Titelbild ZDF
Ein vom ZDF gezeigtes Satellitenbild (Screenshot: CORRECTIV)

von Philip Steeg

Zur Veranschaulichung der aktuellen Waldbrände im Amazonasgebiet werden Satellitenbilder der NASA herangezogen. Deren Echtheit wird in den Sozialen Netzwerken teilweise infrage gestellt – sie sind aber korrekt. Wir erklären, warum.

Momentan kursieren viele Meldungen über Waldbrände im Amazonasgebiet. So berichtet unter anderem das ZDF über das Thema und nutzt in einem Beitrag auf Facebook ein Satellitenbild, das die Brände zeigen soll. Auch andere Facebook-Nutzer verbreiten Beiträge zu den Waldbränden, in denen Satellitenbilder zu sehen sind. 

Weiterer Facebook-Beitrag zu den Waldbränden in Lateinamerika (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Die Satellitenbilder werden jedoch meist nicht weiter erklärt und daher oft von Facebook-Nutzern falsch interpretiert oder als unglaubwürdig bezeichnet. So fragt ein Facebook-Nutzer: „Und wir sollen nun glauben, dass die orangen Flecken die Feuerglut ist?“ [sic] Ein anderer erklärt die Technik falsch: „Ist eine Wärmebildkamera und zeigt rot alles, was warm ist… klar auch Brände, aber eben nicht nur. Vollkommen irreführend das Bild (…).“ [sic]

Kommentar eines Facebook-Nutzers (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)
Fehlinterpretation eines weiteren Facebook-Nutzers (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Woher stammen die Satellitenbilder? 

Die Bilder zeigen tatsächlich die aktuellen Waldbrände in Südamerika. Sie sind Screenshots aus dem Online-Tool des „Fire Information for Resource Management System“, kurz FIRMS, der NASA. Dabei sind jedoch keine Fotos im herkömmlichen Sinne zu sehen, sondern eine Kombination verschiedener Satellitenbilder und Daten, die zur Visualisierung von Bränden erhoben wurden. 

Was ist auf den Satellitenbildern zu sehen? 

Die Grundlage für das Bild ist ein Zusammenschnitt verschiedener Satellitenbilder, die nicht alle zum gleichen Zeitpunkt aufgenommen wurden. Diese Bildgrundlage trägt den Namen „Blue Marble“ und wurde im Verlauf des Jahres 2004 von der NASA zusammengestellt. Dass im FIRMS-Tool der NASA als Bildgrundlage „Blue Marble“ verwendet wird, kann man unter dem Reiter „Base Layers“ am unteren Rand der interaktiven Karte sehen. 

Das Zusammenfügen einzelner Bilder zu einem großen Bild ist zum einen notwendig, da die Sensoren der Satelliten schlicht nicht groß genug sind, um einen gesamten Kontinent, geschweige denn die ganze Erde auf einmal abbilden zu können. Wie die NASA an dieser Stelle erklärt, hat der zur Erzeugung von „Blue Marble“ verwendete Sensor „eine Sichtfeldbreite von 2.330 km und nimmt alle ein bis zwei Tage die gesamte Erdoberfläche auf“. 

Zum anderen wurden, wie die NASA hier erläutert, zur besseren Übersicht, nur Ausschnitte verwendet, auf denen über den entsprechenden Gebieten keine Wolken vorhanden sind. Dies ist natürlich nicht über jedem Ort des Kontinents zum gleichen Zeitpunkt der Fall. 

Wenn man im FIRMS-Tool der NASA die Reiter auf der rechten Seite aktiviert (VIIRS 375m/Modis Aqua/Modis Terra) wird eine weitere Bildebene gezeigt, die die Brände visualisiert: 

An diesen Stellen können die verschiedenen Bildebenen ausgewählt werden (Screenshot und rote Markierungen: CORRECTIV)

Welche Technik im speziellen zur Erkennung von Bränden durch die NASA genutzt wird und welche Satelliten diese Technik an Bord haben, wird auf dieser Seite erläutert. Wie sie Feuer erkennt, erklärt die NASA an dieser Stelle:

Erklärung der NASA zur Feuererkennung (Screenshot und gelbe Markierung: CORRECTIV)

Die roten Flächen, die auf den Bildern zu sehen sind, zeigen jedoch nicht, wie einige Facebook-Nutzer irrtümlicherweise annehmen, die Brände im Original, so wie sie das menschliche Auge aus der Perspektive des Satelliten wahrnehmen würde. Das liegt daran, dass Feuer am besten durch Infrarot-Sensoren erkennbar sind. 

Der Wellenlängenbereich von Infrarotwellen, die von den Sensoren der Satelliten aufgenommen werden, sind für das menschliche Auge allerdings nicht sichtbar. Daher müssen die Daten der Satelliten grafisch aufbereitet werden, um die Brände sichtbar zu machen

So erkennen die NASA-Satelliten Brände (Grafik: NASA, Screenshot: CORRECTIV)

In dem Online-Tool der NASA kann die Farbe der Darstellung beliebig gewählt werden. So kann man beispielsweise die Feuer pink erscheinen lassen. 

Das Online-Tool der NASA lässt verschiedene Farbdarstellungen zu (Screenshot: CORRECTIV)

Um die Satellitenbilder nachvollziehen zu können, muss man außerdem die Auflösung der verwendeten Sensoren beachten. Für das FIRMS-Tool werden Daten von Sensoren verwendet, deren Pixel „circa 1.000 Meter lang und breit, (im präzisesten Fall) circa 375 Meter lang und breit sind“ (eigene Übersetzung). 

Nimmt der Sensor innerhalb dieses Pixels eine entsprechend hohe Infrarotstrahlung auf, wird dieser durch die Analyseprogramme der NASA eingefärbt. Das heißt aber nicht, dass die gesamte aufgenommene Fläche in Flammen steht, sondern dass es innerhalb dieses Pixels einen nennenswerten Brand gibt. Die NASA schreibt in ihrer Erklärung: „Wir können nicht die genaue Größe des Feuers bestimmen, wissen aber, dass sich in dem markierten Pixel mindestens ein Feuer befindet“ (eigene Übersetzung). 

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So kommt es, dass beispielsweise auch in oder um urbane Gebiete Feuer dargestellt werden. Die Größe der Feuer, die von der NASA erkannt werden können, variiert mit den Beobachtungsbedingungen. Feuer von einer Größe ab 1.000 Quadratmeter werde allerdings in der Regel erkannt, wie die NASA hier erklärt. 

Will man den gesamten lateinamerikanischen Kontinent abbilden, sind mehr aufgenommen Pixel vorhanden, als ein Computerbildschirm darstellen kann. So erscheint eine wesentlich größere Fläche betroffen, als es tatsächlich der Fall ist. Zoomt man näher heran, wird dies deutlich. 

Brände in und um die Brasilianische Stadt São Paulo (Screenshot: CORRECTIV)

Ein weiteres von der NASA veröffentlichtes Satellitenbild zeigt einen kleinen Ausschnitt des südamerikanischen Kontinents. In diesem Bild sind Wolken zu sehen und auch nebelartige Schwaden, die laut NASA den Rauch darstellen, der durch die Feuer im Amazonas und den angrenzenden Gebieten entstehen. Auffällig an dem Satellitenbild ist ein sich von oben nach unten leicht schräg durch das Bild ziehender Strich. Wolken wirken darin teilweise abgeschnitten. Dies liegt daran, dass Satellitenbilder, wie bereits erwähnt, meist Zusammenschnitte verschiedener Aufnahmen, also verschiedener, zeitnaher Überflüge des Satelliten sind. 

Ein weiteres von der NASA veröffentlichtes Satellitenbild (Bild: NASA Worldview, Screenshot: CORRECTIV)

Warum unterscheiden sich die Satellitenbilder? 

 Wie intensiv die Brände dargestellt werden, hängt davon ab, welche Zeitspanne man sich vom NASA-Tool anzeigen lässt. 

Der Screenshot, den das ZDF verwendet, zeigt wesentlich weniger Brände als der im zweiten genannten Facebook-Beitrag verwendete Screenshot. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass eine geringere Zeitspanne ausgewählt wurde. Der Facebook-Beitrag des ZDF wurde am Nachmittag des 23. August erstellt. Gibt man in der Suchmaske des Online-Tools der NASA an, nur die Feuer sehen zu wollen, die am 22. August existierten, sieht man ein sehr vergleichbares Muster zu dem Screenshot des ZDF. Daher ist davon auszugehen, dass bei diesem nur ein Zeitraum von 24 Stunden abgebildet wurde. 

Darstellung der Brände am 22. August (Screenshot: CORRECTIV)

Der direkte Vergleich: 

Der direkte Vergleich zwischen der Darstellung des ZDF (l.) und der Darstellung der Brände am 22. August im Online-Tool der NASA (r.) (Screenshots: CORRECTIV)

Im Screenshot des zweiten genannten Facebook-Beitrags sind wesentlich mehr Brände zu sehen, als in dem des ZDFs. Wie unter dem Beitrag erklärt wird, wurde hier eine Zeitspanne von 72 Stunden, also drei Tagen ausgewählt. Dementsprechend werden alle Brände, die in diesen 72 Stunden existierten, dargestellt. Da von „den letzten 72 Stunden“ die Rede ist und der Facebook-Beitrag am Abend des 22. August verfasst wurde, ist davon auszugehen, dass bei der Darstellung im Online-Tool der NASA der Zeitraum 20. bis 22. August gewählt wurde. Vergleicht man den Screenshot aus dem Beitrag mit der Visualisierung des Online-Tools im entsprechenden Zeitraum, werden Feuer in gleicher Intensität und an den gleichen Orten angezeigt. 

Darstellung der Brände vom 20. bis zum 22. August (Screenshot: CORRECTIV)

Der direkte Vergleich: 

Der direkte Vergleich zwischen der Darstellung im zweiten Facebook-Beitrag (links) und der Darstellung der Brände vom 20. bis zum 22. August im Online-Tool der NASA (rechts) (Screenshots: CORRECTIV)

Gibt es momentan im Amazonasgebiet mehr Waldbrände als sonst?

Zu dieser Frage schreibt die NASA (eigene Übersetzung aus dem Englischen): „Wissenschaftler, die die NASA-Satelliten zur Verfolgung der Brand-Aktivitäten einsetzen, haben eine Zunahme und Intensität der Brände im brasilianischen Amazonasgebiet im Jahr 2019 bestätigt. Demnach ist es das Feuer-reichste Jahr in dieser Region seit 2010.“ 

Außerdem heißt es zu den Brandursachen (eigene Übersetzung): „Der August 2019 zeichnet sich durch einen spürbaren Anstieg der großen, intensiven und anhaltenden Brände entlang der Hauptstraßen des zentralbrasilianischen Amazonas aus (…). (…) Zeitpunkte und Orte der Branderkennungen zu Beginn der Trockenzeit 2019 stimmen eher mit dem Muster von Rodungen als mit dem regionaler Dürre überein.“ 

Unsere Bewertung:
Richtig. Die genutzten Satellitenbilder zeigen beide die aktuellen Waldbrände in Südamerika. Es handelt sich um eine Kombination verschiedener, tatsächlicher Aufnahmen und visualisierter Daten. Die Intensität der Waldbrände ist laut NASA ungewöhnlich hoch. 

AfD-Tesla
Die AfD Bayern verbreitet bei Facebook dieses Bild. (Collage: CORRECTIV)

von Bianca Hoffmann

Tesla baut in Brandenburg einen neuen Standort und will dort 2021 mit der Produktion starten. Dafür werden Mitarbeiter gesucht, unter anderem mit polnischen Sprachkenntnissen. Die AfD Bayern behauptet deshalb, dass ausschließlich Menschen aus Polen eingestellt werden sollen und liegt damit falsch. 

Eine Stellenanzeige des Elektroauto-Herstellers Tesla für den geplanten neuen Produktionsstandort in Brandenburg hat bei der AfD Bayern offenbar für Verwunderung gesorgt. Darin wird ein „Recruitment Operations Coordinator“ gesucht, der unter anderem Polnisch spricht. Die Partei erstellte ein Bild, das sie am 14. Januar bei Facebook teilte. Die Behauptung lautet, Tesla werbe gezielt polnische Mitarbeiter an. 

Im dazugehörigen Text behauptet die AfD, Tesla suche „ausschließlich Mitarbeiter, die fließend Polnisch sprechen“. Außerdem wird spekuliert, es sei nie geplant gewesen, deutsche Ingenieure für das Werk in Brandenburg zu gewinnen. 

Der Blog Politikstube nahm die Behauptungen der AfD auf und veröffentlichte dazu einen Beitrag. Allerdings sind die Behauptungen falsch.

Tesla sucht zurzeit 35 Angestellte – davon soll einer Polnisch sprechen können

Tesla hatte im November 2019 angekündigt, einen Produktionsstandort in Deutschland zu bauen. Dort sollen Batterien und Fahrzeuge gebaut werden. Die Wahl fiel auf den Ort Grünheide in Brandenburg. Hier investiert das Unternehmen mindestens 1,065 Milliarden Euro.

Insgesamt sind momentan 35 Stellen für das neue Werk ausgeschrieben (Stand: 17. Januar 2020). Dies sind vor allem Führungspositionen. Unter anderem war bis zum 15. Januar noch die Stelle des „Recruitment Operations Coordinator“ ausgeschrieben. Für diese Stelle sollten die Bewerber über deutsche, polnische und englische Sprachkenntnisse verfügen. Die Stellenausschreibung wurde inzwischen entfernt, wir haben sie aber archiviert.

Auf die Frage, ob in Zukunft ausschließlich Mitarbeiter gewonnen werden sollen, die fließend Polnisch sprechen, antwortet Kathrin Schira, Pressesprecherin von Tesla, mit einem Wort: „Nein!”

Wer den Job als „Recruitment Operations Coordinator“ bekommt, soll laut Stellenanzeige für die Organisation von Bewerbungsgesprächen zuständig sein. Insgesamt 12.000 Menschen sollen in den kommenden Jahren insgesamt im neuen Tesla-Werk arbeiten, schreibt die Sprecherin des Unternehmens an CORRECTIV. 

Die E-Mail der Pressesprecherin Kathrin Schira von Tesla. (Screenshot: CORRECTIV)
Die E-Mail der Pressesprecherin Kathrin Schira von Tesla. (Screenshot: CORRECTIV)

Die polnische Grenze ist vom geplanten Standort nur etwa 60 Kilometer entfernt. „Die Stellenbeschreibung richtet sich an die von uns gesuchten Recruiter, die sich vorzugsweise in Deutsch, Englisch und Polnisch an zukünftige Mitarbeiter wenden können“, so Kathrin Schira. 

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Viele andere Stellenausschreibungen fordern nur Deutsch und Englisch als Sprachkenntnisse (zum Beispiel hier und hier).

Selbst die Quellen, die die AfD in ihrem Beitrag nennt – die Welt („Tesla schaltet verräterische Stellenanzeige“) und Achse des Guten („Wenn der Tesla auf polnisch hupt“) – schreiben richtig, dass Tesla wohl „auch Mitarbeiter aus dem Nachbarland“ anwerben wolle. Auch, nicht ausschließlich. 

Tesla-Sprecherin: „Deutschland hat großartige Ingenieure“

Zu der Behauptung der AfD Bayern in ihrem Facebook-Beitrag, es sei nie geplant gewesen, deutsche Ingenieure für das Werk in Brandenburg zu gewinnen, schreibt die Sprecherin: „Das stimmt nicht. Ganz im Gegenteil: Deutschland hat großartige Ingenieure, die wir hoffentlich für uns gewinnen können.“

Unsere Bewertung:
Es sollen nicht nur Menschen aus Polen im neuen Werk von Tesla in Brandenburg angestellt werden.

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„C.A.R.E.-Diesel“ und andere hydrierte Pflanzenöle können eine Alternative zu fossilen Brennstoffen sein. (Symbolbild: webandi/Pixabay)

von Bianca Hoffmann

Hat die Bundesregierung kein Interesse an alternativen Treibstoffen, die viel CO2 einsparen? Geht es nach einem Bild, das gerade auf Facebook kursiert, könnte man genau das annehmen. An den Behauptungen ist allerdings nicht viel dran.

Die Facebook-Seite „Informiert statt Uninformiert“ stellt regelmäßig Bilder auf Facebook, die sich die Nutzer herunterladen und weiterverbreiten können. In einem Post vom 18. Dezember 2019 geht es um den sogenannten „C.A.R.E.-Diesel“, einen alternativen Kraftstoff, der angeblich bis zu 65 Prozent CO2 einsparen könne. Das Problem ist laut „Informiert statt Uninformiert“, dass die Bundesregierung die Einführung des Kraftstoffes angeblich ablehnen würde. 

Inzwischen wurde das Bild schon mehr als 45.000 Mal auf Facebook geteilt (Stand: 15. Januar 2020).

Dieses Bild wurde von der Facebook-Seite „Informiert statt Uninformiert“ geteilt. (Screenshot: CORRECTIV)

CORRECTIV hat sich die Hauptbehauptungen, die im Bild genannt werden, genauer angeschaut. Dafür haben wir mit einem Sprecher des Bundesumweltamtes, dem Geschäftsführer des Unternehmens Tool-Fuel, einem Sprecher des Unternehmens Bosch sowie einem Sprecher des Verbandes der Deutschen Biokraftstoffindustrie gesprochen. Unsere Recherche hat ergeben, dass die Behauptungen zum größten Teil falsch sind.

„C.A.R.E.-Diesel“ – was ist das überhaupt?

„C.A.R.E.“ ist eine Abkürzung und steht laut Alexander Stöhr, Geschäftsführer des Kraftstoff-Vertreibers Tool-Fuel für: „CO₂ reduction“, „arctic quality“, „renewable sources“ und „emissions reduction“. Es handelt sich dabei um einen alternativen Diesel-Kraftstoff fürs Auto, der aus hydriertem Pflanzenöl besteht (HVO). „Als Rohstoff zur Produktion von HVO können unterschiedliche Pflanzenöle (Palmöl, Rapsöl etc.) oder Abfallfett der Lebensmittelindustrie, Fischerei und Schlachtereien dienen“, schreibt Frank Brühning, Pressesprecher des Verbandes für Biokraftstoffe in einer E-Mail an CORRECTIV. 

E-Mail von Alexander Stöhr, Geschäftsführer von Tool-Fuel. (Screenshot: CORRECTIV)

In dem Facebook-Beitrag von „Informiert statt Uninformiert“ ist das Logo des Unternehmens Bosch zu sehen. Dadurch könnte der Eindruck entstehen, dass Bosch „C.A.R.E.-Diesel“ verkauft oder produziert. Dem ist nicht so, wie Pressesprecher Joern Ebberg gegenüber CORRECTIV bestätigt: „Bosch ist Anwender des ‘C.A.R.E.-Diesels’. Das Unternehmen nutzt den Kraftstoff seit Ende 2018 in Fahrzeugen seiner Geschäftsführung.

Der Kraftstoff aus Pflanzenöl wird vom finnischen Unternehmen Neste hergestellt – und ist damit keine „deutsche Innovation“, wie im Facebook-Beitrag behauptet. Neste selbst verkauft ihn unter dem Namen „My Renewable Diesel“ zum Beispiel in den Niederlanden. In Deutschland, Österreich und der Schweiz trägt das Produkt den Namen „C.A.R.E-Diesel“; das Unternehmen Tool-Fuel hat sich nach Angaben des Geschäftsführers Alexander Stöhr den Markennamen eintragen lassen und vertreibt den synthetischen Kraftstoff.

Gibt es in Deutschland eine Zulassung für „C.A.R.E.-Diesel“?

„In Deutschland gibt es kein ‘Zulassungsverfahren’ für Kraftstoffe. Der Kraftstoff muss die gesetzlich festgeschriebenen Qualitätsanforderungen erfüllen“, schreibt Christopher Stolzenberg, Pressesprecher des Bundesumweltministeriums, CORRECTIV per E-Mail. Diese Anforderungen sind im Bundes-Imissionsschutzgesetz festgeschrieben. Die Behauptung von „Informiert statt Uninformiert”, dass die Bundesregierung den alternativen Kraftstoff ablehne, ist demnach falsch.

E-Mail von Christopher Stolzenberg, Pressesprecher des Bundesamtes für Umwelt. (Screenshot: CORRECTIV)

Diese Qualitätsanforderungen sind in Deutschland per DIN-Norm geregelt. Für Diesel gelten die Anforderungen der Norm DIN EN 590. Die „Paraffinischen Dieselkraftstoffe aus Synthese oder Hydrierungsverfahren“, zu denen auch „C.A.R.E.-Diesel“ gehört, sind ebenfalls normiert, allerdings in der DIN EN 15940, die keinen Einzug in das Bundes-Imissionsschutzgesetz gefunden hat. Die Bundesregierung habe sich aufgrund fehlender Freigaben der Autohersteller dagegen entschieden, so Stolzenberg. 

Eine fehlende Freigabe bedeute, dass Fahrzeughalter „den Kraftstoff auf eigenes Risiko verwenden und im Schadensfall auf den Kosten sitzen bleiben.“ 

Auch Tool-Fuel-Geschäftsführer Alexander Stöhr schreibt CORRECTIV, bislang gebe es in Deutschland keine Fahrzeuge, die eine Herstellerfreigabe für „C.A.R.E.-Diesel“ erhalten haben. 

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Synthetische Kraftstoffe sind in Deutschland jedoch schon im Einsatz. In Reinform dürfen sie beispielsweise in Sportboote mit einem Volvo-Penta-Motor getankt werden. 

Außerdem erlauben die gesetzlichen Regelungen eine Beimischung der hydrierten Pflanzenöle zu normalem Diesel für Autos von bis zu 26 Prozent, so Christopher Stolzenberg vom Bundesumweltministerium. Zudem darf bis zu sieben Prozent Biodiesel aus Altspeiseölen hinzugefügt werden. Insgesamt also bis zu 33 Prozent. Und diese Zahl sorgt auch für den Namen, unter dem manche Shell-Tankstellen den Kraftstoff bereits verkaufen: R33 Blue. Er ist laut Shell für alle Dieselfahrzeuge zugelassen. 

E-Mail von Christopher Stolzenberg, Pressesprecher Bundesumweltministerium. (Screenshot: CORRECTIV)

Kann mit synthetischem Kraftstoff wirklich 65 Prozent CO2 gegenüber normalem Diesel eingespart werden?

„C.A.R.E.-Diesel“ ist nach Herstellerangaben zu 100 Prozent regenerativ, da er aus Abfällen erstellt werde. Allerdings fielen für die Herstellung des Kraftstoffes Strom, Gas und Transportkosten an. So kommen CO2-Einsparungen zwischen 50 und 90 Prozent (je nach verwendetem Rohstoff) im Vergleich zu normalem Diesel zustande, wie Hersteller Neste auf seiner Homepage schreibt

Frank Brühning, Pressesprecher des Verbands der Deutschen Biokraftstoffindustrie, schreibt, die Aussage, der Kraftstoff spare 65 Prozent Treibhausgasemissionen ein, sei so pauschal falsch. „Mit Palmöl als Rohstoff erreicht HVO eine Einsparung von ca. 70 Prozent. Wird Abfallöl, also beispielsweise Frittieröl genutzt, kommt man auf etwa 90 Prozent.”

Antwort von Frank Brühning, Pressesprecher des Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie. (Screenshot: CORRECTIV)

Ist synthetischer Diesel wirklich so gut wie behauptet?

Brühning vom Verband der deutschen Biokraftstoffindustrie schreibt in seiner E-Mail jedoch auch, dass es nicht erstrebenswert sei, wenn an der Tankstelle synthetischer Diesel in Reinform zu kaufen wäre. Dieser wäre nämlich deutlich teurer als normaler Diesel. „Es handelt sich um den mit Abstand teuersten Biokraftstoff auf dem Markt“, so Brühning. Bioethanol und Biodiesel seien hingegen bedeutend günstiger.

Alexander Stöhr von Tool-Fuel sagt, dass ein Liter „C.A.R.E.-Diesel“ an der Tankstelle ungefähr 1,55 Euro kosten würde. Der Kraftstoff „hätte damit einen Abstand zum Referenzkraftstoff (Diesel) von ca. 20 bis 30 Eurocent je Liter, eine auf den Verkauf optimierte Infrastruktur vorausgesetzt“. 

E-Mail von Alexander Stöhr, Geschäftsführer von Tool-Fuel. (Screenshot: CORRECTIV)

In den Kommentaren zum Facebook-Post von „Informiert statt Uninformiert” wird außerdem immer wieder darauf hingewiesen, dass der synthetische Diesel auch aus Palmöl hergestellt werde. Das ist richtig. „Biokraftstoffe aus Anbaubiomasse, insbesondere Palmöl, können durch indirekte Landnutzungseffekte teilweise mehrfach höhere Treibhausgasemissionen aufweisen als fossile Kraftstoffe“, schreibt Pressesprecher Christopher Stolzenberg vom Bundesumweltministerium in einer E-Mail an CORRECTIV. Der Anbau von Palmöl könne zur Entwaldung tropischer Regenwälder oder der Trockenlegung von Moorgebieten führen. Und das wiederum sorge für Treibhausgasemissionen und den Verlust biologischer Vielfalt. 

Nach Angaben von Tool-Fuel wird deshalb seit Anfang 2019 kein Kraftstoff mehr als „C.A.R.E-Diesel“ verkauft, der Palmöl enthält. „Weil selbst der nachhaltige Anbau von Palmöl zu Verdrängungseffekten in der Region führt, wollen wir bei Tool-Fuel dieses so benötigte Nahrungsmittelquelle nicht weiter unter Druck setzen. […] Stattdessen kommen für die Herstellung von C.A.R.E. Diesel® ausschließlich Rest- und Abfallstoffe nach der aktualisierten Fassung der Erneuerbare Energien-Richtlinie in Frage.“

Unsere Bewertung:
Bewertung: Größtenteils falsch. „C.A.R.E.-Diesel“ ist keine deutsche Innovation. Er wird nicht von der Bundesregierung blockiert, sondern wurde nicht ins Gesetz aufgenommen, weil es keine Herstellerfreigaben für Autos gibt. Der Kraftstoff kann jedoch in normalen Diesel gemischt werden, und dieses Diesel-Arten sind auch in Deutschland erhältlich.

Australia Wildfires
Im Netz kursieren zahlreiche Behauptungen über die Buschfeuer in Australien. (Foto vom 2. Januar: Robert Oerlemans/AP Photo/dpa)

von Alice Echtermann , Till Eckert

Die Seite „Wochenblick“ spekuliert, ein angeblicher Brandstifter in Australien könnte „IS-Terrorist“ gewesen sein. Einen Beleg dafür gibt es nicht. Der Vorwurf gegen den jungen Mann lautet außerdem nicht Brandstiftung, sondern fahrlässiger Umgang mit Feuerwerk.

Die österreichische Seite Wochenblick spekulierte am 8. Januar, dass ein „IS-Terrorist“ Buschbrände in Australien gelegt haben könnte, liefert aber keinen Beleg dafür. In dem Artikel heißt es lediglich, zwei jungen Männern namens Fadi und Abraham Z. werde vorgeworfen, am 22. Dezember ein Grasfeuer in Guildford, einem Vorort von Sydney, verursacht zu haben. „Tatsächlich hat die islamistische Terrororganisation Islamischer Staat (IS) bereits im November dazu aufgerufen, den Dschihad durch Brandstiftung voranzutreiben“, schreibt Wochenblick.

Als einzige Quelle gibt die Seite einen Artikel der britischen Boulevardzeitung Daily Mail von November 2019 an, in dem es heißt, der „IS“ habe angeblich dazu aufgerufen, Waldbrände in den USA und Europa zu legen. „Dass diese Forderung nun in Australien umgesetzt wurde, ist ein denkbarer, schrecklicher Verdacht“, so Wochenblick weiter. Einen konkreten Hinweis gibt es für diesen „Verdacht“ aber nicht.

Vorwurf vor Gericht lautet nicht Brandstiftung

Was stimmt, ist, dass es Medienberichte vom 7. Januar über zwei Brüder namens Fadi und Abraham Z. gibt. Sie hätten am 22. Dezember Feuerwerk in einem Park gestartet und ein Grasfeuer ausgelöst. Darüber berichten zum Beispiel Pacific Pundit, der australische Daily Telegraph und The Count. Laut einem weiteren Artikel von Miragenews fand die Gerichtsverhandlung am 7. Januar vor dem Parramatta Local Court statt. In all den Berichten wird nirgends ein islamistischer Hintergrund oder Hinweis auf ein solches Motiv erwähnt.

Auf Nachfrage von CORRECTIV teilt die Pressestelle der lokalen Gerichte in New South Wales per E-Mail mit, es sei nur einer der beiden Männer angeklagt, Abraham Z.. Der Vorwurf gegen ihn laute „fahrlässiger Umgang mit Sprengstoff, um Sachschäden zu verursachen“. Außerdem habe er ein Messer dabei gehabt. Zu weiteren Hintergründen könne man keinen Kommentar abgeben, heißt es in der E-Mail der Pressestelle. Fest steht aber: Es geht bei den Vorwürfen nicht um Brandstiftung und auch nicht um Terror.

Es wurden nicht rund 200 Brandstifter festgenommen

In dem Wochenblick-Text wird außerdem behauptet, es seien bisher etwa 200 Personen wegen Brandstiftung festgenommen worden. Eine Quelle dafür wird nicht genannt. In Medien kursieren dazu unterschiedliche Behauptungen, oft ist auch von 180 Brandstiftern die Rede.

In mehreren der Artikel wird dazu auf Zahlen der Polizei New South Wales verwiesen. Diese veröffentlichte am 6. Januar eine Pressemitteilung, in der steht, dass sie seit dem 8. November 2019 gegen 183 Menschen wegen 205 Buschfeuer-Fällen ermittelte, Verwarnungen aussprach oder Strafanzeige stellte. Die Polizei schlüsselt in der Mittelung aber auch genauer auf:

  • Gegen 24 Personen wurde wegen mutmaßlich absichtlich angezündeter Buschfeuer ermittelt.
  • Gegen 53 Personen wurde wegen mutmaßlicher Nichteinhaltung eines totalen Feuerverbots ermittelt.
  • Gegen 47 Personen wurde ermittelt, weil sie mutmaßlich eine angezündete Zigarette oder ein Streichholz weggeworfen haben.

Zu den anderen Fällen schreibt die Polizei nichts. Es stimmt demnach zwar, dass Menschen für manche Feuer in der aktuellen Saison die Schuld tragen, oft jedoch aus Fahrlässigkeit. Ob einer der Fälle zu einem der aktuellen großen Feuer führte, schreibt die Polizei nicht. In nur 24 Fällen kann man von mutmaßlicher Brandstiftung sprechen, bei denen absichtlich Feuer gelegt worden sei.

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Diese Zahlen gelten allerdings nur für den Bundesstaat New South Wales, einen von sieben. Die Faktenchecker von AFP haben für einen Artikel (14. Januar) recherchiert, gegen wie viele Personen in dieser Buschfeuer-Saison in ganz Australien wegen Brandstiftung ermittelt wurde. Für Victoria liegen keine Daten vor – zählt man alle anderen Fälle zusammen, die die Polizeistationen AFP mitteilten, kommt man auf deutlich weniger als 180 Personen. Sie sollen Brände „absichtlich“ oder „rücksichtslos“ verursacht haben. Manche Bundesstaaten teilten Daten seit September 2019 mit, andere für einen kürzeren Zeitraum.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Der Mann ist nicht wegen Brandstiftung angeklagt, es gibt keine Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund. Außerdem wurden nicht 200 Brandstifter festgenommen.

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Eine der Behauptungen zum Ausbruch der aktuellen Feuer in Australien. (Screenshot: CORRECTIV)

von Till Eckert

In mehreren Meldungen im Netz ist von 180 oder 200 angeblich festgenommenen Brandstiftern in Australien die Rede, im Zusammenhang mit den aktuellen Feuern. Es handelt sich häufig um irreführend wiedergegebene Zahlen der Polizei New South Wales.

Mehrere Webseiten veröffentlichten in den vergangenen Tagen Artikel, in denen behauptet wird, Auslöser der aktuellen Brände in Australien sei hauptsächlich Brandstiftung. Zudem werden verschiedene Zahlen zu den angeblich festgenommenen Brandstiftern genannt. So ist entweder von mehr als 180 (zum Beispiel bei derSchweizer Webseite Nau) oder von rund 200 Menschen (zum Beispiel bei Watergate TV) die Rede.

In einem Übersichtsartikel haben wir einige der Behauptungen entkräftet, die im Umlauf sind. Dabei fiel uns auf, dass die verbreiteten Zahlen zu den angeblichen Brandstiftern häufig irreführend wiedergegeben werden.

Oft werden Zahlen der Polizei New South Wales irreführend zitiert

In mehreren der Artikel, darunter zum Beispiel bei Watergate, wird behauptet, es seien „183 Menschen festgenommen worden, weil sie in verschiedenen Bundestaaten Brände gelegt haben wollen“.

Es handelt sich dabei offenbar um Zahlen aus einer Pressemitteilung der Polizei New South Wales, in der steht, dass sie seit dem 8. November 2019 gegen 183 Menschen wegen 205 Buschfeuer-Fällen ermittelte, Verwarnungen aussprach oder Strafanzeige stellte. Die Polizei schlüsselt in der Mittelung aber auch genauer auf: 

  • Gegen 24 Personen wurde wegen mutmaßlich absichtlich angezündeter Buschfeuer ermittelt.
  • Gegen 53 Personen wurde wegen mutmaßlicher Nichteinhaltung eines totalen Feuerverbots ermittelt.
  • Gegen 47 Personen wurde ermittelt, weil sie mutmaßlich eine angezündete Zigarette oder ein Streichholz weggeworfen haben.

Zu den anderen Fällen schreibt die Polizei nichts. Es stimmt demnach zwar, dass Menschen für manche Feuer in der aktuellen Saison die Schuld tragen, oft jedoch aus Fahrlässigkeit. Ob einer der Fälle zu einem der aktuellen großen Feuer führte, schreibt die Polizei nicht. In nur 24 Fällen kann man von mutmaßlicher Brandstiftung sprechen, bei denen absichtlich Feuer gelegt worden sei. Diese Zahlen gelten allerdings nur für den Bundesstaat New South Wales, einen von sieben. 

Es gibt mehrere Auslöser für Waldbrände

Die Faktenchecker von AFP haben für einen Artikel (14. Januar) recherchiert, gegen wie viele Personen in dieser Buschfeuer-Saison wegen Brandstiftung ermittelt wurde. Für Victoria liegen keine Daten vor – zählt man alle anderen Fälle zusammen, die die Polizeistationen AFP mitteilten, kommt man auf deutlich weniger als 180 Personen. Sie sollen Brände „absichtlich“ oder „rücksichtslos“ verursacht haben. Manche Bundesstaaten teilten Daten seit September 2019 mit, andere für einen kürzeren Zeitraum. 

Dass also 183 Personen „festgenommen“ worden seien, weil sie „Brände gelegt haben sollen“, lässt sich so nicht sagen. Richtig ist: Es gab in den vergangenen Monaten in verschiedenen Bundesstaaten Ermittlungen gegen Menschen, die mutmaßlich fahrlässig handelten oder absichtlich Feuer legten, also möglicherweise den Straftatbestand der Brandstiftung erfüllten. Ob die aktuellen großen Feuer durch Brandstiftung entstanden sind, ist jedoch unklar. Die Polizei in Victoria etwa widerspricht der Behauptung laut des Guardian – es gäbe dafür keine Indizien.

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Die Regierung des Bundesstaats South Australia nennt weitere typische Auslöser für Waldbrände, darunter Fehler in elektrischen Anlagen, die eine Überhitzung verursachen, oder Blitzeinschläge. Bei aktuellen großen Feuern in den Bundesstaaten Victoria und New South Wales bezeichneten die Feuerwehrleute Steve Warrington und Ben Shepherd in Medienberichten hauptsächlich Blitze als Ursache. Auch die australische Meteorologie-Behörde schreibt in einem Infoartikel über „bushfire weather“, in manchen Regionen Australiens seien Blitze die Hauptursache für Buschbrände. Wir haben dazu bei den zuständigen Feuerwehrbehörden angefragt, bis zum Erscheinen dieses Artikels jedoch keine Antwort erhalten. 

Warum der Klimawandel bei Buschfeuern durchaus eine Rolle spielt, haben wir in einem weiteren Faktencheck erklärt.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Es gab keine hunderten Festnahmen wegen Brandstiftung im Zusammenhang mit den aktuellen Feuern.

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Diese Kombination von zwei Karten wird derzeit im Netz verbreitet. Sie soll angeblich zeigen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen einer geplanten Bahnstrecke und den Buschbränden in Australien. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Gibt es einen Zusammenhang zwischen einer geplanten Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke und den Buschbränden in Australien? Behauptungen im Netz sollen dies andeuten. Eine ähnliche Falschmeldung kursierte bereits 2018 über Feuer in Kalifornien.

Auf Facebook kursiert aktuell ein Bild, das Karten von Australien und Kalifornien mit Gebieten von Bränden zeigen soll. Daneben werden Karten mit angeblich geplanten Verläufen von „Hochgeschwindigkeitsbahnen“ gelegt. Damit wird angedeutet, die Brände seien absichtliche Rodungen gewesen, um Platz für Bahnstrecken zu machen. Einer der Facebook-Beiträge vom 10. Januar wurde bereits mehr als 1.000 Mal geteilt.

Der Facebook-Beitrag mit den Karten, die angeblich einen Zusammenhang zwischen Buschbränden und dem Bau von Bahnstrecken zeigen. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Die Verschwörungstheorie in Bezug auf Kalifornien kursierte im November 2018. Die Karte oben links mit den roten Flächen stammt von der California of Forestry and Fire Protection, die sie im November 2018 auf Twitter veröffentlichte. Sie zeigt nicht die Ausdehnung der Feuer, sondern Bereiche, in denen eine „red-flag“-Warnung vor Brandgefahr herrschte.

Einen Zusammenhang mit dem Verlauf der Hochgeschwindigkeitsbahn gibt es außerdem nicht, die falsche Behauptung wurde bereits 2018 entlarvt, zum Beispiel von den Faktencheckern von Snopes. Die Bahnkarte stammt demnach von der Webseite „America 2050“ und ist veraltet. Eine neuere Karte zeige, dass der Streckenverlauf nicht annähernd mit den roten Feldern übereinstimme. Auf der Seite Metabunk legten Nutzer die Karten grafisch übereinander und zeigten so, dass sie nicht zueinander passen.

Legt man die Karten von Kalifornien übereinander, ist die Übereinstimmung nicht vorhanden. (Quelle: Metabunk, Screenshot: CORRECTIV)

Auch im Fall von Australien ist an der Theorie nichts dran. Eine Google-Bildersuche zeigt, dass die Karte unten rechts von der australischen Regierung stammt. Sie soll einen möglichen Verlauf einer Hochgeschwindigkeits-Bahn an der Ostküste zeigen, von Melbourne bis Brisbane. Die Karte unten links soll die Feuer zeigen, die angebliche Übereinstimmung ist jedoch nur mit gutem Willen erkennbar. Andere, vollständige Karten der Feuer in Australien, zum Beispiel von My Fire Watch oder von der Nasa zeigen, dass die Feuer nicht entlang der möglichen Bahnstrecke verlaufen – und dass es auch an vielen anderen Orten brennt, an denen keine Bahnen geplant sind.

Die Feuer in Australien laut einem Datenportal der Nasa (Ansicht zeigt die Feuer der letzten sieben Tage, abgerufen am 13. Januar 2020 um 17:45 Uhr). (Screenshot: CORRECTIV)
Die Karte mit dem möglichen Verlauf einer Bahnstrecke im Süden Australiens. (Screenshot: CORRECTIV)
Nähere Ansicht des Südens Australiens im Nasa-Datenportal. (Screenshot am 13. Januar 2020 um 17:45 Uhr: CORRECTIV)

Zum gleichen Ergebnis kam am 10. Januar auch Buzzfeed in dem Faktencheck zu der Behauptung, die offenbar auch auf Englisch ihre Kreise auf Instagram, Youtube, 4chan und Tiktok zieht.

Der Facebook-Nutzer, der das Foto am 10. Januar in Deutschland verbreitete, ist übrigens auch der Ansicht, dass in Australien und Kalifornien keine echten Waldbrände wüten, sondern dass dort und auch in Kalifornien Laserwaffen eingesetzt wurden.

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Waldbrände in Kalifornien und Australien verlaufen nicht entlang der geplanten Bahnstrecke.

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Eine der Behauptungen, die zu den aktuellen Buschbränden in Australien im Umlauf ist. (Screenshot: CORRECTIV)

von Till Eckert

Im Netz sind Meldungen im Umlauf, nach denen allein Brandstiftung die Ursache für die aktuellen großen Feuer in Australien sei. Das ist irreführend – auch der Klimawandel spielt dabei eine Rolle.

Mehrere Webseiten veröffentlichten in den vergangenen Tagen Artikel, in denen behauptet wird, Auslöser der aktuellen Brände in Australien sei hauptsächlich Brandstiftung. So zum Beispiel Connectiv Events (mehr als 500 Mal auf Facebook geteilt) oder Schweizer Morgenpost (mehr als 1.800 Mal auf Facebook geteilt). 

In den Artikeln werden jeweils Zahlen zu den angeblich festgenommenen Brandstiftern genannt. So ist entweder von mehr als 180 (zum Beispiel hier) oder von rund 200 Menschen (zum Beispiel hier) die Rede. Diese Behauptung kursiert nicht nur in Deutschland. Wir haben sie geprüft.

Oft werden Zahlen der Polizei New South Wales irreführend zitiert

In mehreren der Artikel wird dazu auf Zahlen der Polizei New South Wales verwiesen. Diese veröffentlichte am 6. Januar eine Pressemitteilung, in der steht, dass sie seit dem 8. November 2019 gegen 183 Menschen wegen 205 Buschfeuer-Fällen ermittelte, Verwarnungen aussprach oder Strafanzeige stellte. Die Polizei schlüsselt in der Mittelung aber auch genauer auf: 

  • Gegen 24 Personen wurde wegen mutmaßlich absichtlich angezündeter Buschfeuer ermittelt.
  • Gegen 53 Personen wurde wegen mutmaßlicher Nichteinhaltung eines totalen Feuerverbots ermittelt.
  • Gegen 47 Personen wurde ermittelt, weil sie mutmaßlich eine angezündete Zigarette oder ein Streichholz weggeworfen haben.

Zu den anderen Fällen schreibt die Polizei nichts. Es stimmt demnach zwar, dass Menschen für manche Feuer in der aktuellen Saison die Schuld tragen, oft jedoch aus Fahrlässigkeit. Ob einer der Fälle zu einem der aktuellen großen Feuer führte, schreibt die Polizei nicht. In nur 24 Fällen kann man von mutmaßlicher Brandstiftung sprechen, bei denen absichtlich Feuer gelegt worden sei. 

Diese Zahlen gelten allerdings nur für den Bundesstaat New South Wales, einen von sieben. 

Es gibt mehrere Auslöser für Waldbrände

Die Faktenchecker von AFP haben für einen Artikel (14. Januar) recherchiert, gegen wie viele Personen in dieser Buschfeuer-Saison wegen Brandstiftung ermittelt wurde. Für Victoria liegen keine Daten vor – zählt man alle anderen Fälle zusammen, die die Polizeistationen AFP mitteilten, kommt man auf deutlich weniger als 180 Personen. Sie sollen Brände „absichtlich“ oder „rücksichtslos“ verursacht haben. Manche Bundesstaaten teilten Daten seit September 2019 mit, andere für einen kürzeren Zeitraum. 

Das Umweltbundesamt schrieb in einem Bericht über Waldbrände in Deutschland 2018: „In Fällen, in denen eine Ursache bestimmt werden kann, sind im Wesentlichen zwei Faktorenkomplexe von besonderer Bedeutung für das Waldbrandgeschehen: Zum einen das menschliche Handeln (Brandstiftung und Fahrlässigkeit) und zum anderen das Klima – bzw. Witterungsgeschehen.“ Zu letzterem schreibt das Bundesamt außerdem: „Klima und Witterung beeinflussen zusammen mit den lokalen Gegebenheiten (wie dem Vorhandensein von brennbarem Material) die Disposition einer Waldfläche für die Entzündung und in Folge das weitere Brandgeschehen (Feuerausbreitung).“

Die Regierung des Bundesstaats South Australia nennt aber auch weitere typische Auslöser für Waldbrände, darunter Fehler in elektrischen Anlagen, die eine Überhitzung verursachen, oder Blitzeinschläge. Bei aktuellen großen Feuern in den Bundesstaaten Victoria und New South Wales bezeichneten die Feuerwehrleute Steve Warrington und Ben Shepherd in Medienberichten hauptsächlich Blitze als Ursache. Auch die australische Meteorologie-Behörde schreibt in einem Infoartikel über „bushfire weather“, in manchen Regionen Australiens seien Blitze die Hauptursache für Buschbrände. Wir haben dazu bei den zuständigen Feuerwehrbehörden angefragt, bis zum Erscheinen dieses Artikels jedoch keine Antwort erhalten. 

Längere Buschfeuer-Saisons und häufiger „Brandwetter“

Dürreperioden und schlimme Waldbrände gab es in Australien schon häufiger, zum Beispiel im Januar 1994, im Dezember 2001 und im Oktober 2013, wie einem Sonderbericht der Meteorologie-Behörde von Dezember 2019 zu entnehmen ist. Vergleichbar mit 2019 seien am ehesten die Zustände im Oktober/November 1968 (Seite 19-20). 

Doch die Intensität der Buschfeuer nimmt in der Langzeitbetrachtung zu. So schrieb das australische Bushfire and Natural Hazard Cooperative Research Centre Mitte Dezember: „Die Tendenz zu intensiveren Brandsaisons und immer früher auftretender Feuergefahr ist ein klarer Trend im australischen Klima, aufgrund von reduzierten oder weniger zuverlässigen Regenfällen in der kühlen Saison und steigenden Temperaturen.“ 

Auch laut dem jüngsten Langzeit-Klimabericht (State of the Climate 2018) der australischen Meteorologie-Behörde und des Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation (Csiro) nimmt die Länge der Buschfeuer-Saison zu, und es kommt häufiger zu sogenanntem „Brandwetter“ (fire weather) (Seite 2). In der Auswertung heißt es klar: „Der Klimawandel, inklusive steigender Temperaturen, trägt zu diesen Veränderungen bei“ (Seite 5). Dem Bericht zufolge hat sich das australische Klima seit 1910 um etwas mehr als ein Grad Celsius erwärmt, was zu einer erhöhten Häufigkeit von extremer Hitze (extreme heat events) führe.

Die Anomalien der Oberflächen-Lufttemperatur in Australien (Abweichungen vom Durchschnitt) zeigen, dass die Temperaturen steigen. (Quelle: Australian Bureau of Meteorology, Screenshot: CORRECTIV)
Die Zahl extremer Hitzetage pro Jahr nimmt seit 1910 zu. (Quelle: Australian Bureau of Meteorology, Screenshot: CORRECTIV)

Im Südosten und Südwesten Australiens nahmen laut dem Bericht die Regenfälle ab, in Teilen des Nordens nahmen sie zu. Acht der zehn wärmsten Jahre Australiens seit Beginn der Aufzeichnungen seien seit 2005 aufgetreten.

Die Zahl gefährlicher „Buschfeuer-Wetter-Tage“ in Victoria (Süden Australiens) im Frühling nimmt tendenziell zu. (Quelle: Australian Bureau of Meteorology, Screenshot: CORRECTIV)

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Sicher ist, dass steigende Temperaturen und Trockenheit bessere Voraussetzungen für größere und intensivere Feuer schaffen. Pauschal lässt sich weder sagen, es trage allein der Mensch durch Brandstiftung oder Fahrlässigkeit Schuld an den aktuellen Großfeuern in Australien, noch der Klimawandel – beide Faktoren spielen eine Rolle. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Sowohl Brandstiftung als auch der Klimawandel spielen eine Rolle bei Buschbränden – und bei manchen aktuellen Feuern sollen etwa Blitzeinschläge die Hauptursache gewesen sein.

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Dieses Bild ist kein Foto, sondern eine Grafik, die Daten über einen ganzen Monat zeigt. Sie stammt von dem Australier Anthony Hearsey, der sie auf Instagram veröffentlichte. (Original-Grafik: Anthony Hearsey. Collage: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Auf Facebook kursiert ein Bild von Australien mit roten Markierungen, die für Feuer stehen sollen. Es wird fälschlich als „Nasa-Aufnahme” bezeichnet. Es handelt sich aber nicht um ein Foto. 

Mehrere Facebook-Nutzer verbreiten derzeit eine Grafik, die wie eine Luftaufnahme von Australien mit glühend roten Buschfeuern aussieht. Am 5. Januar veröffentlichte ein Nutzer die Grafik und schrieb dazu: „Das ist Australien von einem Nasa-Satelliten“. Sein Beitrag wurde mehr als 700 Mal geteilt. Einen Tag später verbreitete ein anderer Nutzer die Grafik mit dem Kommentar: „Diese Nasa-Aufnahme zeigt einen brennenden Kontinent!“ Sein Beitrag wurde rund 200 Mal geteilt. Und in einem Facebook-Beitrag vom 7. Januar (auch rund 200 Mal geteilt) hat jemand der Grafik die Aufschrift „Bild von der Nasa“ hinzugefügt. 

Die Behauptungen, man sehe hier eine Nasa-Aufnahme und die Quelle sei ein Nasa-Satellit, sind irreführend, weil sie andeuten, dass es sich um ein Foto handelt. In den Kommentaren wiesen andere Facebook-Nutzer bereits darauf hin, dass das Bild eine 3D-Visualisierung sei. Eine Nutzerin verlinkte einen Artikel der US-Faktenchecker von Snopes, in dem dies erklärt wird. 

Der Facebook-Beitrag bezeichnet das Bild als Nasa-Aufnahme. (Screenshot am 8. Januar 2020 und Schwärzung: CORRECTIV)

Australien-Grafik enthält Daten der Nasa über einen ganzen Monat

Die Visualisierung wurde von dem australischen Fotografen Anthony Hearsey am 5. Januar auf Instagram veröffentlicht. Er nutzte dafür nach eigenen Angaben Daten aus dem „Fire Information for Resource Management System“ der US-Raumfahrtbehörde Nasa zwischen dem 5. Dezember 2019 und 5. Januar 2020. Diese basieren auf Satellitenaufnahmen, es handelt sich aber nicht um ein Foto, sondern um eine Grafik, die aus den Daten über einen ganzen Monat entstanden ist. 

Hearsey beschrieb die Grafik selbst auf Instagram als „3D Visualisierung der Feuer in Australien“. Die Grafik zeige alle Gebiete, die von Buschfeuern betroffen waren. „Der Maßstab ist ein bisschen übertrieben“, erklärt er außerdem, und: „Beachtet auch, dass nicht all diese Gebiete immer noch brennen“.

Der Instagram-Beitrag des Fotografen Anthony Hearsey. (Screenshot am 6. Januar 2020: CORRECTIV)

Buschbrände in Australien wüten seit Wochen

Als er bemerkte, dass sein Beitrag sich teils mit falscher Deutung verbreitete, änderte Hearsey die Beschreibung auf Instagram und betonte nochmals, dass es sich nicht um ein Foto handele, sondern um eine Daten-Zusammenstellung. 

Anthony Hearsey erklärt, es handele sich bei seinem Bild nicht um Foto, sondern um eine Art Grafik. (Screenshot am 7. Januar 2020: CORRECTIV)

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Was stimmt: In Australien wüten seit Wochen schlimme Waldbrände, über die auch deutsche Medien und die Nasa berichten

„Luftaufnahmen“ von Waldbränden führten schon öfter zu Missverständnissen. Auch als 2019 weltweit über die Brände im Amazonas-Gebiet berichtet wurde, nutzten Medien Satellitendaten der Nasa. Damals kursierte im Netz der Vorwurf, die Bilder seien falsch und die Medien stellten die Situation absichtlich übertrieben dar – dem war nicht so, wie unser Faktencheck zeigte. Auch bei den Bildern damals handelte es sich um Visualisierungen aus dem Online-Tool des „Fire Information for Resource Management System“, nicht um Fotos.  

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Dies ist kein Satellitenfoto, sondern eine Visualisierung der Feuer in Australien über einen längeren Zeitraum.

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Greta Thunberg ist nicht die Enkelin von George Soros. (Collage: CORRECTIV, Foto rechts: Georg Hochmuth / APA / AFP, Foto links: Filippo Monteforte /  AFP)

von Joana Splieth

Eine Webseite behauptet, dass Greta Thunberg die Enkelin des Investors George Soros sei. Ein Foto dient als angeblicher Beweis. Nur ist das Bild gefälscht und stammt aus einem Satire-Magazin. Greta Thunberg ist nicht die Enkelin von George Soros.

In einem Artikel vom 15. Dezember 2019 wird behauptet, George Soros sei der Großvater von Greta Thunberg. Als angeblicher Beweis dient ein Bild, das vermeintlich Soros neben Thunberg zeigt. 

Die Webseite, von der diese Behauptung verbreitet wird, heißt News For Friends. Sie übernimmt oft Texte mit Falschinformationen aus anderen Ländern und veröffentlicht sie übersetzt auf ihrer Webseite. Auch der Artikel mit dem Titel „Greta Thunberg ist die Enkelin des linken Milliardärs Georges Soros“ stammt ursprünglich aus dem französischen Satire-Magazin Secret News. Laut dem Analysetool Crowdtangle wurde er ungefähr 300 Mal auf Facebook geteilt. Auf Französisch wurde die Behauptung mit dem vermeintlichen Beweisfoto bereits am 28. August 2019 veröffentlicht und seitdem mehr als 2.000 Mal auf Facebook geteilt.

Nach unserer Recherche ist Greta Thunberg nicht die Enkelin von George Soros. Das Bild, das als Beweis dienen soll, ist ein Fake, und die Seite, von der die Information stammt, bezeichnet sich selbst als Satire-Seite.

Der Text von News For Friends wurde ungefähr 300 Mal über Facebook geteilt. (Screenshot: CORRECTIV)

George Soros ist nicht der Großvater von Greta Thunberg

George Soros ist ein US-amerikanischer Investor und Milliardär und unterstützt mit seinem Vermögen viele soziale Projekte – so hat er die Open Society Foundations gegründet, eine Stiftung [Transparenzhinweis: Auch CORRECTIV hat bereits Spenden von der Stiftung erhalten].

Das angebliche Bild von ihm und Greta Thunberg, das News For Friends verbreitet, ist gefälscht. Als wir mit der Bilderrückwärtssuche bei Bing nach seinem Ursprung suchen, stoßen wir auf das unbearbeitete Original. Es zeigt Greta Thunberg und den Politiker und ehemaligen Vizepräsidenten der USA, Al Gore, der sich für Klimaschutz engagiert. Greta Thunberg teilte das Bild Ende Dezember 2018 auf ihrer Twitter-Seite und schrieb: „Vielen Dank, Al Gore, dafür, ein wahrer Pionier zu sein. Sehr wenige Leute haben mehr getan. Es war mir eine Ehre, Sie kennenzulernen.“

In der Bing-Bilderrückwärtssuche finden wir das Originalbild mit Al Gore in einem Tweet von Greta Thunberg. (Screenshot: CORRECTIV)

News For Friends hätte den Artikel als Satire markieren müssen

Secret News bezeichnet sich selbst als Satire-Seite: „SecretNews.fr ist ein kostenloses und unabhängiges Parodie-Kollaborationsmedium, das mehrere Mitwirkende zusammenbringt. Die meisten Informationen auf dieser Website sind wahrscheinlich falsch, werden aus satirischen und humoristischen Gründen veröffentlicht und können nicht als authentisch angesehen werden.“ 

Auf der französischen Webseite Secret News lässt sich ein Satire-Hinweis finden. (Screenshot: CORRECTIV)

News For Friends ist dagegen keine Satire-Seite, sie hätte die Übersetzung des Artikels  also direkt als Satire kennzeichnen müssen. Da dies nicht geschehen ist, ist der Text eine Falschmeldung, mit der Menschen desinformiert werden. 

Falschmeldungen über Thunberg oder Soros sind keine Seltenheit

Behauptungen, dass die bekannte Klimaaktivistin Greta Thunberg nur Teil eines „globalen Establishments“ sei und allerlei andere Hypothesen über sie finden sich regelmäßig in den Sozialen Netzwerken. CORRECTIV hat einige davon bereits als Falschinformationen entlarvt.

Auch über George Soros kursiert Desinformation im Internet. So wurde bereits behauptet, dass EU-Politiker seine Agenten wären, oder dass Russland einen internationalen Haftbefehl gegen ihn ausgesprochen hätte. Soros ist jüdisch und einige Medien machten bereits auf Antisemitismus in den Falschmeldungen über ihn aufmerksam (zum Beispiel die New York Times oder der Spiegel). 

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Greta Thunberg ist nicht die Enkelin des Investors George Soros. Die Seite, die den Artikel und das Bild veröffentlichte, ist eine Satire-Seite. Das Bild, das die falsche Behauptung stützen soll, ist ein Fake. 

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Es ist unklar, ob etwas in dem Tesla-Auto explodierte. (Symbolbild: Vladyslav Topyekha / Pixabay)

von Joana Splieth

Dominik Freymuth fuhr mit seinem Tesla-Elektroauto in Österreich gegen einen Baum, kurz darauf fing das Auto an zu brennen. Der Fahrer sagt, er habe Explosionen aus dem Auto heraus gehört. Diese sind allerdings nicht belegbar, da eine unabhängige Experteneinschätzung fehlt.

In einem Artikel der AfD-nahen Zeitung Deutschland-Kurier vom 18. November wird behauptet, dass ein Tesla-Elektroauto explodiert sei. Die Überschrift des Artikels lautet: „Tesla-Explosion: Schrotthändler verweigern Abnahme des giftigen Wracks“. Laut dem Analyse-Tool Crowdtangle wurde er mehr als 2.300 Mal über Facebook geteilt. 

Im Text geht es um einen Unfall mit einem Tesla-Elektroauto am 4. Oktober 2019 zwischen Kössen und Walchsee in Österreich. Es wird behauptet, dass das Auto dabei explodiert sei. Danach habe es drei Tage lang in einem Wassercontainer liegen müssen, damit sich die Lithium-Ionen-Batterie nicht permanent neu entzünde. Schrotthändler hätten sich zudem geweigert, das Wrack zu entsorgen, da sie giftige Substanzen vermuteten. Als Quelle ist ein Artikel des Österreichischen Rundfunks (ORF) vom 13. November 2019 angegeben. 

Nach unserer Recherche lässt sich weder belegen noch verneinen, ob etwas an dem Auto explodiert ist. Es brannte jedoch in der Tat größtenteils aus und wurde von der Feuerwehr drei Tage in einen Wassercontainer gelegt. 

Der Artikel im Deutschland-Kurier wurde mehr als 2.300 Mal über Facebook geteilt. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Besitzer des Autos sagt, er habe drei Explosionen gehört

Der Besitzer des Autos, Dominik Freymuth, berichtete CORRECTIV auf Anfrage per E-Mail, dass er am 4. Oktober 2019 um ca. 9:45 Uhr mit ungefähr 60 Kilometern pro Stunde gegen einen Baum gefahren sei. Ein anderer Autofahrer habe ihm nach dem Unfall aus dem Fahrersitz geholfen. Kurz danach habe es die erste Explosion gegeben. Zu dem Zeitpunkt wären sie noch am Auto gewesen, das sich danach sehr schnell mit Rauch gefüllt und angefangen habe, zu brennen. Bis der Rettungshubschrauber angekommen sei, habe es zwei weitere, schwächere Explosionen gegeben, sagte Freymuth. 

In mehreren Medienberichten wurde anschließend vermutet, dass die Batterie ausgebrannt oder explodiert sei und sich erneut entzünden könnte. Die Brandgefahr erachtet auch der Experte Wolfgang Sigloch, Pressesprecher für den Automobilteil der Prüfgesellschaft Dekra, als plausibel, wie er CORRECTIV per E-Mail schrieb. 

Der Elektroauto-Experte Wolfgang Sigloch von der Dekra erklärte uns in einer Mail, dass Antriebsbatterien von Elektroautos in der Lage sind, sich wiederholt zu entzünden, auch wenn sie bereits gelöscht wurden. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Auto sei später gelöscht worden und in einem Wassercontainer der Freiwilligen Feuerwehr Schwaz für drei Tage zwischengelagert worden, bestätigte uns die Feuerwehr am Telefon. Das sei eine gängige Praxis im Umgang mit verunglückten Elektroautos. Die Behauptung, dass der Tesla in einem Wassercontainer liegen musste, stimmt also. 

Ein Unfall mit langem Entsorgungsmarathon

Daraufhin lag das Autowrack mehrere Wochen in einer KFZ-Werkstatt in Walchsee, wie uns deren Betreiber Georg Greiderer per E-Mail bestätigte. In seiner Werkstatt habe der Tesla von Mitte Oktober bis Ende November 2019 auf eine ordentliche Entsorgung gewartet. Lokale Entsorgungsunternehmen wie die Freudenthaler GmbH wollten das Wrack nicht entsorgen – Ingeborg Freudenthaler erklärte uns die Entscheidung der Firma in einer E-Mail damit, dass „das Gefahrenpotential für uns nicht abschätzbar war“.

Freymuth sagte uns, dass am 20. November 2019 drei Tesla-Mitarbeiter zu der Werkstatt in Walchsee gekommen seien, um die Batterie aus der Karosserie zu trennen. Sie hätten allerdings keine Genehmigung gehabt, die Batterie vor Ort zu öffnen, weshalb Freymuth sie nach eigener Aussage nur oberflächlich betrachten konnte. Einen Tag später sei die Antriebsbatterie in einer Spezialbox zu der Recyclingfirma SEDA gefahren worden. Das restliche Wrack sei von dem Recyclingunternehmen Mensch Umwelt Technik – Entsorgung GmbH abgeholt worden. 

Das Wrack ohne Batterie wird von der Firma Mensch Umwelt Technik abgeholt. (Foto: Dominik Freymuth)

Entsorgungsfirma vereinbart Stillschweigen mit Tesla

Die Firma SEDA hat laut einer Pressemitteilung vom 21. November mit Tesla „Stillschweigen über das weitere Vorgehen vereinbart“. Die Batterie wurde dem Unternehmen demnach zu „Forschungs- und Entwicklungszwecken“ übergeben. Falls es also ein Untersuchungsergebnis gibt, ob die Lithium-Ionen-Batterie tatsächlich explodiert oder verbrannt sein könnte, wird es wohl keine öffentliche Erklärung dazu geben.

Die Firma SEDA vereinbarte mit Tesla Stillschweigen über den Untersuchungsprozess der Antriebsbatterie. (Screenshot: CORRECTIV)

Experten können nur Vermutungen anstellen

Wir baten die Experten Dr. Matthias Dürr vom Kompetenzzentrum für Elektromobilität NRW und Wolfgang Sigloch von der Dekra um ihre Meinung. Beide erklärten uns, dass sie sich zu dem Autounfall von Dominik Freymuth nicht äußern könnten, da eine Ferndiagnose nicht möglich sei.

Es sei schwierig, zu sagen, was als erstes gebrannt habe, meinte Sigloch. Bei einer Batterieentzündung müssten viele Szenarien in Erwägung gezogen werden: „Zündung innerhalb des Batteriegehäuses durch Zelldefekt, Defekt im Batteriemanagementsystem, Probleme bei der Verarbeitung […], äußere Krafteinwirkung […], Zündung durch äußere Beflammung des Batteriegehäuses […], mechanischer Defekt […]“ und so weiter. 

Er erklärte uns, dass es sich hier um einen Unfallfolgebrand handele, bei dem meistens kein genaues Gutachten über die Brandursache erstellt werde, „da sich eine Brandentstehung eindeutig mit dem Unfallereignis erklären lässt“.

Wolfgang Sigloch kann uns in seiner E-Mail nur generelle Fragen beantworten, da er keine Ferndiagnose zu diesem Fall stellen möchte. (Screenshot: CORRECTIV)

Tesla bestreitet eine Explosion der Batterie

Tesla teilte uns mit, dass weder das Auto noch die Batterie explodiert seien, da der sichtbare Schaden der Antriebsbatterie minimal gewesen sei.

Dominik Freymuth sagte uns, dass er nach dem Unfall nie etwas von Tesla über die mögliche Brand- oder Explosionsursache erfahren habe. Tesla habe ihm lediglich telefonisch ungefähr Folgendes mitgeteilt: „Weil das Auto tagelang im Wasser lag, lässt sich der Brand wahrscheinlich nicht mehr rekonstruieren.“

Ein Foto soll beweisen, dass die Batterie nicht gebrannt hat

Wir werden von Tesla auf zwei Artikel (OE24 und T3N) von Ende November verwiesen. In beiden wird behauptet, dass ein Experte bestätigt habe, dass die Batterie nicht verbrannt oder explodiert sei. Der Name des Experten wird nicht genannt. Stattdessen verweisen die Texte auf ein Foto der Batterie, nachdem sie aus dem Wrack entfernt wurde. Das Foto stammt von einem Artikel der österreichischen Webseite Auto und Wirtschaft. Er ist hinter einer Paywall verborgen, das Foto ist darin aber trotzdem zu sehen.

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Es wurde von Georg Greiderer von der Autowerkstatt in Walchsee aufgenommen. Er und Dominik Freymuth bestätigen uns per E-Mail, dass das Bild tatsächlich von dem besagten Fahrzeug stammt. 

Obwohl die Batterie auf dem Foto relativ intakt aussieht, können wir die Behauptung, sie sei explodiert oder habe gebrannt, weder bestätigen noch negieren. 

Auf der Seite von Auto und Wirtschaft lässt sich ein Foto von Georg Greiderer finden, auf dem die Autobatterie zu sehen ist, nachdem sie aus dem Wrack herausgetrennt wurde. (Screenshot: CORRECTIV, Foto: Georg Greiderer)

Generelle Auskünfte zur Sicherheit von Elektroautos

„Testergebnisse und Praxiserfahrungen mit Elektrofahrzeugen zeigen, dass keine größeren Gefahren bei Elektroautos auftreten als bei konventionellen Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor“, schrieb uns Wolfgang Sigloch. Bevor Elektrofahrzeuge in Europa zugelassen werden würden, müssten sie eine Reihe von Tests durchlaufen, die eine Explosionsgefahr ausschließen könnten. Die Explosion eines kompletten Elektroautos sei ebenso wenig möglich wie die eines Fahrzeugs mit Verbrennungsmotor.

Wolfgang Sigloch erklärt, warum Elektroautos in der Regel nicht explodieren (Screenshot: CORRECTIV).

Matthias Dürr vom Kompetenzzentrum für Elektromobilität NRW erklärte uns zudem: „Es ist jedoch auch Tatsache, dass Rettungskräfte, wie Feuerwehren, noch wenig Erfahrung mit verunfallten Elektroautos und insbesondere mit beschädigten oder brennenden Batterien haben. Hier ist es notwendig, dass entsprechende Handlungsempfehlungen ausgearbeitet werden und entsprechendes Lösch- und Bergungsmaterial den Feuerwehren zur Verfügung gestellt wird.“

Tesla hat deswegen Informationen für Rettungskräfte herausgegeben, um diese besser zu schulen. 

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es ist nicht belegbar, ob es eine Explosion am Elektroauto von Dominik Freymuth gab, und falls ja, was die Ursache gewesen sein könnte.  

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Ein aktuelles Foto der Victoriafälle zwischen Simbabwe und Sambia vom 10. Dezember 2019. (Foto: Zinyange Auntony / AFP)

von Alice Echtermann

Derzeit verbreitet sich auf Facebook eine Collage, die zeigen soll, dass der MDR in einem Beitrag über die Victoriafälle in Afrika eine Falschmeldung verbreitet habe. Es geht um die Frage, ob die Wasserfälle aktuell ungewöhnlich wenig Wasser führen. Wir haben die Fakten recherchiert. 

Hat der MDR in einem Beitrag über die Victoriafälle in Afrika Falschnachrichten verbreitet? Das behaupten zahlreiche Nutzer auf Facebook. 

Die Victoriafälle sind ein riesiger Wasserfall des Flusses Sambesi an der Grenze zwischen Simbabwe und Sambia. Der MDR hatte am 7. Dezember einen TV-Beitrag darüber veröffentlicht, der auf der Webseite des Senders mit dem Titel „Klimawandel: Die Victoriafälle sind trocken“ zu finden war. Auf dem Vorschaubild des Videos auf der MDR-Webseite ist ein trockener Abschnitt der Wasserfälle zu sehen. In einer Collage, die nun auf Facebook kursiert, wird daneben eine Luftaufnahme gestellt. Darauf sieht es so aus, als sei an anderer Stelle wesentlich mehr Wasser geflossen. 

Einer der Facebook-Beiträge mit der Collage vom 12. Dezember wurde mehr als 3.500 Mal geteilt. Der Nutzer behauptet darin, der Bericht über die Wasserfälle sei ein Beispiel für eine „bewusst irreführende Falschmeldung“: „Die angebliche Austrocknung der Victoriafälle gibt es nicht.“ Außerdem veröffentlichte die Seite Politikstube am 14. Dezember einen Artikel mit der Collage und dem Titel „Um den Klimawandel zu belegen, verbreitet der Staatsfunk auch gerne mal Fake News“. 

Wir haben diese Behauptung geprüft – der Vorwurf der Falschmeldung ist nicht korrekt. Tatsächlich hat der MDR in seinem Beitrag wichtigen Kontext weggelassen. Aber: Dasselbe trifft auch auf den Facebook-Beitrag mit der Collage zu.  

Der Facebook-Beitrag mit der Collage aus dem MDR-Beitrag und einem Luftbild. (Screenshot am 19. Dezember und Schwärzung: CORRECTIV)

Die Luftaufnahme der Wasserfälle, die in der Collage verwendet wird, ist mindestens fünf Jahre alt, sie ist also kein Beleg für eine falsche Berichterstattung des MDR. Das Foto haben wir mit Bilder-Rückwärtssuchen bei Google auf einem privaten Blog gefunden. Es stammt demnach von Dezember 2014 und sagt nichts über die Wassermenge im Jahr 2019 aus. 

MDR beruft sich vor allem auf Aussagen von Einheimischen

Auf der Webseite des MDR und in der ARD-Mediathek ist das Video nicht mehr verfügbar. Der MDR-Beitrag wurde am 8. Dezember im Internet Archive gespeichert. In dieser archivierten Version lässt sich jedoch nicht das Video abrufen. 

Über die Google-Suche waren die MDR-Beiträge noch sichtbar, obwohl sie in der Mediathek nicht mehr verfügbar waren. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Pressestelle des MDR schickte uns auf Anfrage das Video zu. Es ist 1 Minute und 27 Sekunden lang. 

Zuerst werden Archiv-Aufnahmen der Victoriafälle gezeigt, auf denen viel Wasser fließt. Dann folgen Bilder, auf denen fast kein Wasser zu sehen ist. „So sieht es derzeit aus“, sagt die Sprecherin dazu. Die Fälle seien „nahezu ausgetrocknet“, „ein Rinnsal“. Allerdings ist im Hintergrund der Aufnahmen zu sehen, dass an einer anderen Stelle der Wasserfälle zu diesem Zeitpunkt mehr Wasser floss. 

Zwei junge einheimische Männer kommen zu Wort, einer sagt laut der Übersetzung: „Eine Trockenzeit von diesem Ausmaß, das gab es noch nie.“ Ein anderer sagt laut Übersetzung: „Klimawandel – ich dachte, die Leute würden nur so reden. Aber jetzt sehen wir: die Wasserfälle sind trocken.“ Dann erklärt die Sprecherin, weite Teile Südafrikas litten derzeit unter einer Dürre. 

Andere Medienberichte zeigen dieselben Videoaufnahmen, ordnen jedoch stärker den Kontext ein

Der MDR ist nicht das einzige Medium, das Anfang Dezember über die Situation der Victoriafälle berichtete. Andere lieferten jedoch mehr Kontext und erwähnten, dass die Wasserfälle jedes Jahr in der Trockenzeit weniger Wasser führen.

So veröffentlichte T-Online am 13. Dezember einen Artikel, in dem ein Video mit Aufnahmen der Agentur Reuters zu sehen ist. Eine Sprecherin sagt: „Die Wassermenge ändert sich im Laufe des Jahres. So kann das Volumen während der Trockenzeit im November nur rund ein Zehntel der Menge im April betragen. Bilder von den fast ausgetrockneten Fällen sind also keine Seltenheit. Und doch ist es in diesem Jahr anders, wie etwa Anwohner berichten.“

Dann kommt derselbe junge Mann zu Wort wie in dem MDR-Beitrag, ein Souvenirverkäufer: Er habe gedacht, der Klimawandel sei nur eine Geschichte, bis er zu den Victoriafällen kam. „Während der Trockenzeit kennen wir das so, aber in diesem Jahr hat sie schon im Juni begonnen. Ich würde sagen, das ist die längste Trockenzeit, die wir hier jemals hatten.“

Auch Zeit Online hat am 9. Dezember ein ähnliches Video mit demselben Videomaterial von Reuters veröffentlicht. Darin heißt es: „Im September und Oktober ist die Trockenzeit bekannt, doch dass es noch im Dezember so dramatisch aussieht, ist ungewöhnlich, wie einige der örtlichen Souvenirverkäufer bestätigen.“

Dass es jedes Jahr eine Trockenzeit gibt, in der der Wasserfall wenig Wasser führt, wird in dem MDR-Beitrag nicht deutlich. Die Überschrift „Die Victoriafälle sind trocken“ ist falsch, da die Fälle nie komplett ausgetrocknet waren. 

Das Thema erregte international Aufmerksamkeit

Auch international berichteten Medien in den vergangenen Wochen über die Victoriafälle. Auf Youtube kursiert zudem seit September ein Video mit dem Titel „Victoria Falls are almost bone dry“ (Deutsch: Die Victoriafälle sind fast knochentrocken). Es wurde mehr als 51.000 Mal angesehen. Dazu veröffentlichten die Faktenchecker von AFP am 12. Dezember einen Artikel. Sie erklärten, das Youtube-Video lasse den wichtigen Kontext weg, dass die jährliche Trockenzeit stets Auswirkungen auf die Wasserfälle habe. Zum selben Schluss kam auch die Sunday Times in Neuseeland in einem Faktencheck am 13. Dezember. Auf Twitter kursiert außerdem der Hashtag #VictoriaFallsIsNotDry, unter dem Nutzer „Beweisfotos“ von den Wasserfällen veröffentlichen.  

Nein, die Victoriafälle trocknen nicht aus

Offizielle Daten der Zambezi River Authority (Diagramm) zeigen, dass die Victoriafälle zwar im November ähnlich wenig Wasser führten wie in der Saison 1995/96 – dem bisherigen Niedrigrekord. Aber seit Anfang Dezember nimmt die Wassermenge langsam wieder zu. 

Zudem sei das Wasserlevel 2018 am selben Tag noch niedriger gewesen, schreibt die Behörde (Stand: 19. Dezember): „Der Wasserfluss der Victoriafälle stieg diese Woche und erreichte 282 Kubikmeter pro Sekunde am 18. Dezember 2019. Letztes Jahr am selben Tag waren es 227 Kubikmeter pro Sekunde.“

Daten der Zambezi River Authority an der Messstation Victoria Falls zeigen, dass die Wassermenge stark schwankt. (Screenshot am 19. Dezember 2019: CORRECTIV)

Aktuelle Fotos der Agentur AFP vom 10. Dezember 2019 zeigen ebenfalls sehr geringe Wassermengen an einigen Stellen und größere Wassermengen an anderen. 

Fest steht also: Die Victoriafälle sind derzeit nicht völlig trocken und wie sich die Wassermengen in Zukunft entwickeln werden, ist unklar. Der Beitrag des MDR führte tatsächlich in die Irre – durch die falsche Überschrift auf der Webseite und das Weglassen von Kontext im Video. Ein Zusammenhang mit dem Klimawandel ist unbelegt, auch wenn die Häufigkeit von Dürren durch ihn steigen kann. Die Informationen im MDR-Beitrag selbst sind aber nicht falsch. 

Auch in dem Facebook-Beitrag fehlt Kontext

Darüber hinaus sind aber auch die Facebook-Beiträge mit der Collage und der Artikel der Seite Politikstube selbst irreführend. 

Die Luftaufnahme der Wasserfälle, die in der Collage verwendet wird, ist, wie oben erwähnt, mindestens fünf Jahre alt. Der Facebook-Beitrag behauptet zudem, die Austrocknung der Victoriafälle gebe es nicht. Auch hier wird wichtiger Kontext weggelassen, nämlich dass es tatsächlich im südlichen Afrika in Ländern wie Simbabwe eine schlimme Dürre gibt, dass die Wasserfälle in diesem Jahr den niedrigsten Wasserstand seit vielen Jahren erreichten, und dass Einheimische vor Ort sagen, die Trockenzeit dauere ungewöhnlich lange. 

Update, 19. Dezember 2019: Kurz nach der Veröffentlichung hat der MDR auf unsere Presseanfrage geantwortet. Das Video sei nicht gelöscht worden, sondern wie alle anderen Nachrichtenbeiträge standardmäßig nach sieben Tagen aus der Mediathek entfernt worden. Der Video-Beitrag sei mit Aufnahmen von Eurovision, einem Verbund für internationalen Nachrichtenaustausch, angefertigt worden. „Die zuständige Redakteurin hat die Bilder genutzt, die mit dem Überspiel zur Verfügung standen. Es wurden keine Aufnahmen weggelassen, die eventuell einen anderen Gesamteindruck ergeben hätten. Behauptungen werden in diesem Beitrag von der Redakteurin nicht aufgestellt. Dass Trockenheit in hohem Maße herrscht und die Viktoria-Fälle viel weniger Wasser führen, als zu dieser Jahreszeit normal wäre, hat die Redaktion nicht behauptet, sondern ein O-Ton-Geber vor Ort, untermauert mit Angaben der UN.“ 

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Der Facebook-Beitrag weist zu Recht auf eine irreführende Berichterstattung des MDR hin. Er führt aber selbst mit einem alten Foto in die Irre und verschweigt, dass die Wassermenge dieses Jahr tatsächlich sehr gering war.

Extremwetter
Diesen Beitrag des ZDF zweifelt ein Facebook-Nutzer an. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Auf Facebook zweifelt ein Nutzer die Berichterstattung des ZDF an. Der Sender habe „Fake News“ verbreitet, als er berichtete, Deutschland sei im Klima-Risiko-Index erstmals unter den Top 3 der am stärksten betroffenen Regionen. Dabei entspricht das den Fakten.

Auf Facebook behauptete ein Nutzer am 4. Dezember, das ZDF verbreite „wieder mal Fake News“. Der Sender hatte in einem Facebook-Beitrag geschrieben, Deutschland belege im Klima-Risiko-Index für das Jahr 2018 Platz drei der am stärksten von Extremwetter betroffenen Regionen. 

Der Facebook-Nutzer zweifelt das an und schreibt: „In Wirklichkeit liegt Deutschland im Klima-Risiko-Index 2019 auf Platz 40 […] und die Zahlen aus 2018 und 2019 sind noch gar nicht in den KRI-2019 eingeflossen.“ Der Beitrag wurde bisher 190 Mal geteilt. 

Wir haben die Behauptungen geprüft. 

Der Facebook-Beitrag mit falschen Behauptungen vom 4. Dezember 2019. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Der ZDF-Beitrag entspricht den Fakten

Tatsächlich hat das ZDF am 4. Dezember auf Facebook ein Bild samt Text veröffentlicht: „Zum ersten Mal in der 14-jährigen Geschichte des Klima-Risiko-Index gehört Deutschland zu den am stärksten von Extremwetter betroffenen Staaten weltweit. Nach Hitzewellen und Rekorddürre im Jahr 2018 belegt die Bundesrepublik den dritten Platz.“ Dazu gab der Sender auch die Quelle an: den Klima-Risiko-Index des Vereins Germanwatch. Der Verein mit Sitz in Bonn will laut eigenen Angaben globale Gerechtigkeit und den Erhalt der Lebensgrundlagen fördern. 

Der Klima-Risiko-Index wird laut Germanwatch seit 2006 jährlich bei den Weltklimakonferenzen vorgestellt. Auf der Seite des Vereins Germanwatch ist unter Pressemitteilungen eine Meldung zum Klima-Risiko-Index 2020 vom 4. Dezember 2019 zu lesen, die der Meldung des ZDF in allen Punkten entspricht. Demnach lag Deutschland nach Hitzewellen und Rekorddürre im Jahr 2018 auf Rang 3 hinter Japan und den Philippinen im Klima-Risiko-Index. Auf dem Deckblatt wird, genau wie im Pressetext, deutlich, dass in dem Index mit dem Titel 2020 die Daten für das Jahr 2018 ausgewertet werden. 

Die Meldung des ZDF entspricht demnach inhaltlich den Fakten. 

Deckblatt des Global-Climate-Risk Index 2020 mit Unterzeile, dass es sich um Daten von 2018 handelt. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf diese Jahre beziehen sich die Daten

Und was ist mit dem angeblichen Gegenbeweis des Facebook-Nutzers? Er verweist und verlinkt auf den Klima-Risiko-Index 2019, dort liege Deutschland auf Platz 40. Das ist richtig, bezieht sich aber auf Daten aus dem Jahr 2017 – und nicht auf 2018 wie das ZDF.  

Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV antwortete David Eckstein, einer der Autoren des Index: „Der Klima-Risiko-Index 2020 betrachtet zum einen das Jahr 2018 und zum anderen den 20-Jahres-Zeitraum 1999-2018. Da wir den Index meist im Dezember des jeweiligen Jahres veröffentlichen, haben wir uns entschieden, im Titel immer das Folgejahr anzugeben. Dadurch hat man nicht bereits einen Monat nach Veröffentlichung den Eindruck (z.B. jetzt im Januar 2020), man betrachte hier ein veraltetes Ranking.“ 

Der Klima-Risiko-Index 2020 bezieht sich demnach auf Daten von 2018 und der Klima-Risiko-Index 2019 bezog sich auf Daten von 2017. Für das Berichtsjahr 2018 landete Deutschland demnach auf Platz 3 (im 20 Jahres Zeitraum 1999-2018 auf Platz 17) und für das Jahr 2017 auf Platz 40 (im 20-Jahres Zeitraum 1998-2017 auf Platz 25). 

Warum Deutschland auf Platz drei landete 

Aber wie kommt es, dass Deutschland in nur einem Jahr von Platz 40 auf Platz 3 hochrutschte? Dazu schreibt Germanwatch: „Der Klima-Risiko-Index für das Jahr 2018 zeigt insbesondere die verheerenden Folgen von außergewöhnlichen Hitzewellen und Dürren.“ In Deutschland habe die Hitze mehr als tausend Todesopfer gefordert. 

Zu ähnlichen Schätzungen kommen auch Experten, allerdings sind genaue Zahlen schwierig zu ermitteln, weil bei Hitzetoten meist Folgen wie Kreislaufversagen als Todesursache dokumentiert werden. Das Umweltbundesamt beziffert allein die landwirtschaftlichen Schäden in Deutschland 2018 auf rund 700 Millionen Euro. Der Klima-Risiko-Index vergleicht weltweit Todes- und Schadensfälle durch Wetterextreme und nutzt dafür unter anderem Daten einer großen Versicherungsdatenbank.

 

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Unsere Bewertung:
Falsch. Der Beitrag des ZDF entspricht den Fakten. Deutschland landete im Klima-Risiko-Index 2020 für das Berichtsjahr 2018 auf Platz 3.

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Bürger müssen nicht mit ihrem privaten Kapital für die Bankenrettung haften. Spareinlagen von über 100.000 Euro können allerdings betroffen sein. Symbolbild (Gerd Altmann / Pixabay).

von Joana Splieth

Ein Artikel behauptet, dass ein Gesetz die „komplette Enteignung“ der Bürger festlege. Das ist falsch. Tatsächlich ist es möglich, dass Privatkunden mit Einlagen von mehr als 100.000 Euro für die Rettung einer Bank haften. Juristisch ist dies allerdings keine Enteignung. Auch betrifft das nicht Kapital, das außerhalb der Bank liegt.

Am 14. November 2019 veröffentlichte die Redaktion der Webseite Politaia, die nach eigenen Angaben auch über „Verschwörungstheorien“ berichtet, einen Artikel mit der Überschrift: „Komplette Enteignung der Bürger bereits per Gesetz festgelegt“. 

Der Text bezieht sich auf das Gesetz zur Sanierung und Abwicklung von Instituten und Finanzgruppen (Sanierungs- und Abwicklungsgesetz – SAG), das seit 2014 die Sanierung von Banken regelt. Eines der darin verankerten Instrumente zur Sanierung von Banken kann auch Konten von Privatpersonen betreffen.

Als Quelle nennt Politaia Dr. jur. Wolfgang Phillipp, einen Anwalt aus Mannheim, der ein Buch über die „Bankenrettung“ geschrieben hat. Laut dem Analysetool Crowdtangle wurde der Artikel von Politaia mehr als 700 Mal auf Facebook geteilt. 

Unsere Recherche zeigt: Die Überschrift des Textes ist irreführend, die „komplette Enteignung“ von Bürgern ist nicht gesetzlich festgelegt. Allerdings kann das Geld von Bankeinlagen mit mehr als 100.000 Euro dennoch, um die Bank im Krisenfall zu retten, eingezogen werden.

Was ist das SAG?

Das Sanierungs- und Abwicklungsgesetz, das am 10. Dezember 2014 verabschiedet wurde, kommt zur Anwendung falls sich die Finanzlage einer Bank „wesentlich verschlechtert“, dies zu einem „Krisenfall“ führen könnte (§ 12 SAG) und ein normales Insolvenzverfahren nicht zu einem gleich guten Ergebnis kommen würde (§ 62 Absatz 2 SAG). 

Allerdings gilt das Gesetz nicht für alle Banken. Vor allem Kreditinstitute und Finanzgruppen, die als „systemrelevant“ bewertet werden, über ein Vermögen von mehr als 30 Milliarden Euro verfügen oder deren Gesamtvermögen 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts übersteigt, sind vom Gesetz betroffen (§ 20 SAG).

Ob eine Bank zu den „systemrelevanten“ gehört, entscheiden die Bankenaufsicht (BaFin) und die Deutsche Bundesbank (§20 SAG).

Einlagen privater Bankkunden von über 100.000 Euro können im schlimmsten Fall konfisziert werden

Auf der Webseite der BaFin ist eine Auflistung der möglichen „Sanierungs- und Abwicklungsinstrumente“ des SAG für Banken zu finden. Diese Instrumente würden angewendet, falls ein Kreditinstitut oder eine Finanzgruppe gefährdet sei und zum Beispiel die „Finanzstabilität“ zu verlieren drohe. 

Laut diesen Informationen können „Einlagen von Privatpersonen, Kleinstunternehmen und kleinen und mittelständigen Unternehmen“, die über 100.000 Euro betragen „einschließlich Fest-, Termingelder und Sparguthaben“ während dieses Prozesses konfisziert werden – allerdings als letzte von sieben Möglichkeiten. Privateigentum außerhalb der Bank bleibt unangetastet. 

Vorher wird unter anderem auf Aktien, Anteile an GmbH, KG oder Genossenschaften, Darlehen oder „unbesicherte unbefristete nachrangige Schuldverschreibungen“ (das sind Anleihen beziehungsweise Wertpapiere) zugegriffen. Dieses Kapital wird „herabgeschrieben“ oder umgewandelt, zum Beispiel in Aktien (Seite 9). 

Von der BaFin erfahren wir per E-Mail, dass „eine Herabschreibung [der Kontoeinlagen] auf Null in der Praxis wohl kaum vorkommen dürfte“. Laut § 99 SAG ist eine komplette Herabschreibung auf Null allerdings möglich.

In einer E-Mail bestätigt uns die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen, dass auch Privatkunden mit Einlagen von über 100.000 Euro betroffen sein können (Screenshot: CORRECTIV).

Betroffenen Personen steht eine Entschädigung zu

Sollte ein Kunde durch den ganzen Prozess mehr Geld verlieren als in einem regulären Insolvenzverfahren, steht ihm die Differenz als Entschädigung zu (§ 147 SAG).

In einer Tabelle auf der Webseite der BaFin werden außerdem die Instrumente aufgezählt, die im SAG ausgeschlossen sind. So gibt es auch für Privatpersonen mit Einlagen von mehr als 100.000 Euro ein paar Fälle, bei denen sie nicht betroffen sind: Gedeckte Einlagen oder Anleihen wie Pfandbriefe, die als krisenbewährte Anlagemöglichkeiten gelten, bleiben unter anderem sicher.

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Juristisch handelt es sich nicht um eine Enteignung

In Artikel 14 Absatz 3 des Grundgesetzes heißt es: „Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. Sie darf nur durch Gesetz oder aufgrund eines Gesetzes erfolgen, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt.“ 

Die BaFin schrieb uns dazu, dass es sich beim SAG nicht um eine „Enteignung“ im Sinne des Grundgesetzes handele, sondern um eine „intensiv eingreifende Inhaltsbestimmung“. Das Gesetz diene nicht dazu „das Vermögen des Staates oder eines anderen Enteignungsbegünstigten zu mehren, sondern vielmehr der Abwehr einer Gefahr“, durch ein „bestandsgefährdendes Institut“. 

In einer Stellungnahme erläutert und die BaFin per E-Mail, warum es sich bei dem SAG nicht um eine Enteignung handelt. (Screenshot: CORRECTIV)

Prof. Dr. Joachim Wieland, Experte für öffentliches Wirtschaftsrecht und Verfassungsrecht, schrieb CORRECTIV dazu per E-Mail: „Würde eine Bank insolvent, verlieren deren Kunden regelmäßig praktisch alle Gelder, die sie der Bank anvertraut haben. Das SAG stellt sicher, dass die Kunden möglichst wenig finanzielle Schäden erleiden und besser dastehen als bei einer Insolvenz der betroffenen Bank.“

Weiterhin bestätigt er, dass es sich dabei im juristischen Sinne nicht um eine Enteignung handelt: „Da der Staat den Bankkunden ihre Forderungen nicht entzieht, handelt es sich nicht um eine Enteignung im Sinne von Art. 14 Abs. 3 GG.“ Vielmehr handele es sich beim SAG um Artikel 14 Absatz 1, der die Garantie von Eigentum regelt – nicht die Enteignung.

Das Bundesfinanzministerium erklärt uns zudem in einer E-Mail, dass das SAG vor allem darauf ausgelegt sei Bürger zu entlasten und sie nicht mit ihren Steuerzahlungen haften zu lassen: „Das Geld der Bürger (Steuerzahler) soll nicht für Bankenrettungen ausgegeben werden.“ Vielmehr würden vor allem Anteilshaber, Aktionäre und Gläubiger vorrangig die Verluste tragen.

Das SAG legt also, anders als von Politaia behauptet, nicht die „komplette Enteignung“ von Bürgern fest. Die Überschrift des Artikels von Politaia ist daher irreführend.

Prof. Dr. Joachim Wieland erklärt in seiner E-Mail, dass eine Enteignung im Sinne des Grundgesetzes Artikel 14 Absatz 3 nicht stattfindet (Screenshot: CORRECTIV).

Was verbirgt sich hinter der Verschwiegenheitsklausel des SAG? 

In den Artikeln von Politaia, wird das Gesetz als verschwörerisch dargestellt: „Vor leerem Plenum“ sei es zu „später Stunde verabschiedet worden“. Es sei sogar im Gesetz festgelegt, dass alle Funktionsträger über das Verfahren „Stillschweigen zu wahren“ hätten.

Tatsächlich gibt es diese Verschwiegenheitsklausel im Gesetz. Sie schreibt Personen in Behörden, die mit dem Abwicklungsprozess der Bank zu tun haben, vor, keine Informationen dazu unbefugt zu veröffentlichen oder verwerten. 

Im § 5 lassen sich detaillierte Informationen über die „Verschwiegenheitspflicht“ des „Gesetzes zur Sanierung und Abwicklung von Instituten und Finanzgruppen“ finden (Screenshot: CORRECTIV).

Die BaFin erklärt uns dazu: „Die Verschwiegenheitspflicht nach § 5 SAG bezieht sich auf vertrauliche Informationen. Hierzu gehören z. B. Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse von Kreditinstituten oder Dritten. Auch Informationen, deren Schutz im öffentlichen Interesse liegt, z. B. weil ihr Bekanntwerden nachteilige Auswirkungen auf die Finanzmarktstabilität haben kann, unterliegen der Verschwiegenheitspflicht“.

Solche Klauseln seien keine Besonderheit des SAG, sondern würden ähnlich für alle Behörden gelten. Sie dienten dem Schutz der Unternehmen und Bürger.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die Überschrift suggeriert die „komplette Enteignung“ von Bürgern per Gesetz. Eine solche findet nicht statt. Kunden mit Einlagen von mehr als 100.000 Euro können allerdings mit diesem Geld für die Rettung der Bank haften. Kapital außerhalb der Bank ist nicht betroffen.