Die steigende Geburtenrate in Deutschland, heißt es oft, sei nur auf Migranten zurückzuführen. Stimmt das? Rechte verbreiten immer wieder die Erzählung des „großen Austausches“. Diese Geschichte ist meist ein elementarer Teil ihrer Theorie über die Islamisierung Europas. Wir haben uns die Zahlen einmal näher angeschaut.

Der „große Austausch“: Darunter verstehen Rechte, dass die deutsche Kultur in Deutschland/Europa durch Fremde ausgetauscht werden soll. Hinter der Erzählung steckt ein breites Spektrum, es geht dabei von einem ungesteuerten Ereignis, über eine geplante Invasion durch Muslime, bis hin zu einer gesteuerten Übernahme (wobei am Ende meist die Juden dahinter stecken). Doch was ist dran an dieser Behauptung und wie argumentieren sie dabei genau? Dies wollen wir im Faktencheck überprüfen.

These: Die Geburtenrate ist in Deutschland nur durch Migranten gestiegen

Ein häufiges Element in ihrer Erklärung zu dem „großen Austausch“, ist dabei die niedrige Geburtenrate der Deutschen (obwohl diese weltweit sinkt) und die höhere Geburtenrate von „Fremden“, die angeblich dazu führt, dass Deutsche innerhalb weniger Generationen ausgetauscht werden sollen. Ist das belegbar?

Die aktuellsten Zahlen sind vom Jahr 2015, die veröffentlichte das Statistische Bundesamt am 17. Oktober 2016. Auf diese Veröffentlichung beziehen sich auch viele rechte Medien.

Die „Deutsche Wirtschafts Nachrichten“ schrieb dazu etwa Migranten sorgen dafür, dass die Geburtenrate in Deutschland erstmals seit 33 Jahren wieder ansteigt“.

Nur: Die Formulierung täuscht, es ist zwar die höchste Geburtenziffer in Deutschland seit 1983, jedoch steigt die Geburtenrate, also die durchschnittliche Kinderzahl je Frau bereits seit 2011 (1,339 Kinder) jedes Jahr auf 1,427 Kinder 2015, und dies alleine bei Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit.

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Quelle: Statistisches Bundesamt 2015

Trotzdem berichtet die „Epoch Times“ über diese Zahlen falsch: „Die gestiegene Geburtenrate ist eine Folge dieser Zuwanderung, da jene der autochthonen Deutschen kontinuierlich sinkt.“ Und weiter berichteten die Autoren in einem anderen Artikel über Eva Herman. Auch die ehemalige entlassene Tagesschausprecherin erklärte sich zur gestiegenen Geburtenrate. In der „Epoch Times“ wird sie indirekt mit den Worten zitiert: Der Babyboom werde durch die Massenmigration verursacht – die Deutschen spielten dabei kaum eine Rolle. [...] Der Bevölkerungsaustausch sei im vollen Gange und trage bereits ein Jahr nach Beginn der Masseneinwanderung 2015 Früchte. Die Autoren des Epoch-Times-Artikel weisen aber später darauf hin: „Ob Migranten verstärkt zum Babyboom beitragen, lässt sich statistisch nicht belegen.“ Trotzdem verbreiten sie Eva Hermanns vermeintliche Aussage weiter.

Doch wie sieht dieser „Bevölkerungsaustausch“ durch die „Massenmigration“ genau aus?

2015 setzten sich die Geburten aus folgenden Ländern zusammen:

  • Von insgesamt 737.575 Babys wurden 147.900 von Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit geboren.
  • Davon kamen 30.893 Mütter aus EU-Ländern, 48.750 aus dem restlichen Europa (ohne Türkei) und 4.262 aus Amerika, Australien und Ozeanien.
  • Dadurch bleiben 60.152 aus der Türkei, Afrika und Asien übrig, also 40,67 Prozent der Gebärenden ohne deutsche Staatsbürgerschaft.

Die höhere Geburtenrate der Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit setzt sich also zu fast 60 Prozent aus Ländern zusammen, die nicht mehrheitlich muslimisch sind. Von allen in 2015 in Deutschland geborenen Kindern sind lediglich 60.152, also acht Prozent aus Ländern, die von Rechten als „kulturfremd“ bezeichnet werden.

Worum es ihnen in der Debatte eigentlich geht, zeigt das „Compact Magazin“ sehr deutlich, wenn sie in einem Artikel darüber zwischen deutschen Staatsangehörigen und „biodeutschen Babys” unterscheiden. „Die Rede ist von Frauen mit deutscher bzw. ausländischer Staatsangehörigkeit. Das heißt, unter den 1,42 geborenen Kindern pro ‘deutscher’ Frau verbergen sich noch rund fünf Millionen Frauen mit sogenanntem Migrationshintergrund. Wie viele biodeutsche Babys auf die Welt kommen, wird nicht erfasst.“  Für das „Compact-Magazin“ ist Deutsch-Sein ist also keine Frage von Staatsangehörigkeit, sondern von vemeintlicher Biologie.

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