Kaum etwas scheint in der türkischen Gemeinschaft einen höheren Stellenwert zu besitzen als die Familie. Das bedeutet häufig auch, sich starren Familienhierarchien unterzuordnen. Doch die Wertvorstellungen der türkischen Familien befinden sich im Wandel – genauso wie die Definition des Begriffes “Familie”.

Was ist Familie? Eine eindeutige Antwort auf diese Frage gibt es nicht.  Deutsche verstehen darunter meist die Kernfamilie, bestehend aus Eltern und ihren Kindern. Die Definition türkischer Migranten erstreckt sich oft über mehrere Generationen bis zu entfernten Verwandten in der Türkei. Der Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak hat in Interviews vier verschiedene muslimische Familientypen in Deutschland festgestellt und in seinem Buch Unsere Ehre ist uns heilig präsentiert.

Für unsere Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Sinem Aktas getroffen und über die Familie geredet. Wir wollten erfahren, wieso Sinem ihren schulischen Werdegang ihrer Familie zu verdanken hat. 

In einer konservativ-autoritären Familienstruktur prägen traditionelle Werte wie Respekt, Ehre und Würde den Alltag. Es herrscht eine klare hierarchische, patriarchalische und geschlechtsspezifische Ordnung. Der Vater besitzt die höchste Autorität und ist der Entscheider – bei konservativen deutschen wie türkischen Familien. Die Mutter verfügt über “verdeckte Macht”. Vor allem bei innerfamiliären Angelegenheiten wird sie zu Rate gezogen. Auch hier zeigen sich Parallelen bei deutschen und türkischen Familien. Vor allem Mädchen leiden unter dieser Ordnung, da ihre Bildung nachrangig behandelt wird. Die Deutschkenntnisse in der Familie sind meist gering, die Eltern stammen aus der Arbeiterschicht.

Die Wahl des Ehepartners erfolgt ebenfalls traditionell: “Bei konservativen Familien ist die Wahl des Ehepartners keine individuelle Entscheidung, sondern eine kollektive Familienentscheidung”, stellt Professor Toprak von der Fachhochschule Dortmund fest. “Die Eltern fragen nicht, ob du verliebt bist, sondern fragen ‘woher kommt der Schwiegersohn oder die Schwiegertochter’.” Meist kommt dieser/diese dann aus der Türkei oder sogar der Heimatregion. Aus dieser Familie gehen oft mehr als drei Kinder hervor. Die Familiengröße verstärkt häufig auch die Loyalität gegenüber Verwandten in der Türkei.

Religiöse Familien orientieren sich an religiösen Werten und Normen. Die Teilnahme an religiösen Aktivitäten wird von jedem in der Familie erwartet. Das Bildungsniveau ist vielfältig von niedrig bis hoch. Im Vergleich zu einer konservativen Familie sind die Deutschkenntnisse innerhalb dieser Familien meist gut. Die Wahl des Ehepartners beschränkt sich hier zwar nicht auf die gleiche Herkunft, jedoch auf die gleiche Religion der Familie. Zusammen mit konservativen Familien stellen religiöse Familien die größte türkische Gruppe in Deutschland dar.

Bei leistungsorientierten Familien steht eine gute (Aus)-Bildung im Vordergrund. Werte und Normen spielen eine geringere Rolle. Aufgrund der hohen Erwartungen der Eltern werden die Kinder in der Regel autoritär erzogen. Es wird dabei jedoch nicht zwischen den Geschlechtern unterschieden. In diesen Familien erreichen die Kinder meist hohe Bildungsabschlüsse, während die Eltern selbst ein geringes bis mittleres Bildungsniveau vorweisen. Die Zahl der Kinder ist im Vergleich zur konservativen Familie gering. “Die Eltern sagen: ‘Wenn wir wollen, dass unsere Kinder eine gute Ausbildung haben, dann können wir uns fünf, sechs Kinder nicht leisten, sondern maximal zwei bis drei”, erklärt Ahmet Toprak diesen Trend. Die Wahl des Ehepartners richtet sich primär nach dem Bildungsgrad, Religion und Herkunft sind zweitrangig.

In den modernen Familien sind beide Elternteile gleichberechtigt. Diese Gleichberechtigung wirkt sich sowohl auf die Erziehung aus, als auch auf Entscheidungen innerhalb der Familie. Unabhängig vom Geschlecht haben alle Kinder die gleichen Rechte und Pflichten. Das Bildungsniveau innerhalb der Familie ist sehr hoch, im Gegensatz zur leistungsorientierten Familie auch bei den Eltern. Eine durchschnittliche moderne Familie besteht aus ein bis zwei Kindern, was mit einer durchschnittlichen deutschen Familie zu vergleichen ist. In modernen Familien werden Ehepartner aus Deutschland bevorzugt. Binationale Ehen zwischen Partnern unterschiedlicher Nationalität, sind gängige Praxis.

Binationale Ehen, sowie Ehen zwischen Partnern unterschiedlicher Familientypen, stellen die Wertvorstellungen der Familie auf die Probe. Gerade wenn einer der Partner konservativer als der andere aufgewachsen ist, besteht häufig Konfliktpotential. Es kommt zu einer Vermischung der Wertvorstellungen. Diese Vermischung vollzieht sich aber auch bei den Kindern, die in der Schule unter Umständen andere Werte vermittelt bekommen als im Elternhaus. Eine vollständige Anpassung der eigenen Kinder an deutsche Lebensverhältnisse ist gerade für konservative türkische Familien häufig eine der größten Sorgen. Es wird befürchtet, die Kinder könnten sich kulturell und religiös entfremden.

Sich einerseits in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, auf der anderen Seite die kulturellen Wurzeln aber nicht aufzugeben, ist die Herausforderung, der sich auch die dritte Migrantengeneration immer noch stellen muss.


Zum Download:

In unseren Handouts findest Du unsere Quellen, weitere Informationen und einen Leitfaden, mit dem Du auch einen Workshop zu dem Thema durchführen kannst. 

Unser Handout für Dich zum Thema Familie (102,2 KB)


Unser Workshopvideo 

In unserem Workshop haben haben wir eine Szene zwischen einem kühlen Vater und einem Sohn nachgespielt. Der Workshop fand in Kooperation mit dem Planerladen e.V. in Dortmund statt. 

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