Im Juni 2017 machte der französische Präsident Emmanuel Macron ein großherziges Angebot: Von der US-Politik enttäuschte Klimatologen könnten nach Frankreich umziehen. Dort bekämen sie ein Labor, um über den Klimawandel weiter zu forschen. Tausende sollen auf den Appel geantwortet haben, meldete der Elysee-Palast. Aber wie viele hatten wirklich Interesse an Frankreich? Unser Faktencheck.

„Make Our Planet Great Again“. Mit diesen Worten antwortete der französische Präsident Emmanuel Macron (sogar auf Englisch) auf die Ankündigung von Donald Trump zu dem US-Ausstieg aus dem globalen Pariser Klimaabkommen am 1. Juni 2017. Dem Slogan folgte ein Aufruf an „an alle Wissenschaftler, Ingenieure, Unternehmer und verantwortungsvolle Bürger, die von der Entscheidung vom Präsident der Vereinigten Staaten enttäuscht sind“, schrieb Macron. „Ich möchte Ihnen sagen, dass Sie in Frankreich ein zweites Heimatland finden werden. Ich rufe Sie auf: Kommen Sie und arbeiten Sie mit uns. Zusammen werden wir an konkrete Problemlösungen für unser Klima und für unsere Umwelt arbeiten“.

Die Webseite „makeourplanetgreatagain.fr“ ging ein paar Tage später online. Jeder, der dem Aufruf folgen wollte, konnte sich dort registrieren. Die Zielgruppe war breit gestreut: Unternehmen, Forscher, Studenten und NGO hätten sich melden können.

Sechs Monate später, am 11. Dezember 2017, teilte der Elysee-Palast mit, tausende von Studenten und Forscher hätten sich gemeldet. Am gleichen Tag, kurz vor dem Open Planet Klimagipfel, veröffentlichte das Forschungsministerium die Namen der 18 erfolgreichen Bewerbern. Sie würden bald ihre Arbeit in den französischen Labors des Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS) aufnehmen. Emmanuel Macron begrüßte sie persönlich. Zwei Jahre nach dem Pariser Abkommen schien Frankreich es geschafft zu haben, sich als Land der Klimaschützer zu positionieren.

Eine irreführende Pressemitteilung von Macron

Viele internationalen Medien haben über den Empfang der 18 Forscher berichtet. Ein echter PR-Erfolg für Emmanuel Macron. Die meisten Journalisten zitierten allerdings nur die folgenden Fakten aus der offiziellen Pressemitteilung: Mehr als 5.000 Forscher und Studenten aus 100 Ländern hätten Interesse für das Projekt gezeigt. Darunter gab es 1.822 formale Bewerbungen. Nach einer Vorauswahl gab es noch 450 „hochwertige Kandidaten“. Am Ende wurden 18 Klimaforscher ausgezeichnet.

Es lohnt sich, die einzelnen Zahlen in der Pressemitteilung genauer anzuschauen. Unter den 1.822 Bewerbungen finden sich auch Interessenten für kurzfristige Forschungsaufenthalte, so wie Studenten, die auf der Suche nach Stellen von Doktoranden und Postdoktoranden sind. Die von Macron anvisierten Top-Forscher für das neue Labor konnten nur aus dem Kreis der „450 hochwertigen Kandidaten“ ausgewählt werden. 

Nationales Forschungszentrum bekam nur 255 vollständige Bewerbungen

Um die Zahlen besser zu verstehen, hat EchtJetzt das französiche Forschungsministerium kontaktiert. Das Ministerium fühlte sich nicht zuständig und verwies uns auf das Nationale Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS).

Im November hatte das CNRS schon Informationen zu der Initiative von Emmanuel Macron mitgeteilt: In einem eigens produzierten Interview sagte CNRS-Direktorin Anne Peyroche, dass ihr Forschungszentrum 255 vollständige Bewerbungsunterlagen bekommen habe. Davon seien 90 hochwertig.

Auf Anfrage von EchtJetzt bestätigt das CNRS diese Zahlen erneut. „Die Daten von Frau Peyroche sind die richtigen“, schreibt die Pressestelle. „Mehr als 400 Kandidaten, die die Kriterien des Appels erfüllten, wurden eingeladen.“ Nur 255 hätten das komplette Bewerbungsdossier gesendet. Von den 255 habe das CNRS 90 ausgewählt. Von diesen 90 hätten 57 der Nationalen Agentur für Forschung ein konkretes Projekt vorgestellt. Schließlich wählte das CNRS von diesen 57 Kandidaten 18 aus.

Fünf Franzosen unter den 18 Forschern

Das Forschungsministerium gab neben den Namen der 18 ausgewählten Forschern auch bekannt, aus welchem Labor oder welcher Universität sie nach Frankreich wechselten. Die „Washington Post“ schrieb, dass „Macron 13 US-Klimawissenschaftler nach Frankreich lockte“. Das passte auf den ersten Blick zu dem Aufruf von Macron, der sich in erster Linie an ausländische Forscher richtete. Was allerdings irritierte: In der Liste der ausgewählten Wissenschaftler finden sich mehrere Namen, die französisch klingen.

Auf Anfrage von CORRECTIV nannte das CNRS die Nationalitäten der 18 Forscher: Nur fünf Forscher sind US-Bürger, fünf kommen aus Frankreich, drei aus Kanada, zwei aus Deutschland, einer aus Großbritannien, einer aus Spanien und einer aus Italien.

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18 ausländische Wissenschaftler meistens aus den USA und Frankreich

Im Juni 2017 hatte Emmanuel Macron den Wissenschaftlern versprochen, dass „sie in Frankreich ein zweites Heimatland finden“ würden. Unser Faktencheck zeigt: Tatsächlich werden kaum von Trump enttäuschte US-Forscher das neue französische Labor nutzen. Gleich zehn kommen aus Europa, darunter fünf Franzosen.

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