Der brandenburgische Wald will kein Ende nehmen. Dann eine weitgehend verlassene Kulturlandschaft, in der hohe Windräder und weite Solarfelder die stummen Zeugen modernen menschlichen Lebens sind. Ab und zu weist ein Kirchturm oder eine Autobahnabfahrt auf die versprenkelten Bewohner hin. Brandenburg wird zu Mecklenburg-Vorpommern, die Landschaft öffnet sich. Ich erkenne aus der Ferne den roten Backsteinturm der Nikolaikirche in Wismar wieder, vor 15 Jahren war ich im Familienurlaub mit meinen Eltern und Geschwistern schon einmal hier.

Kurz hinter Wismar fahre ich von der Autobahn ab auf eine Landstraße, dann eine einspurige Allee entlang. Vielleicht ist es dem Sonntagvormittag geschuldet, oder sind hier imemr so wenig Menschen unterwegs? Wie erleichternd, als mir nach ein paar Kilometern ein Auto entgegenkommt.

Ein Holzhaus als Bushaltestelle.

Werktags halten vier Busse in Jamel – am Wochenende ist das Dorf ganz unter sich.

David Ehl

Der Weg ins Dörfchen Jamel ist eine Sackgasse am Ende eines asphaltierten Feldwegs. Und es ist eine Sackgasse der Demokratie. Seit über 20 Jahren wird das Dorf stets in einem Atemzug mit Neonazis genannt, die politisch Andersdenkende hier rausmobben. Es gibt Berichte über Kriegsspiele im Wald, ekstatische Sonnenwendfeiern, einen Grill auf dem Gelände des NPD-Kreisverbands mit der Inschrift „Happy Holocaust“. Höhepunkt der medialen Aufmerksamkeit war im vergangenen Sommer, als die Scheune eines Ehepaars brannte, dem im Dorf die Rolle der unbeugsamen Gallier zugeschrieben wird.

Ohne dieses Wissen würde Jamel an diesem Frühlingssonntag auf den ersten Blick idyllisch wirken: Ein halbes Dutzend Kinder spielen bei einer Schaukel, das einzige Geräusch weit und breit ist das Zwitschern der Vögel. Von nahem sehe ich: Zwei der Kinder tragen Flecktarn-Kampfanzüge. Von einem Auto-Aufkleber weiß ich, dass es Kinder in Jamel gibt, die den Vornamen „Odin“ haben. Wenige Meter weiter hebt sich gegen den blauen Himmel eine große, in frischen Farben leuchtende Reichskriegsflagge ab. Wenn Jamel eine ländliche Idylle ist, dann nur für Nazis.

Die Forststraße und damit das ganze Dorf einmal abzulaufen dauert zwei Minuten. Schon am Ortsschild proklamiert ein Sticker: „Kein Ort ohne Neonazis in Mecklenburg und Pommern“. Ein paar Schritte weiter weist Frakturschrift den Weg zur sieben Kilometer entfernten Ostsee. Vor einem der ersten Häuser sitzen drei Männer und eine Frau bei Bier und Fanta in der Sonne. Ich frage, ob wir uns kurz unterhalten können. „Wir sind gerade in der Mittagssitzung und wollen nicht gestört werden“, kommt die knappe Antwort. „Schade, ich recherchiere zur Stimmung der Gesellschaft. „Die Stimmung bei uns ist gut, wie immer.“ Zustimmendes Lachen. Auch nach der Mittagssitzung hat niemand Zeit für mich, der Mittagsschlaf steht an. Schließlich arbeite man Nachtschicht. Ob sie in Jamel oder außerhalb arbeiten? „Als Bürger müssen wir auch das Dorf sauberhalten. Und jetzt macht die Biege.“ Ende des Gesprächs.

„Bald werden tatkräftige Männer und Frauen für den Aufbau gebraucht, und keine Dummschwätzer“, verkündet ein stramm formulierter Artikel im Schaukasten des Dorfs. Daneben etwas heimatkundliche Folklore und die Zeichnung einer blonden Familie. Der Schaukasten steht neben einem Wegweiser, er zeigt nach Narvik, Königsberg und in Hitlers Geburtsort Braunau.

Ein Wegweißer aus Holz mit den Kilometerangaben zu verschiedenen Städten. Unter anderem nach Hitlers Geburtsort Braunau.

Ein Wegweiser in Jamel zeigt nach Narvik, Königsberg und in Hitlers Geburtsort Braunau.

David Ehl

Am vorletzten Haus der Forststraße erkenne ich den Wegweiser, den Michel Abdollahi zurückgelassen hat, nachdem er für eine Reportage im NDR-Magazin „Panorama“ einen Monat lang in Jamel gelebt hatte. „Teheran 4370 km“ steht darauf. Daneben verkündet Frakturschrift auf einem Holzbalken: „Lever dood as Slav.“ Von der Straße aus will ich ein Foto machen, aber bevor ich die Kamera ansetzen kann, öffnet eine Frau die Haustür und keift: „Das lässt du mal schön bleiben.“

Lasse ich dann auch – vor allem, weil ich keine Lust habe, übers Presserecht zu referieren. Mein Camper hat eh lange genug neben dem riesigen mattschwarzen Pick-Up mit dem Nummernschild, was mit den Ziffern „88“ endet. Das „H“ ist der achte Buchstabe des Alphabets. HH wie „Heil Hitler“.

Die Rechtsradikalen haben gelernt, wie sie ihre Gesinnung zur Schau stellen können, ohne sich strafbar zu machen. In Jamel, dieser Sackgasse der Demokratie.

Bliebe sie doch nur dort, in der mecklenburgischen Einöde. Aber nein. Später mache ich einen Spaziergang um das Schweriner Schloss. Wenn hier der Landtag von Mecklenburg-Vorpommern zusammenkommt, sind fünf Sitze für die NPD reserviert.

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