Mehr Analphabeten unter den Flüchtlingen? Kurse, die ihr Sprachniveau nicht verbessern? Eine Meldung der Bild am Sonntag sorgt für Aufsehen. Unser Faktencheck.

In einer Kooperation mit Facebook überprüft Echtjetzt die Genauigkeit Artikeln, die auf dem sozialen Netzwerk geteilt werden. Unter den potenziell fehlerhaften Links befand sich in dieser Woche eine Nachricht von „Deutschlandfunk.de“. In dem kurzen Artikel wird behauptet, dass die Zahl der Analphabeten unter den Flüchtlingen gewachsen sei. Als Quelle für diese Information wird ein Artikel der „Bild am Sonntag“ genannt. Im Text erfährt man, dass „allein im ersten Halbjahr 2017 rund 43.000 Menschen an einem speziellen Integrationskurs für Analphabeten teilgenommen hätten. Dies sei ein Plus von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum“.

Die „Deutsche Presse-Agentur“ hat die Meldung an den „Deutschlandfunk“ und ihre anderen Kunden geliefert. Sie betont darin, dass die Sprachkurse den Flüchtlingen meistens nicht ermöglichen, arbeitsfähig zu werden: „Wie es (bei „Bild am Sonntag“, Anm.) weiter heißt, sprechen nach dem Kurs vier von fünf Flüchtlingen immer noch so schlecht Deutsch, dass sie keine Aussicht auf einen Hilfsjob oder eine Ausbildung haben. Besonders schlecht schneiden demnach Flüchtlinge aus Eritrea und dem Irak ab.“

Auf die Arbeit der „Bild am Sonntag“ brauchen wir nicht zu reagieren: Das hat der „Bild-Blog“ schon gemacht. In diesem Artikel werden wir uns um die Fakten kümmern, die wir durch unsere eigene Recherche und Gespräche mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) erfahren haben.

An wen wendet sich der Integrationskurs für Analphabeten?

Auf Anfrage von CORRECTIV verweist das BAMF zur Vorstellungswebseite seines Integrationskurses mit Alphabetisierung. Dort wird erklärt, dass sich diese spezielle Kursart an Zugewanderte richtet, die „nicht ausreichend lesen und schreiben können“. Das Bundesamt betont, dass der Alphabetisierungskurs „das Richtige“ für Menschen aus drei Hauptgruppen sein könnte:

  • Primäre Analphabeten: Menschen, die in ihrer Heimat nie zur Schule gegangen sind. Sie haben keine Schulerfahrung, manchmal auch keine „Stifterfahrung“. Das bedeutet, dass sich nicht lesen und schreiben können, und auch, dass ihnen Lernstrategien und Lerntechniken fehlen.

  • Funktionale Analphabeten: Menschen, die eine Schule besucht haben, deren Kompetenzen im Lesen und Schreiben aber so gering sind, dass sie für den Besuch eines allgemeinen Integrationskurses nicht ausreichen.

  • Zweitschriftlerner: das bezeichnet Menschen „die zwar mehrere Jahre Schulerfahrung nachweisen können, aber in einem nicht-lateinischen Schriftsystem alphabetisiert sind“. Sie können zum Beispiel arabische oder chinesische Schriftzeichen lesen, haben aber niemals unsere Buchstaben gelernt. So wie ein Deutscher Tourist in Tokyo.

Durch diese Definition versteht man, dass die Gruppe der Analphabeten nicht nur aus Menschen, die gar nicht lesen und schreiben können, besteht. Dieser Unterschied war in dem „Bild am Sonntag“-Artikel oder in der „DPA“-Meldung nicht erwähnt.

Leider konnte uns das BAMF nicht sagen, wie groß der Anteil von primären Analphabeten an dem Alphabetisierungskurs ist.

Wie viele Menschen nehmen an dem Integrationskurs für Analphabeten teil?

Auf Anfrage von CORRECTIV schreibt das BAMF: „Im Jahr 2016 gab es bundesweit insgesamt 62.688 neue Kursteilnehmer in Alphabetisierungskursen. Im ersten Halbjahr 2017 waren es insgesamt 42.939 neue Kursteilnehmer. Die Zahl der begonnenen Integrationskurse lag im ersten Halbjahr 2017 bei 10.466 Kursen, davon waren 3.285 (31,4 Prozent) Alphabetisierungskurse“.

Wie lange dauert der Kurs?

Laut dem BAMF besteht der Alphabetisierungskurs aus 900 Einheiten Alphabetisierung- und Deutschunterricht „sowie 100 Unterrichtseinheiten Orientierungskurs zur Vermittlung von Werten des gesellschaftlichen Zusammenlebens“. Zusätzlich besuchen die Teilnehmende „auf Grund ihrer besonderen Lernvoraussetzungen“ noch 300 Stunden Deutschunterricht. Nach dem Bundesamt beträgt der Umfang des Alphabetisierungskurses in der Regel 1.300 Unterrichtseinheiten.

Auf Anfrage von CORRECTIV ergänzt das BAMF: „Die Mindeststundenzahl pro Woche beträgt 12 Unterrichtseinheiten, die maximale Zahl 25 Unterrichtseinheiten, sodass es sowohl hinsichtlich der Stundenverteilung pro Woche als auch hinsichtlich der Gesamtlänge zu sehr unterschiedlichen Kursverläufen kommen kann.“ Je nachdem, wie viele Stunden die Teilnehmer pro Woche nehmen, brauchen sie für einen Kurs zwischen zwölf Monaten (für einen sehr fleißigen Teilnehmer) bis zu mehr als zwei Jahre, um den Kurs abzuschließen.

Das bedeutet, dass das zitierte Ergebnis (17 Prozent der Teilnehmer erreichen das Sprachniveau B1, der als Voraussetzung für einen Hilfsjob oder eine Ausbildung gebraucht wird), nicht die Kursteilnehmer einschließt, die im Jahr 2017 begonnen haben.

62 Prozent der Teilnehmer erreichen das sprachliche Ziel A2

Im Konzept für den Alphabetisierungskurs steht als Vorgabe: „die Teilnehmenden innerhalb von maximal 1260 Unterrichtseinheiten dem Ziel der funktionalen Alphabetisierung möglichst nah zu bringen und gleichzeitig Deutschkenntnisse zu vermitteln“. Demnach soll im Kurs das Sprachniveau B1 erreicht werden. Laut dem gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen bescheinigt das jemandem „ohne die Hilfe oder Vermittlung Dritter in allen Angelegenheiten des täglichen Lebens selbstständig handeln zu können.“

Das Bundesamt gibt aber zu: „Dies kann von primären Analphabeten sowie einem Großteil der funktionalen Analphabeten innerhalb der Förderdauer jedoch nicht erreicht werden. Daher ist als sprachliches Ziel im Rahmen der individuellen Maximalförderung für den großen Teil der Lerner das Sprachniveau A2.2 realistisch. Für einen kleineren Teil der Lerner, vorwiegend primäre Analphabeten, ist das Niveau A2.1 realistisch.“

Werden diese Ziele erreicht? Auf Anfrage von CORRECTIV antwortet das BAMF:

„Derzeit erreichen 17 Prozent der Kursteilnehmer eines Alphabetisierungskurses das Niveau B1, rund 45 Prozent erreichen das Niveau A2. Dabei liegt der Anteil der Alphabetisierungskurs-Teilnehmer, die das Sprachniveau B1 erreichen, unter demjenigen der Teilnehmer der anderen Kursarten“.

Fazit: Die Meldungen von „Bild am Sonntag“ und der „DPA“ stellen nicht klar, dass es auch alphabetisierte Menschen (Zweitschriftlerner) unter den Teilnehmern der Alphabetisierungskurse gibt. Außerdem wird von den Teilnehmer des Kurses erwartet, dass sie den Sprachniveau B1 erlangen, obwohl das Bundesamt für Migration und Flüchtling das als unrealistisch für Analphabeten bezeichnet und von ihnen das Sprachniveau A2 erwartet. Dies wird von 67 Prozent der Kursteilnehmer erreicht.

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