Die einen können nicht wählen – andere wollen nicht. Kein Problem, meinen manche: Wie wäre es mit einem Stimmentausch? Die Seite „VoteBuddy” will angeblich Menschen ohne deutschen Pass eine Stimme bei der Bundestagswahl geben. Damit rief sie Hass und Empörung aus der rechten Szene hervor. Doch das Angebot war gar nicht ernst gemeint.

Es klang von Anfang an recht wundersam, was die Seite VoteBuddy da versprach. Das Berliner Start-up wollte zur Bundestagswahl Patenschaften zum Stimmentausch vermitteln. Wer nicht wählen will, der sollte sein Stimme quasi verschenken an solche, die wählen wollen. Es dauerte nicht lange, bis rechte Gruppen  sich über den vermeintlichen „Skandal“ empörten. Sie ließen auch nicht locker, selbst als andere an der Echtheit der Aktion längst zweifelten. Denn die Vermutung, dass es sich bei „VoteBuddy“ um einen Fake handeln könnte, lag schnell nahe. Falsche Fotos, eine virtuelle Büroadresse in New York, vieles wies darauf hin. Jetzt haben sich die Macher der Seite zu erkennen gegeben: Hinter der Aktion steht das Künstlerkollektiv „Peng!“. 

In den vergangenen Tagen hatte die Seite in rechten Netzwerken eine Empörungswelle ausgelöst. Der für seine ausländerfeindlichen Kommentare bekannte Blog „Philosophia Perennis“ glaubte am Dienstag einen Skandal enthüllt zu haben und titelte: „Illegale Aktionen: Wie Migranten ohne Wahlrecht am 24. September doch wählen können“. Auch die Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach, die inzwischen für die Alternative für Deutschland wirbt, teilte den Beitrag auf Twitter und brachte ihm mit ihren 50.000 Followern zusätzliche Reichweite. „Was tut die Bundesregierung dagegen?“, wetterte sie.

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So twitterte Erika Steinbach über die Seite.

Die Folge: Unzählige Beschwerden gingen beim Bundeswahlleiter ein, die Facebook-Seite von VoteBuddy wurde gelöscht und die Ermittlungsbehörden war eingeschaltet. Ein Jurist aus Osnabrück hatte nach eigenen Angaben bei der Berliner Staatsanwaltschaft Strafanzeige gestellt. Der Vorwurf: Wahlfälschung und Anstiftung zur Wahlfälschung. Wer sich wegen Wahlfälschung strafbar macht, dem droht in Deutschland eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren.

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Es dauerte nicht lange bis die ersten Beschwerden beim Bundeswahlleiter eingingen.

Das wissen auch die VoteBuddy-Macher und schreiben auf ihrer Seite: „Nach deutschem Recht ist Stimmentausch illegal. Unser Geschäftssitz ist daher in New York und wir betreiben die Webseite auf Servern in den USA.“ Wenig verwunderlich war daher, dass das vermeintliche Berliner Start-up mit einer virtuellen Büroadresse mit einer Adresse in den New York registriert ist. Auch die verwendeten Bilder, ließen an der Echtheit der Seite zweifeln. Dennoch verbreitet der rechte Blog „Philosophia Perennis“ die vermeintliche Enthüllung selbst dann noch, als die Faktenchecker von „Mimikama“ den Fake längst entlarvt hatten.

Wer steckt dahinter?

Ausgeheckt wurde die Aktion vom Künstlerkollektiv „Peng!“ in Kooperation mit der Theatergruppe „andcompany&co“. Die Idee dahinter: „Ein Drittel aller stimmberechtigten Erwachsenen in Deutschland gehen nicht wählen. Auf der anderen Seite leben in Deutschland mehr als acht Millionen Erwachsene, die nicht stimmberechtigt sind. Das sind etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung, die von der repräsentativen Demokratie ausgeschlossen sind. Wir wollten auf diese Zahlen aufmerksam machen“, sagte Peng-Pressesprecher Sebastian Fürst im Gespräch mit CORRECTIV. Eine tatsächliche Wähler-Nichtwähler-Vermittlung werde allerdings nicht stattfinden. Ziel der Aktion sei gewesen, eine Diskussion zu diesem Thema zu entfachen.

Doch die Aktion lief ganz anders als geplant. „Wir hatten mit einem Shitstorm aus der rechten Szene gerechnet. Aber wir hätten auch gedacht, dass sich ebenfalls Linke in die Diskussion einmischen und unsere Idee unterstützen“, sagte der Peng-Sprecher. Anders als erwartet sei die Debatte jedoch komplett von den Rechten dominiert worden. Fürsts Theorie: „Wer so etwas liked, exponiert sich selbst als potentieller Straftäter.“ Oder haben linke Aktivisten den Fake vielleicht eher als solchen erkannt?

So war die Fälschung zu erkennen

Zweifel an der Echtheit der Seite traten bereits unmittelbar nach ihrer Freischaltung am Montag auf. Selbst AfD-Gründer Bernd Lucke warnte auf Twitter „Riecht nach Fake“ und vermutete „Die Partei“ hinter der Aktion. Die „Funke Mediengruppe“ erinnerte an eine ähnliche Aktion zur US-Präsidentschaftswahl im Jahr 2000. Einer der Macher des Kunstprojekts „Voteauction“ sagte damals in einem Interview: „Das Ganze war im Endeffekt ein absolut lächerliches Spiel mit ein paar Pixeln, die wir auf dem Screen arrangiert haben, so dass es so aussah, als ob jemand Wahlstimmen An- und Verkaufen würde.“

Auch bei VoteBuddy deuteten viele Details auf einen Fake. So ließ sich etwa schnell erkennen, dass die Fotos der angeblichen Unterstützer nicht echt sind. Eine Samira R. aus Hannover sagt: „Ich wollte schon immer mitentscheiden, mit VoteBuddy mach ich das jetzt einfach.“ Ihr Foto stammt von der Plattform „unsplash.com“, auf der Fotografen ihre Bilder zur freien Nutzung anbieten. Das Foto hat bereits mehr als 5.000 Downloads. Auch das Bild von Ahmed S. aus Würzburg und Franziska L. aus Frankfurt stammen von „unsplash.com“. Das Foto von Lars N. aus Berlin wurde von „Pixabay.com“ heruntergeladen.  Auf Rückfragen erklärten die VoteBuddy-Macher vor ihrer Enttarnung: Sie hätten als Start-up kein Budget für Bilder, zudem könnten sie keine echten Bilder zeigen, da sie zu einer Straftat aufrufen. Doch warum hatten sie dann die Stockbilder nicht als solche markiert, während sie bei der New Yorker-Adresse ganz offen waren?

Auf einer „Linkedin“-Seite, gab der vermeintliche CEO Timo Meissner die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und des Friedrich-Ebert-Stiftung als frühere Arbeitgeber an. Doch weder die GIZ noch die FES konnten bestätigen, dass es einen solchen Mitarbeiter gab. Zu dem Bild, das zwischenzeitlich entfernt wurde, existieren mehrere „Linkedin“-Accounts mit unterschiedlichen Namen in unterschiedlichen Ländern.

Vermeintliche Live-Registrierungen

Den Angaben der Seite zufolge hätten sich bereits über 1000 Menschen aus allen Teilen Deutschlands angemeldet. Ein Fenster mit ständig wechselnden Namen von Menschen aus unterschiedlichen Städten suggerierte Live-Registrierungen. Dabei fiel auf: Die Vornamen wiederholen sich und Nachnamen sind abgekürzt, so dass sie sich nicht überprüfen lassen.

Die Macher von VoteBuddy gaben sich als Social Entrepreneurs eines Berliner Start-up aus, das sich über einen Onlineshop finanziere. Neben T-Shirts und Tassen mit dem „VoteBuddy“-Logo, waren Kartoffelchips und Bier zu sehen – selbstverständlich alles Bio. Eine weitere Provokation. „Der Shop sollte vermitteln: Du kannst dir Kartoffelchips kaufen und damit die Welt retten“, erklärte Peng-Pressesprecher Sebastian Fürst später. „Damit wollten wir auch wirtschaftsliberale Gedanken persiflieren.“


„Dass von den großen Medien keiner darauf hereingefallen ist, muss man der Presse zugute halten“, sagte Peng-Sprecher Fürst. Mit der Enthüllung seiner Satire will das Künstlerkollektiv nun eine lebendige Diskussion über das Wahlrecht voranbringen: „Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben, sollten das Recht haben, legal wählen zu können, ohne dafür auf die Hilfe Anderer oder auf Rechtsbrüche angewiesen zu sein. Wir fordern daher ein Wahlrecht ab einer Aufenthaltsdauer in Deutschland von einem Jahr – und unabhängig von Staatsbürgerschaft.“ Den Anzeigen schaut man bei „Peng!“ gelassen entgegen. Man habe keine Stimmen vermittelt, und die Daten der Anmeldungen wurden nicht erfasst.

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