Das politische Klima in Deutschland ist angespannt. Mit der Alternative für Deutschland (AfD) sitzt eine rechtspopulistische Partei in fast allen deutschen Parlamenten. Fremdenfeindlichkeit scheint wieder salonfähig geworden zu sein. Die türkischstämmige Community erlebt Rassismus seit Jahrzehnten, doch jüngere Generationen haben noch feinere Antennen für ihn als die Eltern oder Großeltern. Das hat in erster Linie mit veränderten Erwartungen zu tun.

Rechtsextreme Straf- und Gewalttaten erreichten 2016 ein neues Hoch. 2014 waren es noch 990 Gewalttaten. Grund für den enormen Anstieg seit 2014 waren besonders Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte und andere Gewaltakte gegen Flüchtlingen. Alleine 2015 und 2016 verzeichnete das Bundesamt für Verfassungsschutz über 3000 Rechtsextreme Gewalttaten. Mit der AfD zog eine rechtspopulistische Partei in 14 von 16 Landtagen. Im Bundestag bildet sie heute die drittstärkste Partei und die größte Oppositionspartei.

Sinan Sogukoglu, Sprecher der türkischen Gemeinde in Deutschland, sieht in den Straftaten eine Kontinuität in der deutschen Geschichte. Die türkischstämmigen Menschen hätten Angst und verlören den Glauben an die Zukunft und ein friedliches Zusammenleben. Vertrauensverlust und Abkehr von Deutschland seien die Folge.

Für unsere Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Cihat Genc getroffen und über Rassismus geredet. Cihat und seine Familie verloren bei einem fremdenfeindlichen Brandanschlag 5 Angehörige. Wir wollten wissen, ob Cihat heute noch Rassismus begegnet. 

Rassismus nimmt unterschiedliche Formen an. So zeigt sich der offene Rassismus besonders in Gewalt- und andere Straftaten. Daneben gibt es auch institutionellen Rassismus, der von Ämtern, Behörden, auch auch Schulen ausgehen kann. Er trifft Menschen mit Migrationshintergrund besonders im Alltag in Form von Diskriminierung und hat Chancenungleichheit zur Folge.

Fremdenfeindlich motivierte Übergriffe und Attentate gab es schon in der Vergangenheit. In den 90er-Jahren übten Rechtsradikale mehrere Brandanschläge auf türkische Familien aus. Drei Menschen kamen bei einem Brandanschlag 1992 in Mölln ums Leben, nur wenige Monate später kamen fünf Mädchen und Frauen der Familie Cihat Genç bei einem Brandanschlag in Solingen um.

Der junge Deutschtürke Cihat Genç erinnert sich noch heute täglich an das grausame Attentat auf seine Verwandten. Hass verspürt er aber nur gegenüber den Attentätern. Cihat Genç spricht sich gegen eine Pauschalisierung von Deutschen aus. In seinem Alltag werde er so gut wie nie angefeindet. Damit bestätigt er einen Trend.

Laut einer Befragung des Zentrums für Türkeistudien haben sich in den vergangenen Jahren immer weniger türkischstämmige Migranten in Nordrhein-Westfalen aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert gefühlt. Der Wert war seit 1999 noch nie so niedrig. Allerdings gibt jeder zweite an, schon einmal diskriminiert worden sein, besonders auf der Arbeit, in der Schule, bei Behörden oder der Polizei.

Nach Einschätzung des Pressereferenten der türkischen Gemeinde haben sich Anschläge von Mölln, Solingen, Hoyerswerda und die des Nationalistischen Untergrundes ins kollektive Gedächtnis der türkischen Gemeinde gebrannt. Besonders die Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) zwischen 2000 und 2007 und die Rolle der Verfassungsschutzämter dabei hätten gezeigt, dass institutioneller Rassismus in den Sicherheitsbehörden ein großes Problem ist. Bei den NSU-Verbrechen sei trotz verschiedener Hinweise nie ernsthaft in Richtung Rechtsextremismus ermittelt worden. Den Opfern wurden Verstrickungen in die organisierte Kriminalität, Drogenmilieu und in Schutzgelderpressungen unterstellt, sie wurden also zu Tätern gemacht.

In Bezug auf Diskriminierung ist die türkischstämmige Gemeinschaft mit der Zeit auch feinfühliger geworden. Ihre Mitglieder sind zu größeren Teilen in Deutschland angekommen und haben andere Erwartungen als ihre Eltern oder Großeltern: Sie wollen wie ihre Mitbürger ohne Migrationshintergrund behandelt werden und wissen um ihre Rechte. Das zeigt eine Studie des Zentrums für Türkeistudien. Je länger die eigene Migrationsgeschichte zurückliegt, desto stärker nehmen Menschen Diskriminierung wahr. So gaben 40 Prozent der Einwanderer aus der ersten Generation in NRW an, Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht zu haben. Aus der zweiten Generation gab dies etwa jeder Zweite an (54,9 Prozent), und in der dritten Generation liegt dieser Wert bei 73,2 Prozent.

Die gute Nachricht lautet: Probleme mit ihren deutschen Nachbarn nehmen die türkischstämmigen Migranten nicht wahr. Im Gegenteil, in einer Studie des NDR gibt eine klare Mehrheit der Befragten an, mit Nachbarn und Kollegen gut zurechtzukommen. Aus derselben Statistik geht auch hervor, dass sich die Befragten nicht ausgegrenzt oder isoliert fühlen.


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Unser Workshopvideo 

In unserem Workshop haben wir über die Erfahrungen der Teilnehmer mit Rassismusgesprochen. Für unser Workshopvideo sind wir auf die Straße gegangen und haben Interviews geführt. 

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