Samstagvormittag, AfD-Parteitag in Stuttgart. Auf einer Leinwand über der Bühne wechseln sich Fotos der Spitzenkandidaten der Landtagswahlen im März ab, daneben prangt jeweils das zweistellige Abschneiden der AfD. Ganz am anderen Ende des Saals, in der hintersten Sitzreihe, treffe ich Klaus Traunspurger aus Oberbayern, AfD-Mitglied seit Herbst 2015. Nach zehn Jahre inaktiver Mitgliedschaft in der Ökologisch-Demokratischen Partei wechselte er „aufgrund der allgemeinen Unzufriedenheit“ zur AfD. Angefangen mit Griechenland, die Flüchtlingskrise war dann ausschlaggebend. Es ist sein erster Parteitag, sagt der 39-jährige Beamte: „Ich bin einfach mal hergefahren.“

Welche Erwartungen hat er an das Parteiprogramm? „Es soll nicht NPD-mäßig sein“, sagt Traunspurger. Minarette und Kopftücher? Stören ihn nicht, gefallen ihm aber auch nicht. „Zuwanderung soll auf ein Maß begrenzt werden, das noch integriert werden kann.“ Den Euro nennt Traunspurger eine Fehlgeburt, deutliche Worte findet er gegen die AfD-Position, nach der CO2 nichts mit dem Klimawandel zu tun hat.

Traunspurger schaut in einem grünen Hemd in die Kamera

AfD-Mitglied Klaus Traunspurger kann mit der Position seiner Partei zum Klimawandel nichts anfangen.

David Ehl

Warum er nicht bei der CSU gelandet ist, frage ich. „Zu machtbesessen“, antwortet Traunspurger. „Die regieren Bayern mit einer Selbstverständlichkeit wir sind alle, ihr seid nix.“ Und der Populismus von Höcke, Gauland und Co, ist der besser? Nicht so richtig, meint Traunspurger, aber es sei ein notwendiges Übel. Und die Aussagen aus der AfD, der Mensch sei unschuldig am Klimawandel, findet er hanebüchen. „Meine Positionen sind mit der AfD nicht 100 Prozent deckungsgleich“, sagt Traunspurger. Die Partei sei aber am dichtesten dran an seinem Weltbild.

Das Weltbild der AfD breiten dann, nach langem Ringen um die Tagesordnung, die beiden Parteivorsitzenden in ihren Auftaktreden aus. Jörg Meuthen nennt die Eckpfeiler „konservativ, freiheitlich, patriotisch“ und beschwört den „Fahrplan in ein neues Deutschland“, „weg vom links-rot-grün-verseuchten 68er-Deutschland“. Frauke Petry grenzt sich von den „Freiheitsfeinden und Pluralismushassern vor dem Gebäude“ ab, den „Antifa-Bodentruppen der Konsensparteien.“ Das ist die Arbeitsatmosphäre für das Wochenende: Wir, die gut 2000 angereisten Mitglieder, gegen die da draußen. Die Beratungen beginnen.

Vor dem Tagungssaal stoße ich zu Maximilian Mitwalsky und Lukas Rehn, 28 und 26, beide aus Ingolstadt. Maximilian ist Mitglied der ersten Stunde, war schon 2013 auf dem Gründungsparteitag in Berlin. In der Jungen Union fiel ihm das Engagement schwer, in der AfD ist das anders. Als sich Bernd Luckes Alfa abtrennte, blieb er: „Die AfD ist nach wie vor meine Partei.“ Weil unsere Renten- und Sozialsysteme auf Pump lebten, befürchtet Mitwalsky, dass seine – geplanten – Kinder nicht die gleichen Chancen haben werden wie er.

Maximilian Mitwalsky grinst im Anzug gekleidet in die Kamera.

Maximilian Mitwalsky ist aus Bayern angereist, um die AfD zu unterstützen.

David Ehl

Lukas Rehn ist seit Juni AfD-Mitglied, aufgrund seiner kritischen Einstellung zum Euro, „damals war das Asylthema noch nicht so abzusehen.“ Dann berichtet er von den „bösen Zungen“, die eine Verbindung zwischen dem Pfefferspray in den Handtaschen seiner Arbeitskolleginnen und dem 200 Meter entfernten „Asylantenheim“ herstellen würden.

Im Saal wird mittlerweile um einzelne Punkte des Parteiprogramms gerungen. Am Ende des Wochenendes wird die AfD sich auf inhaltliche Leitlinien geeinigt haben wie:

  • „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“, Minarette, Muezzinrufe und Vollverschleierung sollen verboten werden
  • Junge Männer sollen wieder Wehrdienst leisten müssen
  • Die EU soll neu strukturiert werden, andernfalls soll Deutschland austreten
  • Der Rundfunkbeitrag soll nur noch freiwillig gezahlt werden
  • Energiewende und Atomausstieg sollen rückgängig gemacht werden
  • Die Verhandlungen über TTIP und CETA sollen gestoppt werden
  • Die Erbschaftssteuer soll abgeschafft, die Gewerbesteuer überprüft werden.

Frauke Petry auf der Leinwand

Parteichefin Frauke Petry kämpft auf dem Parteitag in Stuttgart um ihre Stellung in der AfD.

David Ehl

Am Montag telefoniere ich noch einmal mit Klaus Traunspurger, ich will wissen, wie gut er sich mit den beschlossenen Leitlinien identifizieren kann. Er ist zufrieden, auch wenn ihm ein paar Punkte nicht gefallen. Zum Beispiel die Position, der angebliche Effekt von CO2 auf das Klima sei nur Propaganda. „Das ist ein Punkt, wo ich sage‚ es ist jetzt sehr merkwürdig‘“, sagt Traunspurger. Auch am Beschluss zur Atomenergie habe er ordentlich zu beißen. Mit den Positionen zum Islam könne er schon leben, sagt Traunspurger. Insgesamt sei er überrascht, dass man mit so vielen Leuten vernünftige Beschlüsse fassen könne. Er sieht die AfD weit weg vom NPD-Niveau, als komplettes Gegenteil von dem, was in den Medien dargestellt werde. „Mit Tod und Teufel hat das nichts zu tun.“

Wie ist es nach dem Parteitag um seine Motivation bestellt, sich weiter in der AfD zu engagieren? „Die ist gestiegen“, antwortet Traunspurger. „Es wurde vieles verankert, wo man dahinter stehen kann.“

Dass es nun verankert ist, ist auch schon das einzig wirklich neue am AfD-Programm, denke ich. Die Positionen standen jeweils schon vorher im Raum, jetzt sind sie schwarz auf weiß fixiert. Wir können über Fakten reden statt über Hypothesen – das gilt für Befürworter wie Gegner der AfD. Ich hoffe, dass wir ab heute noch stärker diskutieren, in welche Richtung sich unser Land entwickeln soll.


CORRECTIV hat geleakte Daten der AfD-Parteitags-Teilnehmer ausgewertet. Ein Ergebnis: Die relativ gesehen größte Gruppe auf dem Parteitag der „Alternative für Deutschland“ waren ältere Herren aus Baden-Württemberg. 

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