Brexit, Trump und zuletzt der rätselhafte Schulz-Effekt. Die Umfrageinstitute suchen nach manch bitterem Prognosefehler nach der rechten Formel. Sechs Fragen zur Demoskopie und ihren Problemen an den Politologen Thorsten Faas von der renommierten Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Eng sollte es werden bei der Landtagswahl im Saarland im Frühjahr. Und dann kam doch alles ganz anders. Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) wurde klar im Amt bestätigt. Nix mit Überraschung, nix mit Schulz-Effekt. Schon zuvor hatte mancher Wahlausgang die Beobachter überrascht. In den USA siegte Donald Trump gegen Hillary Clinton, in Großbritannien votierten die Wähler für den Austritt aus der Europäischen Union.

Die Demoskopie steckt im Umfragetief. Liegen die Meinungsforscher falsch? Oder lässt sich der Wähler nicht mehr ausrechnen? Von Fallbeileffekt bis Fehlerquellen – ein Blick auf die Demoskopie und ihre Probleme mit dem unkalkulierbaren Wähler mit Wahlforscher Thorsten Faas von der Universität Mainz.

 

 

Stichprobe oder worin liegt das Kernproblem der Meinungsforscher?

Sample, so nennen Wahlforscher die zufällige Stichprobe der Befragten. Die ist immer kleiner als die Grundgesamtheit. Und damit auch unwägbarer. Rund 61,5 Millionen Menschen sind am 24. September in Deutschland wahlberechtigt, Umfragen gelten ab einer Zahl von tausend Befragten als valide. Die Differenz macht’s nicht einfach. Schon die Art der Umfrageerhebung schafft Unterschiede. Von einer „gewissen Pluralität“ spricht Thorsten Faas, Wahlforscher an der Universität Mainz. Die Probleme sind zum einen technischer Natur. Das Allensbach-Institut etwa bevorzugt die persönliche Befragung, YouGov und andere lassen im Internet abstimmen, wieder andere befragen die Bürger am Telefon. „Lange Zeit beschränkten sich die Umfrageinstitute auf das Festnetztelefon. Junge Menschen, die nur noch über Mobiltelefon erreichbar sind, werden so gar nicht erfasst“, sagt Faas. Ähnlich sieht es im Internet aus, auch hier werden nicht alle erreicht. Zweitens sieht Faas eine „politische Herausforderung“. „Politikferne Menschen, Arbeitslose, Abgehängte, Enttäuschte haben eine geringere Neigung, an einer Wahlumfrage teilzunehmen.“ Ihre Stimme bleibt ungehört. Das kann zu Verzerrungen führen. Fazit: Die Erhebung macht’s.

Gewichtung oder: Wie wird vom Kleinen aufs Große geschlossen?

Gewichtung, so heißt bei Sozialwissenschaftlern das Austarieren zwischen Stichprobe und Grundgesamtheit, die dadurch entsteht, dass man manche Zielpersonen schlicht nicht erreichen kann. Die Umfrage-Institute gewichten daher ihre Ergebnisse. Fehler nicht ausgeschlossen. „Diese Gewichtung ist auch ein Risikofaktor“, sagt Faas. In Online-Umfragen etwa muss einkalkuliert werden, dass Ältere weniger häufig im Netz unterwegs sind, in Online-Umfragen muss berücksichtigt werden, dass sich Menschen im Netz auch eher zu radikalen Positionen greifen.

Durch die Gewichtung kommt es zu den klassischen Zuschreibungen: Das Allensbach-Institut gilt eher als Unions-freundlich. Manfred Güllner, Chef des Forsa-Instituts, war nah dran an SPD-Kanzler Gerhard Schröder, ist nach dessen Abschied aus der Politik aber von den Sozialdemokraten abgerückt, das Erfurter Insa-Institut wertet die AfD in seinen Umfragen eher etwas höher. Die Formel zur Gewichtung ist strikt geheim. Gut gehütet wie die Coca-Cola-Formel. „Hauseffekte“ nennt das Wahlforscher Faas zurückhaltend.

Doch geht es um mehr als einen Blick in die Glaskugel. „Letztlich müssen die Institute am Markt bestehen, das heißt, die Umfragen müssen sich am tatsächlichen Wahlergebnis beweisen“, sagt Faas. Sein ganz pragmatischer Tipp für die Wähler: Den Mittelwert aus den unterschiedlichen Erhebungen bilden, das kann durchaus sinnvoll sein, weil sich so Vor- und Nachteile einzelner Verfahren ausgleichen. Im Internet bietet das etwa die Plattform wahlrecht.de

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Der Vergleich macht's: Umfrage zur Bundestagswahl

Rechte Zerreffekte oder warum überraschen rechtspopulistische Parteien in Wahlen immer wieder?

Rechtspopulistische Parteien schneiden in Wahlen oft besser ab als in Umfragen, das könnte auch bei der Bundestagswahl am 24. September drohen wie Christopher Ziedler, der stets umtriebige Haupstadt-Korrespondent der Stuttgarter Zeitung berichtet. Faas erklärt das am Beispiel der Trump-Wahl im November 2016 in den USA. Eine These spricht vom sozialen Erwartungsdruck, sprich: Die Bereitschaft sich in einer Umfrage öffentlich zu rechtspopulistischen Parteien zu bekennen, ist eher gering. Die zweite These ist komplexer: Umfrageinstitute (und die Medien für die sie arbeiten) zählen demnach zum Establishment, Stichwort „Lügenpresse“. Unzufriedene könnten demnach wenig Neigung verspüren sich an Umfragen zu beteiligen. Fazit: Rechts besteht oft ein Überraschungspotenzial.

Der Nichtwähler oder: Wer geht eigentlich noch hin zur Abstimmung?

Der Nichtwähler sind gar nicht mehr ein so unbekanntes Wesen. Seit 1990 bei der ersten gesamtdeutschen Wahl die Wahlbeteiligung auf 77,8 Prozent sank (bei der  Bundestagswahl 2013 waren es 71,5 Prozent) gab es eine Vielzahl von Studien über die Nichtwähler. Bekannt ist, dass das schlechte Wetter eine eher untergeordnete Rolle spielt (25 Prozent). Eher herrscht ein Gefühl der Apathie vor: In einer Forsa-Studie (2013) geben 87 Prozent der Befragten, ihre Wahl werde ohnehin nichts ändern, 69 Prozent erklärten, es sei gleich welche Partei gewinne. Die Forschung spricht von grundsätzlichen Nichtwählern aus politikfernen Schichten. Der Sozialwissenschaftler Armin Schäfer hat sich die Sozialdaten in Vierteln mit niedriger Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2013 genauer angesehen. Sein Fazit: „In ärmeren, von Arbeitslosigkeit besonders betroffenen Stadtteilen ist der Nichtwähleranteil weit überdurchschnittlich, wohingegen in wohlhabenden Vierteln weiterhin die große Mehrheit der Wahlberechtigten an Bundestagswahlen teilnimmt.“ Arbeitslose und Abgehängte bleiben der Wahl fern. Auch ein demokratietheoretisches Problem. „Verlust der Gleichheit“, lautet der Titel von Schäfers Buch.

Stimmungseffekte oder: Beeinflussen Umfragen die Wahl?

„Wie Umfragen die Bundestagswahl beeinflussen“, titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Sommer. In manchen Ländern wie Frankreich, Spanien oder Ungarn ist die Veröffentlichung von Umfrageergebnissen ab zwei Wochen vor der Wahl verboten. „Nützt nur wenig“, sagt Faas, „Frankreichs Wähler informieren sich dann in Schweizer Medien oder in Belgien über die Stimmung in ihrem Land.“ Der Einfluss von Umfragen auf die Wahlentscheidung ist umstritten. „Es gibt den Bandwagon-Effekt“, so Faas. Einen Mitläufereffekt, der Mensch gesellt sich gern zu den Siegern und schließt sich in den Umfragen gern der führenden Partei an. Der Fallbeil-Effekt trifft oft kleinere Parteien, ist der Einzug ins Parlament fraglich, entzieht der Wähler seine Stimme, um sie nicht zu verschenken. Vom Leihstimmen-Effekt profitierte in schwarz-gelben Zeiten die FDP, Wähler der siegessicheren Union stimmten für den liberalen Koalitionspartner, um deren Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde zu garantieren. Damit soll unter FDP-Chef Christian Lindner Schluss sein. Zu schmerzhaft sind die Erinnerungen an die letzte Bundestagswahl 2013. Die Union hatte zuvor bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen stark an die FDP verloren und im Bundeswahlkampf die Devise ausgegeben, sie habe keine Stimme zu verschenken. „Am Wahltag titelte die „Bild am Sonntag“: „Sechs Prozent für die FDP“, erinnert sich Faas. Ergebnis: Viele Wähler wähnten die Liberalen sicher im Parlament und blieben daheim oder stimmten für die Union. Der Rest ist bekannt. Die FDP scheiterte.

Berichterstattung oder: Was können Medien mit Blick auf Umfragen beachten?

Hat ein Wahlforscher Wünsche an die Medien? Faas zögert, erwähnt dann aber die Süddeutsche Zeitung die Online rund um ihren Chef Stefan Plöchinger und Netzreporter wie Matthias Kolb vorbildlich die Fehlerbreite der Umfragen ausweist. Von Konfidenzintervallen sprechen Wahlforscher wie Faas. Grundgesamtheit, Stichprobe, Gewichtung – das alles schlägt sich irgendwie nieder, sinnvoll ist es deshalb die Fehlertoleranz von 2,5 Prozentpunkten anzugeben.

Umfragen sind wie die Stimmung – volatil und sie bewegen sich in einem Korridor. Noch einen Effekt macht Faas aus: Medien reduzieren Umfrageergebnisse gern auf bloße Machtfragen. „Dann heißt es: ,Das reicht nicht für Schwarz-Gelb‘ oder ,Damit wäre Jamaika möglich‘“, schildert Faas. Im Ergebnis wiegt der Wähler seine Stimme und entscheidet taktisch. Das macht ihn noch weniger kalkulierbar. „Umfragen ganz knapp vor der Wahl müssen deshalb nicht unbedingt näher am tatsächlichen Ergebnis liegen“, gibt Faas zu bedenken. Abgerechnet wird am Wahltag. Oder, um eine Sport-Metapher zu bemühen. Wichtig ist in der Wahlkabine.

Hinweise im Netz:

Der Politik-Blog von Thorsten Faas

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