Mein Bus steht gerade günstig am Karthäuserwall. Diesen Parkplatz will nicht aufgeben, nur um in Düsseldorf gleich wieder einen zu suchen. Also fahre ich mit der Bahn. Ich will mir ein Bild von Oberbilk verschaffen, das in den Medien gerne als Beispiel für Überfremdung und dem kaum durchsetzbaren Gewaltmonopol des Staates herangezogen wird.

„Maghrebviertel“ werden die Straßenzüge genannt, die fest in marokkanischer Hand sein sollen. Der Weg vom Düsseldorfer Hauptbahnhof nach Maghreb führt zwei Minuten an den Gleisen vorbei und dann darunter durch. „Hier beginnt die Ellerstraße“, sage ich zu mir selbst. „Hier beginnen die Probleme“, hallt mir ein Satz aus einem Lokalzeitungsbericht nach.

Hier? Zumindest jetzt, am Vormittag, habe ich nicht diesen Eindruck. Es gibt Läden mit arabischen Möbeln, Falafel, Kioske, die meisten sind auf Deutsch und Arabisch beschriftet. Vor dem schmutzig-grau verputzten Gymnasium hängen ein paar Jugendliche ab. Sie trinken Apfelschorle, etwas weiter riecht es nach starkem Tabak. Ein Polizeiauto fährt Streife, auf der anderen Straßenseite geht eine Frau in einem hellvioletten Nikab. Ich fühle mich wohl und sicher in der Ellerstraße, wo erst im Januar bei einer Großrazzia 40 Menschen festgenommen wurden.

Drei Menschen laufen durch die Straße. Im Hintergrund erkennt man einen türkischen Supermarkt.

Die Ellerstraße im Düsseldorfer Stadtteil Oberbilk, was fest in marokkanischer Hand ist

David Ehl

„Zwei, drei Mal die Woche riegelt die Polizei die Straße ab, von hinten und vorne“, sagt Erika Bong. Ihr Kiosk ist eine Institution am Oberbilker Markt, seit 17 Jahren steht sie tagein, tagaus zwischen Zigaretten, Kaugummis, Lottoscheinen und Zeitschriften. „Die Ellerstraße ist ganz schlimm“, erzählt die 67-Jährige, aber auch die Kölner Straße sei nicht mehr das, was sie mal war: „Früher gab es zwei oder drei Metzger, Bäcker, Blumenläden, alles. Da sind heute nur noch Euroshops.“

Die Kaufkraft in Oberbilk nimmt ab, entnehme ich Erika Bongs Erzählungen. „Früher haben die Leute vier, fünf Zeitschriften gekauft, heute vielleicht eine oder zwei.“ Und viele seien von Zigaretten auf Tabak zum Selbstdrehen umgestiegen.

Erika Bong schaut in die Kamera. Hinter ihr sieht man Zigaretten Schachteln.

Erika Bong verkauft seit 17 Jahren in ihrem Kiosk am Oberbilker Markt

David Ehl

Ein Stammkunde kommt herein und verlangt das gewohnte Päckchen West. Seine Lieblingszigaretten sind schon wieder zehn Cent teurer geworden. „Ich kann’s nicht ändern, Egon“, sagt Erika Bong. Weiter hinten findet sie dann doch noch ein paar Schachteln für 5,70. Eine verkauft sie ihm, die anderen legt sie für den Stammkunden unter die Theke. „Das mach ich nur für dich.“ Der Stammkunde will nicht so gerne mit mir reden, erzählt dann aber doch: „Wir haben Probleme am laufenden Band.“ Im rheinischen Singsang klagt er: „Der Agatha ham se neulich am hellichten Tach zwei mal dat Jold vom Hals jerissen“. Kurz darauf versiegt sein Erzählfluss, aber wenn ich mehr erfahren wolle, sollte ich ins „Haus Meschede“ gehen.

Waltraud zieht mich an sich heran, um mir mit tiefer, leiser Stimme ihr Alter zu verraten. Ich bin etwas abgelenkt vom Altbiergeruch, als sie sagt: „Im September werde ich Neunundsiebzig. Aber erzähl’s nicht den anderen!“ – „Neunundsiebzig?“, wiederhole ich. Ich hätte die Frau mit den geklebten Fingernägeln jünger geschätzt, die Falten auf Alkohol und Tabak geschoben. Seit 2001 ist sie in Rente, zwei mal in der Woche sitzt sie im „Haus Meschede“ an der Theke. Regelmäßig geht sie auch in die „Hupe“, bei der Taxizentrale, 25 Jahre ist sie selbst Taxi gefahren, fünf davon nachts. „Das waren schöne Zeiten, da ist nichts passiert.“ Waltraud lebt seit 51 Jahren in Oberbilk: „Das waren Traumzeiten, alles war so schön.“ – Und jetzt? – „Katastrophe. Es ist eine Katastrophe“, klagt Waltraud. Die Drogerien, Cafés, Metzgereien, Bäckereien und Blumenläden, die der Reihe nach schließen mussten, kenne ich schon aus Erika Bongs Erzählungen. „Heute sind da nur Kanaken“, sagt Waltraud. „Die sind in der Überzahl.“ Sie nimmt einen kräftigen Schluck aus ihrem Altbierglas und klemmt dabei den Bierdeckel zwischen Glasboden und kleinen Finger. Das macht sie seit vierzig Jahren immer so, seit ihr der rote Persico-Likör ihre weiße Bluse versaut hatte. Sie war zwei mal verheiratet, heute ist sie zwei Mal geschieden, teilt die Wohnung nur noch mit ihren Nymphensittichen.

Wieder zurück am Markt, zur besten Mittagessenszeit, wartet Süksü Özaslan auf Kundschaft. Seit 2004 steht er hier mit seiner Dönerbude. Gerne will Özaslan mit mir über Oberbilk reden, wobei er nur für den Markt sprechen kann. Der Mann im hellblau karierten Kurzarmhemd stellt sich zu mir an einen weißen Stehtisch, bietet mir einen Tee an. „Die alten Kunden fehlen, früher war der Marktplatz gut“, sagt Özaslan. Er zählt auf, welche Händler früher hier ihre Waren verkauften: Obst, Fisch, Eier, Blumen. Ob er darüber nachdenkt, seinen mobilen Wagen an einen besseren Platz zu stellen, will ich wissen. „Das ist im Moment noch kein Thema, es gibt viele Stammkunden“, sagt er. „Früher war alles gut, jetzt wird es immer schlimmer. Es ist überall das gleiche.“

Auch der Einwanderer schwärmt von guten alten Zeit. Das ist es, was ich aus Oberbilk mitnehme: Ja, es hat sich tatsächlich etwas verändert in diesem Land.

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