Die „Rheinische Post” meldet: Jeder vierte Flüchtling, der seit 2015 nach Deutschland kam, habe mittlerweile Arbeit. Die Seite „Philosophia Perennis” veröffentlicht einen vermeintlichen Faktencheck dazu. Auf Basis falscher Informationen.

„Hat wirklich jeder vierte Migrant einen Job?”, fragt der Autor David Berger in der Überschrift seines Artikels auf der Seite „Philosophia Perennis”. Er bezieht sich auf eine Meldung der „Rheinischen Post” vom 31. Mai, die viele andere Medien aufgegriffen hatten. Der Inhalt: Nach Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hatte im März 2018 jeder vierte Mensch, der seit 2015 aus Kriegs- und Krisenländern nach Deutschland gekommenen ist, einen Job. Die Meldung basiert auf einem Hintergrundgespräch der Journalistin Verena Kensbock mit Herbert Brücker, Forschungsleiter zum Thema Migration am IAB.  

Der Autor David Berger von „Philosophia Perennis” behauptet in seinem als Faktencheck deklarierten Artikel: Statt wie vermeldet 25 %, hätten nur 18 % der Flüchtlinge einen Job. Wie begründet er diese Behauptung?

Mutmaßungen statt Befragung der Primärquellen

In der Meldung der „Rheinischen Post” werden weder konkrete Zahlen noch die genaue Herkunft der Daten erklärt. Stattdessen verweist die Autorin auf das IAB und den Forscher Herbert Brücker.

Zur Überprüfung der Aussage hätte Berger den zitierten Forscher oder die Autorin nach der Datengrundlage der Meldung fragen können. Stattdessen stützt sich Berger in seinem Artikel für „Philosophia Perennis” auf Mutmaßungen. Er schreibt über den Forscher Brücker: „Die letzte Ausgabe des Monitors, auf die er sich offensichtlich bezieht, stammt vom Mai.” Gemeint ist der Zuwanderungsmonitor, der monatlich vom IAB veröffentlicht wird. Aber: Auf diese Zahlen bezieht sich Brücker laut eigener Aussage gar nicht. Dazu später mehr.

Im vermeintlichen Faktencheck wird nicht nur auf die falschen Daten verwiesen, sondern auf Grundlage dieser Zahlen auch falsch gerechnet. David Berger rechnet mit Verweis auf den Zuwanderungsmonitor von Mai und die darin enthaltene Tabelle auf Seite 6 die Beschäftigungsquote nach. Das klingt zunächst kompliziert, ist aber einfach nachzuvollziehen.

Warum Kinder nicht eingerechnet werden

Im Zuwanderungsmonitor wird die Beschäftigung und Arbeitslosigkeit von Migranten untersucht. Im Zusammenhang mit der Meldung der „Rheinischen Post” geht es um Menschen, die aus den acht Kriegs- und Krisenstaaten Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien nach Deutschland gekommen sind.

Um zu erfassen, wie viel Prozent dieser Personen aktuell arbeiten, muss man zwei Zahlen berücksichtigen: die Anzahl der arbeitenden Menschen und ihre Gesamtzahl.

Bei der letzten Zahl ist jedoch Vorsicht geboten. Denn als Gesamtzahl darf man in diesem Fall nur Personen im erwerbsfähigen Alter einbeziehen. Sonst würde der Wert verzerrt. „Schließlich will man keine Beschäftigungsquote von Kindern berechnen”, erklärt Forscher Herbert Brücker gegenüber EchtJetzt. Als erwerbsfähig gelten statistisch Menschen im Alter von 15 bis 64 Jahren.

„Philosophia Perennis” nutzt falsche Datengrundlage

Statt der Erwerbsfähigen nutzt der Autor von „Philosophia Perennis” für seinen vermeintlichen Faktencheck aber die Zahl der gesamten Bevölkerungsgruppe, 1.551.331 Personen laut Zuwanderungsmonitor. Darin inbegriffen sind also auch Kinder und Jugendliche unter 15 und Senioren über 64. Dem gegenüber stellt er 288.869 Beschäftigten aus Kriegs und Krisenländer aus derselben Tabelle. „Macht 18,62 Prozent laut Adam Riese”, schreibt Berger zu seiner Berechnung der Beschäftigungsquote. Das Ergebnis ist in diesem Zusammenhang rein rechnerisch zwar richtig, inhaltlich aber falsch. Denn es beruht auf der falschen Grundannahme der Bevölkerung samt Kindern und Senioren.

Um zu einem statistisch korrekten Ergebnis zu kommen, müsste man nur die erwerbsfähige Bevölkerung einberechnen. Diese Zahl ist in der Tabelle des IAB nicht ausgewiesen. Stattdessen steht dort nur die Beschäftigungsquote von 25,8 Prozent für März 2018. Wie kommen die Forscher auf diese Zahl?

Laut Brücker stammt die Zahl der Beschäftigten aus einer Sonderauswertung, die das IAB für seine Berechnungen monatlich von der Bundesagentur für Arbeit erhält. So kommt er zu einer Beschäftigungsquote von 25,8 Prozent.

Forscher nutzt andere Zahlen

Für seine Aussage in der „Rheinischen Post” rechnete Forschungsleiter Brücker jedoch auf Grundlage ganz anderer Daten. Das hat einen Grund: Brücker wollte wissen, wie viele der seit 2015 zugezogenen Migranten aus den genannten acht Ländern mittlerweile einen Job haben. Die bereits beschriebene Rechnung sagt aber nur aus, wie viele Flüchtlinge aktuell arbeiten.

Um die Anzahl der Beschäftigten unter den seit 2015 zugezogenen Menschen aus den acht Ländern zu berechnen, braucht man andere Zahlen: den Zuwachs der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter seit 2015 und den Beschäftigungszuwachs im gleichen Zeitraum.

„Das ist meines Erachtens der beste Indikator für den Anteil der Personen, die inzwischen beschäftigt sind, an den seit 2015 zugezogenen Zuwanderern”, sagt Brücker.

Er kommt dabei auf einen Beschäftigungsanteil von 25,4 Prozent. Auf diesen Zahlen basiert auch die Meldung der „Rheinischen Post”. Für den Leser ist die Berechnung jedoch aufgrund fehlender Links und Zahlen nicht nachvollziehbar. Die Autorin Verena Kensbock begründet das mit der Übertragung des Artikels von Print nach Online. Die nachträgliche Einfügung von Links sei dabei offenbar vergessen worden.


Konkret hat Brücker so gerechnet: Die Bevölkerung zwischen 15 und 64 aus der besagten Ländergruppe nahm zwischen dem 31. Dezember 2014 und dem 31. März 2018 laut Ausländerzentralregister um 747.464 Personen zu. Die Beschäftigung nahm in dieser Gruppe im selben Zeitraum laut der Bundesagentur für Arbeit um 189.872 zu. Das ergibt einen Beschäftigungsanteil von 25,4 Prozent – also jeder vierte.  

Unsere Bewertung: Der vermeintliche Faktencheck ist falsch. Er beruht auf Mutmaßungen und falschen Berechnungen. Möglich macht das auch die ursprüngliche Meldung der „Rheinischen Post”, weil sie weder konkrete Zahlen noch die Berechnung offenlegt.

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