Werner Schug ist gelernter Dreher, leidenschaftlicher Obstbauer und Lokalhistoriker. Auf seinem Tisch mit dem bunt gemusterten, sorgfältig gebügelten Tischtuch, sammeln sich Schriften zur Zeitgeschichte. Er geht zu einem Sideboard, in dem zwei Regalbretter voller Ordner und Alben stehen und zeigt mir dann Schwarz-Weiß-Fotos aus seinem – und meinem – Heimatort Altforweiler im Saarland.

Schug ist 90 Jahre alt. Seine Veröffentlichungen zur Lokalgeschichte führten zu einer Brieffreundschaft mit einem nach Amerika emigrierten schwäbischen Juden. Der hatte ihn einmal um eine Auskunft zu einem alten Foto gebeten. Immer wieder schrieben sie einander. „Für die Leute, die vor den Nazis flüchten mussten, mache ich alles“, sagt Werner Schug.

Womit wir schon fast im September 2015 sind. Altforweiler liegt in der Nähe von Saarlouis, nur drei Kilometer Luftlinie von Frankreich entfernt und hat 2000 Einwohner. Jedes Jahr werden es weniger. „Viele meiner Bekannten liegen heute auf dem Friedhof“, sagt Werner Schug, der selbst seit fast fünf Jahren Witwer ist. „Heute kannst du eine Stunde draußen an der Straße sitzen und keiner kommt vorbei.“

Im vergangenen Jahr kamen auch nach Altforweiler die ersten Flüchtlinge, zehn junge syrische Männer zogen ein in ein Haus in Schugs Nachbarschaft. Der nahm sich zwei Flaschen selbst gemachten Apfelsaft, ging rüber, stellte sich vor und sagte, er hoffe auf gute Nachbarschaft.

Und so kam es. Sie wurden gute Nachbarn. Inzwischen packen die jungen Kerle mit an auf Schugs Apfelplantage. Bei der Ernte sind sie fleißig, sagt er, beim Deutschlernen sei noch Luft nach oben: „Ich an deren Stelle würde mir immer ein Blatt hinlegen und Wörter mitschreiben, die ich noch nicht kenne.“

Schug hat sich im September ein Tablet gekauft. Geht er zu seinen Nachbarn rüber, dann tippt er – mit für einen 90-Jährigen sehr behänden Fingern – einen Satz in die Übersetzungs-App, die das Deutsche ins Arabische umwandelt. Und die jungen Männer antworten dann umgekehrt.

Dass Deutschland Flüchtlingen hilft, ist für Werner Schug selbstverständlich. „Meine Generation hat in ihrer Jugend Not und Tod erfahren.“ Wie gut, sagt er, dass dieses Land heute so ganz anders ist. Dass die Menschen heute weniger Angst haben. Vor den Fremden, vor der Zukunft. Dass Deutschland nicht mehr so muffig ist wie zu der Zeit, als er ein junger Mann war.

Zum 90. Geburtstag haben seine Enkel Fotos mit ihrem Opa gemacht und daneben geschrieben, was er ihnen bedeutet. Und auch zwei der neuen Nachbarn kommen zu Wort. Zwei junge Syrer. Die neuen, guten Nachbarn von Werner Schug.

Beglückt setze ich mich ins Auto. 

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