Kaum etwas ist für Eltern wichtiger als ihre eigenen Kinder. Der Stellenwert von Kindern im Allgemeinen hat sich in Deutschland dennoch gewandelt. Auch in türkischen Familien gibt es Veränderungen.

In einer traditionellen türkischen Familie steht der “wirtschaftliche Wert” des Kindes im Fokus: Kinder waren von jeher ein wichtiger Teil der Altersvorsorge. Für eine moderne Familie rücken Meinung vieler Sozialwissenschaftler die “wirtschaftlichen Kosten”, die mit der Ausbildung von Kindern entstehen, in den Vordergrund. Früher wurde eine kinderreiche Familie meist mit einem erfolgreichen Leben assoziiert. Heute können sich sowohl viele Türkeistämmige als auch Deutsche einen Lebensentwurf ohne Kinder vorstellen. Im Jahr 1960 brachte eine türkische Frau laut Weltbank im Schnitt noch 6,3 Kinder zur Welt, heute nur noch 2,1. Bei türkischen Migranten in Deutschland liegt der Wert bei 1,87 Geburten, deutsche Frauen bringen durchschnittlich 1,33 Kinder zur Welt. Die Geburtenrate der türkischstämmigen Community nähert sich also an die der Mehrheitsgesellschaft an.

Für unsere Webserie „Auf eine Shisha mit...“ haben wir Dilem Kaya getroffen und über ihren Kinderwunsch geredet. Kaya macht aktuell ihr Abitur in Berlin. Von ihr wollten wir wissen, wie ihre Kinder aufwachsen sollen.  

Das Bundesministerium für Familie stellte in einem 2010 erschienenen Bericht zudem fest, dass türkische Migranten später ihr erstes Kind bekommen, als die Frauen in ihrem Heimatland. So bekommen Frauen in der Türkei mit durchschnittlich 19,9 Jahren ihr erstes Kind, türkische Migrantinnen der ersten Generation mit 23,3. Dieser Wert erhöhte sich in der zweiten Generation nur geringfügig auf ein Alter von 23,7.

In konservativen türkischen Familien haben die Geschlechter einen unterschiedlichen Stellenwert: “Der Junge darf mal laut sein, Fehler machen, er ist der Prinz. Bei den Mädchen ist es umgekehrt. Sie sollen ordentlich und ruhig sein, Sachen schnell erledigen, sauber arbeiten”, stellt Ahmet Toprak, Erziehungswissenschaftler an der Fachhochschule Dortmund fest. “Dieser geschlechtsspezifische Erziehungsstil kommt den arabisch-türkischen Mädchen zugute. Denn die gleichen Attribute, die von den Eltern erwartet werden, sind in Schulen gefragt. Alle Lehrer wollen Anpassung. Wenn die Jungs auch so streng erzogen würden, wären sie in der Schule nicht die Verlierer.” Wenn ein Kind in der Familie schulisch und beruflich etwas erreicht, ist es laut Toprak meist ein Mädchen.

Kinder verbessern die Integrationschancen

Eine gute Integration der Kinder in der Schule kann positive Auswirkungen auf die ganze Familie haben: “Kinder können als Kultur- und Sprachorgan dienen und haben da eine ganz wichtige Rolle. Das müsste man im Integrationskontext viel stärker nutzen”, findet Caner Aver vom Zentrum für Türkeistudien. Kulturelle Traditionen seien für die Eltern weniger das Problem als religiöse Traditionen. Schwimmunterricht oder Weihnachtsfeiern wären hierbei klassische Beispiele, wo die einen Eltern ihre Kinder hinschicken würden, andere aber nicht. “Das sind durchaus Konfliktpotentiale, die man mit kleinen Interventionen lösen kann. Dass man das nicht flächendeckend macht, ist nach wie vor ein großes Problem.”

Zu den größten Sorgen türkischer Eltern gehört nach Auffassung von Professor Haci-Halil Uslucan von der Universität Hamburg, dass sich ihre Kinder komplett an deutsche Lebensverhältnisse anpassen und sich dadurch kulturell und religiös entfremden könnten. Dem versuchen religiöse Familien mit intensiverer religiöser Erziehung entgegenzuwirken. Die Integrationschancen verringern sich Uslucan zufolge in kinderreichen konservativen Familien. Seine These: Je mehr Geschwister die Kinder haben, desto weniger Kontakte pflegen sie mit deutschen Altersgenossen, was wiederum ihre Integration in die deutsche Gesellschaft erschwert.


Zum Download:

In unseren Handouts findest Du unsere Quellen, weitere Informationen und einen Leitfaden, mit dem Du auch einen Workshop zu dem Thema durchführen kannst. 

Unser Handout für Dich zum Thema Kinder (106,8 KB)


Unser Workshopvideo 

In unserem Workshop haben wir, in Kooperation mit der Alevtitischen Gemeinde e.V., die Bundestagsabgeordnete Daniela Kolbe, SPD, besucht und über die Möglichkeiten in der Politik gesprochen. In unserem Workshopvideo versuchen wir einen politisch Uninteressierten für die politische Partizipation zu überzeugen. Die Motivationsgrundlage dafür: Kinder.  

Steal our Stories

Bitte bedienen Sie sich. Unsere Geschichten kann jeder auf seine Seite stellen. Wie das geht, steht hier.

10 Euro für unabhängigen Journalismus