Die Webseite „Wochenblick” berichtet, dass Sexualstraftaten in Leipzig im Jahr 2017 anstiegen. Das stimmt. Grund dafür seien laut Polizeidirektion Leipzig jedoch nicht Asylbewerber, wie „Wochenblick” vermutet. Sondern die Auswirkungen der „MeToo“-Debatte sowie das seit 2016 verschärfte Sexualstrafrecht.

Am 29. März veröffentlichte die Website „Wochenblick“ einen Beitrag mit folgendem Titel: „Leipzig: Zahl brutaler Sex-Attacken um 670 (!) Prozent gestiegen“.

Laut „Wochenblick“ habe die Zahl der Vergewaltigungen und der Fälle besonders schwerer sexueller Nötigung Leipzig „explosionsartig zugenommen“ – nämlich innerhalb von zwei Jahren um 670 Prozent. Das ginge aus der aktuellen Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) der Polizei Sachsen für das Jahr 2017 hervor.

„Mainstream-Medien" würden schreiben, die rasante Zunahme von Sexalstraftaten lasse sich auf die „MeToo”-Debatte sowie das seit 2016 verschärfte Sexualstrafrecht zurückführen.

Diese beiden Gründe werden von „Wochenblick“ jedoch angezweifelt. Die rasante Zunahme der Sexualdelikte in Leipzig sei stattdessen durch die verstärkte Aufnahme von Asylwerbern seit 2015 verursacht worden.

Im Zuge der „MeToo”-Debatte wird öfter Anzeige erstattet

Pressesprecher Uwe Voigt der Polizeidirektion Leipzig teilte uns auf Anfrage mit: Die in vielen Medien gemachte Aussage, die Zunahme von Sexualstraftaten lasse sich auf die „MeToo“-Debatte sowie das seit 2016 verschärfte Sexualstrafrecht zurückführen, sei so von der Pressestelle der Polizeidirektion Leipzig geäußert worden.

Voigt verwies auf einen Artikel der „Leipziger Volkszeitung“ (LVZ) vom 27.03.2018. Laut Artikel hatte die Polizei Leipzig der „LVZ“ mitgeteilt, dass der starke Anstieg an registrierten Sexualstraftaten hauptsächlich auf die „MeToo“-Debatte über Sexismus und Machtmissbrauch zurückzuführen sei. „Frauen sind dadurch selbstbewusster geworden, brachten den Mut auf, Anzeige zu erstatten“, erläuterte Voigt gegenüber der „LVZ“.

Vor allem aber das nach den Kölner Silvester-Übergriffen verschärfte Sexualstrafrecht habe Wirkung gezeigt.

Neues Sexualstrafrecht führt zu höherer Erfassung von Straftaten

Der Deutsche Bundestag nahm im Juli 2016 eine Verschärfung des Sexualstrafrechts an. Seit Herbst 2016 gilt nun die „Nein-heißt-Nein“-Regelung.

Demnach wird künftig bestraft, wer gegen den erkennbaren Willen einer Person handelt.  Ein „erkennbarer Wille“ muss verbal oder beispielsweise durch Weinen oder Körpersprache ausgedrückt werden.

Zuvor hätte der Täter Gewalt anwenden oder androhen müssen, damit es zu einer Verurteilung wegen eines Sexualdeliktes gekommen wäre.

Neu eingeführt wurde außerdem der Straftatbestand der sexuellen Belästigung. Strafbar macht sich nun auch, wer eine andere Person zum Beispiel begrapscht.

Das bedeutet nun konkret: Mittlerweile sind Fälle erfasst, die vorher nicht geahndet wurden.

Die Polizeidirektion Leipzig hat mehr Sexualstraftaten erfasst

In den Gebieten der Polizeidirektion Leipzig hatte es im Jahr 2017 insgesamt 154 Fälle von Vergewaltigung oder besonders schwerer sexueller Nötigung gegeben. Zum Vergleich: Im Jahr 2014 wurden nur 22 solcher Delikte polizeilich erfasst.

Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung stiegen von 517 Fällen im Jahr 2015 auf 676 Fälle im Jahr 2017.

Wir haben die genauen Zahlen in einem Diagramm veranschaulicht:

Tabelle Sexualstraftaten Leipzig.jpg

CORRECTIV

Bei den Delikten „Vergewaltigung“ und „Besonders schwere sexuelle Nötigung“ lag die Anzahl nichtdeutscher Straftäter im Jahr 2017 bei 39,2%. Dies teilte Voigt uns auf Anfrage mit. Für die Vorjahre lägen keine verlässlichen Zahlen zur Anzahl nichtdeutscher Täter im Bereich der Sexualstraftaten vor.

Unsere Bewertung: Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass Asylbewerber Schuld an der Zunahme der in Leipzig erfassten Sexualstraftaten tragen. Grund für die Zunahme seien laut Polizei das verschärfte Sexualstrafrecht sowie Auswirkungen der „MeToo"-Debatte.

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