Lässt sich mit Methadon, bislang bekannt aus der Drogentherapie, das Wachstum von Tumoren bremsen oder gar stoppen? Forschungen stehen dazu stehen aus. Doch immer wieder wird über das vermeintliche Wundermittel berichtet. Ein Überblick über die unbeantworteten Fragen.

Es ist wohl zu schön, um wahr zu sein. Aufgrund von Forschungsarbeiten der Ulmer Chemikerin Claudia Friesen machen sich derzeit zehntausende Krebspatienten Hoffnungen auf ein vermeintliches Wundermittel: Methadon, das ansonsten zur Drogenersatztherapie verwendet wird, soll Krebszellen bekämpfen und Tumore schrumpfen lassen. Doch da die Herstellung des Betäubungsmittels nicht mehr durch Patente geschützt ist, ist es sehr günstig erhältlich – und Pharmafirmen unterdrücken es, da sie kein Interesse an der Konkurrenz für ihre teuren Chemotherapeutika haben: So oder so ähnlich lauten Verschwörungstheorien, die derzeit tausendfach in den sozialen Medien geteilt werden. „Methadon gegen Krebs – Ich bin dafür“ oder „Methadon gegen Krebs kann Menschenleben retten“ heißen Facebook-Gruppen, in denen verzweifelte Patienten nach Hilfe suchen – „Methadon, das Ende von Krebs?“ lautet das Motto einer anderen Gruppe.

Nachdem schon zuvor verschiedene Medien über den Einsatz des Mittels in der Krebstherapie berichtet hatten, lenkten Fernsehbeiträge des ARD-Magazins „PlusMinus“ sowie von „Stern TV“ die Aufmerksamkeit von Millionen Menschen auf das Thema. Seitdem stehen die Telefone von Friesen sowie dem Palliativmediziner Hans-Jörg Hilscher nicht mehr still, die in den Beiträgen von ihren positiven Erfahrungen mit der Verwendung von Methadon in der Krebstherapie berichten. „Wie es aussieht, können alle Arten therapiert werden, die auch einer Chemotherapie zugänglich sind“, zitiert „PlusMinus“ Hilscher auf Facebook. Dabei gibt es keine verlässlichen Hinweise dafür, dass Methadon bei Menschen überhaupt gegen Tumore wirkt. Und noch weniger, dass eine große Verschwörung Patienten ein wirksames Krebsmittel vorenthalten möchte.

Zwar betonen die Beiträge, dass aussagekräftige Studien derzeit fehlen. Doch dürften viele Betroffene dies so verstehen, dass die Wirksamkeit ja eigentlich schon klar sei und nur der letzte Beweis noch aussteht. Bislang gibt es nur Zellversuche sowie Daten von Tierversuchen, bei denen laut wenigen Studien Methadon das Wachstum von Tumoren verlangsamt oder auch Krebszellen zum Absterben gebracht hat. Ein Artikel beschreibt die Anwendung am Menschen – doch die Beobachtungen an nur gut zwei Dutzend Patienten ist nicht aussagekräftig, da eine Vergleichsgruppe fehlt.

Nur positiv dargestellt

Dennoch wird Methadon in den Fernsehbeiträgen praktisch nur positiv dargestellt. „Es kann so sein, dass eine Zelle zu zehn Prozent anspricht mit einem Chemotherapeutikum, und gebe ich Methadon hinzu, kann ich einen hundertprozentigen Zelltod erreichen“, erklärt Friesen in der ARD. „Ich glaube, ohne Methadon wäre ich nicht mehr da“, sagt eine Patientin. Mehr als 350 Patientenfälle habe sie gesammelt, erklärt Friesen auf „Stern TV“. „Alles positive Ergebnisse des Krankheitsverlaufes schwer erkrankter Tumorpatienten“, betont sie – Metastasen seien deutlich zurückgegangen oder sogar verschwunden.

Doch die in den Beiträgen wenig hinterfragten Angaben täuschen leicht – und wurden von den Sendern nach Recherchen von CORRECTIV kaum überprüft. So berichtet Hilscher, er habe 3.000 sterbenskranke Patienten in seinem Hospiz mit Methadon behandelt. Im Laufe der Zeit habe sich herausgestellt, dass sie länger gelebt haben als in den Nachbarhospizen, erklärt Hilscher. „Das ist mir kundgetan worden vom Medizinischen Dienst, der die anderen Hospize auch alle besucht hat“, betont er auf „Stern TV“ – und meint damit den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK), der im Auftrag von Kassen Gutachten zur Gesundheitssituation ihrer Versicherten erstellt. Dieser habe gesagt: „Irre, Hugo, bei Dir überleben die Patienten viel viel länger und viel viel besser als woanders, das kann nur an dem Methadon liegen“, erklärt Hilscher.

Hat tatsächlich eine seriöse Institution einen Nachweis gebracht, dass Methadon das Leben schwerkranker Personen verlängert? „Es gibt keine Stellungnahme des MDK Westfalen-Lippe zu dem Thema“, sagt ein Sprecher auf Nachfrage von CORRECTIV. Weder „PlusMinus“ noch „Stern TV“ hätten in dieser Sache nachgefragt. Er könne sich nicht erklären, wie Hilscher zu der Behauptung kommt.

Wie kam es, dass die Medien dennoch die Aussage ausgestrahlt haben? Der Pressekodex, in dem der Deutsche Presserat journalistische Standards festgehalten hat, sagt klar: „Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen in Wort, Bild und Grafik sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben.“ Da viele Substanzen verfrüht als mögliches Krebsmittel gefeiert wurden, Menschen am Ende aber nicht halfen, verlangt der Pressecodex bei Berichten über medizinische Themen auch, eine Darstellung zu vermeiden, die unbegründete Hoffnungen beim Leser erwecken könnte.

CORRECTIV hat bei der zuständigen Redakteurin von „Stern TV“, Anne Gaffron, nachgefragt. „Zunächst einmal muss ich meinen Protagonisten grundsätzlich vertrauen“, sagt sie. „Ich kann nicht alle Aussagen anzweifeln und überprüfen.“ Hilscher habe ihr versichert, dass ein Angestellter des medizinischen Dienstes ihm die Auskünfte so gegeben habe. Dass der MDK diese Aussagen nicht kennt sei „klar“, erklärt sie. „Darüber gibt es ja nichts Schriftliches“, erklärt Gaffron. „Ich hatte ebenfalls mit dem medizinischen Dienst gesprochen“, betont die Redakteurin. Doch war dies nach Aussage des MDK erst nach der Anfrage von Correctiv der Fall, und damit lange nach der Sendung.

Es handelte sich nicht um offizielle Analysen des MDK, sondern um „persönliche Mitteilungen“ gegenüber Hilscher, erklärt ein Pressesprecher des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), welcher die „PlusMinus“-Sendung produziert hat. Der Arzt habe in der ARD nur gesagt, dass dem MDK aufgefallen sei, dass Patienten länger leben würden, als ihre Diagnose zuließe – dies stelle keinen wissenschaftlichen Beweis im Sinne einer klinischen Studie dar. Der MDR beruft sich auf Nachfrage auf den Quellenschutz, die Mitarbeiter des MDR hätten ihre Aussagen Hilscher vertraulich mitgeteilt. Dies stellte die Redaktion jedoch in der Sendung nicht entsprechend dar. Ähnlich argumentiert auch Hilscher: Er würde die Kollegen vom MDK „reinreiten“, daher könne er dazu nichts mehr sagen, erklärt er. In einem neuen Beitrag zu Methadon, den „PlusMinus“ im August nach der Correctiv-Anfrage sendete, fehlt der Hinweis auf den MDK nun.

„Den Leuten die Hoffnungen nehmen“

Hilscher ist der bei Krebspatienten wohl gefragteste „Methadon-Arzt“. Auf Nachfrage von Correctiv räumt er ein, dass die Euphorie überzogen sei. „Ich würde nicht allen Krebspatienten raten, Methadon zu nehmen“, betont er. „Es gibt ganz ganz viele Patienten, bei denen es relativ wenig bringt“, sagt der Mediziner. Bei einigen könne die Kombination mit einer Chemotherapie sinnvoll sein – alles andere sei „völlig überzogen“. Doch in weiteren Punkten bleibt Hilscher widersprüchlich. Seine Aussagen in den Fernsehbeiträgen findet der Mediziner „in Ordnung“ – und beschwert sich gleichzeitig über etwas, was er wohl auch selber zu verantworten hat. „Das Problem ist, dass ich jetzt die Arbeit habe, den Leuten die Hoffnungen zu nehmen“, sagt Hilscher.

Doch es gibt noch weitere Auffälligkeiten in der Methadon-Story und der Berichterstattung über sie. So die Frage, warum es bislang keine aussagekräftigen klinischen Studien zu dem Arzneimittel gibt. „Wenn Methadon seine zwölf Euro kostet für vier bis sechs Wochen und vielleicht in Konkurrenz zu einem Medikament mit 20.000 oder 25.000 Euro steht, kann ich mir schon vorstellen, dass Methadon keine Chance hat“, sagt Friesen in der ARD. Obwohl die Ulmer Forscherin schon 2014 ihre „hoffnungsvollen Ergebnisse“ der Fachwelt zugänglich gemacht habe, hätten weder Ärzte noch Pharmaunternehmen Interesse an einer Studie gezeigt, heißt es weiter.

Es ist tatsächlich ein großes Problem, dass Studien fast nur von Pharmafirmen finanziert werden, während die Bundesregierung nur wenig Mittel für unabhängige Forschung bereitstellt. Doch wie eine Kleine Anfrage der Linken-Fraktion im Bundestag kürzlich ergab, wurde in den vergangenen Jahren kein einziger Förderantrag beim Bundesforschungsministerium eingereicht. Die Deutsche Krebshilfe, die vor einigen Jahren ein Projekt von Friesen mit 300.000 Euro gefördert hat, lehnte später ein weiteres Projekt wegen wissenschaftlicher Zweifel ab.

Diese kann Friesen nicht nachvollziehen, wie sie auf Nachfrage erklärt. Gleichzeitig kritisiert sie, dass die Krebshilfe Inhalte zu Methadon von ihrer Internetseite entfernt habe. „Die Löschungen aller Pressemitteilungen zum Thema Methadon auf der Homepage der Krebshilfe zeigten mir auch, dass die Krebshilfe sich von dem Thema Methadon distanziert hatte und eine Einreichung einer klinischen Studie nicht erwünscht ist“, sagt Friesen. Doch hierfür gibt es einen einfachen Grund, wie die Krebshilfe erklärt: Aufgrund einer grundlegenden Überarbeitung wurden alle alten Mitteilungen entfernt, nur einige aus den vergangenen Jahren fügte die Krebshilfe wieder hinzu. So eine, die in Sachen Methadon sogar äußerst positiv ist: „Allroundtalent gegen Hirntumoren“, lautet die Überschrift.

Auch kam eine geplante Studie laut Kooperationspartnern Friesens erst jetzt zustande, da zuvor „die präklinische Rationale für die Durchführung einer klinischen Studie gefehlt hat“, wie das pharmakritische „Arznei-Telegramm“ im Mai schrieb. Friesen erklärt, die nötigen Daten stünden schon lange zur Verfügung – doch der Krebsforscher Thomas Seufferlein von der Uniklinik Ulm sagt, dass er sie erst seit kurzem von ihr erhalten habe.

Er plant daher nun eine Studie zu Darmkrebs und Methadon, auch der Heidelberger Onkologe Wolfgang Wick will mit Unterstützung der Krebshilfe Effekte auf Hirntumore untersuchen. Friesen soll hier als Beraterin eingebunden werden. Doch es wird Jahre dauern, bis Ergebnisse vorliegen. In der Zwischenzeit werden wohl viele Krebspatienten trotz der fehlenden Daten zum „letzten Strohhalm“ Methadon greifen wollen. Dabei setzen sie nach Medienberichten ihre Ärzte teils erheblich unter Druck – und verzichten offenbar auch manchmal auf wirksame Chemotherapien.

Wie steht es zu guter Letzt um die Theorie, die Pharmaindustrie unterdrücke Methadon – beispielsweise durch Einflussnahme auf Ärzteverbände, die vor dem Mittel gewarnt haben? Angesichts der positiven Patienten-Erfahrungen stelle sich die Frage, „wie unabhängig die Warnungen vor dem Schmerzmittel Methadon wirklich sind“, erklärt „PlusMinus“ – und führt Zahlungen von Firmen an Ärzte an, zu denen auch Correctiv recherchiert hat. Doch die Mediziner haben offenbar nicht das Gefühl, dass sie etwas zu verbergen haben: Jedenfalls haben sie wie beispielsweise Wick die Honorare freiwillig offengelegt, die sie für Beratungen oder Reisen erhalten haben.

Am Beispiel Methadon ließe sich dennoch deutlich erkennen, welchen Einfluss Pharmaunternehmen auf die Krebsforschung haben, behauptet Friesen. Gleichzeit gibt sie Entwarnung. „Es gibt keine Hinweise, dass Pharmaunternehmen Methadon als Krebsmedikament ‚aktiv‘ unterdrücken“, erklärt sie. Doch dieser Eindruck dürfte sich bei vielen Patienten inzwischen eingebrannt haben – zu Unrecht.  

 

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