnahmen

Im Gelsenkirchener Norden sitzen Roland Waniek und seine Leute daran, die Wirkungen solcher Ereignisse zu dämmen. Beim IKT, dem Institut für Unterirdische Infrastruktur, entwickeln sie Vorsorge-Maßnahmen. Sie trainieren im regelmäßigen Abstand Mitarbeiter von inzwischen 50 Kommunen und Abwasserverbänden in mehrtägigen Seminaren und Workshops. Man erstellt Checklisten für den Starkregen-Ernstfall. Man gibt Eigentümern von Grundstücken Hinweise, wie sie sich vor dem Wasser schützen können.

Tipps bei Starkregen

  • Halten Sie Türen und Fenster geschlossen, bedenken Sie eventuell vorhandene Dachluken.

  • Achten Sie darauf, dass in Ihrer Wohnung kein Durchzug entstehen kann.

  • Denken Sie an elektrische Geräte oder Anschlüsse, die bei Starkregen und Wassereintritt zur Gefahrenquelle werden können.

  • Vergessen Sie nicht die tiefer gelegenen Räume wie Keller: elektrische Geräte sollten vom Netz genommen werden, durch Wasser gefährdete Sachen erhöht gelagert. Bei Freisetzung gefährlicher Substanzen, wie z. B. Heizöl, muss die Feuerwehr verständigt werden.

  • Beachten Sie, dass bei überfluteten Straßen Schäden in der Straßendecke oder vom Wasserdruck angehobene Kanaldeckel bedeckt sind.

Weitere Informationen und Ratschläge erteilt das Bundesamt für Katastrophenschutz und Bevölkerungshilfe.

Die Städte und Gemeinden sind interessiert und arbeiten eng zusammen. Auf der Seite der kommunalen Abwasserbetriebe KomNet tauschen sich Großstädte wie Dortmund und Essen aus und auch kleinere wie Witten, Bad Honnef oder Voerde. Manche – wie Wachtberg bei Bonn – haben schon traumatisierende Ereignisse hinter sich. Dreimal in den letzten sechs Jahren traf es die Gemeinde. Keller, Gärten, zentrale Verkehrswege – überflutet, zerstört und lange Zeit unbenutzbar.

Warn-Karten

Warnungen vor diesen Unwettern werden also immer wichtiger. Millionenfach hat das Bundesamt für Bevölkerungsschutz schon seine Warn-APP verbreitet. Sie weist auf nahende Unwetter hin. Das IKT dagegen beschäftigt sich mit Risikokarten. Sie sind wie gelbe Warnwesten, die lange vor dem Ereignis signalisieren: Achtung! Hier kann Wasser über die Kante gehen.

Solche Karten werden derzeit in vielen Rathäusern angedacht und entwickelt. Baden-Württemberg ist, so der Deutsche Wetterdienst, dabei weit vorangekommen, Niedersachsen liegt eher noch zurück. Das bevölkerungsstärkste Bundesland Nordrhein-Westfalen pendelt in der Mitte. Mal so, mal so. Je nach Kommune. Das NRW-Umweltministerium weiß von Plänen, Bemühungen und ersten Karten-Realisierungen in Köln, Münster, Neuss, Remscheid, Solingen, Wuppertal, Unna und Ruhrgebietsstädten wie Dortmund.

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Screenshot Überflutungsgefahrenkarten der steb-koeln.de

Hellblau für knöcheltief

Was bewirken diese speziellen Stadtpläne? Die Nutzer werden – bis auf die Hausnummern genau – auf den Karten erkennen, welche Straßenzüge bei welcher Regenmenge wie stark durch Überflutungen gefährdet sind. Erkenntnisse aus Meteorologie, Statistik, Topografie und Baukunde fließen in die Herstellung ein, die Lage von Grünflächen, Gefälle und Kanälen spielen eine Rolle. „Die Karten erfordern hohe Auflösung, also einen großen Maßstab. Sie zeigen überflutungsgefährdete und besonders verwundungssensible Bereiche“, sagt Peter Schütz vom Umweltministerium in Düsseldorf.

Am Ende ist die apokalyptisch anmutende Situationsbeschreibung in den Kartenwerken – so, wie es in Wuppertal vorgesehen ist – durch unterschiedliche Blautöne erkennbar. Hellblaue Bereiche stehen für eine drohende „knöcheltiefe“ Überschwemmung, eine mittlere Färbung für „hüfthohen“ Wasserstand. Bei Tiefblau droht Totalschaden. Interessierte können sich das schon auf den Webseiten von Köln und Unna ansehen.

Die Karten sind nicht unumstritten. Sollen sie öffentlich gemacht werden? Einige Kommunen fürchten, ihre Veröffentlichung könnte Grundstückspreise einbrechen lassen. “Es werden teils unterschiedliche rechtliche Positionen vertreten”, sagt Thomas Brüggemann vom IKT. CORRECTIV hat deshalb in Großstädten nachgefragt. Wie weit sind sie? Was halten sie von einer Veröffentlichung?

Transparenz und Starkregen

Bochum. In einzelnen Stadtteilen sind den Bürgern Karten vorgelegt worden – online veröffentlicht wurden sie aber nicht. Anhand dieser Karten wurden auch Lösungsmöglichkeiten erörtert. „Für den kompletten Stadtbereich liegt noch keine Überflutungskarte vor“, sagt Thomas Sprenger von der Stadtverwaltung. Im 1. Quartal 2018 soll ein Auftrag hierzu herausgehen. „Es spricht vieles für eine Veröffentlichung von Gefährdungskarten oder aufbereiteten Risikokarten auf Gesamtstadtebene, wie es in jüngster Zeit die Stadt Köln getan hat“, sagt Sprenger. Eine rechtliche Bewertung stehe in Bochum aber noch aus.

Essen. Hier liegen Daten über die möglichen Überflutungen seit Mitte 2017 vor. „Es handelt sich um die Auswertungen von Wasserständen in Senken und Mulden“, so die Stadt. Man ist weit gegangen, hat dazu die Oberflächensimulation für einen „Katastrophenregen“ durchgeführt, der statistisch einmal in 100 Jahren vorkommt. „Damit ist rechnerisch ermittelt, wie, wo und wie hoch das Wasser sich innerhalb des Stadtgebiets sammelt“. Essen plant in der Folge eine besondere Internetplattform. Über die genaue Information für Bürger wird aber noch beraten. Zur Zeit würde die Gefährdung von Kindergärten, Alten- und Pflegeheimen, Kliniken, aber auch von wichtigen Verkehrsinfrastrukturen ermittelt.

Wuppertal. Die Stadt hat eine Starkregenkarte in Auftrag gegeben. Sie soll in diesem Jahr fertiggestellt sein und enthält drei Regen-Klassen (mittel, selten, extrem) und drei Gefährdungsklassen für mögliche Risiko-Gebiete. „Voraussichtlich noch im Jahr 2018 ist eine Veröffentlichung der Ergebnisse vorgesehen“. Ob die Karte dazugehört? „In jedem Fall soll für die Nutzer erkennbar sein, ob die für sie relevanten Flächen und Bereiche betroffen sind“. Im Bedarfsfall würden auf Nachfrage weitere Informationen zur Verfügung gestellt.

Grundstückspreise und Versicherungen

Auch, wenn diese Antworten zunächst nach viel Transparenz klingen: Der Streit um die Veröffentlichung der Karten spaltet nicht nur Kommunen, sondern sogar die Bundesländer, bestätigt Andreas Becker. Er ist Leiter der Niederschlagsüberwachung beim Deutschen Wetterdienst. Seine Behörde entwickelt und plant den großen Wurf: eine Risikokarte für das ganze Bundesgebiet mit den „Hot Spots“ der Gefährdung durch Starkregen. Dann wird klar, wo Deutschland durch den Klimawandel besonders verwundbar ist. In zwei oder drei Jahren soll sie vorliegen. „Einige Bundesländer haben Bedenken bekommen“, sagt er. Nicht nur die Furcht vor steigenden Grundstückpreisen steckt dahinter. Es könne auch die Annahme sein, dass Elementarschaden-Versicherungen in Gefahrengebieten die Prämien erhöhten.

Klartext redet dazu das Umweltministerium in NRW. Es macht auf CORRECTIV-Anfrage deutlich: „Aus der Sicht unseres Hauses ergibt sich grundsätzlich die Veröffentlichung der Informationen, damit alles getan werden kann, um solche Gefährdungen zu vermindern und die daraus resultierenden Schäden zu verhindern“. Es gehe schließlich um Menschenleben. Wie eben das des alten Herrn in Münster, der das Anschwellen des Igelsbach nicht überlebte.

Karten nur der erste Schritt

Die Auseinandersetzung über die Veröffentlichungen könnten auch durch einen Kompromiss bereinigt werden, glaubt man beim IKT in Gelsenkirchen, durch einen „dritten Weg”. Die Veröffentlichung bleibt danach zwar aus. Aber die Kommune könnte auf Basis der Risikokarten Bürger individuell über nötigen Schutz an ihren Häusern beraten, wenn diese gezielt danach fragen.  

Dabei sind die warnenden Kartenwerke nur ein erster Schritt, um den Folgen einer Überflutung Herr zu werden. Der zweite ist der eigentlich wichtigere. Was kann man tun, um es aufgrund der Karten-Daten gar nicht erst zum Schaden kommen zu lassen?

Hier kommt der Stadtumbau ins Spiel, ein Kapitel, bei dem Klimawandel und Starkregenereignisse Verwaltungen und Stadtplaner herausfordern. Denn beim Institut für unterirdische Infrastruktur IKT moniert Geschäftsführer Roland Waniek, Städte und Gemeinden seien schon organisatorisch nur begrenzt für eine ausreichende Unwetter-Vorsorge aufgestellt. „In keiner Kommune werden Sie ein Infrastruktur-Dezernat finden“.

Doch weil – nach übereinstimmender Expertensicht und entgegen allgemeiner Einschätzungen der Bevölkerung – ein größeres Kanalnetz im Notfall kaum hilft und im Alltag nichts nützt, drängen Fachleute von Unternehmen wie dem IKT oder auch beim Deutschen Wetterdienst auf andere Mittel: In den von Überflutung bedrohten Stadtteilen soll das Orts- und Straßenbild „wasserdicht“ verändert werden. Hier liegt die nächste Brisanz. Die Liste der vorgeschlagenen Maßnahmen ist nicht nur lang und teuer. Sie kann auf erhebliche Widerstände Betroffener stoßen.

Vorgeschlagene Maßnahmen

  • Die meisten Gullis an Straßenrändern sind falsch angeordnet. Sie verfügen heute, um Radfahrer vor Stürzen zu schützen, über Streben quer zum Verlauf der Fahrbahn. Das führt dazu, dass im Fall einer Sturzflut das Wasser nicht abläuft, sondern drüber weg rauscht. Gullis wären also, sollen sie ihren Zweck auch beim großen Unwetter erfüllen, wie früher längs zur Straße anzuordnen. Für Radfahrer keine ungefährliche Sache.

  • Hauptstraßen müssen im Notfall wie Kanäle wirken, sagen die Starkregen-Fachleute. Das Wasser soll „kontrolliert“ abfließen können. Das erfordert besonders hohe Bordsteine. Doch gerade mit Rücksicht auf behinderte Menschen werden sie derzeit eher niedrig gebaut.

  • Spielplätze sollten so angelegt werden, dass sie bei Starkregen als Auffangbecken genutzt werden können. Das gilt auch für Tunnel und Unterführungen.

  • Vor allem aber fehlen heute Freiflächen, in denen die Wassermengen versickern können. Doch hier beschränkt nicht nur die grassierende Bauwut die Verfügbarkeit solcher Flächen.  Vielfach verbieten das auch die Ländergesetze. Denn Regenwasser gilt in den Paragraphen als Schmutzwasser, und das darf aus Umweltschutz gründen nicht versickern.

Der Meteorologe Guido Halbig vom Deutschen Wetterdienst in Essen sagt, man brauche eben nicht nur die warnenden Karten. Sondern am Ende die „Schwamm-Stadt“, die die Sturzfluten aufsaugt.

 

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