Meine Deutschlandreise beginnt mit einer unruhigen Nacht im Bus. Ich bin immer wieder aufgewacht, mal vor Anspannung, mal weil der Regen aufs Blechdach prasselt. Der Bus ist mein Lebensraum in diesem Monat, das Vehikel, mit dem ich das Land neu erkunden will. Gerade parkt er beim alten Stadion in Mainz, wo ich bis zu meiner Abreise vor sechs Monaten gelebt habe. Der Tel Aviver Winter hat mich so sehr verwöhnt, dass mir meine erste Bus-Nacht im deutschen Frühling gleich eine Erkältung beschert hat. Etwas verfroren wechsle ich von der Liege im Heck auf den Fahrersitz.

Ich will der gesellschaftlichen Stimmung in Deutschland hinterher fahren. Glaube ich den Landtagswahlen Mitte März, biegt Deutschland gerade mit Vollgas nach rechts ab. Ich lege den ersten Gang ein, setze den Blinker.

Nach einem Frühstück mit Freunden geht es nach Köln. Es regnet stark, immer wieder komme ich an Autos vorbei, deren Fahrt mit Blechschäden auf dem Standstreifen geendet hat. Je näher ich der Stadt komme, desto öfter weicht das Navi einem Unfall über eine andere Route aus. Dann zeigt sich nach einer Kurve ganz unvermittelt der Dom, das einzige Kölner Bauwerk, das wohl noch berühmter ist als der benachbarte Hauptbahnhof. Als ich in die Stadt fahre, hat es aufgehört zu regnen. Dafür ist der Verkehr noch dichter geworden. Ich brauche eine Stunde, um einen Parkplatz zu finden.

Ich beginne meine Recherche an dem Ort, der zum Symbol für einen Wendepunkt wurde. Wenn ich „vor Köln“ und „nach Köln“ schreibe, weiß jeder, was gemeint ist. In den Medien hat sich längst der Begriff „Ereignisse in der Kölner Silvesternacht“ durchgesetzt, damit man nicht immer ins scheußliche Detail der ungezählten sexuellen Übergriffe gehen muss.

Auf dem Weg durch die Innenstadt laufe ich an einem Zeitungskasten vorbei, in dem ein Boulevardblatt ein heikles Telefonat von Polizei und Innenministerium veröffentlicht: „Kölner Silvester-Mob: Warum sollte Vergewaltigung verschwiegen werden?“ Auch wenn die Stadt so langsam fassen kann, was da an Silvester passiert ist, Gesprächsbedarf gibt es nach wie vor.

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