Das Gericht will einen eigenen psychiatrischen Sachverständigen beauftragen. Passagen zum Gesundheitszustand der Eltern im Gutachten der Verteidigung werden geschwärzt.

Am 24. Verhandlungstag sind keine Zeugen geladen. Das Gericht beschäftigt sich mit Beweisanträgen der Verteidigung und Fragen zu Stadtmanns Hirnschädigung. CORRECTIV berichtet aus dem Gerichtssaal.

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Als die Nebenklage Kopien des Gutachtens zur Hirnschädigung beantragt, wird Peter Stadtmann nervös und redet auf seine Anwälte ein. Vergebens - die Kopien werden vom Richter erlaubt.  

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Auf der Seite der Nebenklage bleiben heute einige Plätze frei. Weil keine Zeugen geladen sind, geht es in erster Linie um Beweisanträge. Noch einmal erinnert die Nebenklage an den Antrag, die mutmaßlichen Opfer des Apothekers als Zeugen zu hören. Das Gericht hat darüber noch immer nicht entschieden.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Richter bemängelt Gutachten der Verteidigung. „Es endet da, wo es interessant wird", bewertet der Vorsitzende Richter Johannes Hidding das Gutachten der Verteidigung zu einer möglichen Hirnschädigung Peter Stadtmanns. Die Verteidigung hatte am letzten Verhandlungstag beantragt, den Psychiater Pedro Faustmann von der Ruhr-Universität Bochum als Sachverständigen zu laden. Er hat Peter Stadtmann im Dezember und Januar in der Haft besucht und ein vorläufiges Gutachten geschrieben. Dieses Gutachten beschreibe den Lebenslauf eines „typischen Akademikers", so der Richter. „Interessant wird es erst da, wo berichtet wird, wie die alltägliche Arbeit läuft und Medikamente hergestellt werden". Doch das Gutachten ende, ohne diesen Aspekt genauer zu thematisieren. Deshalb möchte der Richter von der Verteidigung wissen, ob Peter Stadtmann dazu gegenüber einem vom Gericht bestellten Sachverständigen Aussagen machen würde. Die Verteidigung will das nicht sofort beantworten und erst beraten. Offenbar plant das Gericht trotzdem noch diese Woche den Psychologen Boris Schiffer von der Ruhr-Universität Bochum mit einem psychiatrischen Sachverständigengutachten zu beauftragen. Stadtmanns Anwälte hatten Boris Schiffer in ihrem Beweisantrag am letzten Verhandlungstag selbst als zweiten Gutachter vorgeschlagen. Der Richter Johannes Hidding betont deshalb, Schiffer sei überrascht gewesen, als er ihn kontaktierte und habe zuvor keinen Kontakt mit der Verteidigung gehabt.
  • Schon 2008 attestierten Ärzte Peter Stadtmann einen Hirnschaden. Schon nach seinem Unfall im Jahr 2008 attestierten die behandelnden Ärzte Peter Stadtmann ein „Hirnorganisches Psychosyndrom". Das geht laut dem Richter aus dem Gutachten des Psychiaters Pedro Faustmann hervor, der auch Krankenunterlagen des Angeklagten aus der Zeit nach dem Unfall 2008 ausgewertet habe. Das wirft die Frage auf, ob der Stadt Bottrop bei der Erteilung der Betriebserlaubnis diese Diagnose bekannt war.  

  • Was steht über die Eltern Stadtmanns im Gutachten? Der Richter entscheidet, dass die Nebenklage das Gutachten zur Hirnschädigung nicht nur in der Geschäftsstelle des Gerichts einsehen darf, sondern auch Kopien erhält. Die Verteidigung hatte versucht das mit Verweis auf sensible Daten Dritter zu verhindern. Diese Dritten sind offensichtlich Stadtmanns Eltern. Angaben zum Gesundheitszustand der Eltern werden auf Veranlassung des Richters im Gutachten geschwärzt.

  • Beweisanträge der Verteidigung. Die Verteidigung stellt insgesamt acht Anträge. Die Onkologen Pott und Tirier sollen vor Gericht bezeugen, dass sich nach der Razzia und dem Wechsel der Apotheke die Farbe und Konsistenz der Krebstherapien nicht änderte. Die Verteidigung beantragt, einen Mitarbeiter der Rechtsabteilung von Hexal als Zeugen zu befragen. Es liege nahe, dass der Hexal-Vertreter Wilfried H. seine Aussage vor Gericht am 20. Verhandlungstag nach einer Rechtsberatung seines Unternehmens „einstudiert” habe. Zusätzlich stellt die Verteidigung erneut die Einkaufsquoten der Anklage in Frage. Lieferungen von Wirkstoffen seien nicht berücksichtigt worden. Stadtmanns Anwälte verweisen auf unentdeckte Warenlieferungen, die nicht in die Einkaufsquoten einbezogen worden seien, weil von den Ermittlern entweder nicht alle Lieferanten angeschrieben wurden oder die Lieferanten nicht alle Lieferungen angegeben hätten. Außerdem beantragt die Verteidigung einen Apotheker aus München als Zeugen zu hören. Er habe Zytostatika an die Alte Apotheke geliefert. Auch die Zeugin Birgit K. hatte in ihrer Vernehmung vor Gericht von Zyto-Lieferungen aus München berichtet.

  • Ist Peter Stadtmann verhandlungsfähig? Das Gutachten von Pedro Faustmann scheint diese Frage aufzuwerfen. Der Nebenklage-Anwalt Andreas Schulz beantragt, die Verhandlungsfähigkeit des Angeklagten zu überprüfen und verweist auf eine Seite des Gutachtens zur Hirnschädigung. Andreas Schulz stellt auch die Verteidigungsstrategie von Stadtmann Anwälten in Frage. Mit der Erstellung des Gutachtens hätten Stadtmanns Anwälte die „Büchse der Pandora" geöffnet, so Schulz. Aus dem Gutachten ergäben sich zahlreiche Anknüpfungspunkte für die Nebenklage, insbesondere zur Mutter-Sohn-Beziehung. Schulz legt der Verteidigung nah, durch ein Geständnis und einen Täter-Opfer-Ausgleich eine Strafminderung zu erwirken. Der Nebenklage-Anwalt Markus Goldbach beantragt eine Meldung an die Bundeswehr über das Gutachten zur Hirnschädigung. Laut Nebenklage hat Peter Stadtmann laut den Angaben zum Lebenslauf im Gutachen den Rang eines Hauptmanns bei der Bundeswehr. Dort könnten ihm wohl Disziplinarmaßnahmen drohen.

  • Werden die Opfer als Zeugen gehört? Noch einmal erinnert die Nebenklage an den Antrag, die Betroffenen des Skandals als Zeugen im Prozess zu hören. Das Gericht hat über den Antrag noch nicht entschieden.

  • Show-down der Sachverständigen. Für das geplante Aufeinandertreffen der Sachverständigen gibt es einen neuen Termin. Am 22.03.2018 werden vor Gericht die Sachverständigen der Verteidigung und die Sachverständigen, die die beschlagnahmten Krebsmittel ausgewertet haben, aussagen.

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Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag:

Der nächste Verhandlungstag ist am 22. März. Dann treffen die vier Sachverständigen vor Gericht aufeinander. Die geplanten Verhandlungstermine am 14.03., 19.03. und 21.03. fallen aus.

 

Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr): 22.03., 03.04., 06.04., 03.05., 04.05., 09.05., 16.05., 18.05., 23.05., 24.05.

 

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