Arbeit ist für viele Menschen längst mehr als ein notwendiges Mittel, um das Leben zu finanzieren. Gerade für Migranten stellt die Teilhabe am Arbeitsleben auch eine Chance dar, sich in die Gesellschaft zu integrieren - wenn sie es denn schaffen, Hindernisse wie Diskriminierung zu überwinden.

Unter Migranten mit Wurzeln in der Türkei geht lediglich jede dritte Frau und jeder zweite Mann einer Arbeit nach. Das geht aus dem Mikrozensus 2016, einer Erhebung der sozialen Lage in Deutschland, hervor. Die Gründe hierfür sind vielfältig. So befinden sich viele in einer Ausbildung oder bereits im Ruhestand. Von denen, die einen Job suchen, scheitern viele an den Erwartungen und Voraussetzungen des Arbeitgebers.

Für unsere Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Nasrin Tekin getroffen und über Arbeit geredet. Tekin arbeitet für für den TIO e.V. der sich für Frauen Migrantenfamilien einsetzt. 

Für beruflichen Erfolg oder Misserfolg gibt es bei Menschen mit oder ohne Migrationshintergrund eine Vielzahl an Faktoren. Und auch nicht jede Ablehnung eines Bewerbers ist rassistisch motiviert. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) kritisiert in ihrem jährlichen Bericht mehrere Punkte, die Migranten den Zugang zum Arbeitsmarkt erschweren.  So fand sie bei Arbeitgebern etwa Einstellungsvoraussetzungen, die sachlich nicht gerechtfertigt sind, beispielsweise sehr gute Deutschkenntnisse bei Reinigungskräften.

Zudem gingen Personalentscheider oft davon aus, dass türkische Jugendliche weniger motiviert und zuverlässig sind und schulische Defizite haben. Die ADS stellt fest: “Rassistische Diskriminierung beim Zugang zu Arbeit knüpft oft an die (zugeschriebene) nichtdeutsche Herkunft, den ausländisch klingenden Namen, an Vorurteile oder stereotype Normalitätserwartungen an Bewerber_innen an.”

Muslimische Frauen werden oft besonders benachteiligt

Mit dem 2006 eingeführten Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) soll Benachteiligung von Menschen – auch aufgrund der Herkunft – verhindert werden. 29 Prozent der Türkeistämmigen erleben Diskriminierung im Bereich Arbeit, vor Freizeit (21 Prozent) und Bildung (18 Prozent).  

Jeder vierte Bürger mit Migrationshintergrund hat in den letzten zwei Jahren Erfahrung mit Diskriminierung gemacht. Besonders betroffen sind muslimische Frauen, die ein Kopftuch tragen. Hier greift häufig eine mehrdimensionale Diskriminierung, das heißt Diskriminierung aufgrund mehrerer Merkmale. In diesem Fall: weibliches Geschlecht, ausländische Herkunft und muslimische Religionszugehörigkeit.

Betroffene bewarben sich zumeist im medizinischen Bereich, zum Beispiel als Arzthelferinnen, Altenpflegerinnen sowie Krankenschwestern und im pädagogischen Bereich (Lehrerinnen, Erzieherinnen). Viele berichteten hier, aufgrund ihres Kopftuchs nicht eingestellt worden zu sein. Die Befürchtung, Angestellte mit Kopftuch könnten sich negativ auf den Kundenkontakt auswirken, ist auch im gastronomischen Bereich allgegenwärtig. Die Einstellungsbereitschaft würde wiederum steigen, wenn sie das Kopftuch ablegen.

Wenige Migranten in Führungspositionen – auch im öffentlichen Dienst

Im öffentlichen Dienst sind Türkeistämmige stark unterrepräsentiert: Während ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung bei 3,39 Prozent liegt, haben nach dem Mikrozensus zufolge lediglich 0,4 Prozent der Beamten in Deutschland einen türkischen Migrationshintergrund.

“Diskriminierung läuft zunächst latent, das heißt, den Migranten werden bestimmte Bereiche oder Zusammenhänge nicht zugetraut, sei es aufgrund sprachlicher Barrieren oder fehlender formaler Qualifikation”, schreibt Ahmet Toprak in seinem Buch Integrationsunwillige Muslime?. “Sie werden mit einfachen und stupiden Tätigkeiten befasst, um sie nicht zu ‘überfordern’.” Der Anteil der Arbeiter unter den Türkeistämmigen ist folglich mit 14,8 Prozent deutlich höher als unter den Deutschen (8,1 Prozent). Der Aufstieg innerhalb eines Unternehmens wird dadurch erschwert.

Caner Aver vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung erklärt das Phänomen so: “Je höher man in der unternehmerischen Hierarchie kommt, desto weniger Migranten findet man. Das liegt nicht unbedingt an Migrantenfeindlichkeit, sondern an sozialen Klüngeleien.” Aver meint damit, dass bestimmte Posten innerhalb höherer Sozialschichten vergeben werden. Diesen Schichten gehören Menschen mit Migrationshintergrund aber meist nicht an. Also nehmen Migranten auch Jobangebote an, für die sie überqualifiziert sind. Verstärkt wird diese Tendenz Aver zufolge zusätzlich dadurch, dass Migranten in sozialen Strukturen verankert und deshalb weniger bereit sind, für ein paar Jahre an einen anderen Ort zu ziehe. Eher nähmen sie einen schlechter bezahlten Job in Kauf.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes liefert in ihrem Bericht auch Lösungsvorschläge: Das Beschwerdemanagement innerhalb der Betriebe sollte verbessert werden, um vor Ort gegen Diskriminierung vorgehen zu können. Aber auch Beratungsstellen außerhalb der Unternehmen sollten gestärkt werden. Transparenz im Lohnsystem würde  Lohndiskriminierung. Diversity-Konzepte (Vielfaltsmanagement) sollen weiterhin dafür sorgen, dass Talente unter Migranten gezielt aufgespürt, gefördert und von den Arbeitgebern eingesetzt werden. All diese Schritte tragen dazu bei, die Chancengleichheit - nicht nur für Migranten - am Arbeitsplatz zu stärken.


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