Der Oberbürgermeister von Bottrop, Bernd Tischler, hat einen auffälligen Hang zu fremden Gut, scheint es. Nach CORRECTIV-Recherchen bekam er ein Bild vom Alten Apotheker, ein Auto von Brabus und seine Partei im Wahlkampf wenigstens eine Spende von Peter Stadtmann.

Diese Geschichte fängt mit dem Druck eines Likörbildes von Udo Lindenberg an, eines „Likörellos“ – einer Stadtansicht von Bottrop mit Alkoholika gezeichnet.

Der Alte Apotheker Peter Stadtmann „lieh“ dieses Bild nach Aussage der Bottroper Stadtverwaltung über eine kommunale Tochterfima für mehrere Jahre in das Büro des Oberbürgermeister Bernd Tischler aus. Dort hing es dann mit der Alten Apotheke im Vordergrund prominent im OB-Büro, neben dem Schreibtisch des Stadtoberhauptes – bis die Opfer des Alten Apothekers einen Termin bei Bernd Tischler bekamen. Aus diesem Anlass gab der OB Tischler die Leihgabe an die Zwischenleihstation Innovation City GmbH zurück – sagt ein Sprecher der Stadt.

Die mehrjährige Leihgabe

Diese mehrjährige „Leihgabe” von Peter Stadtmann scheint etwas systematisches in sich zu haben. Im Prozess gegen den Apotheker vor dem Landgericht Essen offenbart die Verteidigung, wie der Angeklagte Beziehungen pflegte. Mit Geschenken. Einem Pharmavertreter spendiert er beispielsweise eine Möbellieferung aus dem Haus eines Luxustischlers, der auch die Villa des Apothekers eingerichtet hatte. Weitere Personen sollen von dort kostbare Möbellieferungen bekommen haben. Es drängt sich der Verdacht auf, dass es sich bei den Möbelgeschenken um Korruption gehandelt haben könnte. Nach dem Motto: Ich geb Dir was und Du bist in meiner Schuld.  

Tatsächlich las Peter Stadtmann immer wieder Offiziellen der Stadt Bottrop Wünsche von den Augen ab und ließ Dinge geschehen. Etwa als Bottrop kostenloses WLAN in der Innenstadt wollte – OB-Tischler präsentierte die Initiative. Peter zahlte seinen Teil für die Freifunkparty dazu.

Es gab aber auch Bargeld für die Mächtigen. So hat die SPD Bottrop, die Bottrop seit Jahrzehnten beherrscht und zu der Oberbürgermeister Bernd Tischler gehört, nach Aussagen der Verteidigung von Peter Stadtmann vor dem Landgericht Essen allein im Jahr 2013 eine Parteispende in Höhe von 9.900 Euro bekommen. Diese Summe liegt knapp unter der Veröffentlichungs-Grenze von 10.000 Euro. Würde diese Grenze überschritten, müsste die Partei die Spende bei der Bundestagsverwaltung melden.

Die Genossen mauern

Der Zeitpunkt ist wichtig. Im Frühjahr 2014 waren Kommunalwahlen und damit verbunden, die Oberbürgermeisterwahlen. Die SPD brauchte dringend Geld - auch für den persönlichen Wahlkampf des amtierenden Oberbürgermeisters Bernd Tischler. Nach inoffiziellen Aussagen aus der SPD hat Peter Stadtmann damals immer wieder Geld locker gemacht, wenn die Partei gefragt hat.

Wie die Spenden aus dem Jahr 2013 eingefädelt wurde – darüber schweigen sich die Beteiligten aus.

Wir haben bei der SPD Bottrop nachgehört, wie viel Geld Peter Stadtmann im Laufe der Zeit gespendet hat. Hat er im Jahr 2014 nochmal Geld gegeben? Vielleicht wieder knapp unter 10.000 Euro?

Die Partei mauert.

Die SPD will offiziell nicht sagen, wie viel Geld Peter Stadtmann ihr gespendet hat. Sie will nicht sagen, ob die einzige bekannte Spende von Peter Stadtmann für den Wahlkampf von Bernd Tischler verwendet wurde.

Die SPD habe „keine Spende von der genannten Person erhalten, die die Veröffentlichungsgrenzen entweder im Einzelfall oder in der Jahressumme überstiegen haben“, schreibt ein Partei-Sprecher lediglich. So wird Beton angerührt und Transparenz unterlaufen. Warum?

Peter Stadtmann hat im Jahr 2013 genau 100 Euro unter dem Betrag zur Offenlegung gespendet – soweit wir wissen. Da die SPD ihre Spenden verheimlicht, kann nicht nachgeprüft werden, ob die Partei über andere Organisationen oder Familienmitglieder von Peter Stadtmann mehr Geld bekommen hat. 

Nach Parteiengesetz nicht zulässig

Wir haben weiter gefragt: ging diese oder eine andere Spende des Alten Apothekers an den Oberbürgermeister Bernd Tischler – damit er damit seine Wiederwahl als Oberbürgermeister finanzieren kann? Ein Sprecher von Bernd Tischler sagt: „Nein – das wäre nach Parteiengesetz auch nicht zulässig”, sagt Sprecher Andreas Pläsken. Entsprechende Spenden dürften nur Parteien entgegen nehmen. Pläsken sagt, die SPD müsse die Frage beantworten, was mit der Spende finanziert worden sei.

Da ist er, der Zirkelschluss. SPD-Oberbürgermeister verweist auf Stadt, diese verweist auf die Partei des Oberbürgermeisters. So soll jede Diskussion um Parteispenden an die SPD in Bottrop beenden werden. Die offensichtliche Idee hinter der Schweigespirale: Wir sagen nichts – dann ist nichts.

Stadtsprecher Pläsken sagt zudem, dass Oberbürgermeister Tischler keinerlei Geschenke und geldwerte Vorteile von Peter Stadtmann und seiner Mutter erhalten habe und sagt, dass es sich bei dem Bild von Udo Lindenberg im Büro des OB nicht um ein Original, sondern um eine Druckkopie gehandelt habe, außerdem sei das Bild nur eine Leihgabe gewesen.

Das ist richtig: Eine Dauerleihgabe ist kein Geschenk. Aber den Nutzen des tausende Euro teuren Bildes hatte dennoch jahrelang der Oberbürgermeister Tischler, in dessen Büro das Likörello hing.

Leihen nicht schenken

Und dann gibt es noch einen zweiten Sachverhalt.

Bottrop ist nicht nur berühmt für die Alte Apotheke. In der Ruhrgebietsstadt rüstet auch die Firma Brabus teure Luxuskarossen aus und hat damit weltweit Erfolg.

CORRECTIV liegt nun ein Foto vor, das zeigt, wie der Oberbürgermeister Tischler in einem schwarzen Brabus von seinem Fahrer durch Bottrop gefahren wird. Das Foto wurde um 15:01 Uhr am 13. Oktober 2017 vor der Sparkasse Bottrop geschossen. Weitere Zeugen haben den Wagen samt Tischler und Fahrer Anfang Oktober gesehen – und Ende Oktober.

Ein Brabus als Luxuswagen ist ein ungewöhnlicher Dienstwagen für einen Oberbürgermeister – gerade in einer Ruhrgebietsstadt wie Bottrop. CORRECTIV hat Bernd Tischler deswegen gefragt, wer den Brabus bezahlt und ob seiner Ansicht nach ein so teures Auto angemessen sei.

Zunächst antwortete der Sprecher der Stadt, dass Oberbürgermeister Tischler keinen Brabus fahre. Der Dienstwagen des OB sei ein Mercedes-Benz E 350 und bei diesem handele sich um ein Leasingfahrzeug, das für die Stadt Bottrop sehr günstig sei.

Der OB im Brabus

Erst auf den Hinweis, dass es Fotos und mehrere Zeugen gebe, die Bernd Tischler gesehen hätten, wie er sich von seinem Fahrer in einem Luxus-Mercedes der Marke Brabus durch Bottrop fahren lässt, sagte der Stadtsprecher, der Luxus-Tuner Brabus übernehme für den Dienstwagen des Oberbürgermeister Werkstattleistungen. Deshalb könne es sein, dass Tischler einen Brabus als „Leihfahrzeug“ nutze, wenn sich der eigentliche Dienstwagen in „Reparatur und Wartung” befände.

Der Dienst-Mercedes von OB Tischler wurde nach Aussagen des Stadtsprechers Pläsken im August 2017 geliefert. Den Informationen von CORRECTIV zufolge fuhr Oberbürgermeister Tischler zumindest im Oktober 2017 wochenlang mit einem Brabus durch Bottrop.

Es erscheint auf den ersten Blick wenig glaubhaft, dass ein Mercedes nach wenigen Wochen so schwer beschädigt ist, dass er wochenlang in Reparatur oder Wartung ist und durch einen „Leihwagen“ des Luxus-Tuners ersetzt werden muss.  

Bottrops Oberbürgermeister Bernd Tischler und die Leihgaben der reichsten Männer der Stadt: Der Druck eines Lindenberg-Likörellos für das Büro im Wert von etlichen tausend Euro und ein Luxusauto von Brabus zum persönlichen Gebrauch.

Vorteile für den OB

Es sind Vorteile, die Bernd Tischler gewährt und vom Oberbürgermeister angenommen wurden.  

Dazu kommt noch wenigstens eine Parteispende an die SPD, knapp unter der Veröffentlichungsgrenze. Zu weiteren Geldgaben schweigt sich die Partei aus.

Peter Stadtmann lässt seinem lieben Freund „Bernd“ aus dem Knast heraus über einen Mittelsmann schriftlich Grüße ausrichten.  


CORRECTIV recherchiert weiter. Gab es weitere Vorteile, die gewährt wurden? Weitere, eventuell regelmäßige Parteispenden? Wir versuchen das herauszufinden. 

Hinweise (auch anonym) nehmen wir gerne über unser Kontaktportal an: correctiv-upload.org

Sie können uns aber auch per Email erreichen unter: AlteApotheke@correctiv.org

 

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