Die deutschsprachige Webseite „anonymousnews.ru“ wollte über einen zoophilen Fall in Berlin berichten. Anstatt ein Bild von einem Pony oder vom Görlitzer Park zu nutzen, stahl die Webseite das Foto eines syrischen Flüchtlings.

Vor einer Woche wurde die Geschichte eines Syrers, der sich im Berliner Görlitzer Park an einem Pony vergangen haben soll, von viele Medien und konservativen Websiten geteilt. Die Geschichte stimmt: Darüber hat der Journalist Sebastian Geisler in der Berliner Morgenpost berichtet. Er sprach mit der Mutter eines Kindes, das mit seiner Babysitterin Zeuge des zoophilen Aktes war, mit einer Mitarbeiterin des Kinderbauernhofs und auch mit der Berliner Polizei, die alles bestätigte. So kann man in der Berliner Morgenpost lesen: „Die Polizei bestätigte eine Anzeige wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz und wegen "Erregung öffentlichen Ärgernisses durch sexuelle Handlungen" gegen einen 23-jährigen gebürtigen Syrer“.

Wie schon erwähnt, viele Medien und Webseiten haben diese Geschichte übernommen und standen vor der visuellen Herausforderung die Meldung zu illustrieren.

Montage aus Screenshots von huffingtonpost.de, morgenpost.de, bild.de, ruhraktuell.com, t-online.de und de.sputniknews.com

Montage aus Screenshots von huffingtonpost.de, morgenpost.de, bild.de, ruhraktuell.com, t-online.de und de.sputniknews.com

Während die Mehrheit der Medien Symbolbilder von Ponys wählte, entschieden sich andere – wie Bild.de oder Huffingtonpost.de – für Fotos vom Ort des Geschehens, dem Görlitzer Park in Berlin.

Über unser Kontaktformular schickte uns ein Leser einen Link zu der in Russland registrierten, impressumslosen Webseite Anonymousnews.ru, die auch über den Fall berichtete und zunächst ein Foto von einem Mann gepostet hatte.

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Screenshot von der anonymousnews.ru Webseite

Selbstverständlich handelt es sich hier um eine Montage. Aber diese Illustration wirft Fragen auf: Wer ist der Mann auf dem Foto? Handelt es sich um einen Zoophilen?

Auf diese Frage antworte der Leser selbst: „Wir haben für unser Portal "kiekmo" in Zusammenarbeit mit der SZENE Hamburg einen Artikel über einen syrischen Flüchtling veröffentlicht“. Der Leser schickte uns Links zu den im Oktober 2017 veröffentlichten Artikeln von beiden Webseiten.

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Screenshot von den Artikeln von kiekmo.hamburg und szene-hamburg.com

Wie man in diesen Porträts erfahren kann, heißt der Mann im rosa Polo-Shirt Hussam Al Zaher. Er ist syrischer Journalist und Flüchtling, kam im Herbst 2015 nach Deutschland und hat das Magazin „Flüchtling“ gegründet. Nach kurzer Recherche kann man erfahren, dass Hussam Al Zaher im Jahr 1988 geboren ist. Deswegen kann er nicht der 23-Jährige Täter aus Berlin sein.

Auf der Webseite des “Flüchtling”-Magazins reagierte Hussam Al Zaher auf den Foto-Diebstahl: „Leider kann ich nicht in Frieden, auch nicht hier in Deutschland, leben. Eine gefakte Nachricht über mich ging vor drei Tagen durchs Netz. Sie nahmen mein Foto und veröffentlichten es mit einer schlechten und bösen Nachricht. Das hat mich sehr verletzt, weil ich nicht verstehen kann, woher sie diesen Hass gegen mich haben, warum sie gegen mich sind!?“. Er bittet die Leser seinen Beitrag zu teilen, damit sich das gefakte Foto nicht zu weit verbreitet.

In seinem Text erwähnt der syrische Journalist auch den Foto-Diebstahl-Fall von einem anderen Flüchtling, der ebenfalls Opfer von Fake News geworden war: „Heute war ich es, gestern war es der Mann, der mit Frau Merkel sein Selfie gemacht hat, morgen wird es ein anderer Syrer/Flüchtling sein. Immer wieder“. Im September 2015 machte der Syrer Anas Modamani ein Selfie mit Angela Merkel. Bei verschiedenen Anschlägen, etwa in Brüssel, Würzburg, Ansbach oder Berlin, berichteten rechtsradikale Webseiten, dass er der Täter sei und teilten sein Foto. Nach der mehrfachen Verbreitung des falschen Gerüchts klagte der Syrer gegen Facebook, verlor und gab aus finanziellen Gründen auf.

Fazit: Das geteilte Foto von Anonymousnews.ru zeigt nicht den Täter eines zoophilen Aktes in Berlin, sondern einen syrischen Journalisten, der in Hamburg lebt und gar nichts mit dem Fall zu tun hat. Er möchte kein Opfer von Fake News sein.

Unsere Bewertung: Der Artikel wird mit einem gefakten Foto illustriert.

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