In einer dunklen Ecke bei Facebook wird immer schillernder und immer hitziger beschrieben, welchen Unfrieden Flüchtlinge in Deutschland angeblich stiften. Je krasser die Geschichte, desto kürzer der Weg zum „Teilen“-Button. Es ist schwer, ein Schauermärchen aus der Welt zu schaffen, auch wenn es noch so unwahr ist. Einem Gerücht über die angebliche Vergewaltigung einer 13-Jährigen durch einen Flüchtling ist im Januar sogar der russische Außenminister auf den Leim gegangen.

Glaubt man dem Internet, so waren die Flüchtlinge, die im baden-württembergischen Meßstetten untergebracht waren, besonders kriminell: Innerhalb des letzten Jahres sollen Leichenteile neben dem Quartier gefunden worden sein, ein andermal soll ein Bauer einen aufgespießten Menschenkopf gefunden. Es seien Schafe geklaut und geschächtet worden, ein Discounter habe zeitweise dicht gemacht, weil Flüchtlinge ihn angeblich geplündert hätten.

Das ist natürlich alles Quatsch und wurde zeitnah widerlegt.

Aber: Ist doch etwas hängen geblieben bei den Anwohnern? Wer denkt sich solche Sachen aus? Vor was fürchtet sich so jemand?

Mein Bus erklimmt die Schwäbische Alb. Nach einem besonders steilen Anstieg erreiche ich Meßstetten, eine Kleinstadt wie aus dem Bilderbuch, Einfamilienhäuser in weitläufigen Straßen, das Museum für Volkskunst öffnet nur mittwochs und sonntags nachmittags, ein Junge im Bayern München-Pullover grüßt mich Fremden freundlich. Rund 10.000 Menschen leben hier, die Polizeiwache ist ein „Außenposten“ in einem Wohnhaus.

Hier sollen Flüchtlinge einen Supermarkt geplündert haben? Erst einiges Nachfragen bringt mich zum besagten Discounter. Dort hat Peter Eppler gerade eingekauft. „Ich weiß nicht, wer solche Dinge in die Welt setzt“, sagt der Rentner. Für ihn hätten die Flüchtlinge nur Vorteile, weil sie den Ort lebhafter machten, sagt der Mann mit den blauen Augen und dem silbernen Schnurrbart. „Die meisten im Ort sind für die Flüchtlinge“, sagt er. Überhaupt sei die anfängliche Empörung vorbei. „Es normalisiert sich alles.“

Blick über den Parkplatz auf ein Lidl-Gebäude.

Diesen „Lidl“ sollten angeblich Flüchtlinge überfallen haben. Eine Ente.

David Ehl

Die Landeserstaufnahmestelle liegt ein paar Kilometer außerhalb. Zeitweilig beherbergte sie gut 3000 Asylbewerber, aber auch hier sind die Spitzenzeiten vorerst vorbei. Ein Besuch auf dem Gelände sei so spontan nicht möglich, sagt man mir an der Pforte, draußen unterhalte ich mich dann doch noch mit vier kurdischen Syrern. Die Gerüchte sind lange vor ihrer Ankunft widerlegt worden, sie wissen nichts darüber. „Wer behauptet so etwas?“, werde ich gefragt.

Wer auch immer so etwas behauptet hat, er scheint die kläglichen Versuche, Unfrieden zu stiften, müde zu sein. Meßstetten macht jedenfalls nicht den Eindruck, so leicht aus der Fassung gebracht zu werden.

Angst vor Flüchtlingen finde ich hier nicht; der eine erwartet sich einen wirtschaftlichen Aufschwung, die andere hat zu Weihnachten drei syrische Flüchtlinge im Kreis der Familie mitfeiern lassen. Wenn es hier anfangs Ressentiments gegeben hat, dann haben ein paar gute Begegnungen sie erstickt. Vielleicht ist die Zeit ja der schlimmste Feind der Angst.

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