Konservativ und heimatverbunden: Beim Kampf um die Stimmen der Russlanddeutschen könnten CDU und AfD besonders punkten. Doch auf russischen Social Media Seiten ist nur die AfD aktiv.

In einem Restaurant in einem Kölner Vorort ist Schnitzeltag. Die Terrasse füllt sich am frühen Abend mit hungrigen Gästen. Zwischen ihnen sitzt Eugen Schmidt. Schwarz-weiß gemustertes Hemd, blaue Jeans, blaue Flyer auf dem Tisch. Der 41-jährige ist 1999 aus Kasachstan nach Deutschland gekommen. Schmidt ist Russlanddeutscher. Lange Zeit wählte er die CDU, bis die Partei „Alternative für Deutschland“ entstand. Seit 2013 unterstützt Schmidt die AfD. Und ist der Kopf hinter den Auftritten der AfD in den russischen Social-Media-Kanälen.

Eugen Schmidt von der AfD sitzt mit einer AfD-Broschüre an einem Restaurant-Tisch

Eugen Schmidt erreicht mit seinem Netzwerk „Russlanddeutsche für AfD NRW“ mehr als 9000 User auf OK. Dort geht es vor allem um Ängste.

Helena Kaufmann

Vor einem Jahr stellte Eugen Schmidt dem AfD-Vorstand ein Konzept vor, wie er die Russlanddeutschen als Wähler gewinnen will: vor allem mithilfe der sozialen Netzwerke wie Odnoklassniki (OK) und VKontakte (VK). Das sind die russischen Versionen von Facebook. 50 Millionen Nutzer zählte OK im Jahr 2014. Allein 1,5 Millionen davon kommen aus Deutschland. Eine wichtige Plattform, die vor allem ältere Russlanddeutsche nutzen, um in ihrer Community und mit Verwandten zu kommunizieren. Die AfD ist die einzige deutsche Partei, die diese Plattform aktiv nutzt. CDU, SPD, FDP, Bündnis90/Die Grünen und Die Linke: sie alle haben keine Präsenz. Man findet sie nur als Gegenstand von Diskussionen.

Es gibt keine zuverlässigen Zahlen, wie viele stimmberechtigte Russlanddeutsche es gibt. Zwischen 1950 und 2016 wurden insgesamt etwa 2,4 Millionen (Spät-)Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion in Deutschland registriert. Unklar ist, wieviele davon momentan in Deutschland leben und wahlberechtigt sind. Eine Schätzung des Wahl- und Integrationsforschers Andreas M. Wüst, auf die sich die FAZ bezieht, geht von drei Prozent aller Wahlberechtigten aus. Das wären etwa 1,8 Millionen Stimmberechtigte.

Er teilt alles, was ihn aufregt

Mittlerweile geht Schmidt auch auf die Straße, verteilt Flyer und spricht die Menschen auch vor russischen Supermärkten an. Für neue Sympathisanten müsse er nicht viel tun, denn die Menschen seien „stinksauer“ über die aktuelle Situation in Deutschland: Über Merkel, über die vielen Flüchtlinge. „Wir Russlanddeutsche sind Rückkehrer. Hier sind unsere Wurzeln, hier fühlen wir uns wohl, hier sind unsere Kinder aufgewachsen und wir sind Deutsche.“

Für die Identität der Russlanddeutschen ist es offenbar wichtig, sich von anderen Einwanderergruppen abzusetzen.

„Wir sind integriert, bei muslimischen Migranten sieht das anders aus, da bilden sich öfter leider die Parallelgesellschaften mit dem Scharia-Gesetz, Kinder-Ehen und das macht uns natürlich Angst“.

Die angebliche Islamisierung, Zuwanderung, das traditionelle Familienbild, aber auch die Rundfunkgebühren und die niedrigeren Renten für Russlanddeutsche. Schmidt teilt alles auf OK oder VK, was ihn aufregt, denn das rege auch seine Anhänger auf.

Im Internet wählen Schmidt und seine Social-Media-Kollegen drastischere Worte als im Interview. Auf OK teilte das Netzwerk einen Beitrag von welt.de, in dem es darum geht, dass die EU keine Flüchtlinge mehr nach Ungarn schicken will. In seiner russischen Einführung zu dem Artikel benutzt Schmidt das Wort „Neger“: „Scheinbar befürchtet Merkels Regierung, dass Araber und Neger, die unter solchen Umständen nach Europa kommen, sich beleidigt fühlen und nach Hause zurückkehren. Wählen wir am 24. September die AfD, und machen Deutschland den Wirtschaftsmigranten aus der ganzen Welt unangenehm.“

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Der Post, in dem Schmidt auf russisch das Wort „Neger“ benutzt, wurde mittlerweile gelöscht.

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Auf die Frage, warum in diesem Post von „Negern“ gesprochen wird, antwortet Schmidt: „Das ist in Russland ein verbreitetes Wort und nicht negativ besetzt“.  Und dennoch, auf der Seite „Russlanddeutsche für AfD NRW“ auf Facebook, auf der er Beiträge auf Deutsch verfasst, würde er diese Worte nicht wählen. Da würde er „Schwarzafrikaner“ sagen, das seien „Sprachbesonderheiten“. Nach dem Gespräch mit ihm war dieser Post dann nicht mehr auffindbar.  

Eine Sprachbesonderheit ist auch in diesem Post vorhanden: „Heimat“ - ein beliebtes Wort in dem Netzwerk der Russlanddeutschen. In der ehemaligen Sowjetunion durften sie ihr Deutschtum und vor allem in den muslimisch geprägten ehemaligen Sowjet-Republiken, zum Beispiel in Kasachstan, den Christentum nicht ausleben. Das sind zwei der vielen Beweggründe, nach Deutschland zurückzukehren. „Russlanddeutsche für AfD“ appelliert an den Patriotismus und die ursprüngliche Hoffnung, die sie an dieses Land hatten.

Willst du deine Heimat quälen....jpg

Holpriger Reim gegen Merkel. Dieser Post auf OK wurde mehr als 70 mal geteilt und hat über 150 Kommentare.

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Der Gegenspieler

Wenn andere Menschen ihren Feierabend genießen, beginnt Oleg Friesen mit seiner politischen Arbeit. Der Grafik-Designer klappt den Laptop auf, spricht einen Beitrag in die Kamera, lädt den Film hoch und hofft. Darauf, dass seine Worte viele Russlanddeutsche erreichen.

Seine junge Social-Media-Karriere begann aus Protest gegen die AfD: Oft las er, Russlanddeutsche sympathisieren mit der AfD, seien gegen Europa, gegen Homosexuelle und hätten Angst vor der Überfremdung durch Muslime in ihrem zu Hause – in Deutschland.

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Oleg Friesen ist Gründer des Netzwerkes „RD gegen AfD“. Er will der AfD nicht das Feld überlassen.

Helena Kaufmann

Und die Wahlergebnisse schienen dem recht zu geben: In Stadtteilen von Pforzheim, Paderborn und Berlin in denen viele Aussiedler und Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion leben, hat gerade die AfD viele Stimmen bekommen. CORRECTIV berichtete darüber.

Friesen wollte diesen Eindruck nicht stehen lassen und er wollte der AfD in den Social Media-Kanälen etwas entgegen setzen. Er ist selbst Russlanddeutscher. 1993, in dem Jahr, in dem Boris Jelzin das russische Parlament auflöst, zieht seine Familie nach Deutschland. Ohne einen großen Plan eröffnet er auf der russischen Social-Media-Seite Odnoklassniki (OK) und auf Facebook die Gruppe „RD gegen die AfD“. Ein Gegenprogramm zu den Netzwerken „Russlanddeutsche für AfD NRW“ und „Russlanddeutsche in der AfD“, die dort Bilder, Kommentare und Wahlwerbung für die AfD posten.

Seine Videos dauern zehn Minuten, er spricht seinen Beitrag einmal auf deutsch, direkt danach auf russisch. Seine Botschaft: Nicht alle Russlanddeutsche stimmen für die AfD oder stehen hinter der Politik des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Er wirbt für Toleranz, für Europa. Mit den Videos erreicht er über 25.000 Zuschauer, bekommt viel Zustimmung von anderen Aussiedlern und Nicht-Aussiedlern. Denn die großen Parteien treten auf den russischen Online-Plattformen nicht in Erscheinung.

Strassenwahlkampf reicht der CDU

Georg Dege meint, er brauche das Internet nicht unbedingt, um die Russlanddeutschen in Spandau von seiner Partei zu überzeugen. Er geht auf die Straße.

Der 30-jährige ist „Beauftragter für Aussiedlerfragen und Sprecher des Landesnetzwerkes Aussiedler der CDU Berlin“. Die Idee für das Netzwerk kam ihm und anderen Kollegen vor vier Jahren. Sehr wenige Aussiedler waren politisch aktiv „und trotzdem glaubten sie, dass die Politik sie zu wenig vertritt“. Also hat Dege mit der Politik angefangen. In Spandau hat er mit seinem Team viele kulturelle und gesellschaftliche Projekte auf die Beine gestellt. An ihn wenden sich Aussiedler, wenn sie Hilfe bei Behörden oder in anderen Belangen brauchen.

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Er setzt auf den analogen Wahlkampf. Der CDU-Politiker Georg Dege will die Russlanddeutschen auf der Straße erreichen.

Georg Dege

Wenn Eugen Schmidt und Georg Dege mit den Aussiedlern ins Gespräch kommen, beobachten beide ein Problem: Ein großer Teil der Russlanddeutschen sind Nicht-Wähler. Schmidt schätzt, ein Drittel der Menschen, die er samstags an den Info-Ständen trifft, sparen sich den Gang zur Wahlurne. Dege sagt, viele erkennen das Privileg ihrer Stimme nicht: „Sie kommen aus ehemaligen totalitären Ländern, haben wahrscheinlich noch nie an die Politik geglaubt [...] und denken, hier ist alles korrupt.“ Diesen Vorwurf hätte er vor allem zu Beginn seiner Arbeit häufiger gehört, das habe sich mittlerweile geändert und die Menschen gingen wieder größtenteils zur Wahl.

Nur die AfD setzt voll auf den Online-Wahlkampf. Jeden Tag setzt das AfD-Netzwerk auf Facebook im Durchschnitt fast zwei Posts ab, auf OK sind es weitaus mehr. Das von Schmidt gegründete Netzwerk hat auf OK mittlerweile knapp 10.000 Mitglieder, auf Facebook sind es über 4.500 Likes. Schmidt erreicht so die Menschen, die nicht an die Info-Stände kommen. Hier diskutieren sie, mal auf Deutsch, mal auf Russisch, mal konstruktiv, mal destruktiv. Nur Oleg Friesen, der darf mit seiner Seite „RD gegen AFD“ nicht mitdiskutieren. Ihm wurde der Eintritt in das AfD-Netz verwehrt.

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