Das NDR-Medienmagazin ZAPP hat jetzt auch einen Beitrag über Davids Deutschlandreise gebracht. 

Direkt bei der Berufsschule im Leipziger Süden ist ein Parkplatz frei. Ich stelle den Motor aus, ziehe die Handbremse und bleibe noch kurz im Auto sitzen. Im letzten Sonnenlicht sind viele Menschen unterwegs, allein, paarweise, in kleinen Gruppen. Alle gehen in dieselbe Richtung. Ich ahne schon, es wird voll werden in der Aula. Ich ahne nicht, wie aufgeheizt die Stimmung sein wird.

Die Anwohner des Leipziger Stadtteils Probstheida besuchen einen Informationsabend zu einer geplanten Flüchtlingsunterkunft, es soll in einem leer stehenden Schulgebäude eingerichtet werden. Im Januar explodierte dort ein amateurhafter Sprengsatz aus Spraydosen und Grillanzünder, richtete aber keinen Schaden an. Jetzt, im April, wollen Bürgermeister und Sozialamtsleiterin in einer Fragestunde Sprengsätze in den Köpfen entschärfen.

Vor der Tür der Aula steht eine Menschentraube – die Männer in den roten Shirts einer privaten Sicherheitsfirma lassen nur rein, wer sich als Bewohner des Bezirks ausweisen kann. „Die Syrer kommen doch auch ohne Pass rein“, ruft einer der Wartenden. Ich werde erst durchgelassen, als ich Presseausweis und die Mail des städtischen Presseamts auf meinem Smartphone vorgezeigt habe. Als ich an den Wartenden vorbei gehe, zischt eine Frau „Presse ist gefährlich, Presse ist gefährlich. Verdrehen wird er alles.“

In der Aula sind so gut wie alle der 200 Stühle besetzt. In der vorletzten Reihe finde ich einen Platz. Die Stimmung ist gereizt, gut 100 Leute warten draußen.

19 Uhr: Die Glastür springt auf, fünf, sechs Kerle im Kurzhaarschnitt schieben drei machtlose Security-Männer vor sich her, ein paar Fäuste fliegen, sie sind im Saal. „Lasst die Leute rein“, ruft jemand hinter mir. Die Polizei wird später von „bis zu 20 Personen“ reden, die sich Einlass verschafft haben. Vor den Rednern bauen sich mehrere Security-Männer auf. „Jetzt stehen sie da, um die zu schützen. Ist das arm“, amüsiert sich eine Frau schräg hinter mir.

19.05 Uhr: In der linken Saalhälfte steht ein Mann um die 60 auf. „Es ist doch genug Platz hier, lasst die Leute rein!“ Aus dem Applaus des Saals heben sich einzelne „Die Mauer muss weg“-Rufe ab. Wenig später tuscheln die ersten, die Veranstaltung sei abgebrochen worden. Inzwischen haben einige Polizisten in Einsatzkleidung unter Johlen die Aula betreten.

19.17 Uhr: Ein Mann hinten links schlägt vor: „Lasst uns raus auf den Hof gehen, da ist genug Platz!“ Der Saal jubelt, Polizisten und Security-Männer schweigen. Die ersten stehen auf und gehen.

19.21 Uhr: Bürgermeister Thomas Fabian ergreift ein Mikrofon und sagt: „Ich möchte sie ganz herzlich begrüßen.“ Vielleicht nicht der klügste Satz angesichts der Stimmung im Saal. Dass die Veranstaltung abgesagt und zu einem anderen Zeitpunkt nachgeholt wird, geht bereits in Pfui-Rufen unter. Als ich ein paar Minuten später mit ihm reden will, wimmelt mich eine kurz angebundene Pressesprecherin ab. Draußen machen ein paar Flugblätter mit stramm nationalen Aussagen die Runde, bald löst sich die Menge auf. Security und Polizei klatschen ab, ich gehe zurück zum Auto.

Ich hätte gern gehört, was die Bewohner von Probstheida zu sagen haben. Hier habe ich sie gespürt, die Angst vor der Überfremdung, die ich bisher nur aus der Ferne kannte. Eine Angst, die sich aus dem Misstrauen gegen Politiker und Polizei speist, aus dem Gefühl, seit der Wende vor 25 Jahren überrollt worden zu sein von etwas Fremdem. Eine Angst, die sich hinter einer Maske aus Wut versteckt.

Auf der Rückfahrt denke ich lange über die aufgeheizte Stimmung nach, das Keifen, die latente Gewalt. Es waren ganz normale Bürger, die in der Aula saßen. Wie tief müssen sie frustriert sein.

Ich grüble noch lange nach über Ost und West.

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