Ein Skandal um gepanschte Krebsmedikamente hat erhebliche Lücken bei der Kontrolle von Apotheken offenbart. Die Aufsicht ist Ländersache. Einheitliche Standards fehlen. Einzelne Politiker versuchen jetzt, das Thema in die Bundespolitik zu tragen. Die Bundesregierung weicht erst einmal aus.

Ein Bottroper Apotheker steht derzeit vor Gericht: Er soll Krebsmedikamente gepanscht haben. Betroffen sind tausende Patienten in fünf Bundesländern. Sie könnten um ihre lebensrettenden Medikamente betrogen worden sein, weil der Apotheker laut Anklage der Staatsanwaltschaft die vom Arzt verschriebenen Mittel nicht in die Kochsalzlösungen mischte.

Der Fall offenbarte erhebliche Lücken in den Kontrollen der etwa 250 Zyto-Apotheken in Deutschland. Das sind Apotheken, die Chemotherapien herstellen dürfen.

Lücken bei der Kontrolle

Die Herstellung von Krebstherapien wird derzeit nicht umfassend kontrolliert. Unangemeldete Kontrollen von Zyto-Laboren gibt es nur in Ausnahmefällen. Wenn Amtsapotheker die Reinheit eines Labors prüfen, kündigen sie ihren Besuch in der Regel vorab an. Ob die Medikamente und Infusionen die nötigen Wirkstoffe enthalten, prüfen sie bei ihren Visiten nicht.

In jedem Bundesland ist die Apotheken-Aufsicht anders geregelt. Mal ist eine Landesbehörde zuständig, mal sind es die Kreise und Städte. In Niedersachsen, in Sachsen-Anhalt und im Saarland kontrollieren sich die Apotheker quasi selbst: Für die Aufsicht sind die Apothekerkammern zuständig.

Sie müssten die ordnungsgemäße Herstellung von Arzneimitteln und ihre Qualität sicher stellen – zur Not auch über die Prüfung der Buchhaltung oder unangekündigte Kontrollen. Beides hätte den Skandal von Bottrop früh aufdecken und tausenden Patienten Leid ersparen, vielleicht sogar ihr Leben retten können.

Geringe Mengen, hohe Gewinn

Krebsmedikamente müssen für jeden Patienten individuell angemischt werden. Der Apotheker gibt nach Vorgabe des Rezepts den Wirkstoff in eine Kochsalz- oder Glukoselösung. Kontrolliert wird der Wirkstoffgehalt danach in der Regel nicht mehr. Onkologen und Patienten müssen dem Apotheker vertrauen. Und da die Wirkstoffe zum Teil sehr teuer sind, können bereits mit geringen Mengen, die unterschlagen werden, hohe Gewinne gemacht werden.

Besonders deutlich macht das der Fall des Bottroper Apothekers Peter S.. Ihm wird vor dem Essener Landgericht vorgeworfen, Krebsmedikamente in über 60.000 Fällen unterdosiert oder ohne Wirkstoff hergestellt zu haben. Der mögliche Betrugsschaden liegt bei 56 Millionen Euro.

Im Strassenanzug im Reinlabor

Laut Zeugenaussagen verstieß Peter S. auch gegen gesetzliche Hygiene-Bestimmungen, indem er mit Straßenkleidung in seinem Zyto-Labor arbeitete und seinen Hund dort hinein ließ. Im Keller sollen abgelaufene Krebsmedikamente gelagert gewesen sein. Das hätte bei einer genaueren Kontrolle den Behörden auffallen können.

„Spätestens mit dem Bottroper Fall ist klar, dass es hier enorme Vollzugsprobleme gibt”, sagt Sylvia Gabelmann, Sprecherin für Arzneimittelpolitik und Patientenrechte der Bundestagsfraktion Die Linke. „Die Ausgaben für Infusionen steigen steil an. Dennoch unternimmt die Bundesregierung offenbar keinen Versuch herauszufinden, wie mit einer besseren Überwachung vergleichbare Betrugsfälle verhindert oder schnell aufgedeckt werden können.“

Gabelmann ist selbst Apothekerin, die einzige im Bundestag. Sie hat in einer kleinen Anfrage die Bundesregierung gefragt, ob die Kontrollen der Apotheken im Zuge des Bottroper Panschskandals ausgeweitet werden sollen.

Länderchaos bei den Kontrollen

„Die Überwachung der Apotheken und pharmazeutischen Herstellungsbetriebe obliegt den Ländern”, heißt es in der in dieser Woche veröffentlichten Antwort auf die Parlamentsanfrage lapidar.

Das bedeutet, dass es keine Informationen darüber gibt, in welchen Bundesländern die Kontrollen überhaupt funktionieren. „Der Bundesregierung liegen keine Informationen darüber vor, inwieweit entsprechende Überprüfungen stattfinden”, heißt es in der Antwort weiter.

Zyto-Herstellung nur noch in die Krankenhäuser

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach äußert Kritik am aktuellen Versorgungssystem. Es sei „gegen Betrug schwer zu sichern und darüber hinaus anfällig für große Qualitätsdefizite. Aus meiner Sicht sollte die Krebstherapie in die Krankenhäuser verlagert und das System der Schwerpunkt-Apotheken und niedergelassenen Krebsärzte an die Krankenhäuser angebunden werden“, sagt Lauterbach. „Die finanziellen Anreize mit Aussichten auf Millionengewinne sind für einen privaten Geschäftsmann andere als für einen angestellten Krankenhausapotheker.“ In keinem anderen Bereich seien die Margen so hoch wie in der Krebsmedizin.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will sich wegen der laufenden Koalitionsverhandlungen nicht konkret zu dem Fall äußern.

Ob die Apotheken-Kontrolle Thema der Koalitionsverhandlungen ist, bleibt damit offen. „Derzeit ist die Apothekenüberwachung bundesweit so heterogen organisiert, dass eine einheitliche Überwachungspraxis nicht hergestellt werden kann”, betont die Linken-Politikerin Gabelmann. „Die Bundesregierung schützt sich offenbar durch Unwissen vor notwendigen Konsequenzen.”

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