Eine Studie über Deutschland zeigt angeblich: An Orten, wo überdurchschnittlich viele Leute Facebook nutzen, gibt es mehr Gewalt gegen Flüchtlinge. Dass Facebook eine Ursache von Gewalt sein könnte, ist eine gern geglaubte These. Doch die Aussagekraft der Studie ist umstritten. Und manche mahnen, dass die unsicheren Befunde als Basis für Gesetzgebung dienen könnten.

Gibt es eine Verbindung zwischen Hass-Posts auf Facebook und Gewalt gegen Flüchtlinge in Deutschland?

„Ich würde das sofort glauben“, sagte eine Bewohnerin der nordrhein-westfälischen Stadt Altena zu Journalisten der New York Times. Sie hatten ihr von einer Studie erzählt, die meint, eine solche Verbindung gefunden zu haben.

Die Journalisten folgten der Studie in die Praxis und fuhren an Orte wie Altena, wo die Bewohner besonders aktiv auf Facebook sein sollen, und wo es laut Studie besonders viele Taten gegen Flüchtlinge gab – zum Beispiel hatte ein Mann in Altena im Oktober 2015 den Dachstuhl eines Flüchtlingsheims angezündet.

Plausible These

Der New-York-Times-Artikel erhielt vergangene Woche viel Aufmerksamkeit, denn er scheint die Ergebnisse der Studie zu belegen. Und die klingen brisant. Die Wirtschaftswissenschaftler Karsten Müller und Carlo Schwarz von der britischen Universität Warwick schreiben in ihrem Fazit: „Unsere Befunde suggerieren, dass die Sozialen Medien nicht nur fruchtbarer Boden sind für die Verbreitung von hasserfüllten Ideen, sondern auch Handlungen in der Wirklichkeit motivieren.“

Das klingt für viele plausibel, nicht nur für die Anwohnerin in Altena, sondern auch für Dieter Janecek (Grüne), der sich im Bundestag mit der digitalen Wirtschaft beschäftigt. Die Ergebnisse der Studie „bestätigen leider die naheliegende Annahme, dass die Zunahmen von Hass und Hetze im Netz, sowie die bewusste Verbreitung von Falschmeldungen, nicht nur psychische, sondern auch physische Gewalt zur Folge haben“, sagte er dem Tagesspiegel.

Doch wer Experten nach Einschätzungen zur Studie fragt, hört Kritik. Zum Beispiel von Miro Dittrich von der Amadeu-Antonio-Stiftung, die sich gegen Rechtsextremismus und Hass im Netz einsetzt. Die Stiftung hatte den Wissenschaftlern eine Liste mit flüchtlingsfeindlichen Vorfällen für ihre Forschung gegeben. Dittrich schreibt per Email: „Wir halten die These zwar für durchaus wahrscheinlich, die Methodik der Studie hat jedoch mehrere deutliche Schwächen, so dass wir sie nicht für überzeugend halten.“ Heikel seien vor allem die Facebook-Daten, aus denen Müller und Schwarz ihre Schlüsse ziehen.

Kritik aus der Wissenschaft

Müller und Schwarz messen die flüchtlingsfeindliche Stimmung daran, wie viele Posts Facebook-Nutzer auf der AfD-Facebook-Seite zum Thema „Flüchtlinge“ schreiben. Wie stark Deutsche allgemein Facebook nutzen, messen sie anhand der Posts auf der Nutella-Facebook-Seite.

Die Wissenschaftler wollten prüfen, ob es eine Verbindung zwischen Facebook-Posts und Angriffen auf Flüchtlinge gibt. Daher sammelten sie die in den Facebook-Profilen angegebenen Wohnorte von knapp 22.000 Nutella- und knapp 40.000 AfD-Fans. Damit verglichen sie die Zeiten und Orte der 3.335 Fälle von Hasskriminalität gegen Flüchtlinge, die Pro Asyl und die Amadeu Antonio Stiftung zwischen Januar 2015 und Anfang 2017 dokumentiert hatten: Brandanschläge, Vandalismus an Flüchtlings-Wohnheimen, körperliche Übergriffe aber auch Demonstrationen gegen Flüchtlinge. Heraus kam: Dort, wo laut den Daten besonders viele Facebook nutzten, gab es auch vermehrt Gewalt gegen Flüchtlinge.

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Hier zeigen die Wissenschaftler, wann es viele Posts über Flüchtlinge auf der AfD-Facebook-Seite gab, und wann Gewalttaten gegen Flüchtlinge. (Screenshot aus der Studie)

Doch sind die Ergebnisse wirklich so eindeutig? „Auf lokaler Ebene sind es sehr wenige Nutzer – da könnte es auch Fehler in der Messung geben“, sagt Jonas Kaiser, der Kommunikationswissenschaftler forscht gerade an der Harvard Universität. Er kritisierte die Studie zuerst auf Twitter, bemängelte die Datenauswahl und nannte die Hypothese „unterkomplex“.

„Kein perfekter Messwert“

Einige Kritikpunkte besprach EchtJetzt mit Karsten Müller, Mitautor der Studie, per Email. Er schreibt: „Es ist natürlich klar, dass die Anzahl der AfD oder Nutella User auf Facebook kein perfekter Messwert für lokale Nutzung von sozialen Medien ist. Da solche Daten unseres Wissens nach jedoch nicht auf der Ebene einer Gemeinde oder selbst eines Kreises in Deutschland verfügbar sind, war dies der beste Wert, den wir konstruieren konnten.“

Matthias Quent hat den Eindruck, die Wissenschaftler würden vor allem eines erklären: „Es gibt mehr rechte Gewalt, wo mehr Rechte sind, auch auf Facebook. Das ist nicht überraschend.“ Quent leitet das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) in Jena, beschäftigt sich mit Hasskriminalität und ist Mitglied im Lenkungsausschuss von Facebooks Online Civil Courage Initiative (OCCI). Er sagt am Telefon: „Interpretationen, nach denen nicht etwa der Rassismus in der Gesellschaft, sondern die Nutzung von Facebook ursächlich für rechte Gewalt sei, halte ich für irreführend.“

Er meint unter anderem diese Behauptung der Studie: „Unsere Ergebnisse besagen, dass die Verringerung flüchtlingsfeindlicher Stimmung in den Sozialen Medien um 50 Prozent zu 421 weniger (12,6 Prozent) flüchtlingsfeindlichen Zwischenfällen führen würde.“

Hinzu kommt: Müller und Schwarz sammelten wöchentlich Daten, und nicht täglich. „Es wäre also auch möglich“, schreibt Miro Dittrich von der Amadeu-Antonio-Stiftung per Email, „dass Gewalt gegen Geflüchtete die Facebook Beiträge ausgelöst hat und nicht andersherum.“

Kausalität oder Korrelation?

Müller antwortet darauf, es sei schwierig, „kausale Effekte durch eine zeitliche Abfolge bestimmen zu wollen“. Eher wollten sie zeigen, dass „ein Teil der Korrelation zwischen der Stimmung über Flüchtlinge, lokaler Facebook-Nutzung und Hassverbrechen ein kausaler Zusammenhang sein könnte“.

In der Wissenschaft ist klar: Es macht einen Unterschied, ob A der Grund für B ist – also Kausalität – oder A und B unabhängig voneinander sind, also nur korrelieren. Und für Experten auf dem Gebiet zeigt die Studie nicht, dass es solche kausalen Beziehungen zwischen vielen Facebook-Hass-Posts und realer Gewalt gibt.

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Dezember 2014, Vorra, nahe Nürnberg: Unbekannte zünden eine designierte Flüchtlingsunterkunft an, hinterlassen rassistisches Graffiti. Wegen Hetze auf Facebook? In diesem Fall wohl nicht, die Brandstifter täuschten ein fremdenfeindliches Motiv vor.

Christof Stache / AFP

Studien-Autor Karsten Müller geht darauf per Email ein: „Es stimmt, dass eine solche Hypothese zu simplistisch ist. Wie wir im Paper schreiben, gibt es wahrscheinlich Tausende von Gründen für Hass-Kriminalität. Es ist auch unklar, wieso soziale Medien in einem völligen Vakuum einen Effekt haben sollten.“ Und er betont, dass es sich bisher nur um ein Working Paper handelt. Die aktuelle ist die inzwischen dritte Version. Die erste veröffentlichten die Wissenschaftler im Dezember 2017, die zweite im Mai 2018, die dritte am 21. August. Auch diese Fassung soll weiter bearbeitet werden, etwa um Kommentare von Forschern zu berücksichtigen, schreibt Müller.

Schärfere Gesetze wegen Studie?

Die Ergebnisse sind also mit Vorbehalt zu lesen. IDZ-Leiter Quent warnt deshalb vor einem anderen Problem: „Vorsicht, wenn man auf Grundlage allein dieser Studie Politik machen will.“ Auch Jonas Kaiser sieht diesen Punkt als Gefahr. Nur deshalb habe er die Studie öffentlich kritisiert, schreibt er auf Twitter.

Und doch scheinen Politiker genau das gegenüber dem Tagesspiegel anzudeuten. Digitalstaatsministerin Dorothee Bär (CDU) sagte demnach, die Bundesregierung werde die Studie „aufmerksam auswerten“ und bezeichnete das umstrittene Netzwerk-Durchsetzungsgesetz (NetzDG), das unter Strafe stellt, wenn Soziale Netzwerke Hass-Kommentare nicht zeitnah löschen, als zu „grobes Werkzeug“ für die Bekämpfung von möglicherweise aufhetzenden Facebook-Posts. Auf unsere Frage, was Bär als besseres Werkzeug sieht, teilte ihr Büro per Email mit, eine Rückmeldung sei momentan nicht möglich.

Auch Dieter Janecek (Grüne), der im Ausschuss für Digitale Agenda sitzt, meint, es brauche einen „breiteren Ansatz“ als das NetzDG. Auf Nachfrage erläutert er das so: „Eine andere Diskussions- und Streitkultur bekommen wir nicht zuallererst auf gesetzlichem Wege verordnet, die müssen wir uns – auch wenn das ziemlich mühsam sein wird – erarbeiten.“ Er nennt Bildung und Medienkompetenz als Hilfsmittel.

Facebook muss Daten liefern

Trotz seiner Kritik nennt IDZ-Leiter Quent die Studie einen „wichtigen wissenschaftlichen Debattenbeitrag, auch zur Methodologie“, der Ansatz sei interessant.

Und die schlechte Datenlage ist nicht die Schuld der Autoren. Dittrich von der Amadeu Antonio Stiftung schreibt per Email, es brauche mehr Forschungsarbeit, aber er halte die These der Autoren für wahrscheinlich. Doch mehr Forschung werde „ohne eine Zusammenarbeit mit Facebook nur schwer eindeutige Ergebnisse liefern können“. Denn auf viele relevante Daten hat allein Facebook Zugriff.

Facebook will die Ergebnisse der Studie und die Methodik nicht kommentieren. Auf die Frage, ob das Unternehmen für eine solche Untersuchung Daten zur Verfügung stellen würde, verweist Anne Laumen, Sprecherin von Facebook Deutschland auf die Initiative zur Zusammenarbeit zwischen Facebook und Wissenschaftlern. Dabei liegt der Fokus jedoch „zunächst auf Wahlen und Misinformation, aber neue Themenbereiche sind denkbar“.

Vielleicht können Forscher doch irgendwann genauer beleuchten, welche Folgen Online-Aktivitäten für die Realität haben. Bis dahin liegen die Antworten auf den Servern von Facebook.

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